Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 51 Vesterreichifche Wochenschrift Seite 931 (lies: antisemitischen) Geschäftsleuten eine gleiche Drohung gegenüber ihren jüdischen Concurrenten. Wie aber, wenn die Letzteren sich durch eine so fteche Drohung nicht vergewaltigen lassen, was dann? Wird dann der antisemitische Revolver losgehen? Und in welcher Weise gedenken die Antisemiten den „confessionellen Frieden" zu stören? Mit Rücksicht auf die Ereignisse in Lerchenfeld und die jüngsten Prophezeiungen Geßmann's können wir uns die Antwort selbst geben und werden sie den antisemitischen Revolverjournalisten im gegebenen Momente laut genug in die Ohren rufen. Wien. (Eine jüdische Dynastie in Bulgarien.) Da zerbrechen sich die berufenen und unberufenen Politiker ihre respectiven Köpfe mit der Frage, was denn eigentlich mit der von Stambuloff geplanten Verfassungsänderung, wonach die Nachkommen des Fürsten von Bulgarien in der Wahl ihrer Confession ftei sein sollen, beabsichtigt werde. Die verschiedenartigsten Vermuthungen tauchten auf und man ließ den Prinzen Ferdinand ein Ehebündniß bald mit einer katholischen, bald mit einer protestantischen Princessin eingehen. Doch das Alles ist gefehlt! Auch hier hat das Judenthum seine Hand im Spiele, worüber die russisch-antisemitische „Nowoje Wremja" folgendes gar merkwürdige Geschichtchen zu erzählen weiß: „Auf Grund der unserem Blatte zugehenden Berichte beabsichtigt Stambuloff eine jüdische Dynastie in Bulgarien zu gründen, um so dem bulgarischen Staat Festigkeit zu verleihen. Siambuloss und seine Freunde sind nämlich der Ansicht, daß die Bulgaren keineswegs Slaven sind, sondern ihren Ursprung einer Mischung von türkischere Stämmen mit Juden verdanken. Durch diese Entdeckung will sich Stambuloff die Sympathien der Judenschaft der gesammten Welt erwerben. Obwohl nun Prinz Ferdinand damit keineswegs einverstanden ist, zwingen ihn doch die Verhältnisse, die ihm von Stambuloff vorgeschlagenen Wege zu wandeln. Der Fürst ist nämlich in ein reiches jüdisches Mädchen verliebt, welches ihre Religion wegen der Heirat mit einem bulgarischen Fürsten nicht ändern will. Deshalb schlossen de: Bräutigam und die Braut folgendes Uebereinkommen: Sie erklärt sich einverstanden, behufs ihrer Ehe mit dem Prinzen gegenüber der Außenwelt zur protestantischen Kirche überzutreten, unter der Bedingung jedoch, daß die Kinder aus dieser Ehe freisinnig erzogen werden sollen und bis zu einem Alter von 16 Jahren keinem christlichen Glauben angehören dürfen. Doch hofft der Prinz mit der Zeit auf seine Frau dahin einwirkön zu können, daß sie ihre Gesinnungen ändert, wogegen die künftige bulgarische Königin entschlossen ist, ihre Kinder im jüdischen Glauben zu erziehen, wobei ihr der allmächtige Geldeinfluß ihres Vaters und ihrer Verwandten zu Hilfe kommen würden. Diese Ehe ist jetzt der Gegenstand des lebhaftesten Meinungsaustausches unter der gesammten reichen Judenschaft. Das ist der Grund, warunr bei der geplanten Bersassungsrevision ein Paragraph Vorkommen soll, nach welchem die Nachkommen des Fürsten in der Wahl ihrer Religion frei sein sollen." So das Petersburger antisemitisch-panslavistische Blatt. Die Russen sehen, daß man mit Hilfe der eingebildeten Angst vor der geheimen Macht des Judenthums in Deutschland und Oesterreich die ganze innere Politik umkehren, die öffentliche Meinung verwirren kann, und versuchen die gleichen Kräfte auch auf die auswärtige Politik in Thätigkeit zu bringen. Wir wünschen dem Unternehmen vom Herzen Glück. Wien, 14. December. (Antisemitisches.) Gestern Abends fand in Hamberger's Saal eine Generalversammlung des antisemitischen deutschen Volksvereins statt. Den Vorsitz führte Herr Georg Schönerer, welcher bei Bekanntgabe des Geschäftsberichtes zu seinem größten Leidwesen constatiren mußte, daß dem Vereine der Boden unter den Füßen schwinde, daß eine Abnahme der Begeisterung für die unverfälscht deutschnational-antisemitische Sache evident sei, denn sowohl die rapide Abnahme von Mitgliedern, als auch das zögernde und immer schwächer werdende Eingehen der Mitgliederbeiträge zeuge von einem Lauwerden und von einer Schwäche der Verfechter der germanischen Ideenwelt, deren einziger Hort in der Ostmark der Verein mit seinen Bestrebungen sei. Diese so betrübenden Ausführungen des Vorsitzenden wurden mit einem frenetischen Beifall ausgenommen, und der Enthusiasmus für den trübseligen Redner legte sich nur allmälig. Darauf erhielt Herr Kernreuther das Wort der in einer langathmigen Rede das „D. Volksbl." angriff. Er sagte das sogenannte deutschnativnale Volksblatt gibt sich als üational aus, aber das ist es nicht, es ist in Wahrheit ein Schandreptil, das auf die letzte Stufe hinabgesunken ist und sogar ...... (Aus preßgesetzlichen Gründen nicht wiederzugeben. Anm. d Red.) geworden ist. (Tosender Beifall.) Sein Herausgeber, dessen Name ich mit Ekel in den Mund nehme, der. . . Vecgani hat uns das Blatt gestohlen H (Pfui Vergani! Die Versammlung gibt in Ausdrücken, die nicht wiederzugeben sind, ihrer Empörung Ausdruck.) Mit den Worten: „Das .Deutsche Volksblatt' ist schlechter als das letzte Jubenblatt," schließt der Redner seine Ausführungen. Darauf ergreift das Wort Herr Arnoscht, welcher das Thema des Vorredners in äußerst gründlicher Weise variirt, und deffen Rede in den Worten ihren Gipfelpunkt erreichte, der deutsche Bolksverein müsse eine solch ergiebige Agitation entfalten, daß das „Deutsche Bolksblatt" aus allen Gasthäusern der Borstädte ausgemerzt und so das Schandblatt zu Grunde gerichtet werde. Sodann wurde eine Resolution beantragt, in welcher die Generalversammlung des deutschen Volksvereines dem „Deutschen Bolksblatt" ihre Verachtung ausdrückt und besonders erklärt, daß sie den Herausgeber des Schandreptils, Bergen:, verabscheue. Znm Schluffe wurde eine lebhafte Agitation eingeleitet, um aus Anlaß des 60. Geburts ages Tühring's. welcher würdig gefeiert werden müsse, eine großartige, allumfaffer.de demonstrative Feier am 10. Jänner künftigen Jahres abzuhalten. Berlin. Der Wettbewerb um den Preis der Michael- Beer'schen Stiftung für Maler und Bildhauer jüdischer Religion lvird für das Jahr 1893 für Bildhauer eröffnet. Die Wahl des darzustellenden Gegenstandes bleibt dem eigenen Ermessen des Concurrenten überlasft.n. Die Composition kann in einenl runden Werke oder in einem Relief in Gruppen oder in einzelnen Figuren bestehen, nur muß dieselbe ganze Figuren enthalten und zwar für runde Werke nicht unter einem Meter, das Relief aber soll in der Höhe nicht unter 70 Centimeter und in der Breite nicht unter einem Meter meffen. Der Preis besteht in einem Stipendium von 2250 Mark zu einer Studienreise nach Italien unter der Bedingung, daß der Prämiirte sich acht Monate in Rom aufhalten und kei Ablauf der ersten sechs Monate über seine Studien an die Akademie Bericht erstatten muß. Königsberg i. Pr., 5. December. Hier hat sich ein Hilfscomite gebildet, um den russisch jüdischen Auswanderern, etwa 250 an der Zahl, die seit drei Monaten hier festliegen, über die schlimmste Noth hinwegzuhelfen. Die Leute sind seinerzeit aus Rußland ausgewiesen worden; in Hamburg wurden fie der Cholera wegen zurückgewiesen und nun liegen sie hier, dem bittersten Elend preisgegeben. Bielen fehlt es an der nothwendigsten Kleidung. Karlsruhe, 30. November. Vor einigen Wochen wurde hier wieder eine antisemitische Versammlung abgehalten, deren Hauptredner aus Ulm verschrieben war. Bald darauf wurde vier das Scheffel-Denkmal eingeweiht, und die Worte, mit welchen der Oberbürgermeister das Denkmal im Aufträge des Stadtrathes annahm, waren jedenfalls an die Adreffe dieser Partei gerichtet. Er sagte unter Anderem: Scheffel war es, der seinerzeit für das neuerstandene Reich inbrünstig den Segen herabflehte: „Gott schütze es vor Claffenhaß Und Rassenhaß und Maffenhaß Und Derlei Teufelswerken." Wir aber wollen nicht nur wünschen, sondern handelnd bewirken, daß dieser Segen insbesondere auch an der engeren Heimat, der wir angehören, an unserer Stadtgemeinde in Erfüllung gehe, daß hier auch fürder nicht die zerstörende Macht des Haffes und Zwiespalts, vielmehr die schöpferische der Eintracht die Herrschaft führe". P. 8. Frankfurt a. M., 30. November. Bei Wilhelm Hertz (Besser'sche Buchhandlung) erscheinen soeben (Berlin 1893) die „Nachgelassene Schriften und Dichtungen Gottfried Keller's". Das Buch enthält auf Seite 235: „Ein Bettags-Mandat" und dazu die Anmerkung: Ungedruckter Entwurf des Mandates für den auf Sonntag 21. Herbstmonat 1862 festgesetzten Dank-, Buß- und Bettag." Bekanntlich war Gottftied Keller Züricher Ralhsschreiber und hatte als solcher die Obliegenheit, die officiellen Bettags-Mandate zu versoffen. Das genannte Mandat enthält auf Seite 238 einige Sätze, welche firr die edlen Gesinnungen des gefeierten Dichters ehrendes Zeugniß oblegen und in unseren Tagen gesteigertes Jntereffe beanspruchen, weshalb ich fie hier mittheile: „Was unsere cantonale Gesetzgebung betrifft, so dürfte es hier der Ort sein, eines kurzen, aber vielleicht solgennahen Gesetzes zu erwähnen, welches seit dem letzten Bettage geschaffen wurde. Der von Euch erwählte Große Rath, liebe Mitbürger, hat mit einigen wenigen Paragraphen das seit Jahrtausenden geächtete Volk' der Juden für unseren Canton seiner atten Schranken entbunden, und wir haben keine Stimmen vernommen, die sich aus Eurer Mitte dagegen erhoben hätten. Ihr habt Euch dadurch selbst geehrt, und Ihr dürft mit diesem Gesetze, das ebensosehr von der Menschenliebe, wie aus Gründen der äußeren Politik endlich geboten war, am kommenden Bettage gettost vor den Gott der Liebe und der Versöhnung treten. An Euch wird es sodann sein, das geschriebene Gesetz zu einer fruchtbringenden lebendigen Wahrheit zu machen, indem Ihr den Entftemdeten und Verfolgten auch im gesellschaftlichen Ber-