Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-02 · 49 (2.12.1892) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
49 (2.12.1892)
Date
1892-12-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020949--01927-3025992
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 49 Wie». 2. Decemver 1892. HIahrgaug. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. 36 K. k. Postsxarcaffrnkiml > Clearingverkehr Nr. 810.976.! Redartion und Adniinistration:! Wien I. Franx Jofrss-Nuai Nr. 3. Telephon-Nr. 6535. & Eigenihümer: Reichsraths-Akgeordnrter Dr. Htoch. Erscheint jeden Freitag. S- M«n Lvomnrl bei allen Pvstangalken des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Rede des Reichsrathsabgeordneten Tr. Bloch. — Shakespeare. — Moriz Wahrmann. — Welcher Culturzmeck wird mit der Erbaunng einer „Synagoge nach polnisch-jüdischem Ritus" in Wien angestrebt? — Correspondenzen: Wien, Olmütz, Prag, Holeschau, Brüssel, Warschau, Paris, Marocco, Melbourne. — Vermischtes: Wien, Sarvar, Gollub. Paderborn, Diez, Essen, Kattowitz,Stuttgart, Paris, Monastir. — Feuilleton: Jugendfreunde. Schluß. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Inhalt der Beilage: Moriz Wahrmann's Leichenbegängnis. — Synagogenchor und Orgel. — Berthold Auerbach über Shakespeares Shylock. — Literatur. — Inserate. Rede des Reichsrathsabgrorductm Dr. Bloch in der Sitzung des Reichsrathes vom 25. November 1892. Nach dem stenografischen Protokoll. Präsident: Ich ertheile nun dem Herrn Abgeordneten Dr. Bloch das Wort. Abgeordneter Dr. Bloch: Hohes Haus! Es lag nicht in meiner Absicht, in diese Debatte einzugreifen; ich habe mit meinen politischen Freunden in dem Club, dem ich anzugehören die Ehre habe, mich über das, was ich heute Vorbringen muß, nicht verständigt. Aber die gestrigen Reden der Abgeordneten Schlesinger und Schneider waren derart, daß ich erstens persönlich, dann als Jude mich gedrängt erachte, im eigenen Namen mit Einigem zu antworten. Der Herr Abgeordnete Schlesinger hat im ersten Theil seiner Rede sich mit der liberalen Partei und mit dem Herrn Vicepräsidenten beschäftigt;diese Partieseiner Auseinandersetzung geht mich nichts an. Ueber eine einzige Bemerkung, seine Aeußerung, betreffend den sogenannten jüdischen Mädchenhandel, bin ich ihm eine Antwort schuldig. In der Hauptstadt Galiziens sind einige Juden wegen dieses ehrlosen, schandbaren Gewerbes vor Gericht gestellt und verurtheilt worden. Ich bedauere es aus tiefftem Herzen, daß es auch unter meinen Glaubensgenossen Leute gibt, die sich zu einem solchen Gewerbe erniedrigen. Wäre es nicht staatsgrundgesetzlich verboten, so würde ich diese Leute mit dem Bann belegen. Ich habe aber nicht das Recht und die Macht dazu. Der Herr Abgeordnete Schlesinger hatnun wegen dieses Ereignisses seinerzeit eine Interpellation überreicht, die unstreitig eine bewußte und beabsichtigte Beleidigung der gesammten Judenheit involvirt. Das wird der Herr Abgeordnete Schlesinger selbst nicht in Abrede stellen. (Abgeordneter Schlesinger: O ja, ich stelle es in Abrede.) Der Ruhm, den er sich mit dieser Interpellation geholt, und die Lorbeeren, die er dabei gepflückt, ließen ihn nicht ruhen, und immer wieder kommt er auf dieses beliebte Mädchenthema zurück. Ich muß ihm also darauf Einmal antworten. Ich möchte mir eine Frage an den Herrn Abgeordneten Schlesinger erlauben, ob er denn nicht weiß, daß es in Oberösterreich, Niederösterreich, Schlesien, Steiermark, Böhmen und Mähren in jeder größeren Stadt ein oder mehrere B.gibt! (Laute Heiterkeit.) Und wissen Sie, daß diese Besitzer dieser Schandhäuser sämmtlich rassenreine Arier sind, Stammes- und Glaubensgenossen des Herrn Redners? (Heiterkeit.) Fragen Sie einmal nach, wie viele solche arische Häuser in Wien existiren. Es ist ein einträgliches Gewerbe, da läßt man keinen Juden zu (Schallende Heiterkeit), darüber haben Sie die Regierung nicht interpellirt. Ein antisemitischer Ober götze hat ja sein väterliches Haus in ein B. verwandelt (Rufe: richtig!). Glauben Sie, daß in diesen Räumen leere Wände, leere Betten sind? Da sind auch Mädchen, da findet fortwährend ein Waarenwechsel, ein steter Menschentausch statt, der Bedarf und Verbrauch ist ein großer und es finden sich Händler, welche den Schacher vermittelnder reinste Sclavenhandel wie im Orient. Darüber haben Sie nicht in sittlicher Entrüstung interpellirt. Ist denn das ein ausschließlich arisches Gewerbe, daß Sie so entrüstet sind, tveil ein Jude in Ihr Gewerbe eingegriffen hat, weil ein paar Juden Ihnen Concurrenz zu bieten versucht haben? (Schallendes Gelächter.) Ich habe einmal einen deutsch-nationalen Studenten, einen Verehrer des Herrn v. Schönerer, befragt, wie es kommt, daß Schönerer sein Haus in der Krugerstraße in ein B. verwandelt hat? Er antwortete mir: „Das ist ein altgermanisches Institut." (Schallende Heiterkeit.) Nun, es haben sich einzelne Juden germanisirt. (Widerspruch und Unruhe links.) Ich bitte. Ich wünschte, daß man die Juden nicht beleidigt, aber wenn man gegen die Juden schießt, so muß es gestattet sein, auch eine Antwort zu geben. Ich verlaffe jetzt dieses Mädchenthema (Heiterkeit) und überlasse es dem Herrn Abgeordneten Schlesinger zur weiteren Fructificirung. Der Herr Abgeordnete Schlesinger ging dann näher auf die Sache ein und behauptete — unb diese Angelegenheit steht unmittelbar mit der Frage, die uns jetzt beschäftigt, in Berührung —: „Der Artikel 2 des Staatsgrundgesetzes: vor dem Gesetze sind alle Staatsbürger gleich, war ein grober Fehler, man hätte früher die sittliche Eignung der Völker prüfen müssen, und zwar prüfen müssen in Bezug auf die Religion." Es fragt fich nun: Waren die Juden sittlich geeignet für die Emancipation, waren sie reif für ein gleiches Recht? Wer soll nun entscheiden? Der Herr Abgeordnete hat ein Buch von mir citirt, Seite 18, und dort hätte er lesen können (liest): „Der Erzbischof von Ca.nterbury sprach im englischen Oberhause 1833 das Zeugnis aus, „daß der Juden Sittengesetz ans der reinsten Quelle, aus dem Gesetze Moses und der Propheten geschöpft, aus der Quelle der Heiligkeit selber! Ungeachtet menschlicher Einwirkungen hat es seinen ursprünglichen Glanz nicht eingebüßt, nnd es rnht bis auf einen gewissen Grad auf derselben Grundlage mit den Vorschriften des Evangeliums, Was also die Sittlichkeit betrifft, so steht es gut mit den Juden!" Das hat ein hervorragender Geistlicher der englischen Kirche gesprochen. Ich weiß nicht, ob dieser Engländer ihm auch Autorität genug ist. Ich werde ihm einen deutschen, einen nationalen deutschen Gelehrten von hervorragender Bedeutung nennen, bei dessen Hinscheiden die ganze civilisirte Welt ehrfurchtsvoll die Fahne gesenkt hat: Rudolf v. Jhering. Was sagt nun dieser vom Judenthum und von der Partei, der anzugehören der Herr Abgeordnete Schlesinger die Ehre hat? (Liest:)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.