Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 51. Oesterreichifche Wochenschrift Seite 915 drückung seiner Broschüre zu bewegen. Ahlwardt wäre ja auch sofort bereit gewesen, sich in einen Judenknecht zu verwandeln, wenn nur die Höhe der Summe mit den Schweiggeldern in Einklang gestanden wäre. Aber es wurden keine Schweiggelder gezahlt und aus diesem Grunde wurden die deutschen Jnfanteriegewehre als „Judenflinten" bezeichnet. Die Vertheidigung Ahlwardts nahm damit ihren Anfang, daß man den Proceß zu verschleppen suchte; durch ein terroristisches Auftreten, durch die willkürlichsten Mittel sollte die Vertagung des Protestes erzwungen werden. Der Vertheidiger verlangte zwar nicht, daß man den Mann aus dem Mond als Zeugen vorlade, aber es nimmt uns Wunder, daß er nicht die Vorladung irgend eines Negerhäuptlings aus den deutschen Colonien Afrika's verlangte, weil dieser über die „Judenflinten" ein abfälliges Urtheil abgegeben habe. Der Proceß war für Ahlwardt rettungslos und hoffnungslos; der Vertheidiger sah ein, daß er für eine verlorene und für eine schlechte Sache kämpfe. Aber als echter und gerechter Antisemit mußte er diese Erkenntniß, die ihm sicher nicht erst während der Verhandlung aufdämmerte, dadurch zu verkleiden wissen, daß er mit Lügen und Verleumdungen, mit seiner unerhörten Beleidigung des Gerichtshofes und seines Vorsitzenden die Vertheidigung niederlegte und aus dem Gerichtssaale sich entfernte. Die Scandalscene, die sich in der Verhandlung vom 7. December ereignete, ist in den Telegrammen ausführlich geschildert. Der Vertheidiger kam mit zahlreichen Anträgen zur Erneuerung des Beweisverfahrens. Nach wiederholten Berathungen des Gerichtshofes erklärte der Präsident, daß diese Anträge ein betrügerisches Mittel seien, um den Proceß zu verschleppen. Es kam zu einer heftigen Controverse zwischen dem Präsidenten und dem Vertheidiger. Der Präsident erklärte, daß es die Absicht des Vertheidigers sei, den Gerichtshof nach Außen hin bloßzustellen und daß noch niemals ein Vertheidiger so wie Hier, nämlich so frech und maßlos, aufgetreten sei. Im antisemitischen Geiste bezeichnete der Vertheidiger Hertwig mit dem Ausdrucke des Hohnes den Tidel des Präsidenten als eine Anerkennung seiner Thätigkeit als Vertheidiger. Jetzt kam der Abschluß der von dem Vertheidiger inscenirten Comödie. Rechtsanwalt Hertwig sprang von seinem Sitze auf und schrie so laut er schreien konnte: „Ich lehne es ab, mich weiter an der Vertheidigung eines Mannes zu betheiligen, dem man das rechtliche Gehör versagt, der schon verurtheilt war, ehe er noch ein Wort gesprochen. Das Land wird uns verstehen, das Volk wird richten." Das ereignete sich in der Hauptstadt des deutschen Reiches; so wird von den Antisemiten die Autorität der Gerichte geachtet, so im Gerichtssaale durch antisemitische Rechtsvertreter die-Wahrheit geschändet. Erhabene Zeitgenossen, Helden, Einer des Andern werth; Ahlwardt, Stöcker. Rohling, Schneider. In der Verhandlung lernten wir noch den Antisemiten Paasch als Zeugen kennen. Er zählt zu jenen Narren, welche Leuten, die kein Mitleid kennen, zur Belustigung dienen. Solche Figuren fehlten früher in keiner Stadt und in keinem größeren Dorfe; die Straßenjugend reizte und neckte sie nicht immer mit den sanftesten Mitteln. Jetzt bekennen sie sich zum Antisemitismus und werden als ernsthafte Leute angesehen. Paasch hat in Berlin sein lachendes, ab r auch ganz gewiß sein ernsthaftes Publikum. Seine Combinationen sind so einfach und klar, daß er damit selbst auf einem Narrencongreß Furore machen könnte. Er ist über die Geheimnisse der „^llinnee Israelit«- außerordentlich gut unterrichtet, obgleich die Juden so gescheidt sind, Niemanden etwas zu sagen; aber er, der Paasch weiß es. Man zahlt zehn Mark an die Alliance und darf jedes Verbrechen begehen. Zehn Mark; — Ahlwardt hätte als Schweiggeld viel mehr verlangt. Jeder Jude, der nicht zur Alliance gehört, wird todtgeschlagen. Und eine solche Gesellschaft wird von Antisemiten angegriffen. Das ist zu dumm. Der Präsident machte dem Ulk ein Ende. Es bleibt jetzt nur noch übrig, daß die österreichischen Antisemiten Herrn Paasch einladen, eine Vorlesung in Wien zu halten. Es muß noch die Krankheit Ahlwardts erwähnt werden. Das war das letzte Mittel des Angeklagten. Er wollte die Aerzte täuschen und die Verhandlung verzögern. Aber man entdeckte in seiner Rocktasche ein Fläschchen Atropin, die Quelle der künstlichen Krankheit. Der Gerichtshof hat Ahlwardt zu fünfmonatlichem Gefängniß verurtheilt. Aber er ist dennoch der Held der Conservativen. Die Kreuzzeitungs- Partei erklärt sich für ihn, obwohl seine Broschüre geeignet ist, den guten Geist in der Armee zu zerstören und das Ausland zum Kriege gegen Deutschland zu ermuthigen. Das Groß der deutschen Reactionspartei zählte längst zu den Antisemiten. Ihr offener Anschluß an den Antisemitismus ist wenigstens nach einer Richtung ein entschiedener Bortheil. Die Brüder der heiligen Hermandad bildeten eine freiwillige Polizei im Dienste der öffentlichen Sicherheit, waren aber geheim mit den Diebsbanden verbündet. So haben auch die deutschen Conservativen sich immer darauf berufen, daß sie die conservative Ordnung im Staate vertheidigen und dabei unterstützten sie dennoch die extremsten Richtungen. Jetzt bekennen sie sich offen als revolutionäre Partei und wie Stöcker deutlich erklärte, wird auch die Hilfe der Anarchisten nicht verschmäht. Bebel und Liebknecht erscheinen conservativ gegenüber diesen conservativen Antisemiten. Die Dynamitbomben des Anarchismus, auch sie können bestellt werden bei der Waffenfabrik Ahlwardt, Stöcker und Compagnie. Anderseits darf nicht verkannt werden, daß jetzt der Antisemitismus im öffentlichen Leben Deutschlands durch eine starke Truppe vertreten ist und daß sich darunter Personen befinden, welche vermöge ihrer gesellschaftlichen Beziehungen mit den höchsten Regionen des Staates unmittelbar Berührungspunkte finden können. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die deutschen Conservativen zunächst die Steigerung der allgemeinen Verwirrung erstreben. Nicht nur das Vertrauen in den Staat soll zerstört, sondern dem deutschen Volke jsder sittliche Halt genommen werden. Mit Hilfe einer weit verbreiteten Unzufriedenheit, mit Hilfe der antisemitischen Bewegung und mit Hilfe der Anarchisten wollen die deutschen Conservativen einen Zustand herbeiführen, der das deutsche Reich zwingen soll, sich gänzlich der Reaction in die Arme zu werfen. Dann werden die Conservativen ihre Forderungen stellen, Sachsen ist am Lautesten und Eifrigsten bei der antisemitischen Bewegung; in Sachsen wird der Antisemitismus hoch von Oben protegirt. Würde dieser Plan gelingen, dann würde Deutschland tief hinabgestoßen werden in der Reihe der Nationen. Die stärkste Armee würde die Demoralisation nicht aufwiegen, die in Deutschland Platz greifen würde. Aber daran ist den antisemitischen Lumpen wenig gelegen; sie sind in Wahrheit eine vaterlandslose, eine vaterlandsverrätherische Partei gegenüber dem Reich und gegenüber der Dynastie der Hohenzollern.. Wir wollen nicht schließen, ohne das zu berühren, was wir im Sinne Kants die Autonomie der Politik nennen möchten. Aus den nationalen Bestrebungen, aus dem nationalen Principe heraus wächst die Größe und die Einheit Deutschlands. Das Mißverstehen des Nationalitätsbegriffs, die Steigerung des Nationalitätsprincips zum Rassenprincip bereitet den Boden für den Antisemitismus. Alle Gespenster der Reaetion wurden damit wieder ins Dasein gerufen. „Bleichröder ist doch ein Deutscher," sagte einmal Fürst Bismarck im deutschen Reichstage. Daß man den deutschen Juden das Deutschthum abstreiten wollte, das war die Wahnvorstellung, welche die verderblichsten Consequenzen zur Folge haben mußte. Man hatte die abschüssige Bahn betreten und man befindet fich nicht mehr allzuweit vom Rande des Abgrunds. In Rußland verfolgt man nicht nur die Juden, sondern auch die Christen, die nicht zum orthodoxen Glauben sich bekennen und vor allem dieDeutschen. Die Russen haben dazu ein Recht erlangt vermöge des deutschen Antisemitismus. Die Deutschen haben die Gastfreundschaft vieler Länder, diesseits und jenseits des Oceans in Anspruch genommen. Dem antisemitischen Principe gemäß darf man sie überall rücksichtslos verfolgen. Rußland ist noch milde; es erlaubt den Deutschen wenigstens Russen zu werden. In Oesterreich werden die Juden durch den Antisemitismus gezwungen, in das slavische Lager überzutreten. So führt das mißverstandene Nationalitätsprincip in seinen Uebertreibungen zur Zerstörung der nationalen Jntereffen innerhalb des deutschen Reiches und außerhalb der Grenzen des Reiches. Die Züchtigung, welche die Bande durch den deutschen Reichskanzler Grafen Caprivi erfahren, nimmt sie mit scheinbarem Gleichmuth auf. Vielleicht ist auch Graf Caprivi ein — Geheimjude! „Alsdann wird auch die bemerkenswerthe Thatsache zur Sprache kommen, daß fast alle Soldschreiber des „Neuen Kurses" ausländische Juden sind - . . - so finden wir überall als Helfer und Zuträger des Neuen Kurses — das Judenthum." (Neue Deutsche Zig. Nr. 248). Entsprechend verjudet ist nunmehr auch die deutsche Vertretung im Ausland. „Wenn da plötzlich behauptet wird, daß das Gesandtschafts- und Consulatswesen des Deutschen Reiches und das hohe Beamten-