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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-11-25 · 48 (25.11.1892) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
48 (25.11.1892)
Date
1892-11-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48 Orsterreichifchr Wochenschrifi Seite 863 Stmor Sachs. Ein Nachruf. Am 15. November, um 7 Uhr- Abends, hat in der Rue Guersant 28 zu Paris Senior Sachs im 77. Jahre seines kummerreichen Lebens für immer die Augen geschloffen. Ob in der großen Weltstadt an der Seine trotz ihrer seltsamen Russenfreundschaft Biele dem russischen Pilger zu seiner letzten Ruhestätte auf dem Montparnaffe gefolgt sein werden? Unbemerkt, wie der gelehrte und entdeckungsreiche Einsiedler dort gelebt hat, wird auch sein Heimgang geblieben sein. Aber in der kleinen und doch so großen, weil über die Erde verbreiteten Welt derer, die der Wissenschaft des Judenthums in pflegender Liebe oder durch Genuß belohnter Treue ergeben sind, wird die Todtenklage laut werden um einen der Letzten und Besten der alten Garde, der mit den Begründern dieser Wissenschaft jung gewesen ist und in ihrer Geschichte einst ein besonderes Blatt mit Recht für sich in Anspruch nehmen kann. Wenn aber am Sarge anderer Forscher der Schmerz ob des Verlustes deffen, der so viel hinterlaffen, so Großes uns geschenkt hat, nach Ausdruck ringt, so muß an diesem Grabhügel die schmerzlichere Klage ertönen ob deffen, der so viel mit sich hinabgenommen, so reiche und herrliche geistige Güter und Errungenschaften im Tode mit sich begraben hat. Was in diesem mächtigen Denkerhaupte, das da zur Rüste ging, aufgespeichert war an kostbaren, selbstgefundenen Aufschlüssen über die feinsten Probleme unseres Schriftthums, was da in einem entsagungsvollen arbeitsreichen Leben wie in einem Bienenstock an Honig aus allen Blüthengärten unserer Litteratur zusammengetragen war, das werden nur diejenigen erfahren haben, die im Umgänge mit dem außerordentlichen Manne vorbereitet genug waren, diese Fülle zu begreifen, diesem Reichthume nachzudenken. Aber auch der aufmerksame Kenner seiner Schriften, dieses allergeringsten Theiles seiner geistigen Persönlichkeit, wird aus diesen gleichsam nur gelegentlichen Aeußerungen seines Wirkens und Könnens zu erschließen im Stande sein, aus welch reichen Quellen diese Tropfen heraufgekommen und daß wir nur am Rande eines sich fast uferlos hinbreitenden Stromes uns befinden, wenn wir nur bei der Betrachtung seiner uns zugänglichen. Leistungen verweilen. Senior Sachs ist in der an ausgeprägten Gestalten überreichen Geschichte unseres neueren Schriftthums ein Charakterkopf besonderer Art. Wie aus dem Sohne des russischen Gaons, wie aus dem am Talmud gleichsam großgesäugten Jüngling des Ghetto's von Kaidan ein Gelehrter sich entfaltete, der für die Offenbarungen des dichterischen wie des philosophischen Genius das aufgeschlossenste und eindringendste Berständniß zeigte, ein Philologe eigener Schule, ein Wort- und Gedankenforscher von innen heraus, von selbst berufen, das wäre so ein Stück aus der neueren jüdischen Geistesentwickelung, die der seltene Mann am besten selber uns hätte schreiben können. Woher er aber immer dazu gekommen sein möge, was auch dieses Wunder der Verwandlung in ihm gewirkt haben dürfte, sicher ist, daß wir Wenige besessen haben, die in den Geist unserer mittelalterlichen Dichter und Denker so tief und so liebevoll sich zu versenken und. so anschaulich und beredt, so gesättigt und ergebnißreich davon zu künden verstanden haben, wie er. Und vielleicht war diese unstillbare Empfänglichkeit, die an den litterarischen Erscheinungen wie an Blüthenkelchen sog, ohne sich ersättigen zu können, auch der Gmnd, daß er so ganz über der ausnehmenden Thätigkeit der hervorbringenden Arbeit vergaß, nachmals besonders, als das Geschick in dem Schatze der Günzburgischen Handschriften eine unbekannte Welt ihm zuführte, an deren zuerst von ihm erschauten Bildern er trunkenen Blickes hing, von Entdeckung zu Entdeckung geführt, immer weiter und weiter in das Wunderland vordringend, die Seele voll von großen Eindrücken, von ungeahnten Beobachtungen, aber immer weiter von denen entfernt, die gerne an seinem Munde gehangen hätten, bis seine Spur ganz verschwunden und jede Kunde von dem weltverlorenen Entdecker verklungen war. Und dabei war er nicht von denen, die mit ihren wissenschaftlichen Schätzen geizen, vielmehr von jener strömenden Mittheilsamkeit, die es drängt, von ihrem Ueberfluffe unberechnet und ohne Zurückhaltung zu spenden, nicht eher seines Fundes froh, als bis er ihn zum Besitze seiner Wissenschaft erhoben sah, unbekümmert, ob es von seiner oder fremder Hand, in eigenem oder in anderem Namen geschehe. Froh, das Unbekannte an's Licht gefördert zu sehen, hat erfteudig die Schätze der Günzburg'schen Sammlung Anderen zur Verfügung gestellt, B. Goldberg, I. Brill, Abbe Barges, Lubetzky u. A. die Herausgabe von Werken überlassend, die er längst zu eigenem Genuffe durchforscht hatte, in Anleitungen höchstens und Briefen an die Herausgeber einen Theil der oft überraschenden, immer aber anregenden und fördernden Beobachtungen niederlegend, die er längst für sich bereits gemacht hatte. Acht- I;undertunddreißig Handschriften, darunter Perlen einziger Art, hatte er Jahrzehnte hindurch die Freude, zu verzeichnen, zu bewachen, zu durchforschen. Kaum zwei davon hat er in seinem großgedachten, aber in gleicher Vollendung eben undurchführbaren Kataloge der Günzburg'schen Bibliothek, der über drei Quartbogen im Drucke nicht hinausgekommen ist, zu beschreiben angefangen. Aber dies war nur eine Probe, wie alle seine Schriften nur Muster gleichsam aus seinen Borräthen waren, wie auf's Gerathewohl aus dem Speicher gezogen, der sie gleich gediegener Frucht zu Hausen enthielt. Wie hatte er in diesen Handschriften geschafft und gelebt! Dichter, die wie Schatten durch die Literaturgeschichte als leere, fleisch- und blutlose Namen gehuscht hatten, waren zu lebensvollen Persönlichkeiten in der Stille seiner Schatzgräberei vor seinem Seherauge erstanden, Akrosttcha, die er zuerst erkannt hatte, öffneten Gräber, welche die Bergeffenheit und Undankbarkeit der Geschlechter verschüttet hatte, neue Gestalten bevölkerten den weglos gewordenen Dichterwald unserer mittelalterlichen Poesie, Gedankenzüge, von denen nur wie vom Wind verwehte, abgerissene Klänge einer großen Melodie zu uns herübergedrungen waren, hatten Farbe und Zusammenhang, geschichtliches Leben, wenn man so sagen kann, unter seinen Erweckerhänden angenommen. Verdunkeltes wurde hell, Bergeffenes zurückgerufen, Auseinandergeriffenes vereinigt, die Belebung, wie er einst den Beginn einer vielversprechenden Zeitschrift genannt hatte, war Ereigniß geworden, er selber täglich ihr Schöpfer und ihr Zeuge, innerlich beglückt, solch' Auferstehungswerkes gewürdigt zu sein. Und wieder war es Einer nur, ein Beispiel, eine Probe, ein Muster, an dem er die Errungenschaften einer Men Geschäftigkeit enthüllen wollte, Salomo Jbn Gabirol, deffen Muse es ihm angethan hatte, deffen hoher Gedankenflug ihn mit sich fortriß. Einen Theil wenigstens seiner synagogalen Gesänge, wie er sie über die Machsorhandschriften aller Riten zerstreut gefunden hatte, wollte er ans Licht bringen, mit all der Fülle von Erklärungen, wie sie aus seiner tiefen und jahrzentelangen Beobachtung der heiligen Poesie sich ihm aufgedrängt hatten. Wie Jemand, der einen feingeschliffenen Juwel in allen Facetten zeigen und erglänzen lassen will, des Wendens und Drehens kein Ende finden kann, so weiß er der Hinweise auf all die Schöne und Sprachkrast seines Dichters sich nicht zu ersättigen. Die einsame gedankenhohe Persönlichkeit des Dichterphilosophen von Saragossa hatte ihn in ihren Bannkreis gezogen. Sorgsam war er den Spuren dieses Denkers in Gebiete nachgegangen, wo Niemand sie gesucht oder vermuthet hatte; sein ganzes Leben schien unter dem neugewonnenen Lichte sich auszuhellen. Er wollte eine Biographie Jbn Gabirols liefern, wie sie Funde und Ahnungen, Erkanntes und Bermuchetcs ihm hatten erbauen helfen. Aber doch wieder sollte er bei den ominösen drei Bogm bleiben, beim Versuch eines Versuches, beim Torso eines Fragments! Aber Jbn Gabirol war eben nur Einer aus der großen Reihe derer, in deren Erzeugniffe er auffchließend und schöpferisch sich versenkte. Kaum giebt es einen großen Namen unter den Poeten und Philosophen, ja unter allen großen Erscheinungen unserer mittelalterlichen Litteratur, die Talmudmeister und Schöpfer der Kabbala nicht ausgeschloffen, der ihm nicht eine fruchtbare Wahrnehmung, eine Verbesserung seiner Texte, eine neue Erkenntniß in einem Zuge seines geistigen Charakterbildes zu verdanken hätte. Die Gaonen und ihre spanischen Fortscher wie die Dichter der Provence und Spaniens, die philosophische Literatur bis auf ihre jüngsten Pfleger und Bebauer herab, sie waren ihm alle vertraut und verpflichtet, denn seinem tiefdringenden Auge erschloß sich selten ein dichterffcher Genuß oder eine philosophische Erkenntniß, ohne daß ungesucht und ungerufen mit dem Verständnisse zugleich die Heilung und Herstellung der Texte, mit dem wahren Sinn auch das wahre unzefälschte Wort des Urhebers sich ergeben hätte. Wer deffen inne werden und die Wahrheit dieser Darstellung selber erfahren will, muß sich der reichen Menge köstlicher Beobachtungen erinnern, die Senior Sachs, von der Fortsetzung des Lerem Chemed, von Hattechijjach und Hajonah U.s. w. abgesehen, die er selber herausgegeben, in den hebräischen Zettschriften wie Hakarael, Halebanon, Hamagid und Hazefimh

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