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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-09 · 50 (9.12.1892) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
50 (9.12.1892)
Date
1892-12-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 50 Orsterreichiphr Wochenschrift Seite 991 Ahlwardks politische Ahnenreihe. Bou Theodor Barth. Mitglied des deutschen Reichstages. Die überraschende Thatsache, daß ein anrüchiges Individuum, von dem selbst antisemitische Gesinnungsgenossen wie Böckel und Liebermann von Sonnenburg fortrücken, bei einer Ersatzwahl in einem bisher stets konservativ vertreten gewesenen Reichstagswahlkreise beinahe so viel Stimmen erhalten hat, wie seine sämmtlichen Gegenkandidaten: — der freisinnige, der conservative, der national-liberale und der sozialdemokratische — zusammen, hat eine sensationelle Wirkung hervorgerufen. Die vorwiegende Empfindung ist eine Beschämung darüber, daß das allgemeine Wahlrecht sich so verirren konnte; und die politische Flachheit sucht daraus neue Argumente gegen das allgemeine gleiche Wahlrecht herzuleiten. Als ob das Unglück darin bestände, daß die Gesinnung jener tausende Wähler, die ihren Stimmzettel für den Rector Ahlwardt abgegeben haben, bekannt geworden ist, und nicht vielmehr darin, daß sie in Folge ihrer Gesinnung zu eurer solchen Stimmenabgabe bewogen werden konnten. Man glaubte bisher nicht, daß so etwas möglich sein werde. Daß man es jetzt weiß, ist ein Glück. Denn die verborgenen Schäden im Staatsleben sind weitaus die schlimmsten; und daß das allgemeine Wahlrecht diese ans Licht bringt, ist nicht der geringste Vorzug dieser demokratischen Institution. Das Resultat der Wahl in Arnswalde-Friedeberg, so unerfreulich es an sich ist, hat ferner das Gute, die öffentliche Meinung zum schärferen Nachdenken über die antisemitische Bewegung zu veranlassen, welcher solche Resultate zu verdanken sind. Die Ueberzeugung hat seit acht Tagen erhebliche Fortschritte gemacht, daß wir es nicht mit einem einzelnen Geschwür, sondern mit einer Krankheit zu thun haben, die Deutschland seit geraumer Zeit im Blute steckt. Das Geschwür ist nicht einmal gefährlich, nur widerlich. Aber die Krankheit, die dahinter steckt, verlangt eine rationelle Cur, und dazu ist vor Allem eiue richtige Diagnose erforderlich. Daß der Rector Ahlwardt den Herren Stöcker und Hammerstein heute, wo er die Conservativen mit Erfolg aus einem Wahlkreise verdrängt und sich durch Verleumdungen jeder Art persönlich allzu stark compromittirt hat, nicht sehr bequem ist, begreift sich. Man wollte nur des Nachbarn Scheune anzünden und nun brennt das eigene Haus. Aber der Verfasser der „Judenflinten" ist dennoch ein echter Sproß der antisemitischen Familie. Allerdings cultivirt Herr Ahlwardt mit Vorliebe den sogenannten Radau-Antisemitismus und Herr Stöcker flicht in seine Judenhetze gern einige salbungsvolle Betrachtungen — halb Predigt und halb Kalauer — eilt, aus denen sich deduciren läßt, daß man ihn mißversteht, wenn man den Juden die Fenster einwirft; aber das ist, bei Licht betrachtet, nur ein Unterschied der Form, kein Unterschied des Wesens. Und diese „mildere Form" ist die bei weiten gefährlichere. Ein Mann wie Ahlwardt ist bald verbraucht, und wird sein Wesen nicht mehr lange treiben. Diese plumpe Sorte Demagogen bedeutet nur etwas in der Hand geschickter Drahtzieher, die hinter den Coulissen postirt sind. Die brauchbarste Eigenschaft der Ahlwardt und Genossen ist gerade die, daß man sie leicht verleugnen kann, sobald sie unbequem werden. Sind sie abgebraucht, so treten andere Ehrenmänner gleicher Art an ihre Stelle. Auch können sie gelegentlich als Blitzableiter dienen, indem sie den Unwillen der öffentlichen Meinung auf ihr sündiges Haupt lenken, während er gerechter Weise die Hintermänner treffen sollte. Diese Blitzableiterfunction scheint Ahlwardt gegenwärtig nebenbei erfüllen zu sollen. Indem die Stöcker und Böckel ihn preisgeben, suchen sie den Anschein zu erwecken, als ob sie eine dem Wesen nach verschiedene Richtung vertreten. Vor diesem Mißverständniß kann nicht dringend genug gewarnt werden. Der moderne Antisemitismus entspringt vorwiegend wirthschaftlichen Ursachen. Er ist das demagogische Mittel, durch welche die wirthschaftlich Zurückgebliebenen die öffentliche Meinung und die Staatsgewalt für reactionäre Maßregeln zu gewinnen suchen. Man sehe sich nur die Kerntruppen des Antisemitismus an. Wer sind sie? Bauern, denen das Talent, rationell zu wirthschaften, abgeht; Handwerker, denen die Bewunderung zünftlerischer Seifenblasen keine Zeit gelassen hat, sich der modernen industriellei?Entwicklung anzupaffen; und vor Allem verschuldete Großgrundbesitzer, deren Auip^ch^ ans Lebe ihrer landwirthschaftlichen Berufsbildung ungebührlich weit vor ausgeeilt sind. Diesen großen Gruppen schließen sich die verkrachten Existenzen ans allen Lagern gern an. Sie stimmen natürlich zu, wenn man ihnen sagt, daß ihre wirthschaftliche Decadenz nicht ihrer eigenen Trägheit und ihrem eigenen Leichtsinn, sondern den teuflischen Machenschaften ihrer glücklicheren Concurrenten, oder einer volkswirthschaftlichen koree majeure zuzuschreiben sei. Ein Beispiel aus vielen mag diese Erscheinung illnstriren: Ich sondirte vor einigen Monaten die Wahlchancen der freisinnigen Partei in einem Wahlkreise, in welchem eine Ersatzwahl bevorstand. Die localen Sachverständigen waren darüber einig, daß speciell in dem Hauptort des Kreises der Antisemitismus große Fortschritte gemacht habe. Bei näherem Nachforschen stellte sich heraus, daß speciell die Angestellten der verschiedenen Weißwaarengeschäfte als antisemitische Agitatoren thätig waren. Daraus durfte man unmittelbar schließen, daß ein erfolgreicher jüdischer Concurrent in der Nähe sich befand. — Und so war es: Ein größeres Geschäft der Weißwaarenbranche, an dessen Spitze ein intelligenter Kaufmann israelitischer Confession stand, hatte mit den legitimsten Mitteln — durch Erweiterung des Umsatzes, gesteigerte Culanz. Ermäßigung der Preise — aber eben deshalb mit um so sicherem Erfolge, alle seine Mitbewerber überflügelt. Aus diesem Grunde schloß sich eine Anzahl dieser Letzteren inbrünstig der „nationalen" Bewegung des Antisemitismus an. Dies Beispiel ist typisch. Wer die Entwicklung der antisemitischen Bewegung in Berlin kennt, wird wegen ähnlicher Beispiele nicht in Verlegenheit sein. Betreffs der preußischen Junker, die dem Antisemitismus von Herzen ergeben sind. kommt noch der Haß gegen die Börse hinzu. Dieser Haß beruht recht eigentlich darauf, daß die Börse nicht das ist, wofür der Junker sie ausgibt, nämlich kein Platz, wo man mit leichter Mühe im len viel Geld verdienen kann. Zum Spiel bringen sie genügende Vorkenntniffe und eine krankhafte Neigung mit. Aber gerade. weil sie ihrerseits die Börse als Spielplatz ansehen und nur allzu häufig als solchen benutzen, so verbrennen sie sich öfter — und manchmal — gründlich die Finger. Für diesen Leichtsinn muß ein Prügelknabe gesucht werden, und den findet man in jenen schlechten Menschen, die Börsengeschäfte treiben, und — zumeist gerade deshalb, weil sie nicht spielen — wirthschaftlich gut abschneiden. Unter diesen gibt es gar manchen Juden. Grund genug zum junkerlichen Hepp, Hepp! Unter diesen Gesichtspunkten erscheint die antisemitische Bewegung nur als ein Theil jener allgemeinen Reaktion gegen die großartige Entwicklung, welche das Wirthschaftsleben aller Völker in diesem Jahrhundert, und zwar seit etwa sechzig Jahren, aufzuweisen hat. Es sind die zurückgebliebenen Schichten, die sich gegen die Fortschritte des Jahrhunderts auflehnen und ihren Einfluß auf die herrschenden Mächte zur Niederhaltung der aufftrebenden Elemente und zur Festhaltung unberechtigter Privilegien auszunutzen suchen. Der Antisemitismus ist auf demselben Acker gewachsen, auf dem auch Schutzzölle, Liebesgaben und der Zunftschwindel augepflanzt wurden. Alles dreht sich in letzter Linie darum, den Schlendrian und die mangelhafte Leistung zu schützen gegen die höhere Intelligenz und die größere Anpassungsfähigkeit an die moderne wirthschaftliche Entwicklung. Der Antisemitismus ist die cvncentrirte Form dieses reactionären Haffes. Die Juden haben in den modernen wirthschaftlichen Kämpfen um's Dasein besonders große Erfolge davongetragen. Sodann aber boten sie sich der Demagogie als ein vorzügliches Angriffsobject dar. Religiöse und nationale Volksinstincte brauchten nur wiederbelebt zu werden, um den öconomischen Ursprung der Bewegung zu verschleiern und die Bewegung in den Augen der politischen Naivetät zu idealisiren. An dieser Brunnenvergiftung tragen die Herren von Treitschke, Stöcker und nlle jene Würdenträger in Kutte und Talar, die von dem „berechtigten Kerne" der antisemitischen Bewegung so erbaulich zu reden wissen, die Hauptschuld. Sie haben der Sache das moralische und nationale Mäntelchen umgehängt, und damit den niedrigsten Beweggründen erst die Möglichkeit gegeben, sich in dieser Vermummung unter anständigen Leuten blicken zu laffen. Gerade das mit nationalen Antipathien und religiösen Borurtheilen geschickt gemischte antisemitische Gift hat sich für den Volksorganismus als so überaus schädlich erwiesen. Es hat die Wiederstandskraft weiter Kreise geschwächt, die dem ganz gemeinen wirthschaftlichen Antisemitismus nicht zugänglich gewesen

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