Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-16 · 51 (16.12.1892) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
51 (16.12.1892)
Date
1892-12-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020951--01972-3026039
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 920 Orsterreichifchr Wochenschrift Nr. 51 lungen wiederholen zu wollen, er sei überzeugt, daß Herr Noske hiedurch viele Proselhten machen werde. In scharfen Worten kritisirt sodann Herr Bielitz das Vorgehen des Bürgermeisters Prix, bezüglich der Ueberlassung der Bolkshalle an den Fürsten Liechtenstein. Bürgermeister Prix hätte wissen müssen, daß, wenn ein Schwarzer in einem Zimmer Hause, er daselbst selbstverständlich nur schwarze Flecken zurücklaffen werde. Hingegen habe der Bürgermeister dem demokratischen Verein Josefstadt zur Feier des hundertjährigen Gedenktages der-Erklärung der Menschenrechte (4. August 1889). und den demokratischen Vereinen im 9. und 8. Bez. zur Besprechung der Reichsrathswahlen (1890) die Benützung der Bolkshalle verweigert. Ueber Antrag des Herrn Bielitz drückt die Versammlung dem Abgeordneten Baron Sommaruga für dessen mannhaftes Auftreten gegen die anttsemittschen Hetzereien ihr vollstes Vertrauen einstimmig aus. In warmer Weise plaidirte Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Julius Kann für ein enges Anschließen an die große liberale Partei; von den Banden befreit, schloß Dr. Kann, blüht wieder die alte Frucht hervor, welche in der Interpellation des Abg. Sommaruga zum Ausdruck kam. Nachdem noch die Herren Dr. Alfred Skr ein, Dr. Alex. Mintz, Dr. Münz, Dr. Pollak, Stadttath Noske und Marcus das Wort ergriffen, schloß der Vorsitzende in vorgerückter Stunde die Versammlung. GüN'esponäLNLm. Wien. Der nachstehende Vorfall, welcher uns verbürgt wird, beweist neuerdings, wie ttef die Rohheit und Brutalität sich bereits in die Wiener Bevölkerung eingefreffen hat. Vor einigen Tagen besuchte ein angesehener Bürger israelitischer Confession, in seiner Eigenschaft als Recherchant des „Vereines gegen Verarmung und Bettelei" den 5. Bezirk. Derselbe hatte eben die Bittgesuche in der Hand, um nach den Adressen derselben die Hausnummer der Petenten zu suchen, denen er Speisemarken und Geldunterstützungen bringen sollte, als plötzlich ein Mann auf ihn zuttat mit den Worten: „Haben Sie wieder einen guten Rebach gemacht" und dabei in gemeinster Weise mauschette. Der Angeredete entgegnete dem edlen Arier sofort, daß er sich gründlich irre und zeigte ihm die Gesuche und Speisemarken, die er an arme Christen allwöchentlich auszutheilen habe. Nach dieser ruhigen Entgegnung ging der in so brutaler Weise Angegriffene allerdings zu einem energischen Tone über und nannte den Angreifer einen groben, unverschämten Trottel. Die Scene lockte eine große Menschenmenge herbei, welche stillschweigend dem laut geführten Diseurs folgte, bis sich der tapfere Jünger des Herrn Lueger beschämt von dannen schlich. Wie«. (Die Protestversammlung der antisemitischen Deutschnationalen Studentenschaft) hat wieder den Beweis geliefert, aus welcher Hefe verkommener Sujets diese Sippe sich rekmtirt. Wie ttef müssen Studenten gesunken sein, die die Frechheit besitzen, gegen eine Leuchte der Wissenschaft und integren Character, wie es Professor Nothnagel ist, in rohester und arrogantester Manier loszuziehen. Es fällt uns jedoch nicht ein, diesen Mann der Wissenschaft, dessen Ruf als Forscher und Gelehrter in der gebildeten Welt nur zu gut bekannt ist, gegen die Anwürfe einer anttsemittschen Studentenhorde in Schutz zu nehmen. Allein wogegen entschieden remonstrirt werden muß, ist die Hetze, die seitens der anttsemittschen Studentenschaft gegen die jüdischen Hörer der Wiener Universität in Scene gesetzt worden ist. Ist es nicht bezeichnend, daß gegen die jüdischen Hörer der Borwurf erhoben wurde, sie besuchen fleißig die Vorlesungen und studiren emsig. Ja, die anttsemttischen Radau-Studenten, denen ist das Studium fteilich Nebensache, Tag und Nacht in Kneipen und Spelunken verbummeln. Es ist dann fteilich nicht zu verwundern, daß kaum 10 Percent arischer Hörer die Vorlesungen besuche» und die sttengen Examina bestehe. Ein Prüfungscommissär, dm die arischen Studenten als antisemitisch gesinnt hielten, wurde von ihnen interpellirt, warum er die jüdischen Prüfungscandidaten nicht werfe, worauf dieser Prüfungscommissär zur Antwort gegeben hat: „Ja, i' kenn ja alle diese jüdischen Leut, sie studiren halt recht fleißig und kennen ihre Sach' gut, wie kann i' sie da werfen und ihnen a' Unrecht thun?" Wien. Gestatten Sie einer Frau, mit wenigen Worten auf den, in Nr. 50, IX. Jahrg. Ihres werthen Blattes erschienenen Artikel: „Die Rassenhetze im Dienste geschäftlicher Concurrenz" zu reagiren. Mit der, weder der Form, noch dem Inhalte nach neuen Bemerkung: „Der Gesichtskreis der Frau ist ein beschränkter" — beginnend, macht der geehrte Verfasser dieses Artikels das weibliche Auditorium des Antisemiten-Fürften dafür verantwortlich, daß sich keine dieser Frauen und Jungfrauen erhob, um dem Redner das Falsche und mit Absicht Erlogene seiner Ausführungen zu beweisen. Ja, geehrter Herr, inwiefern offenbarte sich denn gerade der beschränkte Gesichtskreis der F r a u in diesem Verhalten? Ich bitte nur den Verlauf der, von Fürst Liechtenstein und Consorten ftüher einberufenen, aus durchaus männlichen Zuhörern bestehenden Versammlungen zu verfolgen! Wie Viele gab es denn da, die dem Prinzen die Antwort, die richtige Antwort in den Versammlungen der Gewerbetteibenden rc. gegeben hätten? Wer stand da auf, und machte das Auditorium des durchlauchtigsten Redners aufmerksam? Und Sie verlangen von Frauen, Geschöpfen, die nicht nur nicht in der Debatte, ja die nicht einmal im politischen Denken geschult sind, sie sollten das thun, was bis heute die männlichen Zuhörer des Fürsten unterlassen haben? — Klagen Sie nicht darüber, daß man anfängt, die Frauen für die Politik zu interessiren! Man soll von seinen Feinden lernen. Die Idee des Prinzen ist eine richttge, wendet sie nur richtig an. Vergessen wir nicht, daß der Antisemittsmus nicht erst da beginnt, wo er sich öffentlich zeigt. Die Frau, die die Kindesseele von dem ersten Aufblitzen des Verständnisses an leitet, ist mehr als irgend Jemand im Stande, das Gemüth, (und der Antisemitismus ist auch Gemüthssache) zu beeinflußen. Die Frau, welche gelernt hat, sich für die höchsten Güter, für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu begeistern, wird ihre Kinder niemals zu Antisemiten erziehen! An den fteiheitlich gesinnten Volksmännern ist es, sich auch ein wenig mit dieser Frage zu beschäftigen. Ruft liberale Frauenversammlungen ein, öffnet den Frauen die Augen, zeigt ihnen, was sie zu leisten vermöchten, wenn ihr geweckter Sinn sich von Spiel und Tändelei abwendet und bestrebt ist, in ihrer Sphäre für die höchsten Güter der Menschheit zu wirken! Wenn Sie, Herr Redacteur, es für angemessen halten, so bitte ich, diese Anregung in Ihrem geschätzten Blatte zu veröffentlichen. Mit vorzüglicher Hochachtung R. Danziger, Wien, 11. December 1892. II., Fugbach gasse 3. Wie«. (Eine Characteristik von Freunden.) Unter diesem Titel bringt die christlich-sociale „Kremser- Zeitung" einen Artikel, welcher die Anmaßung Schönerer's, der sich sogar „Georg I." unterfertigt hatte, geißelt und alle die Grobheiten wiedergibt, die chm in letzter Zeit Vergani zugeschleudert hat; das antisemitische Blatt schließt mit nachstehenden Fragen: „Was sagt man nun im Waldviertel zu dieser Schilderung? Vergani muß Schönerer doch kennen, er ist ja so lange sein Freund gewesen! Ein Mann, der sich, ohne Vergani zu klagen, Treubruch, Tratsch, Leute durcheinanderbringen, altes Weib, Ehrabschneider rc. vorwerfen läßt — ist der eines Vertrauens würdig?" Da aber auch Schönerer, der ja so lange der Freund Vergani's gewesen ist, diesem die ehrenrührigsten Dinge nachsagt, so hätte man die Fragen, welche die „Kremser Zeitung" aufgeworfen hat, wie folgt erweitern sollen: „Was sagt man nun im Waldviertel zur ganzen anttsemitischen Sippe? Sind derlei Individuen eines Berttauevs würdig?" Einen Ansatz zu einer beftiedigenden Antwort bildete letzthin die fortschrittliche Kundgebung in Groß-Siegharts, der hoffentlich gleichlautende Aeußerungen aus anderen Ortschaften des Waldviertels folgen werden. Wie«. (Antisemitische Revolverpresse.) Der „Cottbuser Anzeiger" enthält folgende Warnung vor mißbräuchlicher Ausnützung christlicher Feste: „Behufs Wahrung des confessionellen Friedens unserer Stadt ersuchen wir die jüdischen Geschäftsleute, sich jeder Anspielung auf unsere christlichen Feste, im Besonderen auf das Weihnachtsfest, zu Geschäftszwecken zu enthalten, umsomehr, als unsererseits kein Mißbrauch mtt jüdischen Festen gettieben wird, Gewerbeschutzverein Cottbus." Das hiesige Anttsemitenschandblatt empfiehlt den Wiener christlichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.