Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 50 (9.12.1892)
- Date
- 1892-12-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 50 Oesterreichifchr Wochrnschnst Seite 905 gewerbliche Fortschritt mit Schimpf und Spott auf den Genossenschaftsvorstand begleitet wird. Als Beweis eine Schmäh- , schrift, deren Verfasser Schneider ist. die selbstverständlich auch nur Gesinnungsgenossen gesandt wurde. Der Vorstand, Herr j Heinrich Matthies, und sein Stellvertreter, Heinr'ch Jantzen, die bewährten verdienstvollen Männer, die keinen nationalen oder confessionellen Unterschied kennen, wurden mit den gemeinsten Beschuldigungen überschüttet. Aus diesem Grunde hat sich unter den 52 jüdischen Speuglermeistern ein Comite gebildet, an dessen Spitze der Altmeister Gabriel Singer, die Herren Ferdinand P i ck, Adolf S ch ö n b a u m, Adolf Weiler, Moriz Rau - b i t s ch e k und Anton Berger stehen, die wie ein Mann an der Urne erschienen, und dem bisherigen Vorstand den Sieg erfochten. Wien. (Eine Niederlage Gregorig's.) Unteräußerst reger Betheiligung fanden im Sitzungssaale des alten Rathhauses die Wahlen für die Vorstehung der Pfaidler- Genossenschaft statt. Die Antisemiten hatten eine geheime Agitation für den Landtags-Abgeordneten Gregorig, welchen sie für die Borsteherstelle candidirten, eingeleitet. Das Resultat dieser Bemühungen war jedoch ein sehr klägliches, indem ans Herrn Greg orig blos — vier Stimmen entfielen, während die Kandidaten der Liberalen, die Herren Josef Buchmüller und Moriz Joachim, mit je 401 von 409 abgegebenen Stimmen zum Vorsteher, beziehungsweise Vorsieher-Stellvertreter gewählt wurden. Fast die gleiche Stimmenanzahl erzielten die liberalen Candidaten für den Genossenschafts-Ausschuß, in welchen gewählt erscheinen: Aus der Gewerbsgruppe der Pfaidler die Herren Johann Appel, Gustav Bartsch, Karl Berecz, Ignaz Berger, Vinzenz Beutel, Albert Bohatsch, Josef Gold schmid, ■ Karl K atz au, Simon Läufer, Max Schiff, Ednard Schöffmann, Wilhelm Schostal, Anton Steinbühlerund Karl Tropper; aus der Gewerbsgruppe der Weißnäher: Heinrich Schneider und aus der Gewerbsgruppe der Weiß- und Kunststicker: Jakob Messany. Der antisemitische Radaumacher Greg orig drängt sich trotz wiederholter Niederlagen immer wieder mit dreister Unverfrorenheit vor. Hoffentlich wird die ihm diesmal zutheil gewordene Lection von weiteren Versuchen, in der Pfaidlergenossenschaft zu dominiren, abhalten. Wien. (Handelskammertag). Dem Verzeichnis der Delegirten zu dem am 9. d. M. in Wien zusammentretenden Handelskammertag entnehmen wir nachstehende Herren: I. C h a j e s, Kammerrath und Secretär H e r b e r g - Fränkl aus Brody, Kammerrath Ignaz Arnstein aus Budweis. Kammerrath Heinrich G o m p e r z aus Brünn, Reichsrathsabgeordneter Heinrich Popper und Kammerrath Heinrich Wagner aus Czernowitz, Kammer-Vice-Präsident Jacob Piep es, Kammerrath Dr. Heinrich Ko lisch er aus Lemberg, Kammerrath Josef S o b o t k a aus Prag, Kammer - Vize- Präsident Alois Neu mann und Kammerrath Adolf Perutz aus Reichenberg. Wien. Der nunmehr zu 10 Jahren schweren Kerker verurtheilte Schurke Hendigery wurde nach seiner Verhaftung von den antisemitischen Gesinnungsgenossen, speciell von dem Erzlügenbold Vergani als Jude dargestellt. Wochenlang konnte man im „Deutschen Bolksblatt" mit fetten Lettern Mittheilungen über den „Juden" Hendigery lesen. Bei der Gerichtsverhandlung hat es sich nun erwiesen, daß der Lump ein Stammes- und Glaubensgenosse unserer arischen Antisemiten ist. Sein Character hat ihn geradezu prädestinirt zur Führung der Antisemitenpartei. Nach seiner Entlassung aus dem Strafhause werden die Antisemiten in Niederösterreich ihm ein Landtagsmandat anbieten, neben Schneider wird er Figur machen. Das Schwurgerichts-Repertoire für den Monat Dezember ist äußerst interessant und reichhaltig. Es enthält Delicte über Diebstahl, Betrug, Raub, Mord, Schändung, Nothzucht u. s. w. Die Juculpaten sind sämmtlich Stammes- und Glaubensgenossen der Herren Prinzen Lichtenstein, Lueger, Schlesinger, Pattai und Schneider. E. B. Wien. Kauft nur bei Christen zu den bevorstehenden christlichen Weihnachts- und Neujahrsfeste. Diese Parole hat der blaublütige und roth angelaufene Prinz „Loisel" Lichtenstein in einer in der Volkshalle des neuen Rathhauses stattgefruidenen Versammlung des Vereines „Christliche Familie" ausgegeben. Es ginge den arischen Geschäftsleuten wahrlich schlimm, wenn der Spieß umgedreht werden würde. Ein waschechter Arier verwendet den allergrößten Theil des Budgets für Ausgaben zu den Festtagen nahezu ausschließlich zu Anschaffungen für den leiblichen Consnm, der ja ohnehin ausschließlich bei Stammesgen offen versorgt wird, wie es in der Natur der Sache liegt. Dagegen gibt es keine jüdische Hausfrau, die ihre arischen Dienstboten nicht zu Weibnachten oder Neujahr reichlich und munificent mit Kleidungsstücken oder Textilwaare beschenkt. Wie würde es sich hier gestalten, wenn hier eine Repressalie geübt werden wollte? Es hat sich weitaus der gewiß' nicht zu billigende Abusus eingeschlichen, daß auch in jüdischen Familien ein Weihnachtsbaum aufgestellt wird, für besten Ausstattung die Mittel nahezu ausschließlich in arische Taschen fließen, Es ist daher ein zweischneidiges Schwert, mit welchem die Arier hantiren, indem sie das Losungswort „Kauft nur bei Christen" in die Welt sehen. Daß einem ausgesprochen antisemitischen Vereine die Volkshalle des Rathhauses zur Benützung freigestellt wird, darf füglich befremden. St. Pölten. (Arischer Wucher und Kuppelei.) Das allgemeine Stadtgespräch bildet gegenwärtig die vor einigen Tagen erfolgte Verhaftung der Inhaberin eines Tuch- und Confsctionsgeschäftes, Fräulein Philomena Schwoister, einer 45jährigen Dame, die im Stillen auch Geldvermittlerin und Gelegenheitsmacheritt „höheren Stils" war. Fräulein Schwoister lebte auf großem Fuße und galt als reiche Frau. Nun wird bekannt, daß diese Dame eine ganze Reihe von Personen, meistens Frauen, durch die Vorspiegelung, daß sie deren Ersparnisse zu hohen Zinsen placiren könne, schwer geschädigt, ja einzelne derselben an den Bettelstab gebracht habe. Der durch die Schwoister verursachte Schaden wird auf sechzig- bis siebenzigtausend Gulden geschätzt. Nebenbei hatte die Schwoister allerlei Köder sür männliche Capitalisten, welche sie in galante Abenteuer verwickelte, die jetzt den Gegenstand der gerichtlichen Untersuchung bilden. Außer der Schwoisser ist noch ein in der hiesigen clericalen und antisemitischen Partei sehr bekannter Mann, der in diese neue Scandal- Affaire verwickelt ist, in Haft genommen worden. Prag. (Terrorisirung eines Zeugen.) Während der Verhandlung im Prozeß Gallus (Auctions-Schwindel» wurde ein jüdischer Zeuge einvcrnommen, der sich beklagte, daß er von dem Untersuchungsrichter in barschester Weise behandelt worden fei. Der Untersuchungsrichter habe gesagt, die Juden sind Betrüger, man muß sie aus Oesterreich verjagen. Der Bertheidiger r erlangte, da der Vorsitzende das Weitersprechen dem Zeugen nicht erlaubte, die Protocollirung dieser Bemerkungen. Zum Schlüsse, nachdem der Vorsitzende mit dem Gerichts- Präsidenten sich besprochen hatte, erklärte er, daß der Untersuchungsrichter während seiner vieljährigen Thätigkeit sich bisher niemals habe etwas zu Schulden kommen lassen, und daß gegen ihn nichts vorliege. Hoffentlich wird maßgebenderseits eine Aufklärung über diesen ebenso befremdenden als betrübenden Fall erfolgen. Budapest, 30. November. In der heutigen General- Versammlnug der hauptstädtischen Repräsentanz widmete Ober-Bürgermeister Karl Rath dem verstorbenen Reichstags- Abgeordneten Moriz Wahrmann einen Nachruf, in welchem er dessen Verdienste um das materielle und culturelle Aufblühen der Hauptstadt Budapest in schwungvollen Worten schilderte. Die Rede wurde von der ungeteilten Zustimmung des Hauses begleitet. Unmittelbar darauf erhob sich Stadtreprasentant Tencer und sagte, er habe den Worten des Ober Bürgermeisters nichts hinzuzufügen und nehme die Rede desselben als Begründung zu dem Anträge, in Anbetracht der großen Verdienste Wahrmanns eine Straße im Bezirke Leopoldstadt nach dem Verstorbenen zu benennen. Der Antrag wurde ohne Debatte einstimmig angenommen. Der Abgeordnete Moriz Jokai hat an Frau Renee Krauß-Wahrmann folgendes Schreiben gerichtet: „Geehrte Frau! Gestatten Sie, daß ich Ihnen meinen Schmerz über den für das Vaterland und für die öffentlichen Angelegenheiten so früh eingetretenen Tod Ihres geliebten, edlen Vaters, meines unvergeßlichen Freundes ausdrücke. Für Ew. Wohlgeboren und Ihrer Familie allen Segen des Himmels wünschend, bleibe ich in tiefer Achtung Ihr alter/ treuer Verehrer." An die Handels- und Gewerbekammer ist folgende Depesche gelangt: „Das gemeinsame Kriegsmiuistermm drückt anläßlich j des Hinscheidens Ihres hochverdienten Präsidenten das tiefstempfundene Beileid aus. Bauer, Kriegsminister."