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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-02 · 49 (2.12.1892) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
49 (2.12.1892)
Date
1892-12-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 49 Orsterrerchifchr Wochenschrift Seite 881 komme davon, weil die Wiener Erzbischöfe von Juden gewählt werden." (Lebhafte Heiterkeit.) Dann ist also auch der Wiener Erzbischof verjudet. (Heiterkeit.) Das Traurige ist nicht, daß der Herr Abgeordnete Schneider es gesagt hat. Wir sind ganz anderes von ihm gewöhnt. Aber daß in der Wiener Diöcese, in der Wiener christlichen Bevölkerung, in einer zahlreich besuchten Wählerversammlung von Christen solche Worte bejubelt werden, meine Herren, von der katholisch-conservativen Partei, benrtheilen Sie den Zustand, in welchen die christliche Bevölkerung Hineingetrieben wird. Denken Sie darüber nach! Es wird der Wiener Erzbischof in einer Wiener Wählerversammlung in seinen heiligsten Gefühlen verletzt; es wird gesagt, daß er seine Diöcese verwalte mit Rücksicht auf die Juden, nicht mit Rücksicht auf das Seelenheil seiner Diöcesanen. Die Bevölkerung jubelt und klatscht Beifall. Der Herr Abgeordnete Schlesinger suchte diese Aeußerung zu mäßigen, zu mildern. Er sagte: (liest): „Ja, wenn man einen Satz aus dem Zusammenhänge herausreißt und hinstellt, so mag er allerdings etwas Verblüffendes haben. Wenn man aber sieht, wie die Corruption alle Streife durchdringt, wenn man sieht, wie in die breitesten Kreise auch nach oben hinaufdie Corruption gedrungen ist, wenn man die Folgen aus diesen Verhältnissen zieht, dann sieht man den Zusammenhang, in welcher Weise das Beanständete gesagt worden ist." Man hat also nicht gemeint, daß der Erzbischof verjudet ist, sondern daß die Corruption auf den erzbischöflichen Stuhl gedrungen ist. (Zwischenruf: Das i st Entstellung!) Ich habe doch wörtlich citirt, jeder Hörer kann das benrtheilen. Meine Herren! Es hat der Herr Abgeordnete Dr. Lueger in einer Gemeinderathssitzung vom 10. December 1890 einmal ein gutes Wort ausgesprochen: „Ich muß es als eine Feigheit bezeichnen, einen Abwesenden anzugreifen." In der letzten Sitzung sagte er: „Es herrscht eine förmliche Wuth in Oesterreich, immer die andere Partei zu verdächtigen." Und was, meine Herren, haben wir vom Abgeordneten Schneider in Bezug auf die Presse gehört: Nichts als Beschimpfung, Verdächtigung Abwesender. Meine Herren! Ich berufe mich auf das Zeugnis des ehrenwerthen Herrn Collegen Dr. Krona Wetter, und vielleicht wird auch der Herr Abgeordnete Dr. Lueger das Zeugnis bestätigen, daß ich acht Jahre im Kampfe gegen die liberale Presse stand. Aber der Abgeordnete Schneider hat nicht blos von der liberalen, sondern „Judenpresse", — gesprochen, und darum erachte ich mich verpflichtet, auf diese Angelegenheit zurückznkommen. Er sagte, in dieser Presse befänden sich Diebe, Wechselfälscher, ja sogar Raubmörder. (Heiterkeit.) Nun, meine Herren, ich weiß nichts davon. Er hat die Abwesenden beschimpft, aber ihre Namen nicht genannt; sonst pflegt er immer Namen zu nennen. Nur weiß ich, daß ein Wiener antisemitischer Armenrath als Einbrecher, als Genosse einer Einbrecherbande verhaftet worden ist. (Oho! aus der äußersten Linken.— Abgeordneter D r. Krona wetter: Ein Bezirksausschußo Ich weiß, daß in der nächsten Nähe von Wien ein antisemitischer Gemeinderath als Raubmörder verhaftet worden ist. Ja, meine Herren, sehen Sie sich um unter den Coryphäen der antisemitischen Partei — wie viel sitzen schon drin? (Lebhafte H e iterk eit.) Glauben Sie ernstlich, meine Herren, daß dies Ihr Privilegium ist? Es mögen ja in der Presse schlechte Individuen sein, abe^ kann denn ein Stand dafür? Ist denn überhaupt ein Stand in der Lage, einzelne schlechte Individuen abzustoßen? Der Abgeordnete Schneider wird ein Einsehen haben. Er ist Reichsrathsabgeordneter und weiß, daß auch der Reichsrath nicht in der Lage ist, unbequeme Individuen zu beseitigen. (Heiterkeit und Sehr gut!) Meine Herren! Er hat der Presse den schwersten Vorwurf gemacht. Er sagt von ihr (liest): „Es wird von dieser Judenpresse niemand geschont, die kaiserliche Familie wird in der schmählichsten Weise angegriffen." Ich habe kein Mandat, diese Presse zu vertheidigen; aber an etwas anderes möchte ich die Herren erinnern. Als ganz Oesterreich in namenloser Entrüstung wegen des Bubenstückes aufschrie, das anläßlich der Kaiserreise in Böhmen in der Nähe von Reichenberg verübt worden, was hat da eine gewisse Presse vermocht? Da schrieben deutschnationale antisemitische Blätter: „Kaum reden darf ich. Wenn scharf wird dieSchneide der Zunge, so hackt in das blutende Herz ein Adler mit schwarzgelben Gefieder." Das ist in Oesterreich gedruckt worden; die letzte Zeile mit gesperrten Lettern, und zwei Zeilen später: „Blauschwarz ist das Böse, blaßgelb ist der Neid." Ich wiederhole, das ist in Oesterreich gedruckt worden. (Abgeordneter Dr. Geßmann: Bon wem?) Von Ihrem Freunde, von Georg v. Schönerer. Der Abgeordnete Lueger hat in der Sitzung vom 22. gesagt (liest): „Aber sehen Sie, ich kenne eine Geschichte von dem Splitter und dem Balken; freilich kommt diese Geschichte in einem Buche vor, das nicht mehr modern ist, aber sie ist sehr gut." Ich werde ihm anvertrauen, vielleicht wird er überrascht sein, diese Geschichte kommt nicht bloß im Evangelium, sondern auch im Talmud vor, hoffentlich wird die Moral dadurch in seinen Augen nicht verlieren. Er hat aber fortgesetzt (liest): . „Meine Herren! Es ist sehr angenehm, sich selbst für unfehlbar zu hallen und die anderen nach einem anderen Standpunkte zu messen. Aber wenn Sie schon die Güte haben, den Splitter in unserem Auge zu bemerken, so haben Sie auch die Güte, den Balken in Ihrem Auge zu sehen, und wenn Sie ihn nicht sehen wollen, so werden wir ihn Ihnen so stark herausziehen, daß Sie den Balken wenigstens beim Herausziehen fühlen werden." Am Jahrestage der Schlacht von Königgrätz haben die Herren Antisemiten in Wien einen Festcommers gegeben. (Rufe: Wer?) Die Anhänger Schönerer's. (Rufe: Aber doch nicht die Antisemiten in Wien!) Wir werden aus das Thema noch zu sprechen kommen; oder sagen Sie mir doch, haben SieschonimParlamentegegendiesesunerhörteAuftreten protestirt? _ Sie kommen immer bloß fremde Sünden zu beichten, warum beichten Sie nicht einmal die Sünden Ihrer antisemitischen Genossen? Ihre Aufgabe ist es, solche Genossenschaften von sich abzuwälzen. In Nr. 11 der „Unverfälschten Deutschen Worte" von 1892 heißt es (liest): „Für die am 150. Gedenktage der Bereinigung eines Theiles von Schlesien mit dem Deutschen Reiche an nrich gerichteten Grüße sage ich den Genossen besten Dank. Urtheilen Sie, meine Herren, über solchen Hochverrath! Rufe: Wer sagt das?) Schönerer ist unterschrieben. (Rufe: Der geht uns nichts an!) Wir sind nicht fertig, die Herren lehnen die Verantwortung ab. (Rufe: Wir haben sie nicht zu tragen!) Als am 19. November 1890 die Hochzeit im Allerhöchsten Kaiserhause stattfand, stand in demselben Blatte — das ist doch kein Judenblatt — im Briefkasten (liest): „Baden: Hoch Meierlied — Backfische find uns lieber, als Bratfische." Urtheilen Sie darüber! Nun, meine Herren, als dieser Schönerer aber in Dresden war und dort eine Rede gehalten hat, begrüßten ihn zwei österreichische Reichsraths-Abgeordnete, die Herren Hauck und Dötz, mit folgendem Drahttelegramm (liest): „Wien. Hcil Wilhelms Andenken! Heil Bismarck! Hoch Schönerer! Hauck, Dötz, Reichsraths-und Landtagsabgeordnete." (Rufe: Was ist dabei!) Da ist gar nichts dabei! (Abgeordneter Kaiser: Aufhängen!) Ja, meine Herren, (Gelächter und Unruhe.) Und in den „Unverfälschten deutschen Worten" erklärte Anton Baumann . . (Lebhafte Schlußrufe; Gegenrufe: Reden lassen! Redefreiheit!) Präsident (unterbrechend): Ich finde, daß Sie schon hinlänglich den Herrn Abgeordneten Schlesinger widerlegt haben; Sie kommen aber dabei noch auf Sachen zurück, welche schon vor Jahren stattgefunden haben. Das ist doch zu viel. Wollen Sie sich kürzer fassen! Abgeordneter Dr. Bloch (fortfahrend): Ich appellire an das hohe Präsidium, mich reden zu lassen. Meine Herren, Landtagsabgeordneter Anton Baumann erklärte, daß er mit Herrn Schönerer einverstanden ist, daß er ihn als Vorbild betrachte, und Seine Durchlaucht Fürst Liechtenstein hat in dieser Woche eine Wählerversammlung zusammen mit dem Anton Baumann abgehalten. Sie sehen also, meine Herren, der Hochverrath, die Beschimpfung der österreichischen Kaiserfahne, der schwarz-gelben Fahne, das ist bei Ihnen gar nichts Böses. (Widerspruch auf der äußersten Linken.) Ja. meine Herren, mit dem Anton Baumann, der den Georg v. Schönerer als Vorbild verehrt, hält FürstLichtenstein gemeinsam Wählerversammlungen ab. (Wieverholt stürmische Schlußrufe). Meine Herren! Ich habe noch zum Capitel ..Reichsrath" ein Wort zu sprechen. Ich will auf den weiteren, Ttzeil meiner Rede verzichten, aber auf das Capitel „Reichsrath" kann ich

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