Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020951--01969-3026036- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 51 Oesterrrrchifchr Wochenschrift Seite 917 Glaubensgenossen tragen zu können. Da nun der Papst dieses Vermächtniß annehmen mußte, theilte er es in zwei Hälften, j wovon er die-eine an die armen Israeliten von Livorno, die! andere an die hilfsbedürftigen Bewohner des Ghetto in Rom vertheilen ließ." „Wenn wir nun die Frage aufwerfen, ob die Juden sich ihren wahren Freunden auch schon einmal erkenntlich gezeigt und dem apostolischen Stuhle und dem katholischen Clerus ihren Dank ausgesprochen haben, so wird dem Leser nicht entgangen sein, daß wir bereits im Stande waren, einige jüdische Dankesäußerungen gegenüber einzelnen Päpsten oder Mitgliedern des Clerus zu verzeichnen. Wir haben erwähnt, wie der heilige Bernhard in einem jüdischen Tagebuche als Beschützer der verfolgten Juden gepriesen wird, und wie das Tagebuch ihm nachrühmt, daß er nicht um schnöden Gewinnes willen, sondern aus Nächstenliebe und durch sein Gerechtigkeitsgefühl getrieben gegen die Judenverfolgungen sein gewichtiges Wort einlegte. Wir haben auch von der Dankbarkeit der Juden gegen den Höchstseeligen Papst Pius IX. gesprochen, die sich nicht bloß in Worten, sondern auch in Thaten kundgegeben hat. Wir wollen nun noch beifügen, wie die dankbare Gesinnung der Juden gegen den Apostolischen Stuhl auch in einer öffentlichen Versammlung ihren feierlichen Ausdruck gefunden hat. "Kaiser Napoleon Iwollte, wie er die kirchenpolitischen Verhältnisse der katholischen Kirche in seinem Reiche durch eine Übereinkunft mit dem Apostolischen Stuhle geordnet hatte, auch die religiös-politischen Verhältnisse der Juden in Frankreich ordnen, und berief zu diesem Zwecke die Rabbiner Frankreichs am 30. October 1806 zu einer Synode — der große Sanhedrin genannt — nach Paris. In dieser Synode war es, wo die Gerechtigkeit und Liebe, die der Apostolische Stuhl und der katholische Clerus gegen die Juden stets an den Tag gelegt haben, eine glänzende Anerkennung fanden. „In der Sitzung kdes Sanhedrins am 5. Februar 1807 hielt der Abgeordnete Isaak Samuel Avigdor von Lyon eine Rede, in welcher er durch zahlreiche Beispiele aus dem Verlaufe der christlichen Jahrhunderte das gerechte imb liebevolle Verhalten des Apostolischen Stuhles und des katholischen Clerus gegen die Juden bestätigte. „Um die Mitte des siebenten Jahrhunderts," so sprach der Redner, „vertheidigte Gregor der Große die Juden, und nahm sie in der ganzen christlichen Welt in Schutz. Im zehnten Jahrhundert widerstanden die spanischen Bischöfe mit der größten Entschiedenheit dem Pöbel, der die Juden niedermetzeln wollte und Papst Alexander II. beglückwünschte sie aufs anerkennendste wegen dieses weisen Verhaltens. Im elften Jahrhundert wurden die in den Diöcesen von Uzes und Clermont in überaus großer Zahl vorhandenen Juden durch die Bischöfe mächtig beschützt. Der heilige Bernhard vertheidigte sie im zwölften Jahrhundert gegen die Wuth der Kreuzfahrer. Ebenso wurden sie von Jnnocenz II. und Alexander III. beschiitzt. Im dreizehnten Jahrhundert schützte sie Gregor IX. in England, Spanien und Frankreich gegen großes Unheil, das ihnen drohte: er verbot unter Strafe der Exkommunikation, Gewissenszwang gegen sie anzuwenden oder ihre Feste zu stören. Klemens V. that noch mehr; er beschützte sie nicht blos, sondern erleichterte ihnen auch die Mittel, sich zu unterrichten. Klemens der VI. gewährte ihnen zu einer Zeit, da man sie im ganzen übrigen Europa verfolgte, eine Freistätte zn Avignon. Gegen die Mitte des nämlichen Jahrhunderts hinderten es die Bischöfe von Speier,' daß sich die Schuldner der Juden, unter dem so oft wiederholten Vorwände des Wuchers, gewaltsam ihren Verpflichtungen entzogen. In den folgenden Jahrhunderten schrieb Nikolaus II. an die — spanische — Inquisition, um sie zu hindern, die Juden zur Annähme des Christenthums zu zwingen. Klemens XIII. beruhigte die jüdischen Hausväter, die das Schicksal ihrer Kinder bekümmerte, welche man oft aus den Armen der Mutter geriffen. Man könnte leicht noch eine ungeheure Menge solcher Werke der Liebe anführen, die von seiten Geistlicher, welche ihre Pflichten als Menschen und Christen kannten, gegen die Jsraeliten in verschiedenen Zeiten geübt wurden." ,,Nachdem dann der Jsraelite Avigdor es beklagt hatte, daß - das israelitische Volk noch nie seine Dankbarkeit für so große Wohlthaten äußern konnte, lnd er die Versammlung ein, bei gegenwärtiger Gelegenheit ihre Dankgefühle feierlich auszusprechen. Die ganze Versammlung zollte nicht nur dem Redner ihren Beifall, sondern legte auch in dem Sitzungsprotocolle vom 5. Februar 1807 die folgende Erklärung nieder: „Die Abgeordneten der jüdischen Synode aus dem Kaiserthume Frankreich und dem Königreiche Italien, welche den 30. März vorigen Jahres ausgeschrieben wurde, beschließen, durchdrungen von Dank gegen die Wohlthaten, welche von Seiten des christlichen Clerus im Laufe der früheren Jahrhunderte in den verschiedenen Ländern Europas den Juden zu Theil wurden; ebenso volle Erkenntlichkeit für den Schutz, welchen verschiedene Päpste und andere Geistliche im Laufe der Zeiten in den mancherlei Ländern den Israeliten erwiesen, als noch Barbarei im Bunde mit Vorurtheilen und Unwissenheit sie verfolgte und austrieb aus der menschlichen Gesellschaft: — daß der Ausdruck dieser Gesinnungen ausgezeichnet und in dem Protokoll dieses Tages niedergelegt werde, auf daß es zum immerwährenden und urkundlichen Zeugniffe der Dankbarkeit diene, welche die Israeliten dieser Versammlung für die Wohlthaten hegen, die ihre Vorfahren von den Geistlichen der verschiedenen Länder Europas empfangen haben. Sie beschließen des Weiteren, daß eine Abschrift dieser Kundgebung Sr. Excellenz dem Minister des Cultus eingeschickt werde. „Wie überall und bei allen Völkern giebt es auch bei den Juden undankbare Menschen, welche ihren Wohlchätern mit Schmähungen und Verleumdungen die empfangenen Wohlthaten vergelten. So sollen die Juden in Rom nach der Einnahme der ewigen Stadt durch die piemontesischen Truppen im Jahre 1870 an den König Victor Emanuel eine Adresse eingereicht haben, die mit Ausdrücken kriechender Ergebenheit an die neue Regierung neben schmählichen Ausfällen gegen die päpstliche Regierung angefüllt gewesen sei. Wir wollen nicht untersuchen, ob die Echtheit des Schriftstückes über allen Zweifel erhaben ist, wer die Verfasser der Adresse gewesen sind, unter welchen Einflüssen und Eindrücken sie abgefaßt wurde, aber fragen dürfen wir doch, ob denn dieser Undank der römischen Juden nicht ganz verschwinde gegenüber dem gewiß viel schmachvolleren Undank dessen sich selbst Christen gegen den Papst schuldig gemacht haben. Oder waren es nicht die Christen die in Rom den Papst verflucht und sich mit geladenem Gewehr vor der Wohnung des heiligen Vaters Pius IX. aufgestellt haben, um ihn sofort, wenn er sich blicken ließe, zu erschießen? Waren es nicht Kinder der Kirche, katholisch getaufte Christen, welche die gemeinsten Beschimpfungen, die niederträchtigsten Verleumdungen gegen den hochseligen Papst Pius IX. verbreitet, die Hand gegen den heiligen Vater und sein Befitzthum erhoben, ihn vergewaltigt, seines Eigenthums beraubt haben, und ihn jetzt noch iu seinem Hause gefangen halten? Ist dieser Undank der Christen gegen den Vater der Christenheit nicht ein himmelschreiendes Verbrechen gegenüber dem Vergehen des Undankes, dessen sich römische Juden gegen den Papst schuldig gemacht haben? Daß aber nicht alle Juden mit dem Vorgehen ihrer Glaubensgenossen in Rom gegen den heiligen Vater einverstanden sein dürften, möchte aus dem Schreiben zu entnehmen sein, das Juden von Lyon an die israelitische Gemeinde in Rom gerichtet haben. In diesem Schreiben geben die Lyoneser Juden den römischen Juden den guten Rath, sich mit den Jtalianiffimi nicht zu tief einzulassen und den Zorn der Priester nicht herauszufordern, denen sie zu großem Danke verpflichtet seien; die Zeiten könnten sich ändern, man habe vielleicht von den Priestern allein wieder Schutz zu hoffen. So gibt es dankbare Leute und undankbare bei den Juden wie bei allen Völkern, und auffallend wäre nur das eine, wenn das Judenvolk allein eine Ausnahme von der Regel machte." Aus Riga. Macht eigenes Leid wirklich blind und ungerecht gegen fremdes? Wir werden zu dieser Frage durch einen Artikel veranlaßt, welcher in der Rigaer „Düna-Zeitung" über die Juden, oder besser gesagt, gegen die Juden erschienen ist. Die „Düna- Zeitung" vertritt die Interessen der Deutschen in den russischen Ostsee-Provinzen. Sie ist über ganz Estland, Livland und Kurland verbreitet und war die treue Hüterin der Selbstständigkeit dieser Provinzen, solange eben diese Selbstständigkeit noch bestand und einem Zeitungsorgane in Rußland noch eine gewisse Unabhängigkeit zugestanden war. Seit nun die „Düna- Zeitung" ihre bisherige Mission nicht mehr erfüllen kann, macht sie sich „Gedanken über den Antisemitismus", und, merkwürdig genug, kommen in diesen Gedanken nicht nur die armen rus-