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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-09 · 50 (9.12.1892) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
50 (9.12.1892)
Date
1892-12-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 50 Orsterreichischr Wochenschrift Seite 903 gestohlen haben, welche Sie im Keller ihrer Wohnung verwahren und an die Russen ausznliefen beabsichtigen. — Abg. Bennigsen: Wort entziehen! — Ahlwardt: Da haben wir schon wieder einen jüdischen Mitbürger. Herr Bennigsen, Ihr Vater nannte sich noch Ben Nisan, weil er ein Sohn des Rabbi Nisan war, und Nisan ist bekanntlich ein jüdischer Monatsname. — Abg. v. Kanitz: Schluß! — Ahlwardt: Bitte Herr Graf Kohn—itz—Kanitz wollte ich sagen — sind sie nicht Geheimsecretär der Alliance israelite? — Abg. v. Kanitz: Ich habe Ihnen doch erst neulich 100 Mark gepumpt. — Ahlwardt: Schämen sie sich, daß es nicht mehr war. Ich komme jetzt zu einer weiteren Enthüllung: Die bekanntlich unter Oberaufsicht des Rabbinats stehende königliche Porzellanmanufactur hat eine Lieferung von Höllenmaschinen an die Pariser Anarchisten übernommen.-Abg. Liebermann v. Sonnenberg: Das ist zu dumm. — Ahlwardt: chrlaubeu Sie, Herr Löwymann — ach so, Sie sind ja ein College, dann will ich "Sie vorläufig schonen. Meine nächste Enthüllung — die Broschüre kostet 30 Pfennige, in größeren Partien billiger —ist folgende: „Fürst Bismark — bekanntlich aus einerjüdisch-polnischen Familie stammend — hat die Emser Depesche auf Befehl der Pariser jüdischen Gemeinde gefälscht.(Ein begeisterter Bismarkverehrer springt auf Ahlwardt los und beehrt ihn mit einer handgreiflichen Berichtigung, worauf er sich die Hände waschen geht. Ahlwardt beginnt zu toben. Großer Tumult. Der erste deutsche Parlamentsscandal ist fertig.) Synagogengesang und Orgel. Von Obercantor I. Singer in Wien. v. Der Schlußpassus des vorigen Aufsatzes gipfelte in dem Hinweise auf eine jüdisch-cantorale Wissenschaft. Ist eine solche wirklich vorhanden? Nach den Ergebnissen der diesjährigen internationalen Musikausstellung und den in derselben, wie ein abgerungenes Zugeständniß, zur Ansicht eingesügten Synagogengesängen müßte diese Frage entschieden verneint werden; einzelne Nigunim-Manuskripte zweifelhaften oder bedeutungslosen Ursprunges; einige Pamphlete auf den altjüdischen Synagogengesang aus christlicher Feder; eine seltene Altstimme eines Rossi'- schen Madrigals, sowie einige schätzeuswerthe Chorcompositionen von Rubin — (es waren übrigens auch exotische Chorgesänge anderer Autoren mit fehlerhaftem Tonsatze vorhanden) können doch unmöglich ernst genommen werden. Wir wissen nicht, von wem der Fehler begangen wurde, allein es erscheint geradezu unfassbar, daß von sämmtlichen bedeutenden Werken unserer geradezu imposanten Synagogengesangsliteratur auch nicht ein einziges Opus zur Ansicht niedergelegt wurde; ja daß nicht einmal unserem, auf heimatlichem Wiener Boden entstandenen Schir Zion der Eintritt gestattet war. Der Eintritt? Wir müssen der Wahrheit gemäß berichten. Der Schreiber dieser Zeilen lag zur Zeit der Vorbereitungen zur Ausstellung auf schwerem Krankenlager und kaum einigermaßen erholt, verfügte er sich in die betreffende Kanzlei, wo ihm bedeutet wurde, daß es jetzt leider nunmehr unmöglich sei, etwas zu veranlassen; in Folge weiterer energischer Auseinandersetzung wurde ihm endlich zugestanden, das eine Werk Schir Zion dennoch zur Ausstellung zu bringen, wenn es noch im Laufe desselben Tages eingereicht würde. Der Schir Zion wurde ganz nach Verlangen geliefert — jedoch nicht ausgestellt; nach mehrmonatlicher, behaglicher Ruhe in irgend einem traulichen dunklen Winkel wurde der Schir Zion, wir können es verbürgen, ganz unangetastet wieder zurückgestellt. Diese Thatsache ist bemerkenswerth genug und braucht nicht weiter commentirt zu werden. Doch trotz der stiefmütterlichen Behandlung seitens der Musikausstellung, die jedes Notenpapierfragment christlichen Ursprunges so überaus wohlwollend unter Glassturz verwahrte, besitzen wir dennoch eine große, auch von christlichen Fachmännern geschätzte und gediegene Synagogengesangsliteratur, die allen andern ähnlichen Kunstproducten bedingungslos angereiht werden kann. Unsere Altvordern arbeiteten theils an der Erweiterung der eigenen Wissenssphäre, theils in der Mittheilung ihrer erreichten Erfolge an andere und so kann man heute auf die stattliche Zahl von 50 Foliobänden Hinweisen, die lediglich Synagogengesänge enthalten. Der bedeutsame Aufschwung, den das jüdische Cantorthum in den 50er Jahren nahm, berechtigten zur Annahme, daß dieser Stand sich allmählich der besseren Gattung anreihen dürste. Doch das Herandrängen unreifer Elemente; das Fehlen jedweden staatlichen Schutzes und die hiedurch bedingte Freibeuterei auf jüdische cantoralem Boden, brachte eine unglückliche Stagnation und endlich jene Zustände zu Wege, wie man dieselben heute beobachten kann. Nicht durch obrigkeitliche Anerkennung, sondern kraft der eigenen Machtvollkommenheit wird man im Handumdrehen Cantor; ja es wimmelt von Obercantoren, Profefforen, Musikdirectoren und wenn man den Dingen nachgeht, so findet man zumeist, daß die Herren Cantoren sich selbst die verschiedenen Adelsdiplome ausgestellt. Ein solcher Zustand muß entschieden zum Abgründe führen und es wäre überaus nöthig daß eine obrigkeitliche Stelle eingesetzt würde, die all die Geschehnisse ans jüdisch-cantoralem Boden zu beobachten und zu regeln hätte. — Es wird demnächst in Wien ein Rabbiner- Seniinar eröffnet; wenn man nun gleichzeitig eine Bildungsstätte für jüdische Cantoren ins Auge fassen wollte, so könnte dieselbe in dem großen Rahmen mit geringen Kosten sehr leicht eingefügt werden und es wäre gleichzeitig eine autorative Stelle geschaffen, welche die Angelegenheiten der Cantoren ordnen könnte. Im klebrigen würde es ja den Rabbinats-Candidaten, die ja während ihrer späteren Amtsführung so oft in die Lage kommen, den Gesang zu beurtheilen, gar nicht schaden, wenn sie nach dieser Richtung auch etwas lernten und gleichzeitig durch Gesangsübungen ihr Sprechorgan geschmeidig und sonor machten. Mögen die maßgebenden Kreise diesem Hinweise sympathisch gegenüber stehen, das heilige Amt, dem wir jüdische Cantoren vorsteheu, ist wohl einer solchen Berücksichtigung werth. Wird dann von einer öffentlichen Anstalt aus angeordnet, daß jeder Candidat, der die Prüfung für das jüdische Cantorat machen will, den Nachweis über das Studium gewisser Fächer erbringen muß, dann ist unser Stand im Handumdrehen inmitten der gebildeten Stände eingereiht, und dann werden auch all die unglücklichen Figuren, die im unverantwortlichen Müßiggänge ihre Zeit verleben, und dem jüdischen Cantorstande zur Schande gereichen, aus unserer Mitte scheiden; denn wer frühzeitig daran gewöhnt wurde, sich an Borne der Wissenschaft zu laben, der wird auch später danach streben, seinen Wissenskreis zu erweitern und seiner Gemeinde auch in nichtamtlicher Richtung gute Dienste zu Leisten. Jeder Cantor der früheren Perioden, hatte ja auch seine Nebenbeschäftigung und wenn wir auch dem Schächtamte, dem sie Vorständen, in der heutigen Zeit nicht das Wort reden können, weil es sich nach keiner Richtung mit der Stellung eines öffentlichen Functionärs verträgt, so war es doch eine Lückenbüßerthätigkeit, die einerseits die Gemeinde der Anstellung eines eigenen Schächters enthob, anderseits das Einkommen des Cantors beträchtlich vergrößerte. Nun sind ja die diesbezüglichen Anschauungen auch ganz andersartige geworden, seitdem unsere Thätigkeit auch von nichtjüdischer Seite beachtet wird und es läßt sich nicht in Abrede stellen, daß der Mann, den man soeben das, wenn auch bei uns als religiös bedeutsam erachtete, bei Nichteingeweihten jedoch verächtliche Geschäft des Schächters vornehmen sieht, demnächst im Ornate vor der versammelten Gemeinde erscheint, um das Cantoramt zn verrichten. Was jedoch mit dem Cantoramte sehr würdig zu vereinigen ist, das wäre unstreitig das Lehramt. In Deutschland sind mit der Assimilirung des Cantor- und Lehrfaches überaus schätzbare Erfolge erzielt worden, so daß es nur wenige Cantoren noch gibt, die nicht zugleich dem Lehrfache Vorständen. Durch eine behördliche Maßnahme, daß der jüdische Cantor nicht lediglich durch seine Singstimme, sondern auch hauptsächlich als Jugendbildner zu Wicken hat, wird derselbe unwillkürlich auf ein ideales Gebiet gedrängt, welches ihn zur Fortbildung, wie auch zur logischen Beurtheilung aller gemeindlichen Geschehnisse zwingt und ihn somit als bedeutsamen Factor der Gememdeverhältnisse erscheinen läßt. Er wird fortan nicht mehr als willenlose Puppe hingestellt, die sich den jeweiligen, öfters unglückliche« Anordnungen bedingungslos zu fügen hat, sondern selbst der Geringste von uns wird sich berufen fühlen. Kraft seines umfassenden Wissens, seiner Gemeinde in kritischen Momenten mit reiflich durchdachtem Rathe an die Hand zu gehen, und oftmals vor Ausschreitungen zu bewahren, die Böses im Gefolge haben muß, wenn nicht in geeignetem Momente das geeignete Wort gesprochen wird. In solchen Momenten muß er jedoch mit dem vollsten Ernste seiner sittlichen Ueberzeugung, i uneingedenk persönlicher Bor- und Nachtheile, seine Stimme er-

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