Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 50 (9.12.1892)
- Date
- 1892-12-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 900 iVesterreichische Wochrnschrist Nr. 50 unter solchen Umständen leichW Spiel.Wenn der FabrikantZ u l e g e r im Allgemeinen gegen die Maschinenarbeit donnert und dabei seinen Arbeitern die erbärmlichsten Hungerlöhne zahlt, so befolgt er damit nur die Beispiele seines fürstlichen Vorbildes, das seine landwirthschastlichen Arbeiter um einen Taglohn von 30 Kreuzer schindet. Was wiffen da die armen Frauen und Jungfrauen davon, daß sich in diesem Falle die niederträchtigste Menschenquälerei mit dem Mantel christlicherHumanität drapirt?Das klingt ja Alles so ehrlich und aufrichtig! Welche deutsche Jungfrau hat auch gleich den „Compaß" zur Hand, um gegenüber der Behauptung, daß fast alle Verwaltungsräthe und Direktoren der Banken Juden sind, zu constatiren, daß die Mehrzahl der Bankdirectoren und Verwaltungsräthe aus Christen besteht und daß sich insbesondere in der Direktion der österreichisch-ungarischen Bank, bei welchen sich das gewerbliche Creditwesen concentrirt, kein einziger Jude befindet. Schließlich und endlich aber entpuppte sich die große Frauenversammlung als ein großer Raubzug, den Herr Zu leg er arrangirt hatte, um seinen jüdischen Concurrenten die Ehre abzuschneiden und sich darüber zu beklagen, daß die Commune Wien nicht ihm die Lieferung der Badewäsche überragen hatte. Er erhob gegen einen jüdischen Confecitionär in der Kärntnerstraße den Vorwurf, daß-er mit geringeren, billigeren Material arbeite und seine Kunden durch coulantes, liebenswürdiges Benehmen zu gewinnen suche. Besagter Confectionär hat. die Ausstattung für die Erzherzogin Marie Valerie geliefert und ist soeben durch Verleihung des Hoftitels ausgezeichnet worden. Das illustrirt zur Genüge die Verleumdung, daß er „mtt geringerem Material" arbeite. Was aber die Culance bettlfft, so begreifen wir wohl, daßHerrZuleger in diesem Punkte mit Memanden coucurriren kann. Diese ganze häßliche Versammlung hatte den offenkundigen Zweck, Herrn Zuleger im Kampfe gegen seine Concurrenten Hilfe zu bieten. Der arische Charakter offenbarte sich hier in seiner brutalsten Selbsucht. Der Ehrenmann schloß mit dem Ruf: „Wir haben die Türken vertrieben, wir werden auch jdie Juden verjagen." Die christlichen Frauen und Mädchen spendeten stürmischen, langanhaltenden Beifall und — der Regierungsvertteter schwieg. Er schwieg gegenüber den Aeußeruugen, welche direct gegen das Strafgesetz verstoßen und das Borgehen der Aufreizung begründen. Er schwieg, obwohl in dieser „nichtpolitischen" Versammlung ausschließlich politische Reden gehalten wurden. Er schwieg, obwohl es seine Pflicht gewesen -wäre, dem Gesetze Achtung zu verschaffen, zu dessen Hüter er bestellt war. Der Abgeordnete Sommaruga hat dieses Schweigen zum Gegenstände einer Interpellation an den Grafen Taaffe gemacht. Die Antwort des Ministerpräsidenten wird es klarstellen, ob die Juden in Oesterreich noch den Schutz der Gesetze genießen oder nicht. Die berufenen Faktoren aber mögen sich bei Zeiten darüber Rechenschaft geben, wohin es mit einer Gesellschaft und einem Staate kommen muß, in welchem man auch die Weiber zu Hyänen machen und den Rassenhaß bis in das Heiligthum der Familie ttagen will. Jüdische Barmherzigkeit. Die Vertreter des „punzirten Christenthums" wandern von Versammlung zu Versammlung uni die brutalen Instinkte der Maffen zu reizen, die Habsucht und die Begehrlichkeit zu stacheln, die Wuth des Pöbels gegen die Juden zu entflammen. „Hängt's die Juden", „Schlagt sie todt", „Jn's Wasser mit den Juden" sind die Schlagworte in den antisemitischen Männer- und Frauen- Versammlungen. Pater Eichhorn, auch ein Freund des Prinzen Liechtenstein, hat seinen christlichen Gemeindegenoffen, wie vor Gericht constatirt worden, gestattet, die Juden zu bestehlen. Wie handeln aber die gehetzten Juden, über deren Talmudmoral, soviel Schauerliches erzählt und gelogen wird, gegen arme Christen? Unter dem Titel „Die vereitelte Auktion" erzählt die Breslauer christliche Miffionszeitschrist „Dibre Emeth" folgendes Geschichtchen aus Frankfurt a. M.: j „An einem trüben Aprilmorgen, erzählt der Berichterstatter, hielt in einer engen Gasse der Stadt Frankfurt a. M. die „Amtschaise". So nannte der Volkswitz den Wagen des Gerichtsvollziehers, unter deffen Leitung jetzt zwei Dienstleute damit beschäftigt waren, aus der Dachwohnung eines der geringsten Häuser des Stadtviertels allerlei Möbel, Betten und sonstigen Hausrath aufzuladen. Dies Alles wollten sie zum städtischen Auctionslocal bringen und dort versteigern. Neugierig umstanden Kinder und Erwachsene den Wagen und richteten ihre Blicke auf eine junge blaffe Frau. Mit stillem Gram sah sie, ein einjähriges Kind auf dem Arm, dem Thun der Arbeiter zu. Vier größere Kinder standen schluchzend neben ihr und brachen jedesmal, wenn wieder ein Stück aufgeladen wurde, in ein lautes Weinen aus. Diese Leute hatten offenbar einst bessere Tage gesehen. Das merkte man an dem Hausrath, und das erkannte man an der Frau selbst und ihren Kindern. Sie war die Witwe eines Kaufmannes. Dieser hatte durch den Bankerott eines Geschäftsfreundes, für welchen er sich verbürgt hatte, fast sein ganzes Vermögen verloren. Um den Verlust wieder einzubringen, ließ er sich in gewagte Unternehmungen ein und verlor nun auch den Rest seines Vermögens. Trostlos und hoffnungslos griff nun der Unglückliche und Feigling zur Pistole — ließ Weib und Kind im tiefsten Elend in der Welt. Seine Gattin war muthiger als er. Freiwillig verkaufte sie alles Entbehrliche aus ihrer Haushaltung und befriedigte einzelne Gläubiger ihres Mannes. Dann bezog sie die ärmliche Dachwohnung, um sich und ihre Kinder durch fleißige Arbeit, mit Nähen und Stricken durchzubringen. Aber noch hatte sie nicht den Kelch des Leidens bis auf die Hefe geleert. Ein entsetzliches Scharlachfieber warf ihre fünf Kinder nach einander auf das Krankenlager, und nur die aufopfernde Pflege der Mutter war im Stande, sie am Leben zu erhalten! Indessen kehrte auch Noth und Mangel im armen Stüblein ein. Die kleinen Ersparnisse der heldenmüthigen Pflegerin waren bald aufgezehrt. In dem Haus der Scharlachkranken wollte Niemand mehr eine Arbeit machen lassen. Nun kamen Schulden, und das Ende war die Einkehr des Gerichtsvollziehers. Ein hartherziger Gläubiger bestand auf seinem Guthaben, und da gab es kein Erbarmen. Und doch giebts noch Erbarmen auf Erden. In dem Augenblick, als das Bettlein des jüngsten Kindes aufgeladen werden sollte und die Frau mit aufgehobenen Händen den Gerichtsvollzieher bat, ihr doch wenigstens nur dies zu lassen, trat aus der Reihe der Umstehenden ein Handelsjude auf den Gerichtsvollzieher zu und fragte so leise, daß es die arme Wittwe nicht hören konnte, wie hoch denn überhaupt die ganze Forderung sei. Der Beamte hatte wenig Lust, die Neugier des „schäbigen Juden" zu befriedigen und wies ihn kurz ab: Das gehe ihn gar nichts an. Aber der alte Jude ließ sich nicht abweisen. „Erlauben Sie", sagte er mild, „ich frag' doch nicht aus Neugier! Ich will die Schuld der Frau auf mich nehmen und zahlen für sie und trösten die Mutter und retten das kranke Kindlein!" Jetzt sah ihn der Gerichtsmann erst recht an; das war ihm in seinem Leben noch nie vorgekommen, daß Einer hätte bezahlen wollen, wo er nichts schuldig war. Er mertte, daß es dem Manne ernst war, und sagte ihm den Betrag der Schuld: „238 Mark und 75 Pfennig" Da zog der Jude hinter dem Wagen, so daß es Niemand sehen konnte, eine alte schmierige Brieftasche hervor, nahm zwei Hundertmarkscheine heraus, fischte dann aus seinem Lederbeutel den Rest von 38 Mark und 75 Pfennig in Gold, Silber und Nickel heraus und — händigte den ganzen Bettag dem erstaunten Gerichtsvollzieher ein mit dem Ersuchen, die Fahrnis der armen Wittwe wieder in ihre Dachwohnung hinaufschaffen zu lassen. „Aber haben Sie die Güte, Herr Gerichtsvollzieher," fügte er leise bei, „lassen Sie mich erst gehen! Ich mag leine Geschichten vor den vielen Leuten." Mit diesen Worten verschwand der Jude in dem Haufen der Umstehenden. Als der Gerichtsvollzieher der Frau das Geschehene mittheilte und diese mit Thränen in den Augen dem edelmüthigen Retter danken wollte, war er nicht mehr zu finden. Es giebt Engel der Barmherzigkeit. Sie tragen nicht immer Flügel und strahlen auch nicht immer im Glanze überirdischer Schönheit. Sie find manchmal alt und häßlich und sind dennoch Engel Gottes. Solch' ein Engel der Barmherzigkeit ist der alte Jude gewesen." Soweit der Wortlaut jener christlichen Zeiffchrift.Wir haben hier wiederum einmal einen ttäftigen Beweis für die Ueberlegenheit der „abendländischen Moral" gegenüber dem „orientalischen Christushaß der Juden."