Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 50 (9.12.1892)
- Date
- 1892-12-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 Oesterreichifche Wochenschrift Seite 899 links gewandert sind. Bevor die Entscheidung in der Krise erfolgt -ist, läßt jedoch der Werth solcher Wendungen sich nicht genau abschätzen. Was wir verlangen ist die Vollgestaltung des Freiheitsgedankens auch in socialer und kulturhistorischer Hinsicht und das wäre die einzige Sanirnng gegenüber den unerträglichen Verhältnissen und Zuständen. Dir Rassenhetze im Dienste gcschiistlichcr Canrnrecn». Die antisemitische Propaganda ist auf einer neuen Etappe angelangt. Das Evangelium des Hasses wird nicht mehr auf offenem Markte, sondern von Haus zu Haus gepredigt; auch die Frauen und Mädchen, dieses Element der Liebe, Duldung und Sanstmuth, werden in die streitbare Heerschaar der Judenhetze eingereiht und zu einem Amazonencorps der Selbstsucht und der Gemeinheit herangebildet. Am Sonntag hat in der Bolkshalle des Rathhauses eine Versammlung „christlicher Frauen und Mädchen" stattgefunden, in welcher Se. Durchlaucht Prinz' L icht en stein in höchsteigener Person die Ausrottung des Judenthums vom Standpunkte der christlichen Familie proclamirte. Der Herr Bürgermeister Dr. Prix hatte die außerordentliche Liebenswürdigkeit, die Volkshalle, deren Ueberlassung an democratische Vereine er wiederholt verweigert hatte, diesem überaus löblichen Zwecke zur Verfügung zu stellen. Mit diesem letzten Schritte zur vollständigen Verrohung der Wiener Bevölkerung, die Aufreizung der Frauen, hat man lange gezögert. War es ein Rest von Schamgefühl, welcher die antisemitischen Agitatoren davon abhielt, auch die sanften und reinen Hüterinnen des heiligen Vestafeuers der Familie in den Kreis der schmutzigen und verächtlichen Bestrebungen des Antisemitismus zu ziehen? Nun denn, Prinz Alois Lichtenstein hat sich dieses letzten Restchens von Scham in seiner sonntägigen Rede gründlich zu entäußern gewußt. Mit jener erbärmlichen Verlogenheit und Heuchelei, welche das unverwischbare Merkmal demagogisch-antisemitischen Denkens ist, hat er den versammelten christlichen Frauen und Mädchen ein wirthschaftlichcs und gesellschaftliches Trugbild vorgeführt, über dessen gefährliche Wirkung man sich angesichts eines so unerfahrenen Auditoriums nicht täuschen darf. Der hochfürstliche Redner ging von der Bedeutung der Familie als Grundlage der Gemeinde und des Staates aus und seine einleitenden Ausführungen ipfelten in den beiden Sätzen: „Ist die Familie intact, o kann ein Volk nicht sterben!" „Die Familie bedarf der materiellen Sicherung und des sittlichen Haltes". Das sind Sentenzen, denen nicht nur jede christliche, sondern überhaupt jede Frau, die sich ihres Berufes bewußt ist, zustimmen muß. In welchem Maße aber der Antisemitismus zur tebung der allgemeinen Sittlichkeit beigetragen hat, das ist den esern unseres Blattes aus zahlreichen lebendigen Beispielen bekannt. Wenn Lüge und Verrath, Meineid und Falscheid, Fälschung und Betrug, Diebstahl und Veruntreuung, Unzucht und Schändung sittliche Handlungen sind, dann hat der Antisemitismus allerdings unermeßlich viel zur Veredlung der christlichen Familie beigetragen. Wir erinnern hier nur flüchtig an den Alimenten-Böckel und an diezahlreich:n,von antisemitischen Biedermännern begangenen Notbzuchtsälle, wir erinnern an die sittlichen Thaten eines Rohling, eines Stöckers, eines Verhovay, eines Pickcnbach und — last not at least — eines Schneider. Prinz Alois Liechtenstein hat unbewußt eine vernichtende Selbstkritik ausgesprochen, indem er constatirte, daß in Folge des Mangels an materieller Sicherheit und sittlichen Haltes ein großer Rückschritt zur Barbarei in der breiten Volksschichte bemerkbar ist. Diese Barbarei greift in Wien in erschreckender Weise um sich, sie hat einen großen Theil der einst so warmherzigen und frohgemuthen Wiener Bevölkerung zu einer Horde von Unmenschen umgewandelt. Der fürstliche Redner führt den Verfall der Sitten unter Andern auch auf die „reformjüdische Litteratur" auf der Bühne, in Büchern und Zeitungen zurück, und damit über den Sinn dieser Worte kein Zweifel bestehe, fügte ein anderer Redner hinzu, daß der Naturalismus die Volksseele vergifte. Die anwesenden Frauen und Mädchen ließen sich das geduldig sagen. Keine einzige von ihnen erhob sich, um zu constatiren, daß der Vater des modernen Naturalismus auf der Bühne der christliche Germane Henrik Ibsen und der Vater des naturalistischen Romanes der katholische Romane Emil Zola sei, daß ihnen eine ganze Schaar christlicher Epigonen nacheifern und daß der Jude Paul Lindau in seinem jüngsten Drama „Die Sonne" gegen diese verderbliche Literatur-Richtung energisch Stellung genommen hat. Ebenso frech und verlogen sind die Ausführungen des antisemitischen Prinzen über die Ursachen des wirthschaftlichen Niederganges. Er sagte wörtlich: „Schlachthaus und Mühle, Viehhandel und Getreidegeschäft, Holz und Kohle, Tuch und Leinwand, Kleider und Schuhe, Luxus nnd Mode, sowie die unentbehrlichsten Lebensmittel, kurz Alles, womit sich die christliche Bevölkerung rührt, kleidet und einrichtet, empfängt sie aus den Händen der Fremden" — das heißt der Juden. Lüge, nichts als schamlose Lüge! Wir haben uns die Mühe genommen, all' die oben angeführten Branchen durchzugehen. Das Schlachthaus ist in den Händen der Commune Wien, in deren Gemeinderath sich nicht zehn Juden befinden. Unter den 12 Wiener Mühlenbesitzern sind nur 3 Juden. Bon den 124 Viehhändlern Wiens sind 62, also genau die Hälfte, Christen. Unter den 328 Holz- und Kohlenhändlern gibt es kaum ein Drittel Juden. Die großen Tuch- und Leinwandfabriken sind fast ausschließlich in Händen der Christen. Wir nennen nur die Namen: Demuth, Liebig, Trenkler, Förster, Schüller, Siegmund, Leitenberger, Schmitt, Schroll, Ganahl, Hämmerle, Kubo, Solcher re. Die großen Etablissenlents für Damen-Modewaaren find gleichfalls fast ausschließlich in christlichen Händen. Die Firma Hansal, Francini, Alexandrine, Drecoll, Elsinger, Stehlik, Jungmann, heben wir nun aus der Unzahl christlicher Geschäfte hervor. Prinz Liechtenstein hat also in diesem Punkte geradezu handgreiflich gelogen und seine Zuhörerinnen hätten ihn sofort dieser Lüge überführen können. Die Behauptung freilich, daß auch das unbewegliche Capital, Grund- und Hausbesitz bald gänzlich in Judenhänden fein werden, mußten sie auf Treue und Glauben hinnehmen. Denn sie hatten ja die Rede, welche der edle Prinz noch tags zuvor im Hausherren-Bereine hielt, in welcher er sich rühmte, Hausbesitzer in allen Wiener Bezirken zu fein, nicht gelesen. Sie wissen auch nichts von den unermeßlichen Gütern der todten Hand und den ebenso unermeßlichen Latifundien des Fendaladels. Das weibliche Gemüth glaubt und vertraut gerne, und der Cavalier Liechtenstein dürfte eines besonderen Eindruckes auf diese naiven Zeugen gewiß sein. Sie wißen ja noch nicht, daß auch ein Cavalier die Unwahrheit sagen kann, selbst wenn er den Rock des ^Kaisers trägt. Der fürstliche Hetzer forderte sein Auditorium schließlich auf, fest zusammenzuhalten und gegen die geschloffene jüdische Gemeinschaft eine ebenso festgeschloffene christliche Gemeinschaft zu bilden. Die christliche Bevölkerung müsse sich wirthschaftlich organisiren und den vielen Gefahren, welche die Familie zu zersetzen drohen, muffe durch Errichtung van Pensionaten, Kleinkinderbewahranstalten , Mädchenasylen, Dienstbotenherbergen u. s. w. entgegengetreten werden. Wir wollen nicht weiter untersuchen, von wo die Gefahren ausgehen, welche den christlichen Familien drohen. Vielleicht weiß der Busenfreund des Prinz Liechtenstein, der Ritter Stampiglius, der ja auf diesem Gebiete sehr eingehende Studien macht, darüber ausreichende Auskunft zu geben. Allerdings fällt uns dabei das Wort eines aristokratischen Lebemannes ein, der mit cynischer Offenheit erklärte: „Wir stammen von unseren Bauernburschen und unsere Bauernburschen stammen von uns". Allein wenn schon von der dringenden Nothwendigkeit christlicher Asyle und Humanitätsanstalten gesprochen wird, so muß doch in Erinnerung gebracht werden, daß mehr als die Hälfte jener Spenden, welche für solche bereits bestehende christlichen Anstalten gewidmet werden, von Juden geleistet wird, während christliche Beiträge für jüdische Wohlthätigkeitsanstalten gar nicht Vorkommen. Die wirthschaftlichen Theorien, welche Prinz Alois Liechtenstein und der christlich-sociale Wäsche-Confectionär Zuleger den arischen Frauen un5 Mädchen vorsetzten, verdienen ein eigenes Capitel. Der Gesichtskreis der Frau ist ein beschräntter, ihr Sinn haftet an den Nächstliegenden und vermag sich zu abstracten Definitionen nicht aufzuschwingen. Man würde ihr daher vergeblich von den Gesetzen der Capitalsbildung, von der Einzel- und Collectivwirthschaft, von beweglichem und unbeweglichem Capital rc. sprechen. Sie fühlt das gesteigerte Minus in der Haushaltung und sie fragt nicht nach allgemeinen Ursachen dieser materiellen Einbuße, sondern ist überzeugt, daß sie das Opfer besonderer Zufälle nnd Umstände ist. Da ist es dann leicht, von den verderblichen jüdischen Einflüsse auf das Erwerbsleben zu sprechen und der schnödeste Eigennutz hat