Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 49 (2.12.1892)
- Date
- 1892-12-02
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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"ZEsemamsssäm Nr. 49 Orflrrreichifche Wochenschrift -Leite 893 Moriz Wahrmann's Leichen begängnitz. (Original-Bericht der „Oesterr. Wochenschrift., Bndapest, 29. November. Ein klarer, frostiger Wintermorgen. lieber der königlichen Burg von Ofen steigt langsam die Sonne empor. Sie sendet ihre lenchtenden Strahlen weit, weit über das wolkenlose Blau des Firmaments, sie beglünzt die spiegelnde Fläche des Stromes und vergoldet ruf dem diesseitigen User das Giebeldach des Hauses, in welchem einer der besten Männer Ungarns und zugleich einer der edelsten Söhne des jüdischen Volkes lebte, wirkte und starb. Moriz Wahr mann soll heute in dre kühle Erde gebettet werden. Seit der Stunde, da die Nachricht von seinem Tode die Hauptstadt durchzitterte, hat sich der Schmerz, der ganz Ungarn um den Verlust dieses Mannes ergriff, nicht gesänftigt. In diesem Schmerze einigen sich alle Confessionen, alle Parteien. Der Tod Moriz Wahrmann's reißt eine unausfüllbare Lücke in die Reihe Derer, welche die Freiheit und den Eulturforlschritt vertheidigten und heute niehr denn je auf das befeuernde Beispiel der Alten angewiesen sind. Das fühlt Jedermann und ganz Ungarn durchzieht die Trauer um den großen Todteu. Unseren ungarischen Glaubensgenossen aber ist in Moriz Wahr mann mehr noch als ein Führer, es ist ihnen ein sorgender Vater abgestorben, und wie eine einzige wehklagende Familie schanrt sich heute die gesummte Judenschaft Ungarns um den Sarg des unvergleichlichen Mannes. Von der Ofner Königsburg herab fallen die Strahlen der Sonne auf das Wohn- und Sterbehaus Moriz Wahrmann's, Noch mit brechendem Auge sah er die Zukunft seiner Glaubensgenossen sich erhellen, sah er die Sonne der Freiheit und Gleichheit, welche mit der neuen Aera für die Juden in Ungarn emporstieg. Noch hat er die Verkündigung der Reception der Inden erlebt und als ob er nunmehr seiner Zeit und seinem Volke genug gethan, schloß er die müden Augen für immer. Die Sonne leuchtet, als wollte sie den Tod verschönern, und den Tausenden und Abertausenden, die zu dem Trauerhanse strömen, milden Trost ins Herz gießen. Gegenüber der Academie der Wissenschaften erhebt sich ein gutes, altes Patrizierhaus Von seinen Fenstern fällt der Blick ans die ehernen Standbilder der Graf Szechenyi, Franz Deak und Baron Eötvös, der Trias großer Patrioten, deren Erinnerung jedes ungarische Herz höher schlagen macht. Durch ein weites, schwarzverhängtes Thor gelangt man in einen geräumigen Flur, der gleichfalls die Farbe der Trauer tragt und von da in den großen, viereckigen Hof des Gebäudes. Hier, unter Gottes freiem Himmel sammeln sich die Trauergäste. Ter Boden ist mit schwarzem Tuche belegt, schwane Draperien ziehen sich die vier Jnnenfronten des Hauses entlang.- Mächtig zum Giebel enrpvrstrebende dorische Säulen vollenden den stimmungsvollen Eindruck der Trauerstätte. lieber die Kettenbrücke herüber, ans der inneren Stadt, aus den Vorstädten bewegen si'ch, endlose Züge von Leidtragenden mit umflorten Banyer^Lin der Ssiitze. Die-jüdisthen Lehrlinge, die jüdischen Waisenkinder, die jüdischen Wohlthätigktitsvereine, die Innungen ohne Unterschied der Consession, die Lehrkörper der Schulen, die Beamten der zahlreichen Finanzinstitute, denen der Verblichene vorgestanden, die Beamten der israelitischen Gemeinde, die Veteranen, die Gendarmen, die zahllosen Deputationen jüdischer Gemeinden aus dem ganzen Lande — es ist unmöglich, das endlose Geleite im Einzelnen aufznzählen. lind in aller Stille und Ordnung bildet sich hiezu eine lebendige Zeile von vielen Tausenden, die den weiten Franz- Josessplatz bis hinein in die Academiestraße umsäumt; Männer mit thränendem Auge, schluchzende Frauen. Sie stehen geduldig und warten, bis sie dem geliebten Todten den letzten Gruß zuwinken können. Die Polizei ist unsichtbar, sie hat unter dieser andächtigen Menge nichts zu thnn . . . Drinnen aber im Hose sammelt sich die geistige Blüthe Ungarns um den düstern Katafalk und die schwarzuwflorle Rednerbühne, zu dessen Häupten: Ter Vorstand d« hauptstädtischen Jndengemeinde, die Delegnten der Städte und Comitate, die Direktoren und Verwaltungsräthe der zahlreichen Unternehmungen, denen Morst Wahrmann seinen Rath und seine Kraft widmete.die Vertreterder klaute ^inanes, der Kunst, der Presse. In den Kreis der Leidtragenden reihen sich die Abordnung des ungar. Oberhauses und die Mitglieder des Parlamentes ein. Jetzt ertönen feierliche Gesänge von oben, ergreifend Hallen die Klagelieder durch den weiten Raum. Ehrwürdige, silbcrhaarige Männer tragen den Sarg, nur mit Mühe werden sie des Schmerzes Herr, der ihnen das Auge feuchtet. Hinter dem Sarge schreiten gramgebeugt der Sohn und der Bruder des Verstorbenen, droben aber klirrt ein Fenster und ein schmerzverzehrtes Weib ringt verzweisiungsvoll die Hände hinab nach dem theuren Todten. Die Gesänge verhallen, der Rabbiner besteigt die Rednerbühne. In diesem Augenblicke theilt sich die dichtgedrängte Menge, und am Fußende des Sarges wird die hohe Gestalt Dr. Weckerle's mit den Hellen, blauen Augen und dem treuherzigen Antlitz sichtbar. Der Ministerpräsident der freien Ungarn, der erste Rathgeber des Monarchen ist erschienen, um noch im Tode dem besten jüdischen Mann Ungarns, den Vorkämpfer des ungarischen Judenthums zu ehren. Um ihn reihen sich der Handelsminister Lukäcs,'der Cultusminister Graf Csaky, der Justizminister Szilagyi, der Honvedminister Baron Fejervary, der Minister des Innern, Hieronymi, der Ackerbauminister Graf Beth len, der Führer der gemäßigten Opposition Graf Albcrr Avponyi, der Führer der Unabhängigkeits-Partei, Karl Eötvös, der Präsident der liberalen Partei, Baron Podmanizky. Zu Häupten des Todten der Oberralbiner, zu seinen Füßen der Ministerpräsident mit seinem Cabinet — wir sind in Ungarn, wo der Menschnach seinen Thaten und Fähigkeiten und nicht nach seiner Abstammung geschätzt wird. Wer mit der Erinnerung österreichischer Verhältnisse Zeuge dieses Schauspiels war, dem wird es unvergeßlich in der Seele haften. Und der Redner begann. Mit ergreifenden Worten schilderte er die Bedeutung des Verblichenen, seine Verdienste um das Vaterland, seine Liebe zum Judenthum, seine Hingebung an die Sache der Freiheit, des Menschenthums, des geistigen Fortschritts und der materiellen Wohlfahrt der Nation und der engeren Gemeinschaft seiner Glaubensgenossen. Als er geendet, ging »aut.s Schluchzen durch die Versammlung und in tiefer Bewegung trat Alexander Wekerle vor, um den geschiedenen Kampfgenossen noch einen letzten stillen Gruß zu entbiete«. Tann formte sich der Zug. Voran die Vereine, Corporationen, Deputationen, dann der Sarg, getragen von den Vorstandsmitgliedern der Culrusgemeinde. Hinter demselben schritten die Familienangehörigen, die Minister, die Magnaten, die Abgeordneten und die Tausende, die sich auf dem Wege dem Zuge anschlossen. So ging es dem Franz Josefsplatz entlang bis zur Badgasse, wo der Sarg ans den Leichenwagen gehoben und drei Blumenwagen mit zahllosen Kränzen beladen wurden. Und weiter ging es, über den Königsring, durch die breite Königsstraße durch ein unübersehbares Spalier. Ueber alle hinaus ragte die hohe Gestalt des Ministerpräsidenten Grasen Apponhi, der wortlos inmiuen der bunt durcheinandergewürfelten Menge dahinschritt, der mächtige Staatsmann und hochgeborene Cavalier neben dem armen jüdischen Handwerker und Kleinhändler. In ergreifender Weise manifestirte sich die Trauer der jüdischen Bevölkerung. Auf dem Wege, welchen der Zug passierte, waren alle jüdischen Geschäfte geschlossen, nur die florumhüllten Reflectoren vor denselben waren entzündet und sendeten ihr düsteres Licht in die Tagesheile hinaus. Wohl eine halbe Stunde lang währte der Trauerzug bis zur neuen Svnagoge. Hier wurde noch ein Trauerchoral executirt, dann löste sich das Geleite aus und nur die näheren Leidtragenden folgten dem Leichenwagen auf den Friedhof. Ueber den weiteren Verlauf des Leichenbegängnißes meldet ein Telegramm der „Neuen freien Presse".„Unter großer Theilnahme der osficiellen Kreise, der Mitglieder des Reichstages und der Bevölkerung hat das Leichenbegängniß stnttgefunden. Zu demselben waren erschienen: Minister-Präsident Wekerle, Justizminister Szilagyi, Landesvertheidigungs-Minister Fejervary, die Staatssecretäre sämmtlicher Ministerien. Das Abgeordnetenhaus war durch etwa hundert Mitglieder mit dem Präsidenten Bansy und dem Vice-Präsidenten Bokros erschienen. Außerdem waren die Hauptstadt, die Handelskammer, die Börse die kaufmännischen Gremien, zahlreiche Vereine, sämmtliche Bank-Institute und die hervorragendsten Industrie-Unternehmungen, außerdem die Vertreter der Cultusgemeinden von Budapest, Ofen, Stuhlweißenbnrg, Papa, Szegedin sc. durch Deputationen vertreten. — An der Bahre sprach im Trauerhause der Prediger der israelitischen Cultusgemeinde Dr. Kohn, welcher in ergreifender Weise den Verlust schilderte, den sowohl die hauptstädtische Judenschaft, als die Judenschast des ganzen Landes, das gesellschastliche und politische Leben im Allgemeinen durch das Hinscheiden Wahrmann's erlitten. Dann setzte sich der Zug in Bewegung. In allen Straßen, welche der Zug passirte, brannten die schwarzumflorten Laternen. Am Friedhöfe widmeten Abgeordneter Max Falk, der Vicepräsident der Handelskammer Rath und der Vertreter der israelitischen Cultusgemeinde Martin Schweiger dem Dahingeschiedenen warmempfundene Nachrufe. Koloman Tisza, welcher im Trauerhause persönlich vorsprach, überbrachte für Frau Krauß-Wah rm an n folgendes Schreiben: Budapest. 2». November 1892. Gnädige Frau! Ich fürchte zwar, daß Sie in diesen ^lugenblicken Ihres tiefen Schmerzes ob des unerwarteten schweren Schlages diese Zeilen für eine Zudringlichkeit halten werden; doch war es mir unmöglich, dem Wunsche zu widerstehen, auch meinerseits den Ausdruck zu geben, wie sehr die unerwartete traurige Nachricht auch mich niederge^chmettcrt hat; denn in dem Verblichenen habr auch ich einen alten Freund verloren und überdies empfinde ich auch den großen Verlust, welchen die öffentlichen Angelegenheiten erlitten haben. Ich bitte Sie, überzeugt zu sein, daß nur der Schmerz über den Verlust des Verblichenen und meine Theilnahme für Ihren gerechten Schmerz mir diese Zeilen bictirt haben. In Achtung Ihr Diener Koloman Tisza. Herr v. Tisza überbrachte zugleich eine Bisitkarte seiner Gemahlin geb. Gräfin Ilona Degenfeld-Schomburg, welche den warmen Ausdruck ihrer aufrichtigen Theilnahme enthält.