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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-02 · 49 (2.12.1892) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
49 (2.12.1892)
Date
1892-12-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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laatuyifi Oesterreichischr Wochenschrift Seite 883 Nr. 49 getreten waren. Hugo Grotius nennt ihn Immtanua 3eä zuäaiee vriAillis — also ein Portugiese jüdischer Abstammung. Ob er im Geheimen dem Judenthum anhing, wissen wir nicht. Jedenfalls unterschied er sich in seiner Lebensweise und in seinem Berufe von dem ganz jüdisch lebenden Shylok. Solange Lopez in hohem Ansehen stand, mit den Großen des Reichs freundschaftlich verkehrte, würde es kein Dichter und kein Theaterdirector gewagt haben, ihn auf die Bühne zu bringen. Erst im Jahre 1594 wurde ihm der Proceß gemacht und im Juni dieses Jahres wurde er als Hochverräther hingerichtet. Im August desselben Jahres wurde aber schon Shakespeares Stück aufgeführt. Man müßte also annehmen, er habe es in zwei Monaten geschrieben, sowie daß er, um den christlichen Leibarzt der Königin, der wegen eines angeblichen Bergistungsversuches verurtheilt wurde, zu verhöhnen, einen jüdischen Wucherer geschildert habe, der gegen seine Gläubiger hart und unerbittlich war. — Seine Zuhörer müßten mit einem ganz eigenthümlichen Scharfsinn begabt gewesen sein, um in diesem venetianischen Juden den königlichen Leibarzt zu erkennen, mit dem er nicht einen Zug gemein hatte. Wenn der Schauspieler Burbage, der zuerst den Shylock spielte, einen langen rothen Bart aufsetzte, so scheint uns dies auch nicht zu beweisen, daß er den Doctor Lopez copiren wollte. Einen Juden konnte man sich eben ohne Bart nicht denken, und einen rothen Bart hat der Portugiese schwerlich gehabt. Nun wird man uns vielleicht einwenden: Gut, Shakespeare hat nicht den Doctor Lopez gemeint, aber er hat doch den Juden in seinem Stücke lächerlich gemacht und dem Hasse preisgegeben; ja er hat erst den grausamen Gläubiger, der in den ältesten Bearbeitungen der Sage vom Fleischpfand ein Christ war, zum Juden gemacht. Wir könnten uns begnügen zu antworten, daß in der Shakespeare am nächsten stehenden, von ihm zu seinem Stücke benutzten italienischen Novelle des 8er Giovanni der hartherzige Gläubiger schon ein venetianischer Jude war und daß er alsü einfach seinen Vorgängern folgte. Aber ein Shakespeare schreibt nicht gedankenlos nach, er weiß wohl, was er thut und könnte von jeder Zeile seines Stücks genau Rechenschaft geben. Ja, ich glaube sogar, daß er manche der älteren Bearbeitungen mit dem christlichen Gläubiger kannte und doch seinen Helden Juden sein ließ, weil er eben mit dem Munde dieses fremden Juden seinen christlichen Nebenmenschen manche bittere Wahrheiten sagen wollte, die im Munde eines christlichen Engländers nicht gut geklungen hätten. Der Jude war für ihn gewissermaßen der archimedische Punkt, von dem aus er seine kleine englische Welt mit ihren Gebrechen und Sünden, mit ihrem Egoismus, ihrer.Hartherzigkeit, ihrer ungeschickten oder parteiischen Justiz, ihren verschwenderischen, leichtsinnigen jungen Leuten u. s. w. erschüttern wollte. In England gab es zu Shakespeares Zeiten keine Juden, folglich auch keine jüdischen Wucherer, wohl aber wird sich unter seinem Publikum gar mancher hartherzige Geldverleiher, der fleißig die Kirche besuchte, getroffen gekühlt haben. In seinem Stücke ist Shylock Jude und Wucherer, aber — wohlgemerkt nicht Wucherer weil Jude. Den großen Dichter mag an dem Processe über das Fleischpfand vor allem die Rechtsfrage intereffirt haben, wie er ja auch in mehreren anderen Stücken mit Vorliebe Rechtsprobleme behandelt hat. Dieser Richter, dersich nicht zu helfen weiß und den erst ein Laie oder gar eine verkleidete Frau mit einem Rabulistenkniff aus der Verlegenheit zieht, bietet sich gleichsam selbst zur Satyre auf die schlechte Justiz dar. Das Venedig Shyloks und Antonius hat gar gute Gesetze, die strenge beobachtet werden, aber der oberste Richter kennt sie nicht alle und weiß sich nicht zu rathen, wenn er einem guten Freunde heraushelfen will. Da muß erst Frau Portia als Rechtsgelehrter verkleidet kommen und ihn belehren, daß der Gläubiger nicht mehr und nicht weniger als ihm kommt nehmen darf, daß er Fleisch aus dem Körper nur schneiden darf wenn er kein Blut vergießt und schließlich, daß wenn ein Fremder dem Leben eines Bürgers nachstellt, sein Vermögen confiscirt werden und sein Leben dem Belieben des Dogen zur freien Verfügung stehen solle. Wahrlich, man könnte sich versucht fühlen, hier eine Verspottung der Richter zu finden, welche den Fremden, den von Juden stammenden Doctor Lopez verurtheilten. „Wenn Shylok dann zusammenbricht unter der Wucht des Richterspruchs, der durch schnöden Witz sein Recht vereitelt, wenn er verfolgt, von bitterm Hohne geknickt, gebrochen, mit schlotternden Knieen dahinwankt, wer kann sich des efühls erwebren. daß mit ihm das Recht Venedi, ebeugt wc oh ist"? * Dieser Schlug, mit dem Gesetze gegen Fremden, der Beraubung und der erzwungenen Taufe des Juden findet sich in der von Shakespeare benutzten italienischen Novelle nicht und man könnte daher glauben, er habe ihn seinem fertigen Drama unmittelbar nach der Hinrichtung des Doctor Lopez angefügt. War ja dieser oder sein Vater auch ein zwangsweise zum Christenthum tBekehrter und ein Fremder, dem die englischen ) Richter gar übel mitspielten. Königin Elisabeth, die an die Unschuld des Lopez glaubte, hat sich lange geweigert das Todesurtheil zu bestätigen, und der Dichter durfte daher im Vertrauen auf ihre Gesinnung die Anspielung auf den Prozeß wagen. Hat er also, was ich aber nicht bestimmt behaupten will, auf diesen Proceß angespielt, so geschah es nicht um Judenhaß zu erregen, sondern um dem parteiischen Richter und dem Pöbel, der seinem Urtheile zujubelte, einen Hieb zu versetzen. ' In der italienischen Novelle ist der Gläubiger nichts weiter als ein jüdischer Geldverleiher. Ueber seinen Character und seine Verhältniffe wird nichts gesagt; nur als es zum Proceffe kommt heißt es, er wollte sich rühmen können, den Tod des größten christlichen Handelsherrn herbeigeführt zu haben. So ein Motiv war wohl geeignet den Juden verhaßt zu machen, besonders wenn der Gläubiger nicht als besonders boshaft, sondern einfach als Jude geschildert wird. Der Leser konnte den Eindruck gewinnen, daß alle Juden die gleichen Gesinnungen gegen die Christen hegen. Ganz anders verfährt Shakespeare. Sein Shylock ist ein Ausnahmsjude, hartherzig, habgierig, boshaft, schlecht selbst gegen sein einziges Kind. Sehr richtig bemerkt der Shakespearekenner Elze: „Während seine Glaubensgenoffen sonst die Familienbande hochzuhalten und ihre Häuslichkeit dem Drucke der Außenwelt gegenüber in einer gewiffen patriarchalischen Heiligkeit zu bewahren pflegen, hat Shylock sein Haus, nach Jessicas Worten zur Hölle gemacht." Aber damit begnügte sich Shakespeare nicht. Selbst dieser ausnahmsweise schlechte Jude, der selbst die Gebote seiner eigenen Religion nicht hält und beim Christen Bastanio speiset, um zu deffen Verarmung beizutragen, mußte noch durch eine Reihe von seitens der Christen ihm widerfahrener Kränkungen und Schädigungen zu Haß und Rachsucht aufgestachelt werden. Der Jude, der Vater, der Geschäftsmann wird in ihm gleichmäßig gekränkt und geschädigt. Wie genial läßt da der Dichter die einzelnen Motive sich nach und nach entwickeln und eins gleichsam aus dem andern entstehen: Zuerst der vorsichtig rechnende, alle Chancen erwägende Kaufmann, der in Antonio den Concurrenten, aber auch schon den Judenfeind haßt. Erst beim weitern hochmüthigen Benehmen dieses Antonio bricht dann was in Shylocks Herzen verborgen lag, in dem Aufschrei des Unterdrückten und Verhöhnten hervor: „Signor Antonio, wie oft Ihr mich auf dem Rialto wegen meiner Geldgeschäfte geschmäht habt, ich habe es resignirend, mit einem Achselzucken ertragen, denn Geduld ist das Kennzeichen meiner Nation. Ihr nanntet mich „Ungläubiger, hündischer Halsabschneidrr" und spuktet mich an. Warum? Weil ich von dem Gebrauch machte, was mein ist. Jetzt braucht Ihr meine Hilfe, kommt Ihr fteundlich zu mir und saget „Shylock wir brauchen Geld"**) so sagt Ihr, die Ihr mit eurem Speichel meinen Bart bespritzt und mich mit Fußtritten wie einen herrenlosen Hund fortgejagt habt. Und jetzt wollt Ihr Geld haben! Sollte ich euch nicht antworten: Hat ein Hund Geld, kann ein Köter dreitausend Dukaten leih'n! Solle ich einen Fußfall thun und in tiefster Denruth sagen: Gnädiger Herr, Ihr habt erst vorgestern auf mich gespuckt, neulich habt Ihr mir einen Fußtritt gegeben, früher mich Hundekerl genannt und für alle diese Freundlichkeiten will ich euch so viel Geld geben als Ihr wollet." Erst als Antonio auf diese Worte «höhnend antwortet, da beginnt der Plan, sich an ihm zu rächen, bei Shylock zu reifen. Aber es ist noch nicht dessen Leben, wonach er trachtet, indem er die Bedingung des Fleischpfandes stellt. Daß Antonio zahluvgsunfähig werden könnte, erscheint diesem vollständig, dem Shylock fast ganz unmöglich; es wird nie zum Ausschneiden des Fleisches kommen. Aber der hochmüthige Antonio soll durch diese notariell zu beglaubigende *) Jhering, Der Kamps ums Recht. **) Hier muß man sich denken, daß Shylock oen freundlichen Ton Antonios höhnend nachahmt.

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