Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 49 (2.12.1892)
- Date
- 1892-12-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 882 Oesterreichischr Wochenschrift Nr. 49 doch nicht verzichten. Ich habe das Recht zu sprechen, und ich werde mir das Recht nicht verkürzen lassen. Ueber die Stellung der Parteien zur antisemitischen Partei gilt es ein ernstes Wort an die Herren Abgeordneten zu richten. Man glaubt von gewiffer Seite, wenn man in Verlegenheit ist, nimmt man die parlamentarische Unterstützung aus jeder Hand , ohne sie zu besehen. Es dürfen aber nicht dauernde geistige Jntereffen darunter leiden und diese dauernden geistigen Jntereffen, das sind die Jntereffen der Religion. DiHe Herren Antisemiten nennen sich Christlich-Sociale. Die haben aber ein verdoppeltes Programm, ein Programm für die Oeffent- Hchkeit, ein Programm für die Vertrauten. Ich will es Ihnen beweisen. Ich habe hier einen gesammelten Band „Antisemitische Correspondenz." (Zeigt das Buch vor,) „Discret", „Wird nur an zuverläffige Parteigenoffen versandt." (Heiterkeit. — Abgeordneter Schlesinger: Kenn ich nicht!) Sie sind nicht zuverlässig! (Heiterkeit.) Meine Herren! Was steht in dieser „Antisemitischen Correspondenz" als Programm in Bezug auf das Christenthum? Was wird „nur zuverlässigen Parteigenossen" erzählt? Meine Herren! Sie erlauben, daß ich es Ihnen vorlese. (Ruf: Nein!) (Liest): „Das Christenthum, das als eine Religionsschöpfung des semitischen Geistes ursprünglich nur für die Juden geschaffen war, hat erst infolge äußerlicher Aufopferung, wie sie durch die politischen Verhältnisse begünstigt wurde, uns mit dem semitischen Geiste inficirt und die besten und edelsten Kräfte unserer nationalen Anlage verdunkelt und brach gelegt. Die jetzt zum Selbstbewußtsein erwachenden nationalen Volkstriebe werden daher, wenn sie den Alp des Judenthums abschütteln wollen, nicht im Namen einer fremden importirten und bereits stark in Zersetzung begriffenen Religion ..." An einer anderen Stelle sagt er (liest): „Wollend oder nicht, wird man immer auf religiöse Beziehungen zurückkommen müffen, denn der Antisemitismus ist nichts geringeres als der Vorläufer einer neuen Religionsbildung. In seinen Consequenzen muß der Antisemitismus immer wieder zu den tiefsten Beziehungen zwischen Gott und Welt hinabführen. Er birgt in dieser Hinsicht so grundstürzende Gedarckn in sich, daß er alles Unklare und Unsichere in seinen Fundamenten erschüttern wird. Die Frucht, die der Antisemitismus schließlich gebären muß, wird eine neue Weltanschauung und eine neue geläuterte und verschärfte Sittenlehre sein, das heißt in Summa: eine neue Religion." (Hört, lebhafte, anhaltende Unruhe bei den Antisemiten). Ich lege das auf den Tisch des hohen Hauses. Sie können sich davon überzeugen. (S ch l u ß r u f e.) Wenn Sie mich nicht reden laffen wollen, so unterbreche ich meine Ausführungen. Meine Herren! Wenn ein Feind mir mit offenem Visir gegenübertritt, dann kann ich mich vor ihm schützen. Wenn er sich aber als Freund mir nähert, mir einredet, er will mit aller Energie mein Heil und mein Bestes, heimtückisch aber mir Gift einttäufelt, dann ist das ein Feind, vor dem ich mich inacht nehmen muß. Bor den Antisemiten erschrecke ich als Jude nicht, die Juden wissen, was sie von ihnen zu erwarten haben und richten sich ein, aber Christenhaß hinter der heuchlerischen Maske der Christenfreundlichkeit verbreiten (Abgeordneter Dr. Geßmann: Heil dem R etter des Christen thums!), das ist das Verderblichste. (Laute anhaltende Unterbrechungen bei den Antisemiten.) Präsident: Herr Abgeordneter, Sie haben ja schon hinlänglich geantwortet und jetzt kommen Sie auf Sachen zurück, die mtt dem Gegenstände der Verhandlung in gar keinem Zusammenhänge stehen. Wollen Sie sich kürzer fassen, sonst würde ich Ihnen das Wort entziehen. Abgeordneter Dr. Bloch; Nun gut! Ich behaupte, daß wir Juden die Antisemiten nicht zu fürchten haben. Ich erinnere an eine Erzählung des alten Testamentes, die erste Vision des Gesetzgebers Mosis. Er sah einen Dornstranch in lichten Flammen und der Dornsttauch wollte nicht verbrennen. Meine Herren! Wie dieser Dornsttauch, so ist durch die ganze Geschichte das Geschick Israels. Es war und ist ein Dorn im Auge der Anttsemiten, aber ein leuchtender Dorn, von dem Licht ausging. Ihr möchtet uns vernichten, aber so viel Feuer, so viel Glut, so viel Scheiterhaufen man aufgehäuftthat, den Dornstrauch zu verbrennen, er wurde nicht verzehrt. Das ist göttliche Bestimmung und wird so bleiben. Welche dauernde Schädigung aber das Christenthum von seinen seltsamen Freunden erfährt. welche unter der Maske heiligen Eifers für nationale Religion den Christushaß im Volke nähren und ausbreitenden, wollen Sie selber beurtheilen. Den leitenden Männern der katholisch-conservativen Partei rufe ich darum zu: Caveant consules! Shakespeare. Wenn man die Schaar der Judenfreunde und Judenfeinde in alter und neuer Zeit durchmustert, so macht man die ttöstliche Entdeckung, daß die enragirtesten Judenfeinde gewöhnlich der geistigen Hefe des Volkes, den Armen an Gerst, Gemüth und Wissen gehörten. Nur wenige unter ihnen erheben sich durch einiges Wissen oder größere Schlauheit über das niedrige Niveau des Bildungspöbels. Dagegen findet man unter den wirklich großen und genialen Menschen, unter den Männern unvergänglichen Ruhmes sehr viele Judenfreunde oder Beschützer und Wohlthäter der Juden und kaum einen oder zwei Judenfeinde. Seit dem schon in der Bibel gepriesenen Cyrus sind fast alle genialen Feldherrn und Staatsmänner — Alexander der Große, Caesar, Karl der Große und Napoleon mehr oder minder judenfreundlich gewesen. Und gar erst die wirklichen Wohlthäter der Menschheit, vor allen die großen Dichter! Mit - Ausnahme Goethes, dessen Aeußerungen über die Juden einander widersprechen, haben alle großen Dichter entweder die Juden in Ruhe gelassen, wie Dante, Pettarca, Tasso, Schiller, Corneille Moore u. s. w. oder sich ihnen freundlich gesinnt gezeigt. Boccacio erzählt, wie der kluge Melchisedek durch seine tiefsinnige Parabel von den drei Ringen die Freundschaft des Sultans erwarb und zu hohen Ehren bei ihm gelangte. Und wenn er die Mißwirthschaft und Verdorbenheit des päpstlichen Rom schildern will, stellt er ihm den sehr braven und redlichen Juden Abraham aus Paris (diritto e leale uomo assai) gegenüber. Hebbel hat die Makkabäer, Racine die jüdische Königin Esther, Leffing den weisen Nathan auf die Bühne gebracht. In England, wo Cromwcll sich den Juden geneigt zeigte, Macaulay als ihr beredter Vertheidiger aufttat, dichtete auch Byron seine rührenden Uebre^v weloäies. Und der größte Dichter dieser großen Nation, einer der größten der Welt soll ein Judenfeind gewesen sein? eines seiner Meisterwerke soll er nur „zur Befriedigung seiner aristokratischen Gönner und zur Belustigung des Publicums" geschrieben und dadurch „die gehässigen Vorurtheile gegen die Juden in England und allüberall verstärkt" haben? Es wäre schlimm genug und einer Widerlegung bedürfttg, wenn die Antisemiten, die sich so gern an die Rockschöße großer Männer hängen, den Versuch gemacht hätten, Shakespeare zu einem der ihrigen — mit gefälschter Stampiglie, zu stempeln. Noch schlimmer ist es wenn ein berühmter jüdischer Gelehrter sich in solcher Weise an den Dichter des „Kaufmann von Venedig" versündigt. Kein Geringerer als der gelehrte und geistvolle Geschichtschreiber der Juden, Professor H. Graetz war es, der in einer vor ungefähr zwölf Jahren erschienenen Schrift den „Kaufmann von Venedig" als Judenhaß predigendes Werk darstellte und Shakespeare beschuldigte, er habe es dem Grafen Essex zu Gefallen geschrieben, um in der Person des Shylock den von Essex gehaßten getauften jüdischen Doctor Rodrigo Lopez, den kurz vorher Hingerichteten Leibarzt der Königin Elisabeth zu verhöhnen. In der Jdentificirung von Lopez mit Shylock folgte Graetz nur dem Engländer Lee, dessen im Gentlemans Magazin (Februar 1880) veröffentlichte Hypothese aber vor einer strengen Kritik nicht bestehen kann und bereits von Dr. D. Honigmann im siebzehnten Bande des Jahrbuchs der deutschen Shakespeare- Gesellschaft als unhaltbar nachgewiesen wurde. Ohne gegen den verstorbenen vielverdienten Geschichtschreiber der Juden, der wohl nicht darauf Anspruch machte, ein gründlicher Shakespearekenner zu sein, zu polemisiren, will ich in Folgendem, zum Theil mit Benützung der gegen Lee und Graetz gerichteten Abhandlung Honigmanns die eigentliche Tendenz von Shakespeares „Kaufmann von Venedig" darzulegen versuchen. Vor allem muß hervorgehoben werden, daß Lopez ein Arzt und kein Wucherer, ein Christ und kein Jude war. Ja es scheint sogar, daß schon seine Eltern znm Christenthum über-