Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 49 (2.12.1892)
- Date
- 1892-12-02
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 894 Oestrrreichifche Wochrnfthrist Nr. 49 Gräfin Julius Szapary stattete der Tochter des Verblichenen, Frau Renee v. Krauß-Wahrmann einen Condolenzbesuch ab. An die Handels- und Gewerbekammer gelangte ein Condolenzschreiben des Handelsministers Bela v. Lukacs, welches wie folgt lautet: „Mit aufrichtigem Bedauern und tief empfundener Theilnayme erhielt ich Kenntniß von dem unerwarteten Hinscheiden Moriz Wahrmann's, des von mir allezeit hochgeschätzten Präsidenten der Hcmdels- und Geiverbekammer. Der Verblichene hat nicht nur vermöge dieser Stellung, welche er wohl nur kurze Zeit, aber mit musterhafter Gewissenhaftigkeit und großem Eifer erfüllte, sondern auch durch die Zeit feines Lebens entfaltete Thätigkeit an der Förderung des heimischen Handels mitgewirkt und dem Lande durch sein sowohl umfassendes als eifriges Wirken hervorragende und nützlich, Dienste geleistet. Das Hinscheiden Moriz Wahrmann's ist ein wirklicher Verlust auf dem Gebiete deß heimischen volkswirthschaftlichen Lebens und der öffentlichen gesellschaftlichen Thätigkeit, und indem ich dies selbst lebhaft empfinde, beeile ich mich, der Handels- und Gewerbekammer mein Beileid über das Ableben ihres allgemein verehrten Präsidenten auszudrücken und die Kammer zu ersuchen, dies den von dem nunmehr Verblichenen geleiteten Anstalten zur Kenntniß zu bringen". Der evangelisch-reformirte Bischof be% transdanubischen Kirchendistricts. Gabriel Pap, der begleitet von zwei Senioren, im Trauerhause erschien, um namens des Districts zu condoliren, hatte vorher das folgende herzliche Beileidsschreiben gesendet: „Mit schmerzlicher Theilnahme erfuhr ich aus den Zeitungen von dem Hinscheiden eines thätigen, um das allgemeine Wohl stets bemühten leitenden Mannes des öffentlichen Lebens, meines geliebten und verehrten, jetzt lei er verewigten Freunoes Moriz Wahrmann. Die verehrte Familie wolle meine vom Herzen kommende Beileidsbezeugung entgegennehmen. Bu dap est, 27. November 1892. GabrielPap Bischof des ev.-res. transdanubischen Kirchendistricts." Bürgermeister C i o t t a sandte aus Fiume ein französisches Telegramm, welches in Uebersetzung wie folgt lautet: „Genehmigen Sie, gnädige Frau, mein lebhaft gefühltes Beileid zu dem Verlust, der sie betroffen. — Eiott a." Zur Beurtheilung des Dahingeschiedenen wird uns mttgetheilt: Herr Dr. Jellinek hatte ein Telegramm aus London erhalten, daß die Juden in Persien sehr gefährdet seien Er wandte sich sofort an das Mitglied der ungarischen Delegatton, Herrn Moritz Wahrmann, mit der Frage, ob er geneigt wäre, den gemeinsamen Minister Grafen Kalnocky, der damals in Pest weilte, zu sprechen und zu ersuchen, daß er den österreichischen Gesandten am persischen Hofe beauftrage, daß er der persischen Juden sich annehme. Herr Moritz Wahrmann antwortete umgehend, daß er dies thun wolle, sobald er die nöthigen Informationen über die Verhältnisse der Juden in Persien erhalten haben werde. Nachdem bekannt worden war, daß der englische Minister des Auswärtigen den englischen Gesandten in Persien iustruirt habe, die persischen Juden zu beschützen, wurde von einer Intervention des Grafen Kalnocky abgesehen. Herr Moritz Wahrmann war bekanntlich auch Präses der Pester Cultus-Gemeinde. Als er trotz seiner vielen Beschäftigungen dieses Ehrenamt übernahm, äußerte er: In dieser antisemitischen Zeit müsse jeder Jude seine Schuldigkeit thun, und sich ihrer, so weit seine Kräfte reichen, annehmen. Und er that seine Schuldigkeit als Präses der Pester Cultus-Gemeinde im strengsten Sinn des Wortes. Er war ein musterhaftes Oberhaupt einer der größten jüdischen Gemeinden in Europa. Synagvgengefang und Orgel. Von Obercantor I. Singer in Wien. 1 v. v Es kann allerdings nicht in Abrede gestellt werden, daß ' 'vor dem tchir Zion I wftfjf' schon Synagogengesangswerke existirten, wie beispielsweise die Gesänge von Israel Lory, allein dieselben hatten nicht jene universelle Bedeutung, wie sie dem Schir Zion I zugesprochen werden muß. Der 8elür Zion I, beziehungsweise die aus demselben in der Seitenstettensynagoge in Wien zur Aufführung gebrachten Gesänge fanden freudige Aufnahme in allen modernen Synagogen beider Hemisphären. Aus den, selbst jenseits des großen Oceans, gelegenen Gemeinden kamen Abgesandte und Cantoren, um diese Gesänge persönlich anzuhören und an der Vortragsweise Meister Sulzers und feines Chores sich selbst heranzubilden. Die Seitenstettensynagoge muß demnach als der wichtigste Ausgangspunkt des heutigen, allverbreiteten, modernen Synagogen-Gottesdienstes bezeichnet werden und ein bedeutsamer Antheil an dieser Errungenschaft muß sicherlich all' den hochverehrten Männern zugesprochen werden, die dazumal im Rathe der Gemeinde wirkten. In gleicher Weise, wie nun die Altvordern für unsere Zeit gesorgt, sind alle maßgebenden Kreise der Wiener Cultusgemeinde verpflichtet, dieses bedeutungsvolle Vermächtnis auch an die zukünfttge Generation zu vererben. Nach wie vor gilt der Synagogengesang in Wien als Musterbild und wenn auch einzelne Vorortegemeinden der heiligen Tradition dadurch untreu werden, daß sie durch erborgten, einem nichtjüdischen Boden entstammenden Schimmer ihre Synagogen zu schmücken suchen, so hat das wenig zu bedeuten, dieses zweifelhafte Licht wird und muß verblassen vor diesem Meer von Licht, welches aus der, durch eine Neuausgabe des Ledir Zion hell erstrahlenden Sonne aufleuchten wird. Soll jedoch dieses neu zu redigirende Werk seine universelle Ausgabe für kommende Geschlechter in dem Maße erfüllen, wie es der 8elnr Zion I für uns vollbracht, so muß dasselbe nicht allein mit modern künstlerischer Feinfühligkeit ausgestattet werden, sondern hauptsächlich bei der weitumfassendsten fortschrittlichen Behandlung doch streng in der Tradition Sulzer's fußen. Sulzer war kein Tempelsänger, wie ihn der Jrrthum nennt, auch kein Kirchen- oder gar Opernsänger, sondern er war ein moderner Chasen in des Wortes edelster Bedeutung und wollte auch niemals als etwas Anderes gelten. Bei der weitgehendsten, fortschrittlichen Gestaltung des synagogalen Chorgesanges und Recitativs war er stets bemüht, die zarten Pflänzchen der von Unkenntnis verunstalteten Chasonus-Melodie vor der Vernichtung zu bewahren. Dieser Bestrebung begegnen wir allenthalben im 8ebir Zion II und in vielen der im Nachlasse Vorgefundenen Compositionen; wo es nur einigermaßen anging, eine alte Melodie theils im Chorgesange, theils im Recitativ zu verwerthen, griff Sulzer mannesmuthig nach derselben und verhalf ihr zu ihrem einstigen Rechte. Nun denn! dieses Vorgehen des zielbewußten und fachmännisch reifen Altmeisters war für andere, ihm nachstrebende synagogale Componisten, in allererster Reihe für Lewandowsky u. A. ein bedeutsamer Fingerzeig bei der Gestaltung ihrer Synagogen-Gesangscompositionen und muß daher auch für uns als Leitstern bei Herausgabe des neuen 8dm- Zion gelten. Die altgewohnten, im G'sammtjüdenthume wurzelnden Chorgesänge sollen allerdings mit moderner Harmoniefülle ausgestattet, auch etwaige, im 8ebir Zion nicht vorgesehenen, mit volkssprachlichem Texte zu singenden Compositionen hinzugefügt, so wie einzelne Musterrecitative für den Cantor beigegeben werden. Doch muß bei der Bearbeitung strenge darüber gewacht werden, daß die Grundideen des Schir Zion nirgends verletzt d. h., allüberall der synagogale Character der Gesänge gewahrt bleibe. Der synagogale Character? In der heutigen, judenfeindlicheu Zeitströmung, wo man Allem, was nur einigermaßen an das Judenthum erinnert, ängstlich aus dem Wege geht, dürfte anch der synagogale Character unserer Chorgesänge perhorrescirt werden. Allein in den jüdischen Bekhäusern darf der nichtjüdische Choral sich ebensowenig breit machen, wie der sogenannte protestantische Psalmengesang oder gar der Opernstil Eingang finden darf. Man mißverstehe uns nicht. Sicherlich schätzen auch wir jeden einzelnen der angeführten Musikstile, jedoch nur in Anbetracht der von jedem einzelnen vertretenen Specialrichtung wie in weiterer Rücksichtnahme auf ihre Aufführungsstätte. Choral und Psalmenstil in den Kirchen, Qperngesang im Theater — jedoch nicht umgekehrt. Die moderne Synagoge würdigt alle Errungenschaften der heutigen Musikformen und soll dieselben auch in Anwendung bringen, darf es jedoch keinen Moment außer Acht lassen, daß sie eine hochheilige Mission zu erfüllen habe u. zw. die Pflege des synagogalen Musikstiles. Es ist nicht statthaft, an dieser Stelle eine theoretische Klarlegung dieser Thatsache bieten zu wollen. Wen der Gegenstand intereffirt, der lese das Merkchen *), welches der Schreiber dieser Zeilen vor noch nicht langer Zeit veröffentlichte und welches bei den bedeutendsten Musikcapacitäten wie Hofrath Ed. Hanslik, Professor Jadasohn und Riedl in Leipzig .. Tonarten des traditionellen Synagoaengesanges, ihr Berhältniß zu den Kirchentonarten und den Tonarten der vorchristlichen Musikperiooe von Obercantor Josef Singer in Wien.