Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 49 (2.12.1892)
- Date
- 1892-12-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 878 Orsterreichifche Wochenschrift Nr. 49 „Dem Volke, das unserer modemen Welt den Gedanken der Menschlichkeit und der an keinen Unterschied des Glaubensgeknüpften Liebe gebracht hat, lohnt der Antisemitismus dadurch, daß er beide ihm gegenüber verläugnet — gottlob, daß dieselben in der heutigen Welt bereits zu feste Wurzel geschlagen haben, um diesem Unterfangen einen Erfolg in Aussicht zu stellen. R. v. Jhering." Der unvergeßliche Cardinal Manning, das Oberhaicht der katholischen Kirche in England, sprach im Jahre 1890 (liest): „Seit nahezu vierzig Jahren ist London meine Heimat, und in dieser Zeit sind alle Formen von Leiden und Armuth, sowie von Laster vor mich gekommen. Ich kann daher Zeugniß ablegen für die Wohlthätigkeit und Hochherzigkeit meiner jüdischen Mitbürger. Ich habe sie in allen guten Werken vornean gesehen. Ich war Zeuge ihrer Theilnahme für die Kranken. Ebenso hatte ich reiche Gelegenheit, mich durch den Augenschein von ihrer Fürsorge für die Armen zu überzeugen. Ich würde meinem eigenen Glauben nicht tteu sein, wenn ich den Ihrigen nicht ehren würde. Es gibt, wie ich glaube, nur drei unzerstörbare Elemente in der Geschichte der Menschen: das Volk und der Glaube von Israel, die aus diesem entsprungene katholische Kirche und die Welt, welche beide verfolgt hat/ So sprach das Oberhaupt der katholischen Kirche in England. Ich habe einen Zumf gehört: Ja, das ist in England. 'Wie sind aber unsere Juden? Ich erlaube mir darauf eine Antwort zu geben. In den Wiener Schulen gibt es auch jüdische Lehrer, und Sie wissen, diese jüdischen Lehrer haben ein bitteres Leben; die Herm Antisemiten sorgen schon dafür, daß die armen Leute nicht zur Ruhe kommen. Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen über einen jüdischen Lehrer ein Actenstück zur Kenntnis bringe. Die Schulfrage bewegt ja alle Parteien, interessirt jedes Mitglied des Abgeordnetenhauses, ich glaube, daß auch dieses Actenstück jedem Abgeordneten von Nutzen sein kann. Ein Magazineur der Nordbahn, in einem Vorstadtbezirke wohnhaft, welcher sich von seinem kargen Gehalt kümmerlich ernährte, hatte das Unglück, keine Frau zu verlieren, welche ihm einen Knaben zurücküeß. Das unglückliche Kind erhielt eine zwette Mutter, unter deren jahrelangen, erbarmungslosen Mißhandlungen das Kind epileptisch wurde. Ein steinernes Herz hätte mtt dem armen Knaben Mnleid empfunden, allein die Stiefmutter erhielt eigene Kinder, denen der Knabe im Wege stand. Der Vater war selten zu Hause und mußte schweigen. Was Wunder, wenn der Knabe sich auf die Schule fteute und thränenvoll den Heimweg anttat. Beim Lehrer lernte das Kind, was „Liebe" ist, ihm schmiegte es sich an, jammerte es sein Leid, wenn die Stiefmutter es mit einem Eisen mißhandelte, seinen Hunger, wenn man es tagelang ohne Nahrung ließ. Da stellten sich aber bald die Folgen der häuslichen Zucht ein. In der dritten Elaste mußte das Kind wegen seiner Krankheit vom öffenttichen Unterrichte ansgeschlosten werden. Der Knabe war trostlos. Der Lehrer bat den Vater, den Knaben aus dem Hause zu geben. Für fünf Gulden Monatgeld nahm ihn eine Verwandte auf, und dieses Heim, das unter anderen Umständen ein elendes zu nennen war — die Verwandte wohnte mit noch einer andern Frau als Aftermiethe in einem finsteren Cabinete — war für ihn ein glückliches, er war wenigstens der häuslichen Zucht entzogen. Da ließ der Lehrer das Kind zu sich ins Haus kommen, ercheilte ihm Unterricht in den nothwendigen Gegenständen und hob ihm auch manchen guten Bisten auf. Das Kind war glücklich. Doch wurde es in der Wohnung des Lehrers so oft von der Krankheit befallen, daß zu fürchten stand, es könnte einmal einem solchen Anfalle erliegen. Der Lehrer zog es vor, den Knaben in seinem Heim fast täglich aufzusuchen, es war keine kleine Aufgabe, keine kleine Anforderung an des Lehrers eigene Gesundheit, aber er that es. Neun Monate — Mitte März bis Mitte December 1883 — dauerte das Siechthum des Kindes. Am 16. December 1883, als der Lehrer wie gewöhnlich kam, hatte der Knabe gerade einen Anfall, dem er erlag. Die Schulbehörden haben aus diesem Anlasse dem betreffenden Lehrer ein Anerkennungsschreiben zugesendet, von welchem ich nachstehende Abschrift erhalten habe (liest): „Herrn Isidor Fa ltitsch ek, Lehrer, Wien! Der Bezirksschulrath der Stadt Wien hat sich, zufolge Beschluffes vom 30. Mai 1883, Z. 577 bestimmt gefunden, Ihnen anläßlich der aus Humanitätsgefühl übernommenen Mühe, dem an Epilepsie leidenden Knaben Hugo Bechtolf unentgeltlich einen angemessenen Privatunterricht in den Volksschulgegenständen zu ertheilen, seine Befriedigung auszusprechen. Hievon werden Sie hiemit in Kenntniß gesetzt. Wien am 2. Juni 1883. Der Vorsitzende Stellvertreter Gerold. Ich habe diesen Facten nichts anderes hinzuzufügen, als daß das unglückliche Kind ein Christenknabe und der Lehrer ein Jude ist. Nun werden Sie sagen, das wird jeder antisemitische Lehrer auch thun! Ja oder nein? (LebhafteHeiterke, t — Abg eordneter Muth: Ja, wenn das ein gewissenhafter Lehrer ist!) Ja, wenn das ein gewissenhafter Lehrer ist, so wird das geschehen. Ich will Ihnen auch den Beweis geben. Im zweiten Bezirk ist ein antisemitischer Lehrer, welcher im „Deutschen Bolksblatt" eine Klage veröffentlichte über die freche Zumuthung eines Liberalen. Was war geschehen? Er sollte bei einer Sammlung mithelfen für arme Waisenkinder ohne Unterschied der Confeffion, und der betreffende Lehrer „hat den Wisch entrüstet zurückgeschickt mit der Bemerkung, er betheilige sich nur an Sammlungen, zu Gunsten christlicher Kinder". (Abgeordneter Muth: Er h at au ch r echt!) Jetzt denken Sie, meine Herren, ein armes, unglückliches Kind, es ist arm, es ist eine Waise, hat nicht Mutter und Vater, ja es ist dreifach unglücklich, es ist auch jüdisch, und dieses Kind, das doch sicherlich keinen Mädchenhandel getrieben, das nicht gewuchert und auch nicht das Parlament verjudet hat, auf dies arme Waisenkind wird ausgedehnt der erbarmungsloseste Judenhass. Und nun sagen Sie mir — Sie fragen mich doch nach der Sittlichkeit —: Wo ist Ihre Sittlichkeit? Ja, was nützen Reden und Phrasen; das Leben muß zeigen, wo die Liebe wohnt. (So ist es! — Heiterkeit.) Ich appellire da an die katholischen Geistlichen in diesem hohen Hause und an die Mitglieder der conservativen Partei; ich appellire an jeden ehrlichen, fühlenden Menschen —: Was sagen Sie zu einem Lehrer, der so hartherzig ist gegen ein unglückliches Waisenkind bloß deshalb, weil es ein jüdisches ist? Ist ein solcher Lehrer geeignet, Menschen zu erziehen? Die Antwort geben Sie sich selbst! (Heiterkeit. — Abgeordneter Muth: Da könnteman ganz antworten! — Abgeordneter Schlesinger: Ich werde schon antworten!) Meine Herren! Es hat der Herr Abgeordnete Sch lesin ger des weiteren einen Proceß, den ich führen mußte, zur Sprache gebracht. Dieser Proceß gehört zur heutigen Tagesordnung; wir behandeln heute das Capitel „Reichsrath" und wahrlich, meine Herren, das Verhalten des österreichischen Parlamentes und der österreichischen Parteien zu dieser Affaire ist kein auszeichnendes. Der Profeffor Rohling war Profeffor der hebräischen Alterthümer an der theologischen Facultät zu Münster, und ich war Rabbiner in einer kleinen polnischen Gemeinde in der Provinz Posen. Da erschien eine Schmähschrift, ein Pamphlet unter dem Titel „Der Talmudjude", welche in Tausenden Exemplaren verbreitet wurde und worin die horrendesten Sachen angeblich aus dem Talmud reproducirt waren, darunter auch die Stellen, welche der Herr Abgeordnete Schlesinger citirt hat: „Im Talmud stehe, die Christen seien Esel, Schweine, Hunde" u. s. w. Die Geschichte hatte für den Verfasser der erwähnten Schrift sehr unangenehme Folgen. Die deutschen Gelehrten, darunter zahlreiche und gründliche Kenner des Talmud, waren erstaunt über die Unwissenheit des Berfaffers, und die Folge war, daß die Regierung den Professor Rohling von seiner Professur in Münster entfernte, die preußische Regierung unter Fürst Bismarck! Daß Fürst Bismarck dies auf Anstiften der Juden gethan hätte, daß er überhaupt verjudet war, wird man sonst nicht sagen — die Antisemiten haben es gesagt. Ich kam nun von Posen weg nach Brüx in Böhmen, und auch Herr Professor Rohling tauchte in Prag auf, und selbstverständlich mit ihm auch der „Talmudjude". Es war dies die einzige wissenschaftliche Leistung, auf welche hin dieser Mann die Prager Profestur erlangte. Ich bekam sodann die Seelsorge in der nächsten Nähe von Wien, in Florids-