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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-11-25 · 48 (25.11.1892) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
48 (25.11.1892)
Date
1892-11-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 870 Oesterreichischr Wochrnschrist Nr. 48 serveofficier, welcher durch das Zimmer hindurchging, durch eine beleidigende antisemitische Aeußerung ohne jede Veranlassung insultirt. Der eine der Jnsulttrten, Kaufmann Bergmann, stellte den Ruhestörer in gebührender Weise zur Rede. Der Graf antwortet mit antisemitischen Schimpfreden in Ahlwardt'scher Tonart, ließ sich dann durch den Kellner seinen Revolver holen und bedrohte mit diesem den ihn zur Rede Stellenden thätlich. Nur durch das Dazwischentreten der anderen schriftlichen) Betheiligten wurden weitere Ausschreitungen verhindert. Die „Freisinnige Zeitung" bemerkt zu diesem Berichte: Bei der Begünstigung, welche die Antisemiten in dem Wahlkreise officiell erfahren, können derartige Ueberhebungen nicht Wunder nehmen. Frankfurt a. M. 24. Oktober. Der „Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina" eröffnet seinen soeben zur Ausgabe gelangten Jahresbericht mit dererfreulichen Meldung, daß es endlich gelungen ist, in der Person des Herrn Dr. Lazar Grünhut, der in Berlin seine Studien vollendet hat, einen Direktor für die Waisenanstalt zu finden, der mit strenger Religiösität und talmudischem Wissen gründliche allgemeine Bildung verbindet. Herr Dr. Grünhut wird in den nächsten Wochen mit seiner Familie nach Jerusalem übersiedeln. Inzwischen bestand das Localcomite zu Jerusalem aus den beiden Aerzten Herren Dr. Feuchtwanger und Dr. Wallach, zu denen sich neuerdings Herr Louis Unger zugesellte, jener aufrichtige Freund des heiligen Landes, der mit seiner Familie Berlin, seinen früheren Wohnort, verlaffen hat. um mit seinem Rath und seinen Mitteln in Jerusalem zu Gunsten unserer Glaubensgenoffen zu wirken. Die Leitung des Waisenhauses führte bis zum 1. August d I. Herr Stein. Eine Anzahl von Zöglingen, die viele Jahre, zum Theil sett Gründung der Anstalt, dem Waisenhanse angehörten, wurden entlasten, um das erlernte Handwerk selbständig auszuüben und jüngeren Knaben Platz zu machen. Die Schule wurde im Wintersemester von 74 Zöglingen besucht. Bei der Prüstlng, welche am 28. März stattfand und 5 Stunden dauerte, führte der österreichisch-ungarische General-Consul v. Kwiatkowski den Vorsitz und leitete die Prüfung. Der englische Consul Dickson examinirte die Schüler der 1. Claffe im Englischen. Der deuffche Consul Frecherr von Tischendorf, welcher in Begleitung seines Kanzlers Herrn Dr. Bügge kam, wohnte der Prüfung während 1'/, Stunden bei und studirte eingehend den Lehrplan. Schech Juffuf. ein aller Freund der Schule, der jetzt zum Mnftie Schafije avancirt ist, hat auch diesmal die oberen Classen im Arabffchen geprüft und empfand sichtliches Vergnügen, als der Anschauungsunterricht in der arabischen Sprache repetirt wurde. Auch das Großrabbinat war diesmal officiell vertreten, und zwar durch den amttrenden Chacham-Baschi Rabbi Eliaschar. Der Bericht verzeichnet sodann die Urtheile der Consuln, welche ausnahmslos in Worten ungetheilter Anerkennung über die Leistungen der Anstalt sich äußern. Die Schule zählt gegenwärtig 84 Zöglinge (58 Aschkenafim und 26 Sephardim), welche sich auf 4 Elasten vertheilen. Der Bericht gedentt sodann der verstorbenen Mitglieder oes Berwaltungsrathes Herrn Moses Tobias Sondheimer, der einen sehr großen Theil seiner knapp bemessenen sreien Zeit dem Vereine widmete, und Prof. Dr. H. Grätz in Breslau. Die Einnahmen und Ausgaben bilanziren mit 37.59719 M , das Grundkapital hat die Höhe von 15.011*41 M. erreicht. London, 6. November. Ueber die Colonie zu Woodbine in New-Jersey (Amerika), eine jener Niederlassungen für die ruffischen Juden, welche aus dem Unterstützungsfonds des Barons Hirsch errichtet worden sind, berichtet man der „Daily News", daß dieser Platz jetzt ein Städtchen mit behaglichen Häusern, umgeben von gutbebauten Farmen geworden ist, statt der früheren öden Haide. Bon den für die Colonie zum Preise von 39000 Dollars erstandenen 200 Hettaren sind ein Theil beretts in 62 Farmen von je 12 Hektaren parcellirt und in Besitz genommen worden. Jede Familie erhält ein Wohnhaus, Scheune, Ackergeräthe, Aussaatkorn, eine Kuh und 25 Hühner. Der Preis, welcher das Reisegeld von Rußland mit einschließt, ist 1200 Dollars, welche innerhalb zehn Jahren in Raten zu zahlen find. London, 13. November. Gestern empfing der Oberrabbiner Dr. Hermann Adler in London eine Abordnung der arbeitslosen Juden. Auf die Auseinandersetzungen des Führers und anderer MUgliedcr der Abordnung über die Nothlage der arbeitslosen Juden in London, erwiderte der Oberrabiner in einer interessanten Ansprache. Die Abordnung als „arbeitende Brüder" anredend, erklärte er, er nenne sie so, weil er täglich vom Morgen bis in die späte Nacht arbeite und wahrscheinlich anstrengendere Arbeit verrichte, als irgend einer von Jenen, welche sie vertreten. Die von ihnen angegebene Zahl von 10.000 beschäftigungslosen Juden in London halte er für stark übertrieben. Er könne ihnen übrigens nur auf das Entschiedenste rathen. auf ihren Plan, baarfuß durch die Straßen der Stadt zn gehen, zu verzichten. Er wiste wohl, daß viele von ihnen eigener Kleider entbehren, aber es gebe zahlreiche Wohlthätigkeitsanstalten zur Bertheilung von Schuhen und Kleidern und einige wohlthättge Damen hätten eine jüdische Central-Association gegründet, welche in Zukunft mit noch größerem Erfolg diesen Mangel bekämpfen würde. Er müsse aber vor Allem die überflüssige sectirerische Abschließung der jüdischen Arbeiter in der Organisation tadeln. Er sehe nicht ein, warum sie nicht Hand in Hand mit ihren christlichen Kameraden gehen könnten. Er bedauere, daß einige Juden atheistische und anarchistische Grundsätze bekennen. Er könne versichern, daß die jüdischen Priester sehr viel dazu beitragen, die verschiedenen Formen des Elends zu mildern. Durch Drohungen und durch Verkündigung der anarchistischen und nihilistischen Lehren werde nichts Gutes erreicht werden; er hoffe zuversichtlich, daß, wenn die wirthschaftliche Krisis vorüber sei, auch ihre unglückliche Lage ein Ende haben werde. Die Abordnung entfernte sich unter Ausdrücken des Dankes für diese Erklärungen. Petersburg, Wie man der „Polit. Corr." aus Petersburg schreibt, wurden sämmtliche im Gouvernement Taurin gelegenen Marktflecken, bis auf einen einzigen, in einfache Dorfgemeinden umgewandelt, was zur Folge hatte, daß die bisher in diesen Marktflecken ansäßigen Juden, welchen nach den bestehenden Gesetzen die Ansiedelung in den Dörfern untersagt ist, den Befehl erhielten, ihre Wohnorte in kürzester Frist zu verlaffen. Die gleiche Maßregel ist auch für das Gouvernement Cherson und das Berwaltungsgebiet von Bessarabien in Aussicht genommen. — In Moskau waren die alte und die neue Synagoge polizeilich geschlossen worden. Die Juden von Moskau benutzten, um am Neujahrstage Gottesdienst abhalten zu können, die Räume ihrer Handwerkerschule. Dagegen protestirte jedoch der Polizeimeister General Wanowski. Hierauf beschwerte sich die jüdische Gemeinde bei dem General-Gouverneur Großfiirsten Sergei, doch ohne Erfolg. Man richtete nunmehr eine Eingabe an den Minister des Innern. Durnowo. Die Antwort erfolgte mit einer für russische Verhältnisse überraschenden Schnelligkeit, nämlich schon nach vierzehn Tagen. Der Inhalt dieses Bescheides war der, daß der Rabbiner Minor der Gemeinde dauernd aus Moskau ausgewiesen und in seiner Geburtsstadt Wilna internirt wurde, mit der Maßgabe, daß er nie wieder das Amt eines Rabbiners bekleiden dürfe, und daß der Stadtrath Schneider, der jene Petition der Juden veranlaßt, auf zwei Jahre aus Moskau verwiesen wurde. Washington. Herr Salomon Hirsch hat, wie bereits mitgetheilt wurde, auf seinen Posten als bevollmächtigter Botschafter der Bereinigten Staaten bei der hohen Pforte, welchen derselbe seit 16. Mai 1889 einnahm, resignirt. Diese Resignation kam nicht unerwartet, da Mr. Hirsch bereits vergangenes Jahr, als derselbe seine Familie nach Washington brachte, dem Präsidenten seinen bezüglichen Wunsch bekannt gab. Der Grund hiefür lag in der Rücksicht auf seine Familie, insbesondere auf seine Kinder, welche eine bessere Erziehung erheischen, die ihnen in der Türkei nicht zu Theil werden kann. Der Präsident bemerkte damals dem Mr. Hirsch, daß es seine Pflicht sei, nach der Türkei zurückzukehren und die von ihm eingeleiteten wichtigen Verhandlungen durchzuführen, was er persönlich in einigen Monaten bewerkstelligen könne, während ein neuer Botschafter mindestens zwei Jahre hiezu benöthigeu werde. Nach Abwicklung dieser Angelegenheiten werde der) Annahme seiner Resignatton nichts mehr im Wege stehen. Die wichtigen in Rede stehenden Verhandlungen betrafen die Frage der Naturalisation von Türken in Amerika und deren Wirkung für den Fall der Rückkehr nach der Türkei — und die Frage der amerikanischen Missionsschulen in der Türkei und Kleinasien. In beiden Punkten waren die Verhandlungen, von Erfolg begleitet. Insbesondere die Angelegenheit der Missionsschulen wurde ganz beftiedigend geordnet. Diese in großer Anzahl in der Türkei errichteten Schulen waren bisher großen Beschränkungen unterworfen. Nunmehr ist denselben volle Lehrfreiheit garantirt. — Die Resignation des Mr. Hirsch wurde mit folgendem Schreiben des Staatssekretärs John W. Förster angenommen:

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