Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 48 (25.11.1892)
- Date
- 1892-11-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 864 Orsterreühische Wochrnschrist Nr. 48 niedergelegt hat. In einer Sprache, die Witz- und anspielungsreich, wie durchzogen von dem Dufte einer vollgesättigten Belesenheit in breitem Behagen reich und mühelos dahinströmt, führt er uns stets überraschende Aufschlüsse vor, belehrend und genußreich, selbst da, wo wir uns dem Inhalte nicht gefangen geben können, niemals abgerissene, zufällig aufgelesene Notizen, sondern rechts und links über sich hinausweisende Stücke eines gedanklichen Zusammenhanges, Theile wissenschaftlicher, langsam gewonnener uno erarbeiteter Auschauungen. Ob er Abraham Jbn Esra oder Jsak Jbn Latif, ob er Donnolo oder Josef Jbn Sabara, ob er die Krönchen der hebräischen Buchstaben in der Thorarolle, die Taggin, oder ein Wort im Sprachgebrauche Abraham Jbn Dauds bespricht, er hat uns stets etwas Eigenes, Selbstbeobachtetes mitzutheilen, das schon um alles dessen willen, was wir bei dieser Gelegenheit noch erfahren nnd lernen können, werth war, gesagt zu werden. Wie war er über seine Lehrer hinausgewachsen, wie die Flamme über den Funken, an dem sie sich entzündet hat! Er war, wie er selbst von sich bekannt hat, in der Schuld Jsaac Bär Levinsohns um einen Russen, Baruch Lindaus, um einen Deutschen zu nennen. Ehre den Meistern, die solchen Schüler den ihren nennen können, wenn sie auch von seinem stegreicheu Glanze verdunkelt werden. In dem Bilde der russisch-jüdischen Erweckung, das einst die Zukunft dankbar und gedankenvoll staunend zu zeichnen haben wird, muß der milde und geistbelebte Denkettkopf Senior Sachsens aus dem Vordergründe hervorleuchten, ob auch das Bündel kleiner ist, mit dem er auf die Nachwelt sich gebracht hat. In der russischen Gelehrten- Colonie, welche die Schicksalswelle über Berlin nach Paris getragen hat, bleibt er jedenfalls die vornehmste und hervorragendste Erscheinung. Aber der Quietismus, der schwache Wille zu schriftlicher Mittheilsamkeit, über den vornehmlich die Freunde klagen hatten und den er am Tiefsten selber in seinem Schwangesang, dem herrlichen Gedichte an sein Tochterkind, Olga isegall, 1889 beweint hat, darf nicht etwa mit Trägheit und Unproduktivität verwechselt werden. Unabhängig forschend und sinnend, sein Wissen mehrend und seine Funde in treuem Gedächtnisse hegend und auffpeichernd, unterließ er trotz der lieber- Windung, die ihn die Trennung von seinen Gedanken, ein Stück Selbstenttäußerung, kostete, es dennoch niemals, die Aufzeichnung des Wesentlichen wenigstens zu versuchen, wie noch dieses Jahr Gräber's Jahrbuch und Hachoker Arbeiten von ihm brachten, deren Kern vor vielen Jahren bereits schriftlich festgehalten war, so der Beitrag zur Milleniumsfeier des Gaon Saadja und neue Wahrnehmungen zur Erklärung der heiligen Schrift. Schwächlicher Körperverfasiung, wie er war, von häufigen schweren Anfällen seiner Krankheit stets von Neuem auf's Schmerzenslager geworfen, bis hart an den Rand des Grabes von am Leben zehrendem Gram und bitteren Kümmernissen heimgesucht, in einer leidenreichen Jugend um die Schnellkraft des Willens, die Energie der Seele gebracht, ein rechter Abkömmling von jenem Märtyrerßeschlecht der Sachs (ty'jyf) das im Namen das Ehrenmahl seiner Blutzeugenschaft trägt, war er mehr für sammelndes Aufnehmen als regsames Hervorbringen gemuthet. Darum hat aber seine werkthätige Liebe zur jüdischen Wissenschaft nie gefeiert. - Bis in d!e Tage seines Siechthums und seiner verzweifelten Schwäche hinein, hat er feinem Sohne nnd Fremden, die sein immer offenes Haus besuchten, seine Gedanken und Entdeckungen in die Feder dictirt, besonders neue Wahrnehmungen und überraschende Entdeckungen auf dem Gebiete der heiligen Schrift, in deren Garten ihm bis in den Winter seines Lebens mit jedem jungen Tage neue Blüthen sich erschlossen. Hoffen wir, daß wenigstens diese Frucht feines Lebens uns nicht vorenthalten bleiben wird, an der mehr als an allen übrigen sein ganzes Herz ihm hing. Aber kein Splitter von dem, was er selber vor der Vergessenheit durch die Niederschrift gerettet hat, sollte verloren gehen, als Baustein zu seinem Denkmal, als Stütze seines Andenkens. Dann erst wird im Ueberblick das Gesammtbild dieser merkwürdigen Erscheinung vor uns auffteigen und das Vollgewicht einer Persönlichkeit sich erschließen, die sterbend erst den Zeitgenossen und der Nachwelt sich völlig offenbart hat. Budapest, 20. November 1892. Prof. Dr. David Kaufmann. „Orstmeichisch-istarlittschk Union." Die „Oesterr.-israelit. Union" hielt am 12. d. Abends eine Versammlung ab, welche ein zahlreiches distinguirtes Publikum vereinigte. Der Präsident, Cultus-Vorsteher Dr. Grünfeld, berichtete zunächst über die Thätigkeit des Vorstandes während des vergangenen Sommers. Mit stürmischem Applaus wurde die Mittheilung ausgenommen, daß dem Herrn Hoftath Professor Nothnagel für seine großartige Rede, die er im „Verein zur Bekämpfung des Antisemitismus" gehalten, im Namen der „Union" der innigste Dank ausgesprochen würde. Der Verein hat die Summe von 300 fl. in Stipendien von je 25 fl. an Schüler der Talmud-Thora- und der Bibel-Schule zur Vertheilung gebracht. In Folge einer Anregung in Bereinskreisen wurden nahe an 3000 fl. aufgebracht, um eine Ferien-Colonie von 45 Kindern nach dem Landaufenthalte Schatmannsdorf zu senden, wo sie körperlich und geistig gediehen. Diese Mittheilung wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Hierauf ergriff Herr Dr. Schmied! das Wort zu seinem angekündigten Vortrage: „Die Bibel nicht nur als unversiegliche Quelle des Guten, sondern auch des Schönen." Der Vortragende schilderte in beredten Worten den Werth und die Schönheit der Bibel, mit derkein Werk sich je messen konnte, wie z. B. der berühmte englische Dichter Milton den Versuch, das Buch Hiob zu bearbeiten, nach seinem eigenen Ausspruche aufgeben mußte, weil keine Uebersetzung die Schönheit des Originals erreichen könne. Redner zeichnete die Identität der Begriffe „Schön" und „Gut" in der hebräischen Sprache, kam auf dem begrifflichen Gehalt des Namens „Israel" zu reden, den der Stammvater Jacob, nachdem er mit einem nächtlichen Dämon siegreich gerungen, erhalten hat, und fuhr zum Schluffe fort: „Die zuletzt von uns ve führte tiefergreifende Bibelerzählung — in welch., .r.r t.... große Drama unserer tausendjährigen Stammesgeschichte, wie im klaren Spiegelbilde und in den lebendigsten Zügen vorbildlich uns dargestellt erblickten — sie schloß mit dem Hinweis auf die plötzlich am Ostrande des Himmels, strahlend wie Purpur, emporleuchtende Morgenröthe, bei deren Anblick die Riesengestalt des r>iunonischen Angreifers zwerghaft zusammenschrumpfte, so daß er, dör nur so lange Nacht und Finsternis die Erde bedeckt, sein Unwesen fortzutreiben vermag, nicht nur sein gewaltthätiges Ringen und Kämpfen aufgeben, sondern auch dem so heldenhaften Widerstand Bietenden den hochehrenden Stammesnamen Israel zuerkennen mußte. Israel! — Gestatten Sie mir nun zum Schluffe meines Vortrages über diesen unseren uralten Stammesnamen in diesem hochintelligenten Hörerkreise eine ganz neue Ansicht auszusprechen. Ich nenne diese Ansicht neu, weil noch Niemand vor mir dieselbe weder niedergeschrieben, noch ausgesprochen hat. Allein wenn in dieser Ansicht ein Körnchen von Wahrheit liegt, dann ist sie nicht mehr neu zu nennen, weil eben jede Wahrheit uralt ist. Doch wenn Sie diese Ansicht von mir freundlichst aufnehmen und zu bleibendem Gedenken sich bewahren, dann wird, so hoffe ich es, über diesen uralten Stammesnamen Ihnen ein neues Licht erstrahlen, und bei dem sürderhin über Ihre Lippen kommenden Ausruf: „Ich bin Jsraelite!" „Ich bin Israelitin!" vielleicht ein noch viel erhebenderes Bewußtsein Ihre Herzen durchziehen. Nicht nur dem großen biblischen Schriftthum allein gehört dieses heute von mir hier nachgewiesene Doppelattribut: gut und schön, sondern ebenso auch der feinsinnigen und wunderbar durchgeistigten Sprache, die das kostbare Gefäß bildet für das in ihr enthaltene unschätzbare biblische Juwel. Seit Tausenden von Jahren wird in dieser Sprache mit dem Bienenfleiße der Forscher unermüdlich gesucht, geforscht, gegraben, und noch immer werden mit jedem Tage aus ihren Tiefen neuentdeckte Schätze hervorgeholt. Aus zweiundzwanzig Buchstaben besteht das Alphabet dieser Sprache, doch der kleinste unter denselben ist das ^oä C>). Ein Tröpfchen Tinte aus unserer Feder reicht hin, um diesen Buchstaben auf das Blatt Papier vor uns niederzuzeichnen. Und doch ist diesem kleinsten, winzigsten unter den Buchstaben eine hochwichtige Rolle in der Sprache zugetheilt. Denn jedes hebräische Wort, dem dieser kleine Buchstabe vorgesetzt wird, erscheint sofort aus der Vergangenheit in eine Zukunft umgewandelt. (rm er war, ftYT er wird sein; XÜ er kam, er wird kommen . . .) Und man unte^Hätze diese sprachliche