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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-16 · 51 (16.12.1892) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
51 (16.12.1892)
Date
1892-12-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 918 Oesterrrichische Wochrnfchrist H Nr. 51 fischen Juden, sondern auch die Juden der ganzen Welt ziemlich schlecht weg. Es ist nun überaus charakteristisch für die Armseligkeit des Menschengehirns und für die selbstbetrügerische Erbarmungswürdigkeit der Menschenseele, daß gegen die Juden genau die gleichen Vorwürfe erhoben werden, welche die Stockrussen nicht blos gegen die Juden, sondern auch gegen die in Rußland lebenden Deutschen protestantischer und katholischer Confeffion erheben. Wo es um ihre eigene Haut geht, empfinden die Deutschen in den Ostseeprovinzen in vollem Maße die Ungerechtigkeit und den Druck, mit welchem die eiserne Faust des Czarenthums auf ihnen lastet; wo es sich aber um ihre jüdischen Leidensgenossin handelt, da stimmen die Unterdrückten selbst der entmenschten Verfolgungswuth ihrer eigenen Unterdrücker bei. Die „Düna-Zeitung" behauptet, daß der auf christlichen Grundlagen beruhende Staat nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht habe, gegen Elemente vorzugehen, welche Vertreter einer anderen Weltanschauung sind. Genau dasselbe sagt Herr Pobiedonosszew auch, um die Versolgung der Deutschen, der Katholiken und Protestanten zu rechtfertigen. Es kommt nur darauf an, was man unter „christlicherGrundlage" versteht. Der Oberprocuror des heiligen Synod begreift darunter das griechisch-orthodoxe Christenthum in vollster Ausschließlichkeit und die römischen und lutherischen Christen sind ihm ebenso Vertreter einer „anderen Weltanschauung", wie es diesen die Juden sind. Das sollte man doch in Riga und in Dorpat schon begriffen haben, daß der nationale Haß und der religiöse Fanatismus, wenn sie einmal entfacht sind, sich gegen jede nationale und religiöse Minorität in gleicher Weise wenden. Der Deutsche dünkt sich besser als der Jude, der Stockrusse besser als der Jude und Deutsche zusammengenommen, und die Knute saust auf Beide mit gleicher Wucht nieder. Die Freiheiten der Ostsee-Provinzen sind mit grausamer Strenge niedergetreten worden. Der Panslavismus hat eine „solidarische Gemeinschaft" von Deutschen, hat einen „Staat im Staate" nicht geduldet. Die „Düna-Zeitung" aber sagt nach all' diesen bitteren Erfahrungen von den Juden, daß sie einen fremdartigen Beflandtheil darstellen, dessen Aufnahme und Affimilirung deshalb so schwierig ist, weil er in jedem Staat im gewiffcn Sinne sich selbst separirt und diese Solidarität des Judenthums bilde das Hauptmoment der Abneigung bei Hoch und Gering. Es hat eine Zeit gegeben, wo in Rußland das deutsche Element das gesammte öffentliche Leben beherrschte, wo die obersten Stellen der Regierung, der Armee, der Justiz rc. von Deutschen besetzt waren. Sie stützten und förderten einander und die Stockrussen schäumten in ohnmächtiger Wuth gegen diese „Bevormundung und Ausbeutung durch ein fremdes Element" — das ist auch die Ursache des jetzigen, mit brutaler Vehemenz hervorbrechenden Deutschenhasses, und sie ist genau dieselbe, wie die Beranlaffung zum Judenhaffe in den kulturell fortgeschrittenen Ländern, wo nur die Juden vermöge ihrer geistigen Begabung in den Vordergrund treten. Die „Düna-Zeitung" behauptet weiter, daß der Radicalismus und Kosmopolitismus der Juden an deni allgemeinen Hasse gegen sie Schuld sei. Das sagt, wohlgemerkt, ein deutsches Blatt, als ob nicht das Weltbürgerthum, wenigstens bis zum Jahre 1870 jedem Deutschen in den Gliedern gesteckt wäre. Und ferner wird den Juden zum Vorwurf gemacht, daß sie die Freiheit des Individuums gegenüber jeder staatlichen oder religiösen Autorität betonen. Ja, wissen denn die Redactionsgelehrten der „Düna-Zeitting" gar nichts darüber, daß der Individualismus und Separatismus den Grundzug des deutschen Wesens bildet und daß ein deutscher Mönch es war, der sich gegen die höchste europäische Autorität, gegen den Papst auflehnte? Sind das wirklich Eigenschaften, welche Haß und Verachtung verdienen, oder ist durch dieselbe nicht gerade die höchste wissenschaftliche und künstlerische Blüthe des Deutschthums gefördert worden? Die Freiheit des Individuums, das Bewußtsein der Menschenwürde, die Selbständigkeit des Urtheils und der That — das kann nur in einem Staate als Verbrechen gelten, dessen Bevölkerung eine Sclavenhorde ist. Zu einer solchen Horde w:ll man die Deutschen der Ostseeprovinzen machen und die „Düna-Zeitung" klatscht dazu jauchzend Beifall. Aber während sie auf der einen Seite den Juden die übermäßige Betonung der Freiheit des Individuums gegenüber jeder staatlichen oder religiösen Autorität zum Borwurfe macht, erklärt sie anderseits, daß sich „auffallend viel jüdische Elemente gerade bei den Parteien finden, die jede öffentliche Meinung unter den allmächtigen Gedanken des Staates stellen." Erkläret uns, Graf Oerindur.! . Als einen besonderen Vorzug des christlichen Volkes gegenüber den Juden preist die „Düna-Zeitung" den ausgesprochenen geschichtlichen Sinn des ersteren, es liebe seine Bergangenhen und könne sich die Zukunft nicht anders als eine logische Fortentwicklung jener denken. Dieser geschichtliche Sinn gehe den Juden nur zu häufig ab. Das steht wahrhaftig und wortwörtlich da; dem Volke, welches nur in seiner Vergangenheit lebt und wurzelt, welches aus seiner leidenvollen Geschichte Trost und Ermuthigung zum Ertragen aller Unbill in Gegenwart; und Zukunft schöpft, welchem diese Geschichte ein Quell der Erhebung und stetigen Läuterung ist, wird geschichtlicher Sinn abgesprochen. Das ist zu toll, als daß es eine ernsthafte Widerlegung verdieilte. Eine schamlose Verläumdung aber, die nur Eckel und Verachtung erweckt, ist die Behauptung, daß den Juden nichts an den Staat fesselt, daß er sehnsüchtig in andere Geineinwesen blickt, wo es seinen Brüdern besser geht. Hat die „Düna-Zeitung" niemals etwas von Schönerer und seinen Myrmidonen gehört und ist sie selbst mit dem Schicksal ihrer Volksgenossen in Rußland so zufrieden, daß sie nicht „sehnsüchtig" nach Deutschland schielt, wo es ihren Brüdern doch wohl besser geht, als in Rußland? Die staatsbürgerliche Treue der Juden ist eine anerkannte Tugend in allen europäischen Culturländern und selbst der russische Jnde hat seine Unterthanentreue trotz aller unmenschlichen Bedrückung nie verleugnet. Würde man aber heute in die Herzen der sinn- und livländischen Deutschen hineinleuchten, dann würde man begreiflicherweise seltsame Erfahrungen über deren Begeisterung für das czarische Rußland machen. Die „Düna-Zeitung" steht heute unter der Gewalt der russischen Censur und sie liebäugelt mit den moskowitischen Machthabern. Das mag der Grund für die Veröffentlichung eines Artikels sein, der sich wie eine blutige Satyre auf die Stellung und das Schicksal der Deutschen in den Ostseeprovinzen und in ganz Rußland liest. Schließlich bemerken wir, daß der Kronzeuge dieses antisemitischen Ausfalles gegen die Juden derselbe Herr Leopold Caro ist, der in dem Leipziger „Grenzboten" und anderwärts seine Glaubensgenossen hinterrücks anfiel. Die Antecedcntien dieses Mannes sind unseren Lesern hinlänglich bekannt. Herr Caro hat nach einer interessanten Vergangenheit in der Verunglimpfung der Juden ein einträgliches literarisches Erwerbsgebiet entdeckt und beutet dasselbe zu Nutz und Frommen der antisemitischen Propaganda weidlich aus. Charakteristisch für Herrn Caro ist die Thatsache, daß jener arische Advocat in Lemberg, bei welchem der antisemitische Musterjude als Concipient fungirte, demselben das Zeugniß gab, er vereinige in seiner Person in potenzirtem Maße alle jene Merkmale, welche er als typische und die christliche Bevölkerung verletzende Charaktereigenschaften des jüdischen Volkes aufzählt, und nicht minder charakteristisch ist es. daß ihn auch der Abgeordnete Schlesinger in einer seiner antisemitischen Brandreden als seinen Kronzeugen benutzte. Die Thatsache, daß die Düna-Zeitung ihrem Urtheile über die Juden das Zeugniß eines solchen Menschen zu Grunde legt, setzt ihrem Artikel die Krone auf: Leopold Caro gegen das arme russische Judenthum! Nus Rußland. Odessa, 22/3 December 1892. Bekanntlich verfügte ein jüngst erschienener Ukas den Ausschluß sämmtlicher jüdischer Stadtverordneten und Magistrats-Directoren aus den autonomen Stadt-Bertretunaen, welche bisher in Gemeinden mit zahlreicher jüdischer Einwohnerschaft, wie Odessa, aus einem Drittel Juden und zwei Dritteln Andersgläubigen zusammengesetzt waren. Demgemäß scheiden mit Ablauf des Jahres 24 jüdische Gemeinderäthe unter denen viele durch ihre reichen Erfahrungen auf dem Verwaltungsgebiete eine hervorragende Bedeutung erlangten und von der hohen Regierung vielfach ausgezeichnet wurden, aus dem Municipalrathe Odessa's und mit ihnen fällt auch der einzige jüdische Magistrats Director Herr Raphael Chary, welcher diesen verantwortungsvollen Posten durch wiederholte einstimmige Wiederwahlen fünfzehn Jahre inne hatte. Dieser pflichtgetreue und gewissenhafte Beamte mit ausgesprochen jüdisch-nationaler Schattirung, welcher als Chef der Finanz-Abtheilung die Seele der obersten Stadtverwaltung

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