Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 49 (2.12.1892)
- Date
- 1892-12-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 886^ Orsterreichifchr Wochrnfchrrst Nr. 49 Wahrlosung ünd Unruhe in jenen Räumen, in denen manche von ihnen ihren Gottesdienst verrichten, ein Hohn sind auf die ftomme Bestimmung jener „Andachtsstätten", da sie ja doch sehen, daß es in Wien, in der Residenzstadt, um das orthodoxe Bethaus nicht besser bestellt ist! Nun soll aber hier eine Synagoge mit einem Bath-Hamidrasch nach polnisch-jüdischem Ritus geschaffen werden, mit lichten, wetten Räumlichkeiten, hell und rein, mit schlichtem Comfort ausgestattet; der Gottesdienst, der darin von einem musikalisch geschulten Borbeter sammt Chor verrichtet werden wird,-soll sich, ohne die Traditionen anzutasten, in durchaus würdigen Formen bewegen, und der Rabbiner, der darin seines Amtes waltet, soll das Wort Gottes zwar in einer der Auffassungsgabe und dem Gedankengange feiner Zuhörer angemessenen Weise künden, er soll aber nicht nur auf der vollen Höhe der hebräisch-talmudischen, sondern auch der modernen Bildung stehen, ein Mann von tolerantem Geiste sein, der sich seines Amtes, als Erwecker und Förderer der Sittlichkeit, Frömmigkeit und Religiosität zu wirken, voll bewußt ist! Und wenn dann alle die Fremden, die in diesem neuen Hause ihre Andacht verrichten, die Geräumigkeit und die von der Bethausverwaltung unbedingt zu wahrende sorgfältigste Ordnung und Ruhe in demselben mit ungewohntem Behagen genießen, den ungestörten Ernst und die volle Würde und Weihe eines von allen Schlacken geläuterten aber doch die althergebrachten Formen streng wahrenden Gottesdienstes auf sich wirken lassen, dann wird, sobald sie heimkehren, die Erkenntniß von dem kläglichen Zustande mancher ihrer heimatlichen Bethäuser, von der würdelosen Art ihres Gottesdienstes über sie kommen und sie werden sich bestreben, das was sie in Wien kennen gelernt, auch in ihrer Heimat zur Geltung zu bringen. Das neue Gotteshaus in Wien soll also nicht ein Arsenal des zelottschen Geistes sein, eine Festung zum Widerstande gegen die religiöse Aufklärung, es soll vielmehr allen orthodoxen Glaubensgenossen das zur Nacheiferung aufmunternde Vorbild einer würdigen, weihevollen Andachtsstätte sein, in welcher der polnisch-jüdische Ritus in gesitteter conservativer Form und unter erträglichen, bequemen Verhältnissen gepflegt wird. Und in diesem Sinne muß in der Errichtung dieses Gotteshauses die Förderung eines Culturzweckes erblickt werden, eines Zweckes, der gewiß der werkthätigen Unterstützung aller unserer Glaubensgenossen würdig und leider auch noch recht bedürftig rst. Ignatz Zolles chsrresMckenLm. Wien. (Zur Rede des Abgeordneten Dr. Bloch.) Es war ein harter, bitterer Kampf um's Wort, den der Abgeordnete Dr. Bloch im Parlamente führen mußte. Hei! Wie fuhren die echten Antisemistlinge und die antisemistelnden Deutschnationalen auf, als Bloch die antisemitische Kampfmethode illustrirte, als er so manche antisemitische Größe in ihrer wahren Gestalt zeigte. Namentlich die Gruppe des Herrn Steinwender wetteiferte mit dem Prinzen Liechtenstein in Unterbrechungen, sie wanden und drehten sich, ohne aber dieser Abwehr eine andere Waffe entgegenhalten zu können, als die Rufe: „Schluß! Schluß!" Unbeirrt appellirte Dr. Bloch an das Präsidium des Hauses, um ihm das theuerste Gut eines Parlaments, die Redefreiheit, zu erhalten. Wie die Küchlein vor dem aus den Lüsten niederschießenden Aar stoben sie angesichts der Rede Bloch's auseinander. Da war z. B. Herr Polzhofer, den eine unsägliche Verirrung von Wählern in's Parlament entsendete. Dieser Abgeordnete, der sich euphemistisch „Hchee-und Rumhändler" nennt, flog schon nach den ersten Sätzen Bloch's zu seinen Gesinnungsgenoffen auf der äußersten Linken, denen er schier athemlos das Unglaubliche verkündete, daß Dr. Bloch gegen die Antisemiten austrete! Und das Resultat seines Jammerns ob der unerhörten Kühnheit des Juden Bloch war, daß sich nun wie auf ein Commando ein Geschrei erhob: „Schluß! Schluß!" und, die da so schrieen, waren die Herren Polzhofer. Dötz, Kaiser, Bareuther, Muth rc. Ja die unumstößliche Wahrheit, die Dr. Bloch diesen Herren sagte, gellte ihnen gar unangenehm in den Ohren. Am allerunangenehmsten klangen sie aber dem durchlauchtigen Ohr des Abgeordneten für Hernals, der den Redner fast bei jedem Satze unterbrach. Diesem Drängen hat nun der Präsident nachgegeben, und zwang den Redner, seine Ausführungen zu kürzen und sofort zu beenden. Unmittelbar nach Schluß der Sitzung reiste Ritter Stampiglius nach Prag, um den Meineidcanonikus von dem Vorgefallenen getteuliche Kunde zu bringen. Dr. Lueger dagegen eilte nach Groß-Sieghardt, um Sonntag in einer dortigen liberalen Wählerversammlung, bei welcher die Abgeordneten Dr. Ko pp, Mar chet und Wrabetz anwesend waren, un Vereine mit antisemit. Genossen, den Dr. Bloch in seiner Abwesenheit zu lynchen, weil er „in offener Sitzung die unglaublichsten Beschimpsungen gegen die Antisemiten vorgebracht, ohne zur Ordnung gerufen zu werden; er hat Schönerer Hochverrats vorgeworfen." (Rufe: Er hat nur dessen Leibblatt citirt!") Dr. K o P ^antwortete darauf mit der Thatsache, „wie erst in letzter Zeit Dr. Zucker seitens der Antisemiten unfläthig besudelt worden sei — das sei keine Manier. Dieser Ton sei erst durch die Antisemiten, die Jedem unlautere Motive unterschieben, in's Parlament hineingebracht worden. Wenn Dr. Bloch zurückgeschlagen hat, so ist es gewiß bedauerlich, aber kaum vermeidlich. Es kostet uns ja selbst die schwerste Mühe, nicht in derbster Weise zu repliciren, wenn man unseren Handlungen immer die niedrigsten Motive, unseren Gesinnungen immer die selbstsüchtigsten Beweggründe unterschiebt." In Groß-Sieg Harts ist es Herrn Dr. Lueger also schlecht ergangen und er beeilte sich, Montag am 28. November im m. Bezirke, Landstraße, eine antisemit. Wählerversammlung einzuberufen und dort wurde „Rabbi Bloch" gehörig durchgepeitscht, ohne daß irgend ein Antisemit aus der Versammlung dagegen Einspruch erhoben hätte. Mechanikus Schrkeider hatte am selben Tage in Sechshaus in den Saallocalitäten „zum Stadtgut" eine antisemit. Wählerversammlung veranstaltet, um auch dort das B l o ch'sche Parlamentsattentat zu züchtigen. Dem „Rabbi von Kolomea" wurde auch gehörig der Kopf gewaschen — allerdings nicht mit Seife. Neben „Rabbi Bloch" bearbeitete Stampiglius auch den Fürsterzbischof von Olmütz Dr. Kohn, dem er im Aufträge des Herrn Rohling eine Stelle aus Eisenmenger's „Entdecktes Judenthum" in's Gedächtnis rief, in der es heißt: „Alle Kloster der Mönchen und Nonnen in Spanien und Portugal! seind voll Juden. Die meiste Domherrn (lnguisttores) und Bischöfe kommen von den Juden her und seind ihrer nicht wenig, welche in ihrem Herzen Juden seind, und stellen sich wegen derjenigen zeitlichen Güter, welche sie genossen, als wenn sie Christen wären ... In Spanien seind Bischöffe und vornehme Mönchen, deren Eltern, Brüder und Schwestern in dieser und in anderen Statten wohnen, auf daß sie die jüdische Religion behalten mögen." In der Dienstag-Sitzung des Abgeordnetenhauses ergriffen nacheinander die Herren Schlesinger, Schneider und Geßmann das Wort, um auf die Rede Dr. Bloch's zu erwidern. Schlesinger sprach nahezu 2 Stunden, allein bei der totalen Wirkungslosigkeit all' dieser geradezu blöden Enunciationen war es nicht nöthig, diese Herrschaften einer neuerlichen Züchtigung zu würdigen. Die „Neue freie Presse" vom 29. Novemb. meldet: „Dem Reichsraths-Abgeordneten Dr. Bloch sind anläßlich seiner Rede in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 25. d. aus Prag, Brünn, Innsbruck, Krakau, Przemyslany. Bielitz und Linz telegraphisch die Zustimmungen und der Dank für sein muthiges Auftreten zugesendet worden." Wien. (Zur Bekämpfung der „Corruption".) Das „Deutsche Bolksblatt", dem es gelungen ist, von einem pflichtvergessenen Beamten den Wortlaut von Regierungserlässen an den Verwaltungsrath der Südbahn zu erhalten, kündigt nach berühmten Mustern deren journalistische Verwerthung in folgender „Antwort der Schriftleitung" an: .Südbahnbeamter Semaphor. Wir bestätigen dankend den Empfang der 37 photographisch reproducirten Erlässe des Handelsministeriums und der k. k. Generalinspecrion an den Verwaltungsrath der Südbahn. Wir werden nicht ermangeln, von diesen hochinteressanten Schriftstücken den entsprechenden Gebrauch zu machen. Auch haben wir dem uns nahestehenden Abgeordnetenkreise hievon Kenntniß gegeben." Welche Frist das „Volksblatt" zwischen ihrer Ankündigung und ihrer Verwirklichung verstteichen lassen will, wird nicht mitgetheilt, Wien. Ein griechischer Erzbischof über Judenverfolgungen. Aus Zante wird uns berichtet: Der griechisch- 1 orthodoxe Erzbischof Dionysos Latta hält seit mehreren Wochen