Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 48 (25.11.1892)
- Date
- 1892-11-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 48 Oesterreichische Wochrnschrifi Seite 873 Du trotztest kühn selbst deinem eignen Gotte; Der ganzen Menschheit Sühne war dir nur Die Beute einer gierigen Natur, Du hast die Majestät in Koth getreten! 16. Wer ist jedoch ganz rein vor Gottes Throne? Für deine Uebergriffe hast du Strafen Erduldet längst, an jedem deinem Sohne Sieht Narben man von Wunden, die sie trafen, Und heute tobt noch gegen dich der Graus, Zerstören will man noch dein Grab und Haus, Zum Vorwand nimmt man Christus bleichen Schatten. 17. Wie wenn dein Jahve in den Wolken schliefe Und Jesus in den Nebel sich zerstreue, So sinken deine Gräber in die Tiefe; Idole bringt die Neuzeit wieder neue. Der Zukunft Strahlen sieh' am Himmelsbogen! Sag' an, ob sich in diesen dunklen Wogen Altäre neu erheben oder blos nur Grüfte! 18. Was, alte Menschheit, ist dein künftig Los? Wirst du die alten Sünden nun versöhnen. Wird aus dem Sturm und Drang der Zeiten groß Ein neues Heil erblühen unsren Söhnen? Wird Israel vereint mit uns im Joche Mitfördern eine glückliche Epoche, Mithelfen auf dem Weg zum Humanismus? 19. Jetzt seid ihr Bächlein nur vom einst'gen Meere, Blos Tropfen schier, die selber sich nur treu; Gebt acht, wenn Atropos erhebt die Scheere Und schneidet rasch den Faden euch entzwei, Daß ihre Schärfe euch nicht träge trifft In Ohnmacht und im Leib der Bäker Gift, Euch selbst zur Last, dem Nachbar zur Beschwerde! 20. O Gräber, Steine, ihr verwesten Leichen? So lang noch Zeit ist, rühret eure Hand. O sagt ihr alten Rabbi's, sagt ihr Bleichen, Wie sehr geliebt ihr dieses gastlich Land, Das euch wie eine Mutter gab Asyl, Den Enkeln zeigt das einzig richt'ge Ziel, An's Vaterland sich treulich anzuschließen! 21. Wer Menschlichkeit sich hat zum Schild erhoben Ohn'Unterschied des Glaubens und der Rasse Schau her zuvor und richt' den Blick nach oben, Auf daß er richtig das Gesetz erfasse, Das lautet: immer sich als Mensch zu zeigen; Dann wird auch frischer Saft den alten Zweigen Und die Erlösung wird der Menscheit kommen. 22. So gleichen eure Enkel frischen Zweigen Am alten Stamm', der stets euch gastlich schirmt, Der Welten Gott mög' gnädig sich euch zeigen, So euch jemals Gefahr entgegen stürmt! Wenn ihr zur Heimat werdet immer halten, So wird die Blüthe sich zur Frucht entfalten In unsrem Vaterland euch Heil erblühen!' Prag, 15. November 1892. Jugendfreunde. Sie waren in demselben Jahre, in derselben Woche, fast unter einem Dache geboren worden und zusammen aufgewachsen. Gyula war der Sohn des Edelmannes, dem das Dörfchen gehörte, Jacob der Sohn des jüdischen Pächters des Dorfwirthshauses und der übrigen herrschaftlichen Regalien. Das Wirthshaus stand hart an dem Castell des Gutsherrn, nur ein niedriger Zaun trennte die beiden Höfe. Mit den Bauernkindern des Ortes durfte das Herrenkind keine Bekanntschaft machen; gegen das Judenkind hatte der Edelmann kein Bedenken. Es war ein aufgeweckter Junge und, frühzeitig von seinem Vater unterrichtet, geistig dem Edelknaben vor. Dieser konnte von ihm daher nur profitiren. Viele Jahre spielten und schliefen sie, wenn sie müde waren, auf dem Heuboden der herrschaftlichen Wirthschaftsgebäude oder im Schatten der Pappeln, mit welchen die Gärten hinter den Häusern eingefaßt waren. Sie theilten als gute Freunde die Bretzeln und Süßigkeiten Gyula's und die Gugelhupf und Barches Jacob's. Einmal war es Jacob, der Gyula half, die Obstbäume im Schloßgarten plündern; ein anderes Mal war es Gyula, der eine kleine Leiter an den Gartenzaun lehnte, um dem Freunde ein Körbchen mit Früchten oder einen anderen Trost zu bringen, wenn dieser in der Hinterstube des Wirthshauses einsam sitzen und lernen mußte. Jacob that für den Freund sogar noch mehr. Eines Tages wurde Gyula, der gerne ritt, von seinem scheu gewordenen Pferde mitten hinein in den Fluß getragen, der seitwärts vom Dörfchen floß. Jacob kam gerade noch zeitig genug, um die Gefahr zu erkennen, in welcher sich der Freund befand. Ohne zu zögern, warf er sich in's Wasser, ergriff das Pferd beim Zügel und führte es an das Ufer zurück. Aber einige Jahre später wurde der Edelknabe in's Gymnasium in die Stadt geschickt und zwischen den Beiden war Alles zu Ende. Wenn Gyula zu den Ferien nach Hause kam, schämte er sich seines jüdischen Freundes, der inzwischen in das Geschäft des Vaters eingetreten und ein ganz hübscher, intelligenter Junge geworden war. Er wich ihm absichtlich aus und der Judenjunge war zu stolz, sich ihm aufzudröngen. Jahre waren vergangen, die Väter Beider waren gestorben. Gyula lebte in der Stadt, vergeudete sein Einkommen und belastete sein Gut mit Schulden. Jacob saß noch immer auf dem Wirthsliause als Pächter und hatte sich durch Fleiß und Sparsamkeit einige Tausend Gulden erworben. Da kam eines Tages Gyula wieder in das Dorf, suchte Jacob auf und pumpte von ihm im Namen ihrer Jugendfreundschaft ein Darlehen in der Höhe aller Ersparnisse des Juden aus, natürlich aus einen Wechsel. Das Aussüllen eines solchen parallelogramatischen Streifen Papiers machte Gyula gar keine Sorgen; er war es gewöhnt^. Bald war auch dieses Geld verlumpt und Gyula sah keine andere Rettung aus seiner verzweifelten Lage, als in den Reichstag zu kommen, Gesetzgeber zu werden. Es waren gerade Neuwahlen für's Parlament ausgeschrieben. Selbstverständlich beabsichtigte er, in seinem heimatlichen Wahlbezirk zu candidiren. Erstens wollte er diesem die Ehre zuwenden, von ihm vertreten zu sein, was er in so schönen Phrasen in seinen Wahlreden als patriotische That ausspielen werde können, zweitens hoffte er, in seinem heimatlichen Wahlbezirke an seinem Jngendfteund Jacob einen Kortesch zu haben, der ihn nichts kostet, zumal in diesem Wahlbezirke zwei jüdische Gemeinden waren und die jüdischen Wähler den Ausschlag gaben, daher vor Allem ein jüdischer Kortesch nothwendig war, und zwar ein jüdischer Kortesch, der bei seinen Glaubensgenossen Einfluß hat. Den aber genoß Jacob in vollstem Maße, denn er war als klug und rechtschaffen bekannt und obwohl er als Einzeljude auf dem Dorfe lebte und das ganze Jahr von keiner Cultusmstitution irgend welchen Nutzen hatte, zahlte er doch in beide Gemeinden des Bezirkes eine ansehnliche Cultussteuer und schickte den Rabbinern und Cultusdieuern zu den Feiertagen reiche Geschenke an Naturalien. Gyula beehrte also wieder seinen Jugendfreund Jacob mit einem Besuch. Der Jude versprach ihm seine Dienste, obwohl er erkannte, wie viele Mühe es ihm kosten werde, um erfolgreich zu wirken. Gyula wollte nämlich als oppositioneller Candidat auftreten, um dann als Ueberläufer zur Regierungspartei eine Prämie zu erhalten. Das Judenthum ist jedoch fastdurchgehends regierungsfreundlich und war es in diesem Wahlbezirke um so mehr, als der bisherige Deputirte, der auch auf eine Wiederwahl reflectirte, ein besonderer Judenfreund war und der Regierungspartei angehörte. Es galt also diesen zu verdrängen und die Juden in das oppositionelle Lager zu führen. Gyula hielt in beiden Gemeinden Reden, gab den Juden tausend Versprechungen und beschwor, für die volle Rechtsgleichheit der Juden stets einstehen zu wollen. Er wurde in der That nach vielen Kämpfen zum Abgeordneten gewählt. Gyula war aber in der Opposition eine solche Nulle, daß die Regierung ihn gar nicht ködern wollte und aus Verdruß schloß er sich, wie mehrere solcher catilinarischen Existenzen, den Antisemiten an, denen geheime Geldquellen zur Verfügung standen. In seinem Wahlbezirk war der Wellenschlag der antisemitischen Bewegung bereits noch vor seiner Wandlung fühlbar, die Christlichen machten dafür Propaganda, nun, seitdem auch