Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 916 Oesterreichifche Wochenschrift Nr. 51 Ihum eines ganzen Refforts vom geheimen Judenthum durchseucht sei, mehr den Sonderintereffen der Judenschaft und der Börsenleute als den Interessen des Reichs diene, und daß sich dort Dinge ganz unerhörter Art abspielen, Handlungen der niedrigsten Selbstsucht und unsauberer Geschästsgaukelei — unter Personen des allerzweifelhastesten Charakters — so müssen solche befremdliche Behauptungen ein Kopfschütteln Hervorrufen. . ." (Antis. Korr. Nr. 209.) Aber die Wellen spritzen höher noch empor bis an den Thron: „Es ist auffallend und es muß jedenfalls auf den mißtrauenden Blick des Zaren (!!) alterirend wirken, daß sich die vorderste R°ihe der Berliner Hofgruppe aus jüdischen Typen zusammensetzt. Die Anticedentien des jederzeit bankfähigen preußischen Finanzministers sind auch in Rußland genau bekannt; seine ausdrückliche Warnung vor antisemitischer Parteipolitik wohl nicht minder; daß der Chef des Militärkabinets, General von Hahnke, in guten Beziehungen zu dem Bleichröder'schen Hause steht, wird der russische Militärattache in Berlin nicht unbeachtet gelassen haben; der Chef des Civilcabinets. Lucanus, ist jüdischer Herkunft; jedem von beiden wurde der historische Auftrcg zu Theil, das Entlaffungsgesuch des Fürsten Bismark einzufordern; zum Kaiser in persönlichem Berttauen besonders Angewandte Persönlichkeiten, wie die Herren Douglas und Güßfeldt, der Schauspielschreiber Lubliner und Frau von Kocielski sind gleichfalls jüdischer Abkunft. Es genügt, nur in Kürze anzudeuten, daß man in Petersburg über die Verquickung des Berliner Hoflebens mit dem internationalen, jedenfalls antirussischen Judenthum auf das genaueste vertraut ist. DerjGedanke, daß Wilhelm II. durch fortgesetzte „Judain"-Einspritzungen in dieselbe seelische, politische und ökonomische Lähmung versetzt werden könnte, wie sein unglücklicher Vater, liegt in Petersburg ols Revanche für die Andeutungen des „Berliner Tageblatts" besonders nahe, daß sehr wohl auch Alexander HL den nihilistischen Judentod seines Vorgängers erleiden könne.*- Das bezweckt die schamloseste Denunciation des deutschen Kaisers bei dem russischen Hof! Noch ist die Hoffnung nicht aufzugeben, daß die deutsche Nation sich ermannen und sich der Gefahren erwehren wird, von denen sie bedroht erscheint. Freiheit und Fortschritt, der Frieden nach Innen und Außen, das Ansehen und die Größe Deutschlands, das alles steht auf dem Spiele. Den Juden ist das Gefühl der Gemeinsamkeit als Act der Nothwehr zur Pflicht gemacht, aber hauptsächlich in dem Sinne, solidarisch einzustehen für die Principien der Freiheit und der Civilisation. Werden die Juden dieser Aufgabe treu bleiben, dann wird vielleicht das Wort des Propheten sich erfüllen: „Du wirst nicht in ihr Lager, sie werden in Dein Lager übergehen." Das Papstthum und die Juden. Wir haben bereits sofort nach ihrem Erscheinen auf die Epoche machende Schrift: „Die Kirche und die Juden" von Pfarrer Dr. Frank aufmerksam gemacht. Soeben ist von derselben die dritte Auflage erschienen. Wir heben ans dem Vorwort folgende charakteristische Stelle hervor: „Wenn ich in einzelnen Blättern von antisemitischer Färbung dem Publikum als getaufter Jude vorgestellt wurde, so habe ich über diese Entdeckung herzlich gelacht. Ich habe mich dabei lebhaft an den hochseligen Papst Pius IX. erinnert, der. wie Karl Paasch in seinem zweibändigen Werke „Eine jüdisch-deutsche Gesandtschaft und ihre Helfer; lll. Theil, Seite 117" nachweist, ebenfalls ein Hebräer war: „Ein Schüler des Seelenriechers Dr. Jäger hat das schon im Jahre 1847, als er den Pantoffel des Papstes küffen durfte, durch den Geruch entdeckt, und Papst Pius IX. hat es dann im Jahre 1861 den Gebrüdern Kohn aus Lyon selbst eingestanden. Ich befinde mich also auch hier in ganz guter Gesellschaft." „Der unvergeßliche Papst Pius IX. hatte im Jahre 1846 kaum den Apostolischen Stuhl bestiegen, als er seine väterliche Fürsorge auch dem Judenviertel in Rom, dem Ghetto zuwandte. Es wurden verschiedene Anordnungen getroffen, um die gesundhettlichen Verhältnisse zu verbessern und den Stadttheil wohn¬ *) „Neue Deutsche Zeitung" Nr. 161. Abgedruckt aus einer Broschüre „Wilhelm II und Alexander III." Verlag Glöß, Dresden, Das ist jener Herr Glöß aus Dresden, der selbst als Patriot im Ahlwardt-Prozeffe auftrat, der die Judenflinten verlegte, und der Ahlwardt einen reinen Patrioten nannte. Dieselbe Veröffentlichung findet sich in der „Hannoverschen Post" Nr. 18 \ Es sei überhaupt gesagt, daß die „Antisemitische Korrespondenz" und die „Neue Deutsche Zeitung" meist die gesammte antisemitische Presse versorgen. licher zu gestalten. Eine Deputation der Juden dankte dem heiligen Vater und machte ihm einen alterthümlichen Kelch zum Geschenke, der im Ghetto schon Jahrhunderte lang aufbewahrt worden war. Der Papst nahm das Geschenk mit aller Herablassung an und sprach: „Meine lieben Söhne! Mit Vergnügen nehme ich euer Geschenk, indem ich euch dafür danke." Dann setzte er sich an seinem Schreibtisch, schrieb auf das erste Blatt Papier, das ihm in die Hände kam: „Gut für tausend Thaler", und setzte seine Unterschrift darunter; dann fuhr er fort: „Nehmet dagegen auch meine kleine Gabe an und vertheilt sie im Namen Pius IX. an die armen Familien im Ghetto!" Dann gab er ihnen das Versprechen, daß er seme väterliche Fürsorge von ihren Glaubensgenossen niemals abziehen, sondern ihnen die nämliche Aufmerksamkeit widmen werde, wie den Christen, da er sein Herz keinem menschlichen Geschöpfe, dessen Leitung ihm Gott anvertraut, verschlossen habe." „Der Papst fand auch bald eine Gelegenheit, zu beweisen, daß er sein Versprechen nicht vergessen habe. Seit unvordenklichen Zeiten bestand der Gebrauch, daß die israelitische Gemeinde zu Rom am ersten Tage der Fastnacht in feierlichem Zuge die jährliche Abgabe überbringen mußte, die sie an die Rentkammer des Kapitoliums zu entrichten hatte. Mit dieser demüthigen Feier wurden alljährlich die Lustbarkeiten der Winterszeit eröffnet, einige Tage zuvor, ehe diese Steuer stattfinden sollte, ließ der Papst den Israeliten zu wissen thun, daß sie nicht mehr verpflichtet seien, die Prozession nach dem Kapitolium vorzunehmen, und daß diese Ausnahmssteuer in nächster Zeit werde abgeschafft werden. Zugleich verordnete er, daß die Thore des Judenviertels, welche bis dahin regelmäßig allabendlich beim Rufe der Angelusglocke geschlossen wurden, fortan die ganze Nacht hindurch offen bleiben sollten, damit die Bewohner des Ghetto wie die übrigen Römer ungehindert ihren Geschäften oder ihren Vergnügungen nachgehen könnten. Dieser erste Schritt zu umfassenden Verbesserungen erfüllte die Juden mit unbeschreiblicher Freude. Viele trugen kein Bedenken, Pius IX. als den verheißenen Messias zu erklären, und die meisten schwuren, ihm treu anzuhängen und erforderlichen Falles für ihn in den Kampf zu ziehen. Ihre Begeisterung verbreitete sich weit über die Grenzen des Kirchenstaates, und die Juden von ganz Italien vereinigten sich zu Kundgebungen ihrer Anhänglichkeit an Papst Pius IX. „Im Dezember 1846 richtete der Tiberfluß durch eine Ueberschwemmung großen Schaden in der Stadt Rom, besonders im Ghetto an. Als eine Folge der Ueberschwemmung traten bösartige Fieber auf, welche die Bewohnerschaft des Ghetto in steter Todesangst erhielten. Da gestattete Papst Pius, daß die Juden den Ghetto verlassen und sich in anderen Stadttheilen ansiedeln durften. Damit aber kein Mangel an Wohnungen eintrete, berref der Papst sofort eine Commission, welche die Aufgabe hatte, die Pläne zur Anlegung eines neuen Stadttheiles auszuarbeiten." „Im Sommer des Jahres 1847 sah Papst Pius, als er eines Tages eine Ausfahrt machte, in einer Straße Roms einen alten Mann ohnmächtig auf dem Boden liegen. Der edle, menschenfreundliche Papst ließ sogleich halten: auf sein Befragen, wer der Arme sei, antwortete einer aus der gaffenden Menge: „Es ist nur ein Jude." Unwillig über diese lieblose Antwort rief Pius den Umstehenden zu: „Was sagt ihr da? Ist der Leidende nicht euer Mitbruder? Verdient er nicht unseren Beistand?" Und von den Prälaten, die ihn begleiteten, unterstützt, richtete er selbst den alten Mann auf, ließ ihn in seinen Wagen bringen, führte ihn zu seiner Wohnung und verließ ihn nicht, bevor er das Bewußtsein wieder bei ihm erwachen sah. Dann schickte er ihm unverzüglich seinen Leibarzt und sorgte für die nöthige Verpflegung." „Daß die Juden für solche Beweise echt christlicher Nächstenliebe nicht bloß in Worten, sondern auch im Herzen und in der That dem großen Papste dankbar waren, dürfte aus folgender Thatsache ersichtlich sein." „Ein reicher jüdischer Handelsmann von Livorno setzte in seinem Testamente dem Papste ein Legat von 30.000 Thalern aus. Als der Papst erklärte, daß er ein Vermächtnis, welches die Erben des Verstorbenen um einen so beträchtlichen .Vermögenstheil verkürze, nicht annehmen könne, gaben diese zur Antwort, es sei ihre Pflicht, sich in den Willen des Erblassers zu fügen und sie selbst seien auch wohlhabend genug, um dieses leichte Opfer zu Gunsten des Wohlthäters ihrer