Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 50 (9.12.1892)
- Date
- 1892-12-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 902 Oesterreichifchr Wochenschrift Nr. 50 wären. In diesen Kreisen wird heute dem Antisemitismus jene bedingte Anerkennung zu Theil, die hier ein philosophisches Räsonnement bleibt und einige Schichten tiefer die Form eines Stimmzettels für Aylwardt annimmt. Dieser verdünnte Antisemitismus ist, darüber darf man sich nicht täuschen, sehr weit verbreitet. Er tritt in den verschiedensten Formen zu Tage. Er hält die Juden aus den Officiercorps fern, er vertritt gelegentlich einem wohl qualificirten Bewerber um ein städtisches Ehrenamt den Weg und er terrorisirt nicht selten auch durchaus liberale Wahlkörperschaften. Nehmen doch manchmal selbst freisinnige Wahlcomite's Anstand, einen Reichsraths-Candidaten israelitischer Confession aufzustellen, weil sie glauben, die Borurtheile der unsicheren Cantonisten, an denen es keiner Partei fehlt — die jüngste Wahl in Arnswalde-Friedeberg hat das auf's Neue gezeigt —, schonen zu sollen. Und gerade die Juden selbst pflegen derartigen opportunistischen Erwägungen am meisten zugängig zu sein. Man fürchtet, den Antisemitismus erst recht zu entfachen, indem man die Candidatur eines Juden unterstützt. Ich gestehe, daß mich dieser Opportunismus dem Princip staatsbürgerlicher Gleichheit gegenüber immer mtt einer gewissen Beschämung erfüllt, ebenso wie andererseits jene Rücksichtnahme auf die gesteigerte Empfindlichkeit der Juden, zu der manche Gegner des Antisemitismus, aus an sich vornehmen Beweggründen, sich geneigt zeigen. Die öffentliche Kritik hat auf diese Weise einen durchaus verschrobenen Character angenommen. Die Einen übertragen ihre Abneigung gegen einzelne, vielleicht verächtliche Individuen auf eine ganze confessionelle Gemeinschaft, und Andere halten mit ihrer Kritik gegen einzelne zurück, um nicht in den Verdacht des Antisemitismus zu gerathen. Bei einer so krankhaften Disposition der öffentlichen Meinung gibt es nur einen Weg der Heilung. Das Princip der staatsbürgerlichen Gleichheit muß mit voller Rücksichtslosigkeit durchgeführt werden. Die confessionelle Gleichberechtigung besteht zwar auf dem Papier, aber nicht in Wirklichkeit. Vielleicht leistet nichts dem Antisemitismus in den höheren Schichten der Gesellschaft einen solchen Vorschub, als der Umstand, daßJuden praktisch von dem Officierstande ausgeschlossen sind. Daß die Juden als solche dafür nicht befähigt seien, ist eine lächerliche Ausrede angesichts der Thatsache, daß dieselben in den Armeen aller anderen großen Cultnrvölker durch Repräsentanten vertteten sind, die hinter ihren christlichen Cameraden in nichts Zurückbleiben. Die Bestrebungen der Conservativen gehen bei uns dahin, diese Officiersvorurtheile gegen die Juden — wenn nicht gesetzlich, so doch thatsächlich — auf andere Theile des Beamtenorganismus zu übertragen, auf den Richterstand, den Lehrerstand, die Universitäten u. s. w. Diese Bestrebungen muß der als logisch anerkennen, der die Ausschließung der Juden aus dem Officiersstande für zulässig hält. Die confessionelle Gleichberechtigung läßt eben keinerlei Ausnahmen zu. Wird sie an irgend einer Stelle verleugnet, so ist sie unzähligen willkürlichen Ausnahmen ausgesetzt. Mit der confessionellen Gleichberechtigung steht und fällt aber auch die Gleichberechtigung der Stände. Wenn man an der Confession eines Mannes, der zum Staatsdienst persönlich qnalificirt ist, Anstoß nimmt, so kann man auch an seiner bürgerlichen Herkunft Anstoß nehmen. Ueberbleibsel dieser letzten Anschauung sind ja in Preußen — in der Armee wie in der Civilverwaltung — noch sichtbar genug. Kein Wunder, daß die konfessionellen Borurtheile auch gerade in jenen junkerlichen Kreisen zu Hause sind, in denen das Bürgerthum ebenfalls als ein unberechtigter Eindringling in die höheren Stellen der Armee und Verwaltung angesehen wird. Dem gegenüber muß der Grundsatz schroff aufgestellt werden, daß für die Besetzung aller Stellen im Staate nur die persönliche Qualification, ohne jegliche Berücksichttgung des Standes und der Confession maßgebend sein darf. Der Antisemittsmus liebt es, die tapferen Deutschen mit der Aussicht zu schrecken, daß ein solcher freier Wettbewerb mit einem Siege unserer israelitischen Mitbürger auf allen Gebieten des Staatslebens enden werde. Nun gibt es in Deutschland wenig mehr als ein Procent Juden.' Wenn aber die neunundneunzig Procent germanischer Christen außer Stande sein sollten, den Kampf ums Dasein gegen jenes eine Procent zu bestehen, ohne daß die Juden mit Gewalt niedergehalten werden, dann wären diese germanischen Deutschen ein so armseliges Geschlecht, daß ihre nationale Existenzberechtigung ernstlich in Frage gestellt werden müßte. Gerade die tüchtigeren Elemente des deutschen Volkes haben deshalb alle Ursache, gegen diese beleidigende Unterstellung dadurch zu protestiren, daß sie die factische Gleichberechtigung der semitischen Deutschen mit den germanischen Deutschen verlangen. Andererseits sollten dieJuden sich klar mach'en, daß man den Antisemitismus nicht dadurch los wird, daß man über ihn lamentirt und ihn ausschließlich defensiv bekämpft. Der Antisemitismus ist nur im Rahmen der Politik wirksam zu bekämpfen. Wenn manche jüdischen Gebeimen Kommerzienräthe und geadelte, ungetaufte und getaufte, Parvenüs, die ihre Töchter mit verkrachten Junkern verheirathen, das noch nicht begriffen haben und sich womöglich eine Ehre daraus machen, in politischen und gesellschaftlichen Kreisen zu verkehren, wo man sie blos duldet und mit Recht verachtet, weil sie mit einer so demüthigenden Rolle vorlieb nehmen, so ist das allerdings bedauerlich. Es sollte aber die anderen Juden, die nicht geduldet, sondern geachtet sein wollen, nur um so mehr veranlassen, jene politischen Richtungen mit allem Nachdruck zu bekämpfen, die ihnen nur ein Tüttelchen von ihren staatsbürgerlichen Rechten nehmen wollen. Denn im politischen Leben wird nur der respectirt, der sich keinerlei Ungerechtigkeit gefallen läßt. („Die Nation"). Das Urbild Shylock's. Aus Rosegger's „Heimgarten", 7. Heft, April 1892. Ein reicher arischer Kaufmann zu Rom, Namens Paolo Marie Secchie hatte die briefliche Nachricht erhalten, daß der englische Admiral Franz Drake die Stadt San Dominico auf der Insel Hispaniolo eroberte und dort reiche Beute gemacht habe. Er theilte dies dem Juden Simon Ceneda mit; dieser hielt die Nachricht für unwahr, bestritt sie und sagte schließlich: „Ich will ein Pfund Fleisch von meinem Leibe verwetten, daß dies nicht wahr ist" und so unterschrieben beide in Gegenwart zweier Zeugen hierüber einen Schein. Vor Ablauf von 3 Monaten traf die amtliche Bestätigung ein, daß die Stadt erobert und geplündert worden. Secchie „bestand auf seinen Schein" und verlangte dessen Erfüllung an einem Köpertheil des Juden, den der Anstand, oder — wie der ursprüngliche Erzähler sagt — die Bescheidenheit zu nennen verbietet. Der bekümmerte Jude bot 1000 Scudi, Secchie wollte von keiner anderen Genugthuung hören als der verschriebenen, der Jude erbat die Vermittlung des Gouverneurs; dieser berichtete die Sache an Papst Sixtus V. (der von 1585—1590 herrschte). Dieser ließ beide Parteien vor sich kommen, las den Schein, und sagte zn Secchie: „Wer sich in Wetten einläßt, muß sie erfüllen. Nehmet Euer Meffer und schneidet in unserer Gegenwart, aus dem Leibe des Juden, an welchen Ort es Euch gefällt, ein Pfund Fleisch heraus; doch wenn Ihr nur ein einziges Quentlein zu viel oder zu wenig schneidet, müßt Ihr ohne Barmherzigkeit hängen. So schärfe man das Messer und bringe die Wage herbei." Bei Anhörung dieses Urtheils zitterte Secchie, er küßte thränenden Auges die Erde zu des Papstes Füßen und sagte: „Ich bin zufrieden — heiliger Vater — und verlange weiter nichts als Ihren Segen und daß man den Schein zerreiße". Darauf fragte Sixtus den Juden: „Bist auch Du zufrieden?" der Jude bejahte cs; allein Sixtus erwiderte: „Wir sind nicht zufrieden. Welch' ein Gesetz erlaubt Euch solche Wetten? die Unterthanen der Fürsten, richtiger alle Menschen, haben nur den Gebrauch des Leibes, sie dürfen ihn weder ganz, noch theilweise ohne Erlaubnis ihres Oberherrn verkaufen; man führe beide ins Gefängniß." (Gregori Letti: Leben Sixti V.) Zakunstsskeae im Reichstag. Die jüngste Nummer der „Frankfurter Latern" enthält folgende „Zukunfsscene im Reichstag. Präsident: Der Abgeordnete Ahlwardt hat das Wort. — Ahlwardt: Zunächst drücke ich mein Befremden darüber aus. daß von sämmtlich.n Reichstagsabgeordneten mindestens 200 Juden find, während die übrigen nur zum Theil als hochverrätherische Helfershelfer-Abg. Richter: Zur Sache: — Ahlwardt: Herr Richter, Sie haben alle Ursache, still zu sein, ich habe soeben eine Brochüre unter der Feder, in welcher ich Nachweise, daß Sie dem Staate^m Laufe der Zeit 120 Kanonen