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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-02 · 49 (2.12.1892) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
49 (2.12.1892)
Date
1892-12-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 684 Oesterrerchifche^ WoÄxenfchrist Nr. 49 Klausel, die bald allgemein bekannt werden müßte, gedemüthigt werden. Dafür bringt der Geizhals das schwere Opfer, auf die Zinsen der 3000 Ducaten zu verzichten. Wie dann Shylocks Tochter Jessica mit Hilfe von Antonios Freunden enfführt wird, da steigt sein Haß, und die gleichzeitig eintreffenden Nachrichten von den Verlusten Antonios zeigen dem seines Kindes und durch sie und ihren Liebhaber seines Geldes beraubten aufs Aeußerste gebrachten Shylock den Weg zur Rache. „Antonio möge aufpaffen und am Verfalltage pünktlich sein, sonst wird er dafür büßen" sagt der richtig voraussehende Salario. Der Geizhal; jammert, daß Lorenzo und Jessica ihn beraubt haben und daß er nun auch bei Antonio sein Geld verlieren werde, aber der Rachedurst überwiegt bald die Habsucht: „Er mag an seinen Schuldschein denken" wiederholt er immer drohender und dann macht er seinem Herzen und dem beim verfolgten Stamm seit Jahunderten angesammelten Groll Luft in der gewaltigen Anrede, wo der Shylock ganz verschwindet und nur der jüdische Märtyrer bleibt: „Er hat mir Schande und Schaden verursacht, meinen Erwerb beschimpft, über meine Verluste gespottet, meine Nation verachtet, meine Freunde von mir abgewendet, meine Feinde aufgehetzt. Und warum? — Weil ich ein Jude bin! hat denn ein Jude keine Augen, hat er keine Hände, keine Gliedmaßen, keine Empfindungen, kein Gefühl, keine Leidenschaften? Wird er nicht mit denselben Speisen genährt, mit denselben Waffen verwundet wie der Christ? Unterliegt er nicht denselben Krankheiten, wird er nicht mit denselben Mitteln curirt? Bluten wir denn nicht, wenn man uns sticht, lachen wir nicht, wenn man uns kitzelt? Sterben wir nicht, wenn Ihr uns vergiftet, und wenn Ihr uns Unrecht thut, sollen wir uns nicht rächen! In jeder anderen Beziehung so wie Ihr beschaffen, wollen wir es auch in dieser sein. Wenn ein Jude einem Christen Unrecht thut, bezeugt dieser seine Demuth — indem er sich rächt. Und wenn einem Juden von einem Christen Unrecht widerfährt, wie soll er nach diesem Beispiel seine Geduld anders beweisen als durch Rache. Ihr lehret mich die Niedertracht und ich will meine Meister übertreffen'" Diese Stelle allein, dieses glühende Plaidoyer für Gleichberechtigung würde genügen, alles Gerede von Shakespeares Judenfeindlichkeit zu widerlegen. Und das ist die Stimmung in der Shylock aus seinen Schein unerbittlich beharrt. Hätte Shakespeare ihn als edlen Menschen oder auch nur als Durchschnittsmenschen geschildert, so blieben einerseits der Abschluß des sonderbaren Vertrags und Shylocks hartnäckige Unerbittlichkeit unerklärlich, andererseits würde das ihm am Ende widerfahrende Unrecht als ganz unmotivirte unerträgliche Grausamkeit erscheinen. Dann hätte man das Stück wohl ein den Christenhaß predigendes nennen können, seine Moral wäre gewesen: einen Juden zu berauben, halten die Christen für recht und lobenswerth. Das konnte und durfte Shakespeare seinem Publicum nicht bieten. Aber auch so wie die christlichen Personen in dem Drama geschildert sind, erscheinen sie uns nicht als edle Menschen, als würdige Vertreter des Christenthums gegenüber dem einen schlechten Juden. Mit wenigen Worten characterisirt Gervinus, einer der bedeutendsten Shakespeare-Verehrer, die Nebenpersonen: „Die selbstsüchtigen Werber der Portia, die von Glanz und Schein bestochen, fehl wählen; die schmarotzenden Genossen Antonios, die ihn mit seinem Glücke verlassen, die redenden Halbfreunde, die seine Gefahr früher ahnen, als er selbst und nicht einmal an Baffanio schreiben. Lorenzo und Jessica,. ein verschwenderisches leichtsinniges Paar, die vom Zwange los, ihr entwandtes Geld ohne Weiteres in Genua verprassen und für Affen hinweggeben und gleich als ausgehungerte Leute nach Belmont kommen." Bon diesem Lorenzo sagt Heine, er begeht ein Verbrechen, wofür er nach dem preußischen Landrecht zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurtheilt werden würde. Bon den selbstsüchttgen Werbern ist Baffanio, in den sich die emancipirte Junqftau Portia verliebt, der nicht am wenigsten selbstsüchüge. Leichtsinnig, auf Kosten des Freundes verschwenderisch, tief verschuldet zieht er aus, um die reiche Erbin zu freien und seine Schulden mit ihrem Gelbe zu bezahlen. Ein zu Grunde gerichteter Cavalier, der sich mit dem Vermögen einer reichen Bankierstochter rangiren will. Da diese hübsch und liebenswürdig ist, nimmt er sie zu dem Gelde gerne in den Kauf, macht ihr die schönsten Liebeserklärungen, verheimlicht ihr aber, daß'er verschuldet ist. Das gesteht er erst nach der Hochzeit. Wir dürfen billig zweifeln, ob sich die Hoffnung Jessica's erfüllen wird, daß er nun ein gesetzter ordentlicher Mensch werden wird. Und Antonio, der anscheinend edelste Mensch des Stücks, der seinen Judenhaß so roh zur Schau trägt, hängt doch am Gelde mehr als wie am Leben. Da er sinanciell ruinirt ist, will er nicht länger leben. Er entblödet sich nicht, von Shylock Geld ohne Zinsen zu borgen, sich von dem so arg beschimpften Juden die Zinsen schenken zu lassen. Der Millionär ist ja felsenfest überzeugt, daß er pünktlich am Verfalltage zahlen können wird und daß die Verpfändung des Fleisches ein bloßer Spaß ist, wobei der Jude der Betrogene ist. Wie werden Antonio und seine Freunde lachen, wenn Shylock nach drei Monaten sein Geld ohne Zinsen zurückbekommt und den Schuldschein zurückstellen muß. Mit der Wahrheit nimmt es der edle Antonio auch nicht genau. Er gibt als Ursache von Shylocks Haß gegen ihn nur an, daß er viele Schuldner aus dessen Klauen gerettet hat!; seine beständige Verhöhnung Shylocks, seinen Judenhaß, den dieser ihm vorwirft verschweigt er. wohlweislich, um als Märtyrer seiner Mildthätigkeit und Herzensgüte zu erscheinen. Selbst die vom Dichter mit so manchen liebenswürdigen Zügen ausgestattete Portia hat er nicht ohne Fehler gelassen, und sie ist eigentlich eine kleine Heuchlerin. Wie sie da dem Shylock eine lange erbauliche Predigt über Gnade und Erbarmen hält und dann mit rabulistischen Kniffen den strengen Richterspruch über ihn herbeiführt, in dessen Folge er seines Vermögens beraubt und zum Abfall von seiner Religion gezwungen wird. „Du wirst Recht finden mehr als dir lieb ist" ruft sie ihm höhnend zu, ihre ganze Predigt von christlicher Liebe vergessend. An die christliche Liebe kann der Jude Shylock sie freilich nicht erinnern, aber an die allgemeine Menschenliebe erinnert er seine christlichen Gegner indem er ihnen ihren Sclavenhandel und die grausame Behandlung der Sclaven vorwirft. Shakespeare, wohl ein guter Bibelkenner, wie viele Engländer, mag an die milde Behandlung der Sclaven gedacht .haben, welche das alte Testament vorschreibt, und so kommt dieser Borwurf mit Berechtigung aus dem Munde des Juden. So hat uns der Dichter, den man des Judenhasses anklagt, unter vielen schlechten und mittelmäßigen Christen einen schlechten Juden vor Augen gestellt, und diese Christen zwingen den bösen, verstockten und habgierigen Juden, einer der Ihrigen zu werden. Versteht man was der Dichter damit sagen wollte? M. L. Mort; Wahrmann. Der Talmud stellt Diejenigen ungemein hoch, die Zeit und Kraft dem Dienste der öffentlichen Interessen widmen.'Sie sind nicht nur gerecht vor.dem Menschen, sondern auch vor Gott; denn die Förderung der allgemeinen Wohlfahrt erhebt eine Gemeinde, eine Gesellschaft, eine Nation auch geistig und sittlich und ist dckher ein wahrer Gottesdienst. Aber erst die Sonne dieses Jahrhunderts mußte sich über die civilisirte Welt erheben, bevor es dem Juden gestattet wurde, gleichberechtigt die politische Arena zu betreten, sein Wissen und Können und seine moralische Energie im Staatsdienste zu bewähren. Nehmen wir das Jahr 1789 zum Ausgangspunkte, so haben wir im Nahmen des Jahrhunderts eine nicht leicht zu überblickende Ruhmesgallerie jüdischer Persönlichkeiten, die aus der Abgeordnetenbank, als Minister, als Richter, Advocaten, als Lehrer der Jugend oder als Officiere in der Kriegs-Uniform sich reiche Anerkennung errungen haben. Erinnert man sich nun des furchtbaren Drucks, dem die Juden in den meisten Ländern ausgesetzt waren und wie Alles darauf berechnet schien, alles menschlich Hohe in ihnen zu vernichten, dann kann man die Erscheinungen, wie das Judenthum in unserem Jahrhunderte sie zeigt, nicht genug bewundern, dann muß man auch zugebcn, daß grausame Verfolgung und schimpflicher Druck dem Juden nicht die bürgerliche Tugend und nicht die Vaterlandsliebe geraubt haben. In der jüdischen Ruhmesgallerie unseres Jahrhunderts gebührt ein hervorragender Platz dem ungarischen Reichstags - Abgeordneten Mo r i z W a h r m an n, der am

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