Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 50 (9.12.1892)
- Date
- 1892-12-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 908 Oesterreichische Wochenschrift Nr. 50 über Hinzuthun der Cultusgemeindevertretung und der Chewra- Kadischa mit dem Cultusvorsteher Herrn Wilhelm Schnabl an der Spitze sich außerordentlich würdig gestaltete. Im Tempel sowohl als auf dem Gottesacker hielt Rabbiner I. Weiß rührende Ansprachen an die zahlreichen Trauergäste und .zeichnete das Bild des Heimgegangenen als Mensch, als Gelehrter, als Stolz der Familie, als Zierde der Gemeinde. Friede seiner Asche! M. B. Essen, 24. November. Der Untersuchungsrichter beim hiesigen Landgericht, Herr Dr. Rinteln ist zum Landgerichtsrath ernannt worden. Euskirchen, 27. November. Bei den vorgestern vollzogenen Wahlen ist unser Glaubensgenosse Herr A. Wallach zum Stadtverordneten gewählt worden. In Paris wurde in der Synagoge der Rue de la Bictoire am Freitag ein Trauergottesdienst für die in Dahomey und Tonkin gefallenen jüdischen Officiere und Soldaten abgehalten. Der Präsident der Republik, die Minister des Kriegs uitb der Marine und der General-Gouverneur von Paris hatten sich durch Ordonanzofficiere vertreten lassen. Unter den Anwesenden bemerkte man die Generale See und Levy-Alvarez (beide Israeliten), mehrere Abgeordnete. Das Sündenfeld. Die Gemeinde L . . . und die Gemeinde K . . . liegen nur eine gute Wegstunde von einander entfernt. Aber materiell wie intellectuell waren sie vor einem halben Jahrhundert himmelweit von einander verschieden. Die Gemeinde L... war eine der wohlhabendsten Ungarns, der Mittelpunkt für den Productenhandel einer weiten Gegend; sie besaß sogar einige Millionäre, die in Handelsbeziehungen zu dem Auslande, selbst zu überseeischen Ländern standen und ganz wie hohe Herrschaften lebten, livrirte Diener, Hofmeister und Gouvernanten hielten. Der ärmere Theil der Gemeinde sammelte bienenartig' die ganze Woche in den umliegenden Ortschaften Schafwolle, Rindshäute, Knoppern rc. rc. und führte es am Freitag nach Hause, wo die Großhändler es kauften, ohne darum zu feilschen. Nur einige Wenige befaßten sich mit dem Hausirhandel in den benachbarten österreichischen Alpenländern und kamen blos zu den Feiertagen nach Hause, ließen sich aber da an Wohlleben auch nicht spotten. Mit dem materiellen Wohlstände der Gemeinde hielt auch ihr Geistesleben gleichen Schritt. Es gab zwar noch keine allgemeine Schule, aber fast jede Familie hatte Privatlehrer, die studierte, kenntnißreiche, weit über den Bildungsgrad der damaligen ungarischen Provinzlehrer hinausreichende Männer waren, den Ton in der Gemeinde angaben, eine reinere deutsche Sprache, bessere Umgangsformen einbürgerten, und selbst die ärmeren Mädchen eigneten sich schöngeistige Bildung an, daß man von ihnen an Freitagen, wenn sie am Bache, der durch den Ort floß, die Sabbathlampen putzten, Schiller's Gedichte declamiren hören konnte. Die Gemeinde K . . . hingegen war eine sehr arme Gemeinde. Ein Theil ihrer Mitglieder bestand aus Gärbern und ein Theil aus Hausirern, die man „Steyrer" nannte, weil sie sich jahraus jahrein in den Gebirgsdörfern der grünen Steiermark aufhielten nnd fast nur zweimal im Jahre, zu Ostern und Weihnachten, heimkehrten. Die K... er waren fromme und gute Menschen, standen aber auf einem sehr niedrigen Bildungsgrad. Es florirte dort noch das alte Chederwesen und die Mädchen lernten gar nichts; aber sie strotzten von Gesundheit wie die Bauernmädchen. Die Gemeinde L . . . gatt den K . . . ern als Stadt, obwohl der Ort nicht einmal Marttrechte besaß, denn es war nur ein Judenort, der gar keine Kirche besaß, aber wegen des Reichthums, der hier herrschte, gab es größere Handlungen, daß das Landvolk hierher strömte, seine Einkäufe zu machen, weßwegen auch die Verwaltung und die Gerichtsbarkeit der Herrschaft, der Herrenstuhl, seinen Sitz hier hatte. Für die K... er Juden jedoch war mehr noch als das, die Bildung, die Sitten, die Mode in L... maßgebend. Sie schickten ihre Töchter gern hieher in den Dienst zu reichen Leuten, um einen feineren Ton und bessere Umgangsformen zu lernen. So gab es in L . . . immer viele K . . . erinnen als Dienstmädchen. Allmählig schlich sich der Brauch ein, daß diese Mädchen an Sabbath-Nachmittagen, wo sie frei hatten, auf einer Wiese, die ungefähr in der Mitte zwischen L . . . und K . . . lag, mit ihren Anverwandten zusammenkamen. Die Frommen hier und dort wurden darauf aufmerksam gemacht und die Frage aufgeworfen, ob der Weg bis zu dieser Wiese nicht die Grenze des Weges überschreite, den man am Sabbath zurücklegen darf. Von beiden Seiten wurden Messungen, natürlich mit den primitivsten geomettischen Mitteln angestellt. Die Rabbiner konnten aber darüber schließlich nicht einig werden, ob der Weg bis zu dieser Wiese erlaubt oder verboten sei, sie predigten jedoch, daß man sich jedenfalls aus Zweifel dieser Spaziergänge am Sabbath enthalten möge. Allein die Mädchen nnd ihre Angehörigen hielten sich an diejenigen Talmudgelehrten, welche der Meinung waren, daß der Weg erlaubt sei und setzten diese Sabbath-Spaziergänge fort. Mit der Zeit schlossen sich diesen Dienstboten und ihren Anverwandten auch andere Mädchen und junge Männer aus beiden Gemeinden an und feierten auf dieser Wiese allsabbathlich wahre Orgien. Jetzt wurde von beiden Kanzeln mit Feuereifer gegen diesen Unfug losgezogen und das Strafgericht Gottes prophezeit; das Nebel war jedoch schon zu tief eingewurzelt, als daß die Predigten dagegen etwas nützten. Dieses Treiben nahm immer erst ein Ende, wenn der Winter in's Land kam und Schnee die Wiese bedeckte. Diesmal trat die letzte dieser unheiligen Sabbathvergnügungen sehr zeitlich ein, aber der Scandal erreichte bei derselben ihren Höhepunkt. Es war gerade der erste Sabbath nach den Herbstfeiertagen. Die „Steyrer" nahmen Abschied von ihren Mädchen, aber wie vor einer Katastrophe, wo bekanntlich die Schambaftigkeit zwischen den Geschlechtern aufhört. Man sprach wochenlange in beiden Gemeinden von diesem Hexen-Sabbath auf der Wiese und war nahe daran, einen Fasttag auszuschreiben, um den Zorn Gottes abzuwenden. Schon seit längeren Jahren war der Winter nicht so früh und nicht mit solcher Strenge eingetteten, wie Heuer. In der letzten Woche vor den christlichen Weihnachten schneite es unaufhörlich und es war fast jede Communication von Ort zu Ort aufgehoben. Die jüdischen Hausirer in den Alpenländern konnten gar nicht daran denken, in ihre Gemeinden beimzukehren, wie sie es sonst zu diesen Feiertagen thaten. Ihre Familien zu Hause waren dadurch in die traurigste Lage versetzt, denn sie rechneten auf das Geld, daß die Männer heimbringen sollten; man nahm monatelang alle Bedürfnisse des Haushaltes auf Borg bis Weihnachten, an welchen immer die Väter und Brüder mit vollen Taschen nach Hause kamen, die Schulden zahlten und einige Tage vergnügt lebten, bis sie keinen Heller mehr hatten, ihre Bündel wieder auf den Rücken luden und auf Monate Abschied von Weib und Kindern nahmen, denen sie nichts zurückließen, als die sichere Erwartung auf neuen Credit. Am schmerzlichsten fühlte diese Uubill des Wetters ein^ arme L . . . er Familie, deren Ernährer auch in Stehern ging- Die Mutter lag krank darnieder. Sie brauchte eine Diät, zu der baares Geld nöthig war, weil man die Dinge nicht in den jüdischen Geschäften bekam, wo man allerdings noch einigen Credit hätte haben können und auch der Apotheker creditirte nicht. Man setzte alle Hoffnung auf die Heimkehr des Mannes zu Weihnachten und diese Hoffnung war jetzt vereitelt. In ihrer größten Verzweiflung bekam sie die Kunde, daß ein K ... er „Steyrer" doch nach Hause gekommen sei und für viele Familien Geld mitgebracht habe. Sofort waren die Kinder dieser Armen, zwei Mädchen von 14 bis 16 Jahren, entschlossen, nach K ... zu gehen, vielleicht daß auch von ihrem Vater Geld gekommen. Trotz aller Abmahnungen seitens der Mutter und der Nachbarn machten sie sich in ihren leichten Kleidern frohen Muths auf den Weg. Es war gerade ausnahmsweife ein schöner Wintertag und sie versicherten in drei, vier Stunden gesund und heil zurück zu sein. Die kindliche Liebe lieh ihnen Flügel. Trotzdem sie knietief in den Schnee sanken, durch den sie sich erst einen Weg bahnen mußten, gelangten sie doch in etwas mehr als einer Stunde in K . . . an. Ihre Muthmaßung war eingetroffen. Ihr Vater hatte wirklich Geld geschickt. Nach kurzer Rast machten sie sich wieder auf den Heimweg. Sie wollten den Rückweg noch schneller zurücklegen, als vom Hause hieher. Es war zwar schon eine späte Winter-Nachmittagsstunde, aber bis der Abend hereinbricht, würden sie gewiß schon bei ihrer Mutter sein. Kaum hatten die Kinder jedoch K ... im Rücken, so erhob sich ein Sturm. Das Schneegestöber ließ keinen Schritt vorwärts sehen. Wider ihren Willen wurden die Kinder in ihren aufgeblasenen leichten Kleidern von dem Orkan davongeirieben,