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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-11-25 · 48 (25.11.1892) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
48 (25.11.1892)
Date
1892-11-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 862 diesÄbe. Das Wahrheitsgefühl, das Rechtsgefühl wird in dem gemeinen Manne abgestumpft, sein Urtheil wird verwirrt, seine sittliche Anschauung wird getrübt und ob dann ein innerlich so zugerichteter Bürger allein durch die ungestörte Erlaubniß, das Kreuzzeichen zu machen, wieder sittlich auf' die Beine gestellt und ein verläßliches Mitglied des Staatsganzen werden kann, das überkaffen wir getrost der Beurtheilung des Cultusministers und des Hohenwart-Cmbs. Man unterdrückt Schriften, welche das Schamgefühl verletzen. Aber den Herren Antisemiten legt man feilt Hinderniß in den Weg. Als ob die Literatur und die Reden, die sie verbreiten, etwas anderes wären, als eine alles Schamgefühl verletzende systematische Schw.? Die Bordellphantasien, welchen die Interpellation des Abgeordneten Schlesinger Ausdruck gegeben, der auch ein Jugendbildner für „zwei mal zwei ist fünf" ist, rechtfertigen die Characteristik des Antisemitismus nur zu sehr. Minister Gautsch stellt sich auf den Standpunkt der Bitte an den heiligen Florian: „Behüt' mein Haus, zünd' andere an", er sorgt dafür, daß die religiösen Gefühle der katholischen Bevölkerung nicht verletzt werden, aber wenn man der Lüge und Schamlosigkeit nicht überhaupt den Mund verstopft, so werden sie schon tausend Wege finden, in den Organismus des Bürgerthums einzudringen und es zu Grnnde zu richten. Sie sind schlimmer als die Cholerabacillen, die man sich doch durch gekochtes Trinkwaffer vom Leibe halten kann. Der Abgeordnete Schneider begnügte sich noch, im Landtage blos die Judentöchter für die Prostitution verantwortlich zu machen, aber die Interpellation des Abgeordneten Schlesinger im Reichsrathe exemplificirte schon auf Ministertöchter. Das sst der Weg der Lüge und losgelaffenen Schamlosigkeit. Bei Judentöchtern fängt man an und bei Ministertöchtern hört man auf. Vielleicht auch bei ihnen nicht. Kaiser Friedrich HI. pflegte, wie der getaufte Jude Antonius Marganta erzählt, zu sagen: „Die Juden haben einen Affen in ihrer Schrift, den sollen sie billig mit goldenen Buchstaben schreiben". Die Aeußerung spielt auf die Stelle in Buch Moses 26, 44 an: „Und selbst [we —Aff] im Lande ihrer Feinde verwerfe ich sie nicht, werde vielmehr des Bündnisses mit den Vorfahren eingedenk sein". Die Juden in Oesterreich befinden sich Gott sei Dank nicht in Feindesland, sie sind gleichberechtigte Staatsbürger und nehmen es in Kaisertreue, Opferwilligkeit und Patriotismus mit jeder anderen Glaubensgenossenschast und Kirche auf und da sie auch „Gefühle" besitzen, so haben sie berechtigten Anspruch auf den Schutz der Regierung. Das wird auch der Hohenwartclub wohl zugeben. Inzwischen haben die Juden keinen Grund, das bewährte Vertrauen auf ihren „Affen" aufzugeben, aber im Jntereffe des allgemeinen Sittlichkeits- und Rechtsgefühls wäre es doch rathsam, der schamlosen niederträchtigen Verleumdung von Juden und Judenthum energisch entgegenzutreten. Vielleicht weisen die „Ministertöchter" des Abgeordneten Schlesinger den Ministern den Weg. M. G. Nach der Schlacht. Im politischen Leben, wie auf jedem anderen Gebiete menschlicher Thätigkeit gilt das Gesetz von der Oeconomie der Kraft. Dem Aufwand an Arbeit, Mühe und Fleiß, welche für irgend einen Zweck eingesetzt werden, muß der augenblickliche Erfolg oder doch die Aussicht auf einen künftigen Erfolg entsprechen. Die Begeisterung, die keinen Halt findet, verflüchtigt sich, die Kraft, die unnütz vergeudet wird, erlahmt. Dieser modern-wissenschaftliche Satz ist von einem geistvollen Staaismanne, dem Grafen Andrassy, vor Jahren in die populäre Form gekleidet worden, daß man nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen könne. Auch der Prinz Alois Liechtenstein ist ein geistreicher Mann und er hat in der Jesuitenschule zu Kalksburg gewiß gelernt, die Mittel, welche ihm zur Erreichung eines Zweckes zur Verfügung stehen, diesem Zwecke anzupassen. In seinem persönlichen Auftteten erzielt er mit ganz kleinen Nuancirungen die wunderbarsten Wirkungen. Wenn er mit dem Zahnstocher im Munde im Sitzungssaale erscheint, so weiß alle Welt, daß der edle Prinz soeben bei einem opulenten Diner über die Lösung der socialen Frage nachgedacht und sich der Enterbten Nr. 46 der Gesellschaft erinnert hat, die kaum eine Krume trockenen Brotes zu benagen haben. Und wenn er seinem Freunde Stampiglius demonstrativ die Hand reicht, statt, wie alle ehrlichen Menschen, vor demselben auszuspucken, so weiß alle Welt, daß der hochgeborene Judenhetzer ttotz seines Adelsbriefes und Officierspatentes von Ehre, Pflicht und Moral ganz andere Begriffe hat ,als wir armen Semiten. Prinz Liechtenstein versteht es meisterhaft, die stumme Sprache der Geberde, des Blickes, des Lächelns zu gebrauchen. In seinem persönlichen Auftteten ist ihm bei j dem saloppen Schritt das Gesetz von der Oeconomie der Kraft gegenwärtig — in seiner öffentlichen Wirksamkeit aber hat er dieses Gesetz ganz und gar aus den Augen verloren. Der Erfolg, den er erzielt hat, entspricht nicht entfernt den aufgewendeten Opfern. Und wenn wir von Opfern sprechen, so denken wir dabei an Werthvolleres, als an die reichen Zuschüsse, welche die antisemitische Propaganda aus Kalksburg erhielt. Der Prinz Liechtenstein hat sich selbst geopfert, seine Adelspflichten, die Achtung seiner selbst und die Achtung seiner Standesgenossen. Er ist von der Höhe der Gesellschaft herabgestiegen in ihre tiefsten Pfützen und hat sich den Anschein gegeben, als ob es ihm Freude machte, mit dem Auswurfe der Menschheit im Unrath zu waten. Er, der Gebildete, der Feinfühlige, der Vornehme, hat die bestialischesten Jnstincte der Masse aufgeregt, hat als das moderne christlichsociale Evangelium die Rohheit, die brutalste, krasseste Selbstsucht die Verleugnung aller humaneren Empfindungen gepredigt. Er hat sich so tief herabgelassen, daß der armseligste Arbeiter, in dessen Brust ein fühlendes Herz schlägt und dessen Gewissen nicht abgetödtet ist, in seinem rußigen Arbeitskittel sich ihm gegenüber als ein Fürst fühlen und sich mit Widerwillen von ihm abw nden muß. Seit Jahren hat dieser Sprosse eines ruhmvollen Adelsgeschlechtes alle Fasern seines wohlgeschulten Gehirns angestrengt, um aus einer Bevölkerung, deren Gutmüthigkeit und Rechtschaffenheit sprichwörtlich war, eine Horde von Raubthieren zu machen, seit Jahren ist er das Haupt einer Partei, welche die Verachtung der ganzen civilisirten Welt trifft. Und was hat Prinz Alois Liechtenstein für diesen Einsatz gewonnen? Welches sind die Erfolge, die er mit seiner Selbstentäußerung, mit seiner moralischen Selbstvernichtung errungen hat? Die Ziffem der letzten Reichsrathswahl im I. Bezirke und der jüngsten Landtagswahl im IX. Bezirke reden eine eherne. Sprache. Der antisemitische Heerbann beginnt zusammenzuschmelzen, in der Innern Stadt hat er sich um 600 Stimmen, am Alsergrund um nahezu 500 Stimmen verringert. Das ist das armselige Resultat einer mehrwöchentlichen beispiellosen Hetzthätigkeit. War es der Mühe werth? Der hochgeborene Prophet der antisemitischen Heilslehre aber steht als betrogener Betrüger da. Seine lockenden Versprechungen haben sich nicht erMt, seine Verheißungen sind leerer Schall geblieben. Die Kirche selbst, deren Bestand unzertrennlich ist von der gesellschaftlichen Ordnung und von der Wirkung menschlicher Empfindungen, wendet sich mit Abscheu vor ihm ab, und seine erttäumte Macht, die Macht eines Catilina, zerrinnt ihm unter den schlanken, weißen, aristokratischen Händen. Prinz Alois Liechtenstein steht am Anfänge vom Ende. Losgelöst von der engeren Gemeinschaft seiner adeligen Genossen, v zurückgestoßen von der Kirche, der er in mißverständlicher Auffassung ihres Berufes zu dienen vermeinte, sieht er in ohnmächtiger Wuth, wie die enttäuschten Massen mehr und mehr von ihm abfallen und die große Lüge erkennen, die ihnen ein Leben des Genusses ohne Mühe, des Erwerbes ohne Arbeit vorgegaukelt hat. Nichts, nichts wird ihm bleiben als die Freundschaft dieses abenteuerlichen Menschen, der mit angstvoller Scheu dem Zuchthause auszuweichen strebt, und die Mißachtung der Mit- und Nachwelt. Das ist das Endresultat der politischen Laufbahn eines Mannes, dessen geistige Begabung hoch über das Durchschnittsmaß hinausging, dessen sittliche Fähigkeiten aber frühzeitig erstickt wurden. Oefierrrichiphr Wochenschrift

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