Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 48 (25.11.1892)
- Date
- 1892-11-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 48 Oesterrrichifche Wochrnfchrist Seite 865 Rolle nicht, die hiemit dem kleinen Buchstaben zugewiesen ward! Zukunft ist eben ein großes Wort. Die Vergangenheit liegt hinter uns, unserer Machtsphäre vollkommen entrückt. Was vorüber ist, ist vorüber, xraetsrita non Mitautor. Die Zukunft liegt vor uns, und sie gehört auch noch uns. Jeder Thatkräftige, Willensstärke kann ihrer sich bemächtigen, kann sie für sich und die Seinigen und sogar für seine große Mitmenschheit zu weittragenden Segen gestalten. Schon in der gewöhnlichen Umgangssprache ist Zukunft ein Wort von großer Bedeutung. Wenn der tüchtige Geschäftsmann ein Unternehmen, das ihm angetragen ward, reiflich geprüft und sein Urtheil in dem Satze zusammenfaßt: Die Sache hat keine Zukunft — dann hat er den Stab darüber gebrochen. Und können wir über einen Menschen, in den Jahren seines geistigen Wachsens und Strebens die wohlerwogene Aeußerung abgeben: „Der Mann hat eine Zukunft!" dann haben wir mit dem einem Worte seiner Anempfehlung den kräftigsten Ausdruck gegeben. Und vielleicht dürfte eine bekannte biblische Mittheilung durch die hier gemachte Auseinandersetzung nunmehr in einem ganz neuen Lichte uns erscheinen. Als nämlich der treue Jünger und spätere Nachfolger unseres Lehrers Moses eine wichtige Sendung anzutreten hatte, da fügte dieser seinem Namen Hosea jenen kleinen, doch wie hier gezeigt, bedeutungsvollen Buchstaben hinzu, so daß er von nun an unter dem Namen Jehosua in der Geschichte erscheint — (4. M. 13, 16). Wohl haben die ältesten Schriftausleger für diese Namenserweiterung einen triftigen Erklärungsgrund gefunden. Allein auch unserer Auseinandersetzung über die grammatische Bestimmung dieses kleinen Buchstaben «Jod, hatte derselbe, an der Spitze dieses Namens gesetzt, einem gewichtigen Gedanken Ausdruck zu geben: „Du bist von nun an der Mann der Zukunft — denn das große Werk, das Deinen unsterblichen Meister nicht zu lösen gegönnt ist, Du bist berufen es, zu Ende zu führen!" Nun aber erwägen Sie, daß es vier verschiedene Namen sind, unter denen in den biblischen Urkunden unser Stamm bezeichnet erscheint. Es sind unsere stehenden Nationalnamen: Jacob, Israel, Jehuda, Jeschurun. Alle diese vier Stammesnamen tragen den bedeutungsvollen Vorsahbuchstaben Jod O) an ihrer Spitze. Im Gottesbuche der Bibel ist nichts ohne tiefe Bedeutung. Dieser kleine Buchstabe an der Spitze aller unserer vier Stammesnamen soll einen aufrichtenden Gedanken uns in die Seele rufen: „Deine Vergangenheit war kampfesreich und düster, auch Deine Gegenwart erscheint noch immer nicht ganz wolkenlos, aber deshalb verzage nicht, denn Du hast eine Zukunft vor Dir!" Aber siehe da! Wenn die Außenwelt eine freundliche, rücksichtsvolle Gesinnung bekunden will, dann benennt sie uns mit unserem geschichtlichen Ehrennamen: Israeliten. Allein bei dem üblichen Ausspruche dieses Namens, nämlich bei der Weglassung seines Borsatzbuchstabens, geht ihm ja ein wesentliches Stück seiner hohen gedanklichen Tragweite verloren. Reconstruiren wir uns daher unfern ehrenvollen Nationalnamen, nach se'ner biblischen Lautung — er wird dann nicht nur ausdrucksvoller, sondern auch bedeutungsvoller klingen. Sagst Du dain: „I ' ^'.i Jsrielit! Ich bin Israelitin!" dann gibst Du dem Gein n Ausdruck: „Ich gehöre einem Stamme an, der gottlob eine Zukunft hat, und diese Zukunft zu fördern, ihr endliches Nahen zu beschleunigen, will auch ich mein ganzes Wollen und Können einsetzen! Bon der anbrechenden Morgenröthe sprach die zuletzt von uns dargestellte Bibelerzählung, welche in ihrer lebensvollen Zeichnung uns als ein vollendetes und mächtig ergreifendes Drama erschien. Das Morgenroth, bei dessen Anbruch der durch die lange finstere Nacht hindurch geführte schwere Kampf einen hochehrenvollen Abschluß fand. Allein es gibt nach der feinsinnigen Bemerkung eines tiefen Denkers zwei wesentlich verschiedene Arten» von Morgenroth: In der Natur und in der Geschichte. D:e erste kommt von selbst, ohne menschliches Hinzuthun. Sie ist eben ein Naturgesetz, auf das wir Menschen weder störend noch fördernd einwirken können. Nicht also das Morgenroth, der Tagesanbruch der Geschichte. Hier muß menschliches Thun mit göttlicher Fügung sich vereinen. Nun denn, wir wollen es an unserem besten uud kräftigsten Mitthun nicht fehlen lassen, und im Uebrigen auf den mächtigen Beistand und Segen des Allgütigen hoffnungssteudig vertrauen! Rauschender Beifall lohnte den Vortragenden, und Herr Gemeinderath Gustav Simon, der Bicepräfident der Cultusgemeinde, gab den Empfindungen aller Zuhörer Ausdruck, als er Herrn Rabbiner Dr. Schmiedl, seinem alten guten Freunde, den innigsten Dank für den ausgezeichneten Bortrag aussprach. Herr Simon meinte, daß nur das Studium der Thora und die Pflege derselben den Fortbestand Israels gewährleiste. Als seinerzeit die Leipziger Synode einschneidende Neuerungen im Cultus einfl'lhren wollte, habe er das lächerlich gefunden, auf der einen Seite beim Thoralesen zu sagen: „Gelobt seist Du, Ewiger, der Du uns die Thora gegeben", auf der anderen Seite aber ihre Göttlichkeit zu leugnen. Auf die Anfrage des Herrn Bielitz über das neue Gemeindestatut, welches vom Vorstande der Cultusgemeinde dem Ministerium zur Genehmigung vorgelegt, von dessen Inhalt aber nichts bekannt wurde, antwortete der- Präsident, daß der Vorstand nach reiflicher Berathung Bedenken getragen habe, die Statuten zu veröffentlichen, bevor dieselben dem Ministerium Vorgelegen. Die Regierung habe die Statuten bisher nicht genehmigt, da von einer anderen Seite gegen 2 Paragraphen Einwendungen erhoben wurden; hoffentlich werden auch diese Hindernisse baldigst behoben und die Genehmigung erfolgen. Synagogengesang und Orgel. Bon Obercantor I. Singer in Wien. HI. Machtsprüche und strenge Gesetze erweisen fich der vorwärtsdrängenden Kunstentwickelung gegenüber gleichermaßen als „machtlos", wie die aus unverantwortlicher Pietät einer sonst werthen Person gegenüber resultirende Sympathie sich geradezu als „lieblos" darstellt. Es ist sonst nicht unsere Gepflogenheit, in einer allgemein gehaltenen, öffentlichen Besprechung Personen zu bezeichnen und Namen zu nennen, allein bei der vorliegenden, überaus wichtigen Angelegenheit wird die Noth zur Tugend; es müssen daher zur Läuterung der obwaltenden Frage Thatsachen angeführt und Namen genannt werden. Gewiß ist es eine hochzu preisende That, wenn der wohllöbliche Vorstand der Wiener israel. Cultusgemeinde an dem Inhalte des, von dem nun verewigten Altmeister Sulzer veröffentlichten 8ebir Zion festhält, in dankbarer und pietätvoller Erinnerung an dasjenige, was einstens durch dieses Werk nicht bloß für die Wiener, sondern für dle Synagogen des Gesammtjudenthnms geleistet wurde und wir jüdische Cantoren stehen sicherlich nicht hintan, der genannten Gemeinde-Verwaltung fiir diesen Act der Pietät unseren Dankeszoll darzubringen, einen Dankeszoll aus tiefster Seele in dem hehren Bewußtsein, daß es einsichtsvolle Behörden gibt, welche die die einstige gesammtsynagogale Welt bewegende Schöpfung ihres nun Heimgegangenen Obercantors Salon: on Sulzer für alle Zeiten erhalten und auch späteren Geschlechtern vererben niöchten Der Beweggrund zu diesem Gesetze ist unstreitig ein rühmlicher; wären aber auch die aus der strengen Handhabung desselben resultirenden Folgen gleich rühmlich? — Diese Fi age muß von fachwissenschaftlichem Standpunkte aus nachfolgenden Gründen verneint werden. Der Inhalt des vor vielen Deecnnien v "öffentlichten 8obir Zion begeisterte die synagvgale Welt jener .'riode, weil die Kunstform der betreffenden Composi ionen dem Gesichtspunkte der damaligen Zuhörer um viele Jahrzehnte vorausgerückt war; der große Ls dar Adon olom galt als ein übermächtiges Tongemälde, dessen Zaubermacht jeder Zuhörer demuthsvoll sich unterwerfen mußte; die allbekannte Piece Adonoj, adonoj mit dem Sopran-Solo hat die Reise um die Welt gemacht und wo dieselbe auch angestimmt wurde, erschütterte sie das Herz des andächtig Betenden rc., allein wir Epigonen, die wir alsbald am Rande des zweitausendsten Jahrhundertes stehen, sind gleichzeitig auch Kinder einer viel späteren Kunstperiode; einer Kunstperiode, die durch Aufbietung einstens nie geahnter Kunstmittel geradezu Unerwartetes leistet; darum verlangen und erwarten wir auch bedeutsamere Leistungen auf jedem Gebiete. Wie das Spinett in einem modernen Musiksalon ein Ding der Unmöglichkeit ist und dem Pianoforte weichen musle, oder wie das Wiener Hof-Opernhaus dem einstigen ruhmvollen Kärntnerthorthe«ter den Rang streitig machen mußte, weil die heutigen Klangwirkungen in jenem Miniaturhause keine geeignete Stätte fanden, so mußten auch die einstens angestaunten Tonwerke berühmter Meister vor dem mächtigen Strahlenglanze der modernen musikalischen Werke verblassen und selbst bei einer etwaigen Vorführung der Compofition des unsterblichen Mozart