Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 51 Orflerreichifchr Wochenschrifi Seite SIS war, hatte durch seine eminente Begabung und gediegene Fach« kenntniß eine Umwälzung der ganzen städtischen Geschäftsgegebahrung bewirkt. Er übernahm die Geschäfte vor fünfzehn Jahren mit einem bedeutenden Deficit und brachte es durch, Reorganisation der Verwaltung und Erschließung neuer Einnahmsquellen dahin, daß die städtische Bilanz trotzdem, daß das Budget vielfach angewachsen war, jetzt mit einem Activum von circa sechseinhalb Millionen abschließt. Dabei konnte die Stadt die angefangene Canalisation und Granitpflasterung zu Ende führen, vermochte ferner eine großartige Wasserleitung mit Springbrunnen auf allen ösftntlichen Plätzen einzurichten, einen ausgedehnten Park am Meeresnfer, sowie eine Pferdebahn anzulegen und ein mit allen neuesten Einrichtungen reich ausgestattetes Theatergebäude zu errichten. Die bis dahin bestandenen öffentlichen Anstalten wurden bedeutend vergrößert, neue Institutionen, welche den Bedürfnissen einer Großstadt entsprechen, ins Leben gerufen und viele Elementar- und Gewerbeschulen wurden neu gegründet. Seine grundlegenden Ideen und tiefdurchdachten Berichterstattungen auf diesem Gebiete vor dem Plenum der obersten Verwaltung sollten speciell aber auch der jüdischen Gemeinde, deren Agenden ebenfalls in sein Ressort gehörten, zu Gute kommen, und da war es eben, wo Herr Chary eine ganz besondere Energie entfaltete. Es war keine leichte Aufgabe, das Interesse seiner Glaubensgenossen so nachdrücklichst zu wahren, ohne sich Seitens seiner christlichen Collegen in der Verwaltung den Borwurf der Parteilichkeit zuzuziehen, und daß ihm dies vollauf gelungen, beweisen einerseits die ihm gewordenen hohen Ordensauszeichnungen, sowie seine Erhebung in den erblichen Ehrenbürgerstand Seitens der hohen Regierung, andererseits auch der einstimmige Beschluß des ganzen Gemeinderathes dem scheidenden Magistrats-Director das Bedauern wegen dessen Mandatsniederlegung auszudrücken, sowie ihm den Dank für die hervorragende und ersprießliche Dienstleistung zu votiren, und außerdem zum bleibenden Andenken ein Stipendium seines Namens in der hiesigen Handelsschule, wo Herr Chary seine erste Ausbildung genossen, zu stiften. Die jüdische Bevölkerung, welche mit gerechtem Stolze auf diesen ihren Glaubensgenossen blickte, der den neuesten Judenbeschränkungen zum Opfer gefallen, beschloß, angeeifert durch das wohlwollende Verhalten des sonst strengen, aber stets rechtliebenden Gouverneurs, bei welchem Herr Chary pergonL grata war, dem Vertreter ihrer heiligsten Interessen ihren Dank in der denkbar würdigsten Weise zum Ausdruck zu bringen. Es bildete sich sehr rasch ein Comite mit dem hiesigen Bankier Herrn Osias Chayes an der Spitze, welches die Ovationen festsetzte, die sich heute im großen Saale des hiesigen israelitischen Waisenhauses, welchem der Gefeierte als Präses angehört, unter großer Betheiligung der ganzen jüdischen Intelligenz zu einer wahren jüdisch-nationalen Feier gestalteten. Es erschienen sämmtliche jüdische Gemeinderäthe, die Vertreter aller jüdischen Schulen und Bethäuser, des Krankenhauses, der Volksküche, des Greisen-Asyls, des Waisenhauses und der sonstigen Wohlthätigkeits-Anstalten, welche dem Gefeierten entweder das Entstehen oder das großartige Gedeihen derselben verdanken, und als Herr Chary nebst seiner Familie, der Einladung des Comites folgend, den Festsaal betrat, begrüßte ihn der Bakier Chayes mit einer Ansprache, welche in brillanter Weise dessen unvergängliche Verdienste hervorhob und den Dank der ganzen Gemeinde zum Ausdrucke brachte. Es folgten mehrere ebenso warm gehaltene Reden Seitens der anderen Comite-Mitglieder und im Verlaufe derselben wurden dem Gefeierten eine kunstvoll ausgestattete, mit zahlreichen Unterschriften bedeckte Adresse, ferner eine Special-Adresse der Waisenhauszöglinge, ein Gruppenbild sämmtlicher Verwalter aller jüdischen Wohlthätigkeits-Anstalten und viele aus den Werkstätten der Gewerbeschulen hervorgegangene Ehrengeschenke überreicht. Der Gefeierte dankte tief gerührt, und bemühte sich hervorzuheben, daß die großartigen Erfolge in erster Reihe dem aufopferungsvollen Mitwirken seiner jüdischen Mitbürger zu verdanken sind. Unter den Klängen der Volkshymne und einem Hoch auf den Kaiser und das erhabene Herrscherhaus schloß diese denkwürdige Feier. Ueber die nunmehrige Thätigkeit des Herrn Chary dürste es von Interesse sein zu erfahren, daß derselbe auf den einem Juden sonst nie zugänglich gemachten Posten eines Direktors der Bessarabisch-Taurischen Agrar-Hypothekenbank berufen wurde, wo er, noch im besten Mannesalter stehend, einen großartigen Wirkungskreis vorfinden dürfte. (Ein eifriger Leser der Wochenschrift.) Oegerveichlschs israelitische Union. Mittwoch den 7. d. M. hielt dieser Verein eine äußerst zahlreich besuchte Plenarversammlung ab, zu welcher u. A. die Gemeinderäthe D j ö r u p, Ludwig Lang und Dr. Alsted Stern nnd Cultusvorsteher Wilhelm Pollak erschienen waren. Der Vorsitzende widmete zunächst dem dahingeschiedenen Vorstands-Mitgliede Leopold Quittner einen ehrenden Nachruf, und ehrt die Versammlung das Andenken an den Verstorbenen durch Erheben von den Sitzen. Bon der Versammlung mit lebhaftem Beifalle und Zurufen begriißt, ergreift hierauf Landtags-Abgeordneter Constantin Noske das Wort, um zunächst beim Vereine für die in der letzten Vollversammlung erhaltene Bertrauenskundgebung seinen Dank abzustatten. Auf sein Thema „der Strike der Antisemiten" übergehend, bemerkte der Redner, daß der Antisemitismus von der Aufregung lebe, welche er in seine Wählerkreise hiueintrage, und aus diesem Grunde suche er Alles, was im Ruhigwerden sich entwickeln sollte, zu hindern und zu stören. Es sei daher auch erklärlich, daß die Antisemiten bei der gegenwärtigen ruhigen Arbeit des Gemeinderathes die Abstinenz beschlossen haben, Auf den Strike selbst übergehend, weist Redner Punkt für Punkt die Unwahrheit der in dem Schriftstücke des antisemitischen Bürgerclubs gegen die liberale Majorität des Gemeinderathes und gegen das Präsidium geschleuderten Anwürfe nach. Wenn man angesichts der bedauerlichen Erscheinungen, welche der Abgeordnete Baron Sommaruga in seiner gestern eingebrachten Interpellation zur Kenntniß der Regierung brachte, die Kühnheit habe, zu behaupten, daß die Liberalen die Friedensstörer seien, so müsse dies als eine Verdrehung der Thatsachen bezeichnet werden, gegen die auf das entschiedenste Protest eingelegt werden müsse. (Beifall.) Eme weitere Beschwerde der gegnerischen Partei, daß ihre Mitglieder in dem Präsidium und dem Stadtrathe nicht vertreten wären, müsse vom liberalen Standpunkte als ganz und gar unberechtigt abgewiesen werden. Die Antisemiten seien keine politische Partei, da sie keinen politischen Gedanken haben. Wegen Mangels ihrer politischen Capacität seien sie nicht in der Lage, den verwaltenden Körperschäften anzugehören. Bei einem antisemitischen Referenten könne man nicht die nöthige Objectivität voraussetzen, sein Programm schreibe ihm ja das Gegentheil vor. Es wäre nicht nur eine unverzeihliche Schwäche des Gemeinderathes, den Antisemiten Stellen im Präsidium und im Stadtrathe einzuräumen, sondern auch eine flagrante Pflichtverletzung. (Beifall.) Die Sache habe aber einen politischen Hintergrund. Für den Liebesdienst, den die Antisemiten erst jüngst der Regierung im Reichsrathe geleistet haben, erhoffen sie sich die Bezahlung im Gemeinderäthe. Ihre Absicht sei es, der Gemeinde-Autonomie einen argen Stoß zu versetzen. Sie hätten aber gerade den unzweckmäßigsten Zeitpunkt zur Abstinenz gewählt. Heute wo die wichtigsten Fragen im Gemeinderäthe auf der Tagesordnung stehen, wollen die patentirteu Beschützer des kleinen Mannes die Ausfübrung derselben vereiteln. Ein Zug der Unwahrheit und Unaufrichtigkeit bei diesen Bolksrettern könne von dem Momente an verfolgt werden, wo diese Fragen auftauchen und Leben gewinnen sollten. Die Heuchelei werde soweit getrieben, daß man einerseits dem Volke Sand in die Augen streut und ihm zu helfen verspricht, andererseits aber feige davonläuft und sich in Kästners Gasthaus niederläßt. In warmen Worten oankt Ortsschulrath S. Heit dem Redner im Namen der Versammlung für seine vortrefflichen Ausführungen. Stadtrath Noske habe seit Beginn seiner parlamentarischen Thätigkeit bei jeder Gelegenheit die Interessen seiner jüdischen Mitbürger gewahrt, nicht weil selbe Juden, sondern Menschen sind. Er dürfe sich auch deshalb des Dankes der gesammten Judenschaft versichert halten. Gemeinderath Dr. Alfted Stern hält sich verpflichtet, sich dem Dankesvotum seines Vorredners anschließen zu müssen, umsomehr, als ihn Herr Stadtrath Noske bei jeder Gelegenheit, wo er gegen die antisemitische Partei aufzutreten gezwungen sei, auf das Wirksamste unterstütze. Ein besonderes Verdienst habe sich Stadtrath Noske dadurch erworben, daß er der antisemitischen Partei im Gemeinderathe nachwies, daß selbe zur Zeit, als sie noch in einigen Commissionen vertreten war, nicht objectiv vorgegangen sei: Herr Bielitz stellt an Herrn Stadtrath Noske die Bitte, seine ausgezeichneten Ausführungen auch in anderen Bersamm-