Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 914 Orstrrreichifchr Wochrnfchrist 51 Das Letztere steht auf einheitlich nationaler Grundlage und die staatliche Gewalt erscheint daselbst straff zusammengefaßt in der Hand der Centralregierung. In Oesterreich aber wirken ungleich mehr centrifugale Kräfte zur Schwächung der gesammtstaatlichen Idee zusammen. Hier verbindet sich der Ultramontanismus und. der Nationalismus:'in verderblichster Weise mit den gesellschaftlichen Anarchismus der Judenhetze. Und wenn in Deutschland die maßgebenden Factoren die Sorge aussprechen, daß die antisemitische Bewegung früher oder später zum Sturz in den gähne,iden Abgrund führen müsse, so ist das auch ein sehr deutlicher Warnungsruf für die leitenden Staatsmänner Oesterreichs, dann muß man sagen, daß wir in Oesterreich bereits hart am Rande dieses Abgrundes stehen und daß jede Förderung solcher Bestrebungen directer Hochverrat ist und auf die Zertrümmerung des Kaiserstaates abzielt. Die Clerical-Conservativen haben mit ihrem Anschluß an den Antisemitismus eine gar seltsame Probe ihres Patriotismus abgelegt und an der Regierung ist es, diesen Patriotismus nach seinem wahren Werthe abzuschätzen. Lüge, Verleumdung und Comp., such eine Wsffenfsbrik. Jetzt wiffen wir es; zu diesem Zwecke ist der Kyffhäuser aus seinem Schlaf erwacht und erfüllte sich der Traum der Jahrhunderte und das ist die Station, bei welcher der ruhmvolle Zug anlangt, den man deutsche Geschichte nennt. Bon der Cheruskerschlacht bis zur Abwehr der nach Frankreich vordringenden Mauren, bis zu den Schlachten Carl's des Großen, bis zu den Thaten der Hohenstaufen, bis zu dem Werke der Reformation, bis zur Octoberschlacht, bis Sedan und jetzt am Ende des neunzehnten, hart an der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts . . der Proceß Ah l wardt, das große Ereignis der Woche,das Ereignis,das die deutsche Nation bewegt und die Schadenfreude feindlicher Völker weckt. Der Antisemitismus trägt einen falschen Namen, er sollte sich Antigermanismus nennen; denn er ist ein Feind deutscher Macht, deutscher Ehre, deutschen Ruhmes, ein Feind der deutschen Nation, ein Verbündeter der französischen Revanchepartei und des grimmigen Deutschenhaffes der Panslavisten. Das ist auch eine Waffenfabrik; man kennt die Waffen und man kennt die Geschosse. In den „Wunderbaren Ge^ schichten von Worms" ist eine merkwürdige Sage enthalten. Demnach hätten schon vor der Erbauung des zweiten Tempels jüdische Colonien sich am Rheine angesiedelt. Als nun der jüdische Staat wieder aufgerichtet war, da erging von Jerusalem aus die Aufforderung an die Juden am Rhein, sie sollten in das heilige Land zurückkehren. Die Juden auf germanischem Boden aber hätten es abgelehnt, der Einladung Folge zu leisten und sie blieben am Rheine. Aus einige Jahrhunderte mehr oder weniger kommt es bei einer Sage nicht an. Aber die Sage beweist denn doch, daß die Juden schon im frühen Mittelalter das Heimatsgefühl für Deutschland besaßen und ihre deutsche Vaterlandsliebe spricht sich in naiver Weise, aber aus diesem Grunde um so überzeugungsvoller in der Tradition aus, daß »der Orient, daß selbst der neu aufblühende jüdische Staat für sie keine Anziehungskraft hatte. Und wie wurden diese deutschgesinnten, zu Deutschen gewordenen, vaterlandstreuen Juden im Laufe d-r Jahrhunderte in deutschen Landen behandelt! Haben die Geschichtsschreiber diese Verbrechen, begangen vom Volke und ermuthigt von der geistlichen und weltlichen Obrigkeit oder ausgehend von der Obrigkeit und unterstützt vom Volke, diese Verbrechen, deren Opfer schuldlose Menschen, nach Gebühr hervorgehoben und haben sie dafür das verurteilende Wort mit der nothwendigen Schärfe gefunden? Haben wir eine Karte des damaligen Deutschland, an welcher die Punkte topographisch gezeichnet wären, wo Juden für ihren Glauben einen martervollen Tod erlitten, oft Männer und Frauen von edelstem Charakter und hohem geistigen Wesen? Haben die Propheten der Nation, haben die großen deutschen Dichter und Denker dafür daL gebührende strafende Wort gefunden? Darum allein ist es möglich geworden, daß ein großer Theil der deutschen Nation nicht das Bewußtsein der schweren Schuld besitzt, womit die Vergangenheit des deutschen Volkes velastet ist. Und so ist es auch möglich geworden, daß man die deutschen Juden noch heute als Fremde hinstMn kann und so ist aus dem Sumpfe der Vergangenheit der Antisemitismus hervorgewachsen, die Schande und die Roth unserer Zeit. — Neben dem Traum der Jahrhunderte, die Sünde der Jahrhunderte, neben dem erwachten Kyffhäuser die Gestalt eines Ahlwardt; die Sünde der Jahrhunderte rächt sich an Deutschland, die norddeutschen Conservativen versuchen es, Ahlwardt in die Walhalla einzuführen; es gibt kein Wort für diese grenzenlose Schmach. Lüge, Verleumdung und Comp., wir haben die Werkmeister der Fabrik genannt, die schwarzen Gesellen, welche international sind wie die Hölle. Die Compagnie ist zahlreich; der Meineid ist darunter; er tritt feierlich auf wie der Professor an der Prager Hochschule. Auf deutschem Boden aber ist dieFirma protocollirt als Ahlwardt, Stöcker und Compagnie. Der Prozeß Ahlwardt, an sich merkwürdig und charakteristisch genug, , hat eine große Bedeutung erlangt durch die gleichzeitige Wahl | Ahlwardt's zum Reichstagsabgeordneten und durch den offen deklarirten Anschluß der Conservativen an die antisemitische Partei. Das Volk wählte Ahlwardt, obgleich er jedes sittlichen Gefühls verlustig geworden, weil er Antisemit ist und weil der Antisemitismus ein Freibrief ist für jedes Verbrechen. Die deutsche conservative Partei aber geht um einen Schritt weiter. Gerade die Verbrechernatur Ahlwardts, gerade die wahnsinnige Frechheit, mit der er seine Verworfenheit zur Schau trägt, sind Gründe, ihn aufs Wärmste zu empfehlen, ihn hoch empor zu heben. Die Wähler holen sich den Mann ihres Vertrauens vom Pranger herunter, die Conservativen würden ihn gar nicht eines Mandats würdig finden, wenn er nicht Galgen und Strick verdient hätte. Man äußert sich entrüstet über die realistischen Romane. Aber wenn sie die Federn, die sie schrieben, noch so tief m die Cloake tauchten, dieses Ideal haben sie nicht erreicht. Und das ereignet sich mitten im deutschen Volke, das vermöge der Stärke und Reinheit seines sittlichen Gefühls sich allen Nationen überlegen glaubte. Ist das das Reich der Zucht und frommen Sitte, welches Wilhelm 1. gründen wollte? Der Prozeß Ahlwardt würde allein ein Buch verdienen; aber mit den entsprechenden Illustrationen. Ahlwardt, ein deutscher Schulmeister, — dieser Stand hat nun einmal seine besonderen Eigenschaften — schickt gewissenlos und ohne jedes Gefühl der Verantwortlichkeit Lügen und Verleumdungen in die Oeffentlichkeit, welche weit weniger den Fabriksherrn, den Juden Löwe treffen als die deutsche Militärverwaltung und das Ansehen des deutschen Reiches. „Judenflinten" — das war ein sensationeller Titel für die Flugschrift, welche die deutschen Gemüther in Aufruhr versetzen sollte. „Jüdenflinten — schießen vorne, auch von hinten" — rief man durch alle Straßen der Weltstadt. „Jüdenflinten" — der Fabriksherr ist ein Jude; aber sonst haben Juden in dem Processe keine Rollen gespielt, es sei denn, daß man den ehemaligen Unterrichtsminister Goßler, dessen Name ohne jeden sachlichen Zusammenhang in den Gerichtssaal hineingezerrt wurde und der bis zu seinem Urgroßvater seinen christlichen Stammbaum nachgewlesen hat, wirklich als Juden betrachten wollte. Alles war christlich-germanisch in der Fabrik, von den Arbeitern angefangen bis zur obersten, den Fabriksherrn vertretenden Leitung derselben, auch in der militärischen Commission, welche die Flinten übernahm und sie zu prüfen hatte, befand sich kein Jude. Glaubt man, der Jude Löwe hätte es wagen dürfen, für irgend eine, den Werth der Waffe beeinträchtigende Manipulation einen Gehilfen in seiner Fabrik zu suchen? Auch wenn die Antisemiten nicht in der Nähe gewesen wären, so weiß man doch, daß in solchen Dingen bei einem einzigen Fehlschritt nichts Geringeres auf dem Spiele steht, als das ganze Vermögen, die bürgerliche Ehre und die bürgerliche Existenz. Und einem Berliner Fabriksherrn, den der Staat mit seinem Vertrauen beehrt, muthet man zu, daß er seine Person und seine Interessen in so leichtsinniger Weise compromittire. Bei deni Erpressungsversuch legte Ahlwardt eine bei ihm seltene, aber wenn er sich nicht die weitere Campagne abschne'^en wollte, dringend gebotene Vorsicht an den Tag. Ein Exemplar der „Judenflinten", der Broschüre nämlich, wurde der Kriegsverwaltung überschickt. Man zeigte den Revolver und die Patronen, mit denen er geladen war. Aber das war vergebliches Bemühen; der Jude Löwe erschien nicht, wie Ahlwardt es erwartet haben mag, um durch Zahlung einer namhaften Summe den antisemittschen Agitator zur Unter-