Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ar. 51 Wie«, 16. Dereruber l89ä. H Iichrgaug Centralorgan für die gesannnten Interessen des Iudenthums. K. k. Postsparrassrnamt ij sbmtaX«D7n:ji Eigrnthümrr: Keichsraths-Abgeordneter Dr. Kloch. w - -« i! I. Franx Josefs-Duai Nr. 3. || Telephon-Nr. 6535.!, Erscheint jeden Freitag. - Man adomnrt brr allen S>»ßanptalien 1 des In- und Auslandes. I Bezugspreis: Halbjährig A fl. Einzelexemplare 25 kr. I Anzetgrur Die 4moI gespaltete | Petitzeile 1» kr. I --—-—--—.. - . . ... .. .. - X Inhalt: Leitartikel: Ein Warnungsruf. — Lüge, Verleumdung u. Comp., auch eine Waffenfabrik. — Das Papstthum und die Juden. — Aus Riga. — Aus Rußland. — Oesterreichisch-ifraelitische Union. — Correspondenzen: Wien, Berlin, Königsberg in Preußen, Karlsruhe, Frankfurt a. M., Haag, London, Newcastle, Mailand, Constantinopel. — Vermischtes: Wien, Graz, Brünn, Berlin, Frankfurt a. M., Darmstadl, Magdeburg, Paris, London, Petersburg, Zante. — Feuilleton: Schoen-Miijam. — Literalnr. — Wochenkalender. — Briefkasten — Inserate. Ein Warnungsruf. In den letzten Tagen war das österreichische Abgeordnetenhaus der Schauplatz eines außerordentlichen, eines überraschenden Ereignisses. Die conservativ-clericale Partei trat durch einen ihrer Sprecher, den Abgeordneten D i p a u l i, für die Parlamentarischen Rechte und Freiheiten ein. Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hatte sich an den Präsidenten Dr. S m o l k a mit einer schriftlichen Eingabe gewendet, in welcher derselbe angegangen wurde, gegenüber den Ausschreitungen des Antisemitismus von seiner Disciplinargewalt höheren Gebrauch zu machen. Bon diesem „Eingriffe" eines außenstehenden Factors in die Freiheit der parlamentarischen Discusfion, fühlte sich das constituttonelle Gewissen des Herrn Dipauli schwer sedrückt. Die clerical-conservative Partei hat sich plötzlich als eifrige Hüterin der Promogation der Volksvertretung entpuppt und Herr Dipauli fand Worte zornglühender Entrüstung über jene Frevler, welche dem Parlamente das Recht zum Scandale benehmen wollen. Die Clericalen als Anwälte der parlamentarischen Freiheit — das ist eine Erscheinung, so verblüffender, so merkwürdiger Art, daß man sich dieselbe doch ein wenig näher besehen muß. Und da fällt vor Allem auf, daß sich das parlamentarische Gewissen des Herrn Dipauli erst in dem Augenblicke zu regen begann, wo freisinnige Männer gegen den Mißbrauch der Abgeordneten-Jmmunität zu Gunsten der antisemitischen Hetze Stellung nahmen. Das österreichische Parlament darf den traurigen Ruhm für sich in Anspruch nehmen, daß in demselben wie nirgends anderswo die Unverletzlichkeit der Abgeordneten zu persönlichen Hetz- und Agitationszwecken mißbraucht wird. Seit jener Zeit, wo die „schärfere Tonart" daselbst proclamirt wurde, bis auf die jüngsten Tage, wo die antisemitischen Vertreter stolz verkünden durften, daß sie im Calml der regierungsfreundlichen Parteien ein gewichtiger Factor geworden sind, wurden von der parlamentarischen Tribüne zahllose Angriffe gegen außenstehende Personen gerichtet, wurde gegen Abwesende, die gegen solche Niedertracht absolut wehrlos sind, das Handwerk der Ehrabschneidung mit Schwung betrieben. Und zu alledem hat das Anstandsgefühl und das parlamentarische Gewissen des Herrn Dipauli geschwiegen. Wenn einzelne Juden beschimpft, wenn das gesammte Judenthum mit gesprochenem Unrath besudelt wurde, hörten die Clerical-Conservativen nicht blos ruhig zu, sondern sie klatschten lärmenden Beifall und schüttelten dem Wichte, der auf solche Weise seine Immunität mißbrauchte, schmunzelnd die Hände. Das war in der Ordnung, da lief nach der Meinung jener Herren der Parlamentarismus keine Gefahr, weiterhin discreditirt zu werden. Erst in dem Augenblick, wo ein Kreis edeldenkender Männer zum Schutze dieser wehrlosen Opfer der Judenhetze und zugleich zum Schutze der wahren und wirklichen parlamentarischen Freiheit, jener Freiheit, die dem öffentlichen Wohle dienen und die private Rechtssphäre unangetastet laffen soll, eintrat, erst da hat Herr Dipauli fein konstitutionelles Herz entdeckt und er tritt für die Immunität des Scandals, für die Freiheit der Hetze ein. Und die conservative Partei hat sich mtt Herrn Dipauli identificirt. In der letzten Sitzung des Hohenwart-Clubs hat Herr v. Widersperg ein solennes Dankes-Botum für Herrn Dipauli beantragt und der Club hat diesen Dank einstimmig ausgesprochen. Das ist keine lächerliche Comödie, das ist ein ernstes und weittragendes Ereigniß. Mit diesem Beschlüsse hat die clericalconservative Partei ihre volle Uebereinsttmmung mit der Kampfweise und den Zielen der Antisemiten ausgesprochen und sich mit denselben solidarisch erklärt. Sie hat damit das Beispiel der Conservativen in Deutschland befolgt, welche sich mit der extremsten Schattirung des Antisemitismus zu Schutz und Trutz verbunden hat. Daß diese Allianz der Conservativen und Antisemiten. eine vollendete, unleugbare Thatsache ist, dafür liegen überzeugende Beweise vor. In den „Politischen Fragmenten", einem clericalen Organ, erschien am 12. d. M. ein ArtikelüberAhlwardt.in welchem auch diesem Auswürfling des deutschen Bottes ein Dithyrambus angestimmt wird. Und genau derselbe Artikel erschien wortwörtlich an demselben Tage im „Deutschen Bolksblatt". Die Jnteressen- Gemeinschast zwischen den Clerical-Conservativen und Anttsemiten geht also bereits so weit, daß ihre beiderseitigen Organe einander dienstfreundlich ihre Manuscripte überlassen. Aber mehr noch! An dem gleichen 12. December sprach Prinz Liechtenstein vor seinen Hernalser Wählern. Auch er wetterte gegen den „Eingriff in die parlamentarischen Gepflogenheiten", auch er pries den „Rector aller Deutschen" und mit Genugthuung wies er darauf hin, daß die Antisemiten „den jüngsten Hieb nicht selbst zu pariren brauchten, denn sie seien von den Clericalen geschützt worden". Das Bündniß ist also geschloffen, fest und unerschütterlich, hier und in Deutschland, der Antisemitismus hat seine Aufgabe als Mauerbrecher des Nericalismus erfüllt. Triumphirend verkündete Prinz Liechtenstein den Sieg der antisemitischen Propaganda in Deutschland. Fast zur selben Stunde aber sprach der deutsche Reichskanzler Graf Caprivi ein vernichtendes Wort über diese Propaganda aus. Er ertheilte dem Antisemittsmus eine entschiedene Absage und erklärte mit Bezug auf die Wahl Ahlwardt's und dem Judenflinten-Proceß: „Die Ereignisse der letzten Wochen gehören zu den betrübendsten, die ich in meinem Leben mitgemacht". Die Bedeutung dieser lapidaren Worte wird noch verstärkt durch den elegischen Ausruf des officiellen Kanzlerblattes, der „Urdeutschen allgemeinen Zeitung": „Der Proceß Ahlwardt hat gezeigt, daß Deutschland an der äußersten Grenze des sicheren Weges steht, jenseits dessen es nur den Absturz in den zähnenden Abgrund gibt"! So urtheilen die berufenen Factoren des deutschen Staatslebens über die Wirkung der Judenhetze und über die Bereinigung der Conservativen mit den Anttsemiten. Die Consequenzen dieser nichtswürdigen Bewegung aber find für Oesterreich noch weit unheilvoller als für das deutsche Reich.