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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-02 · 49 (2.12.1892) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
49 (2.12.1892)
Date
1892-12-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 49 Oesterrrichische Wochrrrschrist Seite 885 26. November in seiner Vaterstadt Budapest aus dem Dasein geschieden ist. Die Gleichberechtigung der ungarischen Juden ist mit seinem Namen eng verknüpft und schon dieser Umstand würde ihm dauernd ein dankbares Andenken sichern. Der ungarische Jude befand sich nach dem Jahre 1848 in einer eigenthümlichen widerspruchsvollen Lage. Seine Erziehung war deutsch; die wenigsten Juden sprachen das ungarische Idiom als Muttersprache. Allein nur die Zunge war deutsch; das Herz war ungarisch. In den Kämpfen des Jahres 1848 hatten sie genau so viel Enthusiasmus, genau so viel Vaterlandsliebe bewiesen wie ihre magyarischen Brüder. Ludwig Kossuth hatte es ihnen angethan. Der Greis, der jetzt im Exil den Spätabend seines Lebens vertrauert, war eine Figur wie aus der Bibel herausgeschnitten. Seine Beredsamkeit war die der alten Propheten; sein Glaube war unerschütterlich, er besaß eine Alles überwindende, alles Andere weit zu rückdrängende Subjectivität genau wie wir das bei den Helden der Bibel finden. Und als Alles vorüber war, als den kühnen Träumen der Pußta die schmerzlichste Enttäuschung auf dem Fuße folgten, da lebten in der Brust des Juden eigenthümlkche Empfindungen. Die Trauer um Ungarn vereinigte sich mit der Trauer um Zion; das Schmerzenslied aus Jerusalem paßte auch für Ungarn. Wir reden nicht nur von Juden, die in den Geist der neuen Zeit sich hineingelebt, wir reden auch von echten Talmudjuden, von graubärtigen, hochgelehrten Rabbinern, welche keine andere Weisheit suchten, als diejenige die ihnen die Väter vermittelt hatten. Auch sie waren echte Patrioten und mit patriotischer Begeisterung predigten sie ihren Gemeinden. Dennoch war den ungarischen Juden die volle Gleichberechtigung nicht zuerkannt und erst unter dem Reichstage von 1867 sollten die Juden sich die Gleichberechtigung erkämpfen. Hier nun hat Moriz Wahrmann seinem Vaterlande und seinen Glaubensgenossen unsterbliche Dienste geleistet. Obgleich Wahr mann als maßgebendes Mitglied des Zeitungskomites des „Lloyd" auf das hochangesehene und einflußreiche Journal „Pester Lloyd" den größten Einfluß hatte, wurden dennoch unter seiner Mitwirkung ein zweites deutsches und ein ungarisches Blatt „1848" begründet, lediglich zu dem Zwecke, um die Gleichberechtigung der Juden durchzusetzen. Namentlich im ungarischen Blatte, das den Namen„1848" führte, leisteten die P ulz s k y, Vater und Söhne, die bis dahin die Lust Italiens geathmethatten, ganz Ungewöhnliches. Moritz Wahrmann der durch einen kalten, erbarmungslosen Verstand sich gegen jeden Verdacht einer Gefühlsschwäche oder einer Empfindungsheuchelei zu schützen wußte, zeigte sich in Wahrheit doch als ein Mann von Herz und hoher Gesinnung. Der Erfolg lohnte seine Bestrebungen. Nicht aus den vulkanischen Flammen des Jahres 1848, aus dem klaren Lichte des Deak'schen schen Ausgleichs ist die Gleichberechtigung der Juden hervorgegangen. Ungarn war ein neuer Staat, ohne geschulte Beamte, ohne jene Traditionen und Einrichtungen, welche den Dienst so wesentlich erleichtern. Jede Kraft war werthvoll und namentlich der Rath practisch erfahrener Männer mußte der ungarischen Regierung willkommen erscheinen. Im Jahre 1869 wurde Moriz Wahrmann als Abgeordneter der Leopoldstadt in Budapest gewählt und damit hatte er sich selber mit seinen Kenntnissen, mit seinem scharfen und richtigen Blick in den öffentlichen Dienst gestellt. Der Bankier Moriz Wahrmann, der Geschäftsmann und Jude, hat als Abgeordneter sich selbstlos und characterfest erwiesen, wie dies nur an den größten ungarischen Patrioten gerühmt werden kann. Der Mann mit dem nüchternen, rechnenden Verstände hat es den Besten und Edelsten gleichgethan. Er nahm aus den Händen des Staates nur Lasten entgegen; er verschmähte Orden und Titel. Als Ungarn seine Corruptionsstürme hatte, als die Anklagen von allen Seiten ertönten und Keiner gegen Anklagen geschützt erschien, da wagte Niemand die Ehre Wahrmanns auch nur mit einem Worte anzutasten und als der Antisemitismus mit maßloser Agitation den Frieden Ungarns störte, da hatte Wahrmann wohl sein Duell mit dem Antisemiten Jstozy, aber persönlich wagte Niemand Wahrmann nahe zu treten. Wahrmann war Präsident des Finanzausschusses, Präsident der Handels- und Gewerbekammer, Präsident der israelitischen Cultusgemeinde in Budapest und Börsenrath. Es wurde ihm die Stelle eines Gouverneurs der österreichisch-ungarischen Bank angeboten; aber auch diesen hohen Posten hat er abgelehnt. Er erlebte noch den vollen- Sieg der Freiheits- und der Fortschrittsideen in Ungarn. Erfolge und Verdienste decken die Leiche Wahrmanns wie ein Pupurmantel. Im ungarischen Abgeordnetenhause sind ihm von allen Parteien die ehrenvollsten Nachrufe zu Theil geworden. Wir aber denken an das alte jüdische Haus, an die alte jüdische Erziehung, an die Summe von Tüchtigkeit, Kraft und Tugend, die aus dem Drucke und aus den Ausnahmsgesetzen herausgeboren wurde und von diesen Erinnerungen beherrscht, verweilen wir mit den Gefühlen der Trauer bei dem Grabe Moriz Wahrmanns, der, obwohl er nur die Vergangenheit eines Geschäftsmannes hatte, im öffentlichen Leben Ungarns einen so hohen Rang und so verdienten Ruhm sich zu erringen verstand. Welcher Lulturpveck wird mit dyr Erbauung einer „Synagoge nach polnisch-jüdischem Ritus" in Wien angestrebt? In den nächsten Tagen wird in Wien der Grundstein zu dem Baue einer Synagoge nach polnisch-jüdischem Ritus gelegt werden. Gegen die Männer, welche das fromme Werk der Aufrichtung dieses Gotteshauses geplant und seine Verwirklichung befördert haben, wurde offen und versteckt der Vorwurf erhoben, daß ihre Bestrebungen von reactionären Tendenzen erfüllt seien und daß die Gründung einer „Pflanzstätte des Zelotismus" in der Reichshauptstadt, dem culturellen Niveau, zu welchem sich unsere Glaubensgenoffen in dieser Stadt emporgeschwungen haben, nicht entspreche. Diese Anwürfe beruhen indeß auf einer vollständigen Verkennung der Sachlage. Der Gottesdienst, wie ihn die sog. Reformirten verrichten, unterscheidet sich von jenen der Orthodoxen eigentlich nur durch die Aussprache und Kürzung der Gebete. Alles andere, das darüber hinausgeht, stellt eben die Summe jener Auswüchse dar, von denen die Orthodoxen ihren Gottesdienst noch nicht ganz zu befreien vermochten. Dasjenige aber, was den Gottesdienst nach polnisch-jüdischem Ritus in den Augen der Aufgeklärten am stärksten discreditirt, ist sein bei vielen Gelegenheiten zu Tage tretender Mangel an Ruhe, Ordnung, Mangel an Distinction bei den Functionären und die oft erbärmliche Dürftigkeit der Räumlichkeiten, in denen der" Gottesdienst verrichtet wird. Auch in unserer Metropole liegen die diesbezüglichen Verhältnisse nicht besser. Das „Bethaus", in welchem dermalen hier der Gottesdienst nach polnisch-jüdischem Ritus stattfindet, verdient diese Bezeichnung eigentlich gar nicht. Es enthält enge, fast sanitätswidrige Räumlichkeiten, in welchen sich die Beter, eng aneinandergekeilt förmlich zusammenpferchen müssen; daß unter so widrigen Verhältnissen die reckte Andacht gar nicht aufkommen, daß in diesem wenig erquicklichen Gewühl jene weihevolle Stimmung unmöglich gedeihen kann, die nach den Begriffen gesitteter Menschen mit jedem Acte echter Gottesverehrung verbunden sein muß, ist wohl begreiflich. Und nun vergegenwärtige man sich den Eindruck, den jene Tausende orthodoxer Glaubensgenossen mit nach Hause nehmen müssen, welche alljährlich aus den östlichen Theilen des Continents (Polen, Rußland, Rumänien) nach Wien kommen, nach Wien, jener Stadt, in der sie den Gipfelpunkt der Cultur und Civilisation erblicken und in der ihnen alles, was sich vor ihren erstaunten Blicken aufthut, als nachahmenswert, als Muster und Vorbild erscheint! Wenn diese fremden Gäste, wie sie es ja stets zu thun pflegen, das hiesige polnisch-jüdische Bethhaus aufsuchen, wie vermögen sie da zu erkennen, daß die Ber-

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