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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-02 · 49 (2.12.1892) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
49 (2.12.1892)
Date
1892-12-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 49 Oestrrreichische Wochenschrift Seite 897jeden Sonntag in der hiesigen Kathedrale Predigten, in denen er entschieden gegen die Judenverfolgungen Stellung nimmt und den rechtgläubigen Christen Verträglichkeit mit den Juden aufs nachdrücklichste empfiehlt. Der Erzbischof ist ein in Griechenland wegen seines profunden theologischen Wissens berühmter Gelehrter, ein ausgezeichneter Kanzelredner. Die Kathedrale ist jeden Sonntag übervoll von Andächtigen. Einer wörtlichen Niederschrift der erzbischöflichen Predigt vom Sonntag, den 30. October d. I. entnehmen wir folgende Stellen: „Die gegen das jüdische Volk gerichteten Verfolgungen sind eine so große Sünde, daß für sie keine Verzeihung bei Gott zu erlangen ist. Aus dem jüdischen Volke sind die Gründer des Christenthums, die ersten und erleuchtetsten Christen hervorgegangen, und dieses Volk soll nun verhöhnt und verfolgt werden, ein Volk, das zu den ersten und bedeutendsten der Welt gehört, der es die Prägung seines Geistes aufgedrückt hat? O, welche tiefe Ungerechtigkeit liegt in der Verfolgung des jüdischen Volkes, auf dem keine andere Schuld lastet, als daß es treu an dem Glauben seiner Urväter hält! Ihm verdanken wir die wahre Erkenntniß Gottes, das Gefühl für Gerechtigkeit, für Nächstenliebe, die Verehrung der Familienbande, die Hochachtung der heiligen Worte, die heilige Schrift. Und für Alles dies sollten wir es mit Bitternissen erfüllen? Für die unendlichen Wohlthaten, deren wir uns durch das Judenthum erfreuen, soll nun dessen Blut vergossen werden!? In Hinkunft sollen meinem Herzen und im Herzen meiner strenggläubigen BrKder nur ein Wunsch, eine Hoffnung sein, dem ewigen Schöpfer des Weltalls Dank zu wissen, daß er das kleine und maßlos verfolgte Volk erhalte, damit es Antheil nehme an den Segnungen der großen Familie der Welt, der armen Menschheit!? Wien. Der Handelsminister hat die Herren Eduard Budie, k. k. Hoflieferantin Wien, Josef Jnwald Glasfabrikant in Prag, Heinrich Klinger Fabrikant und Kammerrath in Wien und Heinrich Neumann Großindnstrieller in Mährisch Trübau, zu Mitgliedern der k. k. Central-Commiffion für die internationale Kunst- und Industrie-Ausstellung 1893 in Chicago ernannt. Wien. (Stiftung für Volksschullehrer). Aus der Provinz Posen wird gemeldet: Zu Gunsten der B o lksschullehrer der Stadt Schrimm ohne Unterschied der Confession hat der verstorbene Abraham J)aak Hepner 6000 Mark testamentarisch mit der Bestimmung vermacht, daß die Zinsen davon alljährlich in zwei gleichen Theilen an seinem und seiner Ehefrau Todestag an einen seitens des dortigen Bürgermeisters durch das Loos zu ermittelnden Lehrer verabfolgt werden sollen. Eine ähnliche Stiftung hat Herr Hepner für die Lehrer seiner Vaterstadt Jaretschewo ebenfalls ohne Unterschied der Confession mit einem Stiftungskapital von 3000 Mark gegründet. Den Bolksschullehrern der betreffenden Städte soll das Recht zustehen, bei der betreffenden Auslosung zugegen zu sein. Wien. Man theilt uns Nachstehendes mit: „Als vor Jahren der verstorbene Cardinal, Fürsterzbischof von Olmütz, Landgraf Fürst enber g, mit der Absicht umging, Dr. Theodor Kohn zum Capitularherrn der Olmützer Erzdiöcöse zu ernennen, machten sich Einflüsse geltend, daß der Canonicus-Candidat seinen Namen in einer weniger alttestamentarischen Weise umändern möge. Allein nicht nur Dr. Theodor Kohn, sondern auch der verewigte Cardinal setzten diesem Verlangen entschiedenen Widerstand entgegen. Und auf diese Weise erhielt das altehrwürdige Olmützer Domcapitel einen Domherrn mit echt alttestamentarischem Namen, zum nicht geringen Staunen weiterer Kreise, die von der Existenz eines katholischen Seelsorgers Namens Kohn keine Ahnung hatten." Olmütz. (Anonyme Briefe und Correspondenzkarten.) Unter diesem Titel schreibt das „Mähr. Tagblatt": „Wie wir erfahren, wurde an eine hiesige hohe Persönlichkeit, welche in der letzten Zeit viel genannt wurde, im Laufe der letzten Wochen zahlreiche anonyme Correspondenzkarten gerichtet. Der Inhalt dieser Correspondenzen besteht aus Schmähungen der gemeinsten Art und läßt mit Recht vermuthen, daß dieselben von antisemitischer Seite ausgehen. Selbstverständlich gelangen diese Correspondenzkarten nicht in die Hände des Adressaten, da eine Verordnung des Handelsministeriums besteht, daß Correspondenzkarten, welche Beleidigungen enthalten, nicht zugestellt werden dürfen. Diese Karten werden vom Postanlte sofort vernichtet, was für die Herren Absender recht kränkend sein mag, da dadurch ihre famose Absicht vereitelt wird." Es ist unschwer zu errathen, daß mit dieser Persönlichkeit der Erzbischof Dr. Kohn gemeint ist. Prag. (Studenten-Demonstration.) Da derdwrror der hiesigen deutschen technischen Hochschule Prof. Dr. Gintl verhindert war, bei dem letzten Commerse der „Lese- und Redehalle der deutschen Studenten" zu erscheinen, so wurde sein Fernbleiben von der antisemitischen Studentengruppe dahin gedeutet, daß er mit ihr und ihren Bestrebungen sympathisire. Aus diesem Grunde versammelten^ sich antisemitische Studenten im Hofe der hiesigen technischen Hochschule und brachten Hoch- und Prositrufe auf Prof. Dr. Gintl, der in seinem Laboratorium arbeitete, aus. Prof. Gintl trat aus seinem Arbeitszimmer und wies in einer scharfen Rede die Demonstranten zurecht, indem er ihnen ihr u n ft u d e n tc ff ch e s Benehmen vorhielt. Die Demonstranten zogen sodann ab. Aus Anlaß dieses Vorganges wurde am schwarzen Brette der technischen Hochschule folgende Kundmachung affigirt: „Mit Bezug aut die heute in den Mittagsstunden in den Räumen der hierortigen Hochschule stattgehabten demonstrativen Versammlung der Studentenschaft, an welcher sich, wie ich wahrzunehmen Gelegenheit hatte, auch ein Theil der Hörer der deutschen technischen Hochschule betheiligt hat, sehe ich mich veranlaßt, den Herren Studirenden die Bestimmungen des § 7 der Disciplinarvorschriften in Erinnerung zu bringen und an dieselben die dringende Aufforderung zu richten, in Hinkunft jedes demonstrative Auftreten zu vermeiden. Ich erwarte von dem Pflichtgefühle und der seitens der Hörerschaft der hierortigen Hochschule stets bewahrten Achtung vor dem Gesetze, daß diese Mahnung genügen wird, die Wiederholung ähnlicher Demonstrationen hintanzuhalten. Prag, 23. November. Dr. Wilhelm Gintl, d. Z. Rector." Holleschau. (Wieder das Blutmärchen.) Aus Holleschau in Mähren wird der „Neuen Freien Preffe ‘ von Sonntag, 27. Nov. 1892 ein Fall mitgetheilt, der von neuem beweist, wie leicht es der böswilligen Verleumdung gelingt, mit irgend einem Vorgänge, wobei Jemand überfallen oder verletzt wird, das gehässige Märchen von der „Blutabzapfung" und vom „rituellen Morde" in Zusammenhang zu bringen und selbst für die verlogenste Denunciation bei der ungebildeten Menge Glauben zu finden. In der Nacht vom 18. auf den 19. d. M. kam ein Mädchen, das in Holleschau bei einem Juden bedienstet war, zur Polizei gelaufen und gab daselbst an, „die Juden hätten es abschlachten wollen". Das Mädchen sei, nachdem es seine Arbeiten verrichtet hatte, gegen 11 Uhr Abends zu Bette gegangen, aber bald nach dem Gnschlafen dadurch erweckt worden, daß drei Männer sich bemühten, es zu binden und ihm die Pulsadern zu öffnen. Es sei ihm aber gelungen, sich den Männern zu entreißen und sich blutend und unvollständig bekleidet zu flüchten. Bei der Polizei wurde nun das Mädchen durch einen Arzt untersucht, der aber alsbald erkannte, daß die Schnittwunden, deren es etwa dreißig am Leibe hatte, ihm unmöglich während eines Handgemenges beigebracht worden sein konnten; es waren nämlich ganz unbedeutende Schnitte, die offenbar mit solcher Behutsamkeit und Vorsicht ausgeführt worden waren, daß sie nirgends tiefer als durch die Haut gingen. Auch vermochte die Dienstmagd bei der Einvernehmung durch die Polizei ihre Behauptung nicht zu rechtfertigen, daß es Juden gewesen seien, die sie angeblich überfallen hatten und „umbringen" wollten, da ihrer eigenen Aussage nach der ganze Vorgang im Finstern stattgefunden habe. Unser Gewährsmann theilt uns nun mit, daß das Mädchen, welches diese Aussagen bei der Polizei gemacht hatte, nach seiner Einvernehmung einfach in seine Heimatsgemeinde abgeschoben worden sei. Allerdings liegt in diesem Verfahren eine Bestätigung, daß die Polizeibehörde selbst die Angaben des Mädchens als Lügen erkannt hat. Aber man glaubt in Holleschau, daß es doch nöthig gewesen wäre, den Fall vollständig aufzuklären und sicherzustellen, wodurch das Mädchen bewogen wurde, mit seinen Lügen an die Polizei heranzutreten und auf welchem Wege es sich die Verletzungen zugezogen hatte, die es dann den Juden zur Last legen wollte. Eine Aufklärung durch die Behörde stellt sich umsomehr als geboten heraus, als sich das Gerücht von einem rituellen Mordversuche der Juden doch in der Stadt verbreitete und man an vielen Orten die Meinung aussprach, es müffe bei dieser mysteriösen Geschichte doch etwas Verdächtiges mit im Spiele sein. Brüssel. Unter den Theilnehmern der internationalen Münzconferenz befinden sich nicht weniger als drei Juden, von welchen einer, der Senator Montefiore Levi, zum Präsidenten

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