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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-02 · 49 (2.12.1892) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
49 (2.12.1892)
Date
1892-12-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 880 Orsterrrichifchr Wochenschrift Nr. 49 „Den katholischen Priester möchte ich erinnern an das neue Testament, zunächst an die zweite Epistel Petri, Vers 22: „Es ist ihnen widerfahren, das wahre Sprichwort, der Hund frijjt wieder, was er gespien hat, und die Sau wälzt sich nach der Schwemme wieder in Koth* — an Matthäus, Epistel 7, Vers 6: Ihr sollt das Heiligthum nicht den Hunden geben und eure Perlen sollt Ihr nicht vor die Säue werfen" — an Matthäus, Epistel 15, Vers 26, wo der Stifter des Christenthums den segendürstenden kananäischen Weibe zuruft: „Es ist nicht fein, daß man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde."" (Abgeordneter Schlesinger: Also muß es früher geschehen sein, weil er sagt, daßsie es nicht thu n sollen!) Kaiser Balduin schreibt 6esta Innocent. III c. 92 Muratori „Dieses Volk (die griechischen Christen) nannten die Lateiner nicht Menschen, sondern Hunde, deren Blut zu verspritzen sie fast unter die Verdienste rechneten." Im canonischen Rechte veeredi Secnnda Pars, Causa XXII1, qu. IV. Cap. XVIII. werden die ungläubigen Kinder der Kirche nicht etwa ähnlich den Hunden, sondern tatsächlich „Hunde" bezeichnet. . Hieronymus adversus Jovinianum libri duo pag 144 bis 228 nennt die Anhänger und Verehrer seines geistlichen Amtsbruders Jovinian Säue und Hunde und Rindvieh, Schweine und Rosse, Böcke und Ziegen, und von ihm selber sagt er adversum vigilantium pag. 281: „er habe, durch das Urtheil der römischen Kirche verdammt, seinen Geist zwischen Fasanen- und Schweinefleisch nicht sowohl von sich gegeben als von sich gespieen." Ja selbst Luther nannte die Bauern in Sachsen „S äu e, Vieh, Bestien". „Die Obrigkeit muß den Pöbel, Herrn Dm« nes, treiben, schlagen, würgen, henken, brennen, köpfen und radebrechen; sie muß das Volk mit der Faust ins Werk zwingen, wie man Schweine und wilde Thiere treibt und zwingt " Walch, Werke Luthers I. 615; 8, 1290. Das war der Geist des Mittelalters, dem sich die besten Männer keiner Confession erwehren konnten. Weder die Gestalt eines Hieronymus, noch die eines Luthers leiden durch derarttge gelegentliche Aeußerungen, die zufällig in der jüdischen Literatur nicht erscheinen. Wir können mit unseren heutigen Sitten, mit unserer heutigen Redeweise nicht an dieses alte Schriftthum herantreten, um zu kritisiren. Haben Sie schon gehört, daß ein jüdischer Theologe an das neue Testament sich herangewagt hat, an Ihre Kirchenväter, um Stellen herauszusuchen und sie dem Parlamente vorzulesen? Also erstens sind die Schweine- und Hunde- Texte im Talmud — und das ist ein reiner Zufall — nicht vorhanden, und zweitens, wenn sie stünden, wäre so was gar nicht arg. Man hat in der alten Zeit im Evangelium, im canonischen Rechte und bei den Kirchenvätern gar nicht anders geschrieben — ich könnte Ihnen, meine Herren, derartige Stellen noch viele vorführen. Aber noch in einem hat Herr Abgeordneter Unrecht. Er beklagt sich, ich hätte demRohling vorgeworfen: Fälschung, Entstellung, Lüge u. s. w. (Abgeordneter Schlesinger: Das kommt im Laufe des Buches oft genug vor) Das ist nicht ganz richtig, da haben Sie sich doch geirrt. Nein, ich habe bloß Urtheile der Männer der Wissenschaft citirt, ich habe christliche Gelehrte und ihr Urtheil über Rohling angeführt. Das ist doch eine Entstellung, wenn ich das Urtheil der deutschen Professoren über einen Mann anrufe und Sie sagen, ich habe diese Urtheile gesprochen (Abgeordneter Schlesinger: Sie haben aber zugestimmt und als Beweis ihrer Anschauung angeführt! — Schlußrufe auf der äußersten Linken. — Ruse: Redefreiheit!) Ich bitte, meine Herren, ich bin der Vertreter einer confessionellen Minorität, welche solange im Hause angegriffen worden ist; ich appellire an Ihre Gerechtigkett (Erneuerte Schlußrufe auf der äußersten Linken), daß Sie mich reden lassen sollen. Meine Herren! Es sind die Männer der Wissenschaft, Professoren aller deutschen Universitäten, — ich, will, da ich unterbrochen wurde, Sie mit Citaten nicht behelligen, — die alle übereinstimmend den Professor Rohling eine Schande einer Universität nennen (Lebhafte Schlußrufe auf der äußersten Linken — Rufe Red efreiheit!), die ihn „Meineidprofessor", „Meineidcanonicus" nennen. Das habe ich cittrt, — und ein solcher Mensch ist in Oesterreich noch immer Professor! Meine Herren! Seine Excellenz der Herr Cultusminister hat bei der Beantwortung der Interpellation über das Kreuzzeichen gesagt, es werde seine Sorge sein, daß „die religiösen Empfindungen der katholischen Bevölkerung nicht verletzt würden." Meine Herren! Das soll seine Sorge sein, aber seine Thaten sind nicht darnach, denn das ist die e m p f i n d l i ch st e V e rletzung der religiösen Empfindungen der Katholiken, wenn man ihnen einen solchen Professor der Theologie erhält; mit Gewalt erhält. Wir Juden hätten uns gegen einen solchen Professor an einem Rabbinerseminar mit aller Entschiedenheit gewehrt. Ich wende mich zum Herrn Abgeordneten Schneider. (Schlußrufe der Antisemiten) Es wird doch mein Recht sein, aus die Rede des Herrn Abgeordneten Schneider, die er in der letzten Sitzung gehalten hat, Antwort zu ertheilen (Sehr richtig!) Der Abgeordnete Schlesinger beklagte sich, weil Professor Sue ß von der antisemitischen Partei gesagt hat, ihr Auftreten .ist roh. Ich frage den Abgeordneten Schlesinger und frage jedes Mitglied: Welche Bezeichnung haben Sie über die Art und Weise, wie der Abgeordnete Schneider gestern über den Director des Bureaus und über den Stenographendirector hier gesprochen hat? Sagen Sie mir eine parlamentarische Bezeichnung, eine unparlamentarische will ich nicht gebrauchen. Meine Herren, er nennt den Kanzleidirector und den Stenographendirector Juden. Hat er nicht gewußt, daß der eine ein getaufter und der andere ein geborener Christ ist? Und wenn er es nicht gewußt hat, konnte er sich nicht erkundigen, bevor er eine solche Beschimpfung öffentlich ausspricht? (Rufe Beschimpfung?) Jawohl, wenn man einem Katholiken sagt, er sei ein Jude, so ist daß eine Beschimpfung und wenn man mir sagen würde, Sie handeln nicht wie ein Jude, das heißt ich bin meiner religiösen Ueberzeugung untreu geworden, so ist das eine Beschimpfung und wenn man einem böhmischen Abgeordneten sagt: Sie handeln wie ein Deutscher, so will man ihn beleidigen. (Lebhafte Oho-Rufe und Widerspruch.) Und wenn man einem Deutschen sagt: Sie handeln wie ein Gegner Ihres Volkes, hat man ihn beleidigt. (Oho-Rufe.) Jawohl. Aber ich mache Sie auf etwas anderes aufmerksam. Man weiß heute gar nicht mehr, wo der Jude anfängt (Stürmische Heiterkeit) und wo der Christ aufhört (Erneuerte Heiterkeit). Der Herr Abgeordnete Dr. Lueger sagte in seiner letzten Rede, die liberale Partei maßt sich an, den österreichischen Patriotismus zu punziren. Ja, Sie, meine Herren und speciell Dr. Lueger haben sich ein anderes Recht angemaßt, und das ist viel gefährlicher, nämlich das Christenthum zu punziren. (Sehr richtig! So ist es!) Nur der antisemitisch Punzirte, der mit Ihnen stimmt, der Ihnen zu Gefallen ist, ist ein Christ, was darüber hinaus ist, ist alles verjndet. Wer ist denn hier nicht ein Jude? (Heiterkeit). Wer für die Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft gestimmt hat, ist ein Jude (Heiterkeit), wer für den Lloyd gestimmt hat, ist ein Jude, wer für die Handelsverträge gestimmt hat, ist ein Jude, und wer für die Valuta gestimmt hat, ist gar ein Jude. (Abgeordneter Dr. Lueger: Das stimmt! — Leb h afte Heiterkeit.) Aber, meine Herren, ich mache Sie auf ein Weiteres aufmerksam. Diese Gesetzentwürfe sind alle uns von der Regierung vorgelegt worden; dann muß also die Regierung aus lauter Juden bestehen (Lebhafte Heiterkeit), und Seine Excellenz der Herr Ministerpräsident verdiente eigentlich Oberrabbiner von Jerusalem zu werden. (Lebhafte Heiterkeit.) Als der verehrte Hcrr Prälat v. Treuinfels hier für die Valuta stimmte, schrieb das „Deutsche Volksblatt", es werde sich über seine Abstammung erkundigen. (Lebhafte Heiterkeit.) Das Informations-Resultat hat es nicht bekanntgegeben, aber hier haben wir den Ruf vernommen: „Rabbi Treuinfels." Sehen Sie, das ist das Punzirungsamt, welches die Herren usurpiren. Aber es kommt noch viel schlimmer. (Heiterkeit.) In einer Wiener Wählerversammlung hat der Abgeordnete Schneider es als eine Schande bezeichnet, „daß der hohe Clerus und Cardinal Gruscha gegen den Antisemitismus austreten; das

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