Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 52 (23.12.1892)
- Date
- 1892-12-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 930 Orsterreichifchr Wocheirschrist Nr. 52 semitismus steht im Grenzgebiete der Geistesstörung". Die neueste Wendung in der Tantener Mord-Affaire bestätigt die Richtigkeit beider Aussprüche, ste erweitert aber noch den ersten derselben Der Antisemitismus ist nicht nur ein gemeines Verbrechen, er begeht auch todeswürdige Verbrechen! Der Antisemitismus schlachtet christliche Kinder zu seinen aberwitzigen Zwecken, und trotz alledem und alledem gibt es noch europäische Staatswesen, in welchen diese sittliche und geistige Seuche nicht blos geduldet, sondern sogar gefördert wird, gibt es europäische Regierungen, welche auf dem Antisemitismus ein politisches Calcul bauen. Randglossen jrat Panama-Rssaire. Wir wollen heute an den Panama-Scandal, der einer Schlammeruption von ungeheuren, ganz beispiellosen Dimensionen vergleichbar erscheint, nur wenige Bemerkungen knüpfen, hauptsächlich um gewisse Befürchtungen zu widerlegen. Selbst in dem Centrum der antisemitischen Action dürfte heute bereits die sanguinische Stimmung einer unangenehmen Ernüchterung Platz gemacht haben. Der Antisemitismus glaubte durch den Panamascandal Frankreich erobern zu können, diese Berechnung hat sich als ein Jrrthnm erwiesen. Es geht eben nicht recht vorwärts mehr mit dem Antisemitismus; seine schöne Zeit ist vorüber und wenn man alle Blasbälge in Bewegung setzt, es flackern doch nur kleine Flammen aus dem Gluthhaufen empor. Der Antisemitismus hat auf deutschem Boden den Fürsten Bismarck durch freundschaftliche Annäherung compromittirt. Das kann der Antisemitismus; er befleckt den stolzesten Ruhm, er zerstört alle idealen Vorstellungen und er vernichtet das Selbstgefühl, das eine Nation aus der Verehrung eines Mannes schöpft, den sie als ihren Größten erkennt. Die Franzosen hatten Ferdinand Lesseps. Der berühmte Erbauer des Suezkanals war zwar, im Gegensätze zum Fürsten Bismarck, stets die Verkörperung einer rein menschlichen, gänzlich vorurteilsfreien Gesinnung, allein um so weniger war zu erwarten, daß der Antisemitismus seinetwegen sich eine Zurückhaltung auferlegen werde. Heute ist Ferdinand Leffeps den Franzosen nicht mehr das, was er gewesen. Es ist ganz richtig; der Bankier R e i n a ch und die Familie Reinach entstammen der Frankfurter Judengemeinde und Cornelius Herz steht heute noch in der Gemeinschaft der Juden. Aber was hat das mit dem Judenthum und mit der Beunheilung der Juden zu schaffen? Die jüdische Religion verbietet die Bestechung; die sociale Gesetzgebung der Juden und ihre Srtlenlehre verurtheilen den Capitaliemus in seinen Auswüchsen, verurtheilen die Gewinnsucht, die verwegene Speculation, verurtheilen Alles, was zur Unehrlichkeit führen kann. Reinach — er ist ein guter Katholik, ein Bruder des päpstlichen Kämmerers—corrnmpirt. Cornelius Herz speculirt; aber Beide thun das nicht wegen sondern trotz chrer jüdischen Abstammung, vielmehr handeln Beide als „von der arischen Civilisation" erfaßte Realisten der Gegenlvart, die von dem biblischen Worte und der Sittenlehre der jüdischen Religion nicht im Mindesten beeinflußt werden. Man kennt die Schaffenskraft unseres Jahrhunderts! In einem Zeiträume von siebzig Jahren wurden gebaut die Eisenbahnen in den fünf Erdtheilen, wurden die Telegraphenlinien errichtet, ist man zu den Telephonlinien vorgeschritten. Es wurden gebaut die ungeheuere Anzahl von Fabriken und die landwirthschaftliche Production gelangte durch die Vergesellschaftung mit der landwirhschaftlichen Industrie auf eine ungeahnt hohe Stufe. Dazu kommt die Vergrößerung und die Verschönerung der Städte. Es wurden die Schätze aus den Bergwerken geholt und durch zahllose Erfindungen bekannte Stoffe in neuartiger Weise nutzbar gemacht. Erwähnen wir noch der Dampfschiffe, der sonstigen Regelung und Sicherung des Verkehrs und der praktischen Ersparnisse im Geldverkehr und fügen wir hinzu, daß man ein ganzes Buch zusammenschreiben müßte, um von den Errungenschaften des Jahrhunderts annähernd ein Bild zu geben. Auf diese Art ist der^ungeheure beispiellose Reichthum der Gegenwart entstanden. Der Werth der Ziffern hat sich dabei unwillkürlich um mehrere Stellen verschoben. Haben die Juden einige Thätigkeit entwickelt in dieser Periode des wachsenden Reichthums? Sie waren dabei, wird man antworten, von ihren materiellen Interessen geleitet. Gewiß, genau so wie die Anderen; aber es wäre denn doch möglich, daß der Unternehmungsgeist der Juden, daß ihr Geschäftsfieber, ihre Gabe, das öffentliche Vertrauen zu wecken, zum Gelingen großer Werke wesentlich beigetragen hätte. Nicht nur bei den verunglückten Speculationen, auch bei den großen, ertragsreichen Werken der Gegenwart standen Juden an der Spitze. Hunderte von Milliarden sind aus der Erde gewachsen. Gedenkt man vielleicht der Verdienste der Juden? Mögen die Dividenden eines Actienunternehmens noch so hoch steigen, da erinnert man sich nicht, daß die Gründer oder Leiter Juden sind. Aber wenn es möglich ist, eine Anklage zu erheben, dann wird nicht von der einzelnen Person, dann wird von den Juden gesprochen. Aber die Antisemiten haben sich in Frankreich verrechnet; denn schließlich sieht man doch ein, daß nicht der Panamacanal und Reinach und Herz allein die Schuld tragen können, wenn der französische Staat von der Krankheit der Corruption ergriffen ist. In Frankreich sieht man auch ein, daß der Antisemitismus viel gefährlicher wäre als zehn Panamascandale und daß er die Grundlagen des nationalen Wohlstandes in dem Maße zerstört, daß die Verluste des Panamacanales daneben unbedeutend erscheinen. Man zieht die Bilanz und man weiß, daß man der Freiheit des Jahrhunderts Reichthum und vor Allem die Sicherheit des Besitzes verdankt. Der Antisemitismus in Frank» eich ist das Spiegelbild eines Sinnlosen, Ohnmächtigen. Die Principien von 1789 stehen fest genug, um diesem Treiben Widerstand zu leisten. Kqichskanzler Csprivi und der Antisemitismus. Das Auftreten des deutschen Reichskanzlers gegen das antisemitische Demagogenthum und die Bejubelung Ahlwardt's durch die preußischen Jckbker wird nicht ohne nachhaltige Wirkung bleiben. Das Organ der deutschen Fortschrittspartei „Die Nation" schreibt darüber: Die Art, wie er sich darüber aussprach, hatte ein dramatisches Interesse. Man wird an den Satz erinnert: „das Schaudern ist der Menschheit bestes Theil! Der Widerwille, auf die Einzelnheiten der Vorgänge einzugehen, steigerte sich bei ihm bis zur Unmöglichkeit. Er konnte einen gewissen Namen nicht aussprechen; er konnte die Vorgänge, die er im Auge hatte, und die allen bekannt waren, nicht ausführlich schildern. In alledem lag nichts Gekünsteltes; es war der instinctive Abscheu, den ein ehrlicher Mann empfindet, wenn ihm das Schlechte in einer unerwarteten Weise entgegentritt. Die conservative Partei stellte alsbald manche Versuche an. den Antisemitismus von ihren Rockschößen abzuschütteln, aber Graf Caprivi konnte darauf mit eisiger Ironie erwidern, daß er ihre Versicherungen zwar bestens acceptire, daß er aber nach dem bisherigen Verhalten der konservativen Partei berechtigt gewesen sei, einen Zusammenhang zwischen ihr und dem Antisemitismus anzunehmen. Durch die Begründung des Strafurtheils gegen Ahlwardt und durch die Antwort des Reichskanzlers auf die Interpellation Marquardsen ist festgestcllt, daß die Gewehre, mit denen das deutsche Heer versehen ist, kriegstüchtig sind. An ein verrätherisches Complott, die Armee wehrlos zu machen, kann in Zukunft nur derjenige glauben, der Entschlossenheit genug Hätte, den Reichskanzler und die deutschen Kriegsminister als Mitwisser dieses Complotts zu betrachten. Auf die Aufklärung des objectiven Sachverhalts, wie es um die deutschen Gewehre steht, kam es allein an. Ueber die Persönlichkeit Ahlwardt's wird sich Niemand erhitzen. Ob die gegen ihn verhängte Strafe zu milde oder zu strenge war, ob sie vollstreckt bleiben oder in Folge irgend eines Zwischenfalls unvollstreckl wird, ist gleichgiltig. Ahlwardt ist an sich eine völlig unbedeutende Persönlichkeit. Es gehört zu den landläufigen Jrrthümern, daß es dem neunzehnten Jahrhundert, und auch diesem erst ün äe 8ieele Vorbehalten gewesen sei, die Blüthe der Verleumdung zu zeitigen. Thersites und Naevius sind die Vorläufer Ahlwardt's, Shakespeare und Moliere haben gegen seines Gleichen gekämpft; Beaumarchais und Scribe haben sie auf die Bühne gebracht. Schriften wie die Ahlwardt's laffen sich aus dem Moder der Bibliotheken zu Hunderten heraussuchen; die meisten von ihnen sind klanglos zum Orkus gefahren. Was einer solchen Schrift erst eine Bedeutung verleiht, sind auf der einen Seite die Tausende, die bethört daran.glauben, und auf der anderen Seite die dunklen Gestalten, die aus gesichertem Versteck dazu Material liefern, zu welchem sie sich im Lichte der Oeffentlichkeit nicht bekennen