Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 47 (18.11.1892)
- Date
- 1892-11-18
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 858 Oestrrreichifche Wocheufchritt Nr.. 47 Behandlung der berühmten Hillel'schen Formulirung des Gebotes der Nächstenliebe. Bekanntlich hat Hillel einem Heiden, der sich zum Judenthume unter der Bedingung bekehren wollte, daß er die ganze Thora erlerne, während er auf einem Fuße stehe, gesagt: Was Dir verhaßt 4st, wenn man es dir thut, das thue auch deinem Nächsten, ^"QTD, nicht. Eine „wesentliche Berührung" zwischen diesem 'Satz und dem späteren Ausspruche Jesu: „Alles, was Ihr wollet, daß Euch die Leute thun sollen, das thuet Ihr ihnen", Matth. 7,12 kann Hilgenfelo nicht in Abrede stellen, sowie er auch zugestehen muß, daß es „wenig Unterschied macht, daß Hillel sich negativ, Jesus positiv ausdruckt". Aber es geht doch nicht an, daß man unumwunden einräume, schon Hillel habe lange vor Jesus durch seine Formulirung das Gebot der Nächstenliebe auch dem einfachsten Manne zum Verständniß gebracht und zum ersten Male den Weg zu dessen Ausführung im Einzelnen in wunderbar klarer und präciser Form gezeigt. Da erscheint als Retter in der Noth der Artikel -QH "i Levy's Wörterbuch über die Talmudim, aus dem man erfährt, daß das Wort Chaber neben seiner Grundbedeutung der „Ge- > führte. Genösse", auch noch das Mitglied eines in talmudischer > Zeit in Palästina bestehenden Vereines der Chaberim bezeichne, und flugs wird das des Hillel'schen Ausspruches auf diese letztere Bedeutung zurückgefnhrt und so Hillel die Absurdität zngemnthet, daß er das Gebot der Nächstenliebe nicht einmal allen Stammesgenossen, sondern nur dem engen und kleinen Kreise eines Vereines gegenüber gelten lasse!! Aber auch außerdem sucht man vergebens nach einer Entschuldigung dafür, daß ein Gelehrter vom Range Hilgenfelds eine solche sprachliche Monströsität für möglich halten konnte. Nehmen wir beispielsweise an, es gebe in irgend einer Sprache ein Wort, welches zugleich der „Nächste" und — der „Freimaurer" bedeutet; würde es irgend einem Zurechnungsfähigen einfallen, einem christlichen Lehrer, der einem Proselyten die oben angeführten Worte Jesu vovträgt, zu supponiren, er habe gesagt: „Was Du willst. daß man Dir thue, das thue auch Deinem — Freimaurer?!! Aber, wlrd man uns entgegenhalten, Hilgenfeld sagt ja ausdrücklich: der Heide wollte ein Chaber werden! Allerdings steht das in einer Anmerkung; aber abgesehen davon, daß, wie bereits gesagt, überhaupt die Verbindung des Wortes *n biefer Bedeutung mit dem Pronominal-Suffix unmöglich ist, ist auch die Behauptung „der Heide will ja Thora lernen, ein Chaber werden", in seiner zweiten Hälfte absolut falsch. Hätte Herr H. die Hauptstelle im babylonischen Talmud über den Bund der Chaberim (Bechorot 30 a.) eingesehen, so würde er sich darüber belehrt haben, daß die Aufnahme in diesen Bund nur durch ausdrückliche Beitrittserklärung vor drei Vereinsgenoffen erfolgen konnte, daß darüber, ob ein Schriftgelehrter von der Verpflichtung zu einer solchen Erklärung dispensirt sei, eine Controverse stattfand, ja daß selbst ein pt* in den Bund eintreten konnte, wenn er eben nur die strenge Beobachtung der Gesetze über die heiligen Abgaben und den Zehnten rc. auf sich nahm, daß es also ganz falsch und willkürlich ist, zu sagen, weil der Heide die Thora lernen wollte, wollte er ipso facto ein Chaber werden. Also mit der Einschränkung des Hillel'schen Dictums auf den kleinen Kreis eines Vereines ist es nichts! „Aber", fährt Hilgenfeld fort, „daß jüdische Schriftgelehrsamkeit in der Zeit von Jesu diese Lehre" (daß man den Feind hassen darf) „im alten Testamente fand, kann nicht bestritten werden". „Sie steht zwar", wie unmittelbar zuvor eingeräumt wird, „nirgends ausdrücklich im alten Testamente", aber sie steht im 4 Esrabuch, bei Paulus und bei Tacitus, ergo mußten sie die Schriftgelehrten auch im alten Testamente „gefunden" haben!! Schade nur, daß sie uns den Fundort so hartnäckig verheimlicht haben! Was nun zunächst die citirte Stelle aus dem 4 Esrabuch betrifft, so enthält dieselbe, abgesehen davon, daß wir für das, was der unbekannte Verfasser eines apokryphen Buches geschrieben hat, nicht einzustehen brauchen, auch nicht ein Wort vom Hasse gegen Feinde, sondern nur den Ausdruck des Stolzes und der Ueberlegenheit, mit der der Monotheist auf den Heiden herabsah. Wenn Tacitus den Juden aäversns oumes hommes hostile odium zuschreibt, so sollte gerade Hilgenfeld sich enthalten, ihn in diesem Punkte als Kronzeugen anzurufen; er müßte sonst auch den ganz gleichen Borwurf, den Tacitus Aonal. IV. 44 gegen die Christen erhebt, in dem er sie oäjo generis humani convicti (überwiesen des Hasses gegen die übrige Menschheit) nennt, als ebenso wahr und berechtigt anerfpnneit. Was endlich die Stelle bei Paulus I Thessal. 2. 15 betrifft, so muß schon von vornherein dessen feindliche Haltung den Juden gegenüber seine Zeugenschaft in diesem Punkte etwas verdächtig machen. Außerdem ist aber Hilgenfeld's Uebersetzung der Worte, mit denen Paulus von den Juden spricht , Pasin anthropois enantion „allen Menschen feindselig", sehr anfechtbar und man wird gewiß im Hinblicke auf die vorangehenden Worte Theo me areskoaton (die Gott nicht gefallen) und in Erwägung, daß die Wendung „Gott und Menschen mißfällig" damals eine allen geläufige war, eher die Uebersetzung „allen Menschen zuwider" acceptiren, die sich nicht blos bei Luther, sondern auch bei De Wette und in der Protestantenbibel, deren Mitarbeiter Hilgenfeld selbst war, findet. Endlich behauptet H. an die erwähnten Ausführungen anschließend weiter: „Die Feinde in diesem Sinne, die Nichtisraeliteu oder Heiden hat Jesus vielmehr zu lieben als zu hassen gelehrt". Aber auch nicht der Schatten eines Beweises ist aus dem Texte dafür aufzubringen, daß Jesus mit dem Ausdruck „die Feinde", tous echthrous, die Heiden gemeint habe; und wir sind ebenso berechtigt, anzunehmen, daß er nur den persönlichen Feind und Gegner im Auge hatte. Es geht doch nicht an, spätere paulinische Ideen den Aussprüchen des Stifters unterzulegen. Nicht besser und stichhältiger sind die Ausführungen, mit denen H. an den übrigen Aussprüchen Hillel's und anderer Schriftgelehrten herumnörgelt. Hillel sagt: „Liebe den Frieden, trachte nach Frieden, liebe die Geschöpfe und führe sie der Thora zu". Hier ist die Unterlegung, daß die Liebe nur auf die Stammesgenossen einzuschränken sei, unmöglich, und die Forderung allgemeiner Menschenliebe von Seite Hillels muß zugestanden werden. Aber Hilgenfeld weiß sich zu helfen und eine Schranke herauszufinden, indem er hinzufügt: „Daß die Liebe auch dann bleiben soll, wenn die Menschen sich nicht zur Thora führen lassen wollen, hat Hillel mindestens nicht gesagt" Das ist doch die reine Rabulisterei! Der Satz „führe sie zur Thora" ist doch nur ein Correlat des Satzes „liebe die Geschöpfe",. feine natürliche Consequenz! Muß, nicht jeder, dem seine sittlichen und religiösen Ueberzeugungen so tief gehen, wie Hillel den Wunsch 'und das Bestreben haben, allen, die er liebt, dieses höchste Gut zuzuführen, natürlich mit Ausschluß von Feuer und Schwert?! Und hat nicht Jesus auch seine Jünger hinausgeschickt, um die Menschen zu belehren und für das Reich Gottes zu gewinnen?! — R.Akiba hat gesagt: „Du sollst lieben Deinen Nächsten, wie Dich selbst", das ist der größte Fundamentalsatz der Thora". Ben Asai hat hinzugefügt: „Dies ist das Buch von der Entstehung des Menschen", ist ein größerer Fundamentalsatz als jener. Daß Ben Asai hier noch über R. Akiba hinausgegangen ist, räumt H. ein, freilich etwas widerwillig und gezwungen, indem er ihm „eine gewisse Anerkennung der Menschheit als solcher" zugesteht. Aber dieses Zugeständniß wird gleich wieder zu nichte gemacht, indem die unleugbare Bedeutung des Ausspruches R. Akiba: „Ein Liebling Gottes ist der Mensch, denn er ist in seinem Ebenbilde erschaffen, in besonderer Liebe ist ihm noch kundgethan worden, daß er im Ebenbilde Gottes erschaffen ist", als dadurch paralysirt erklärt wird, daß R. Akiba auch nicht vergißt, daß es Deuteron, 14. 1. heißt: „Kinder seid Ihr dem Ewigen, Eurem Gotte", und demgemäß hinzufügt: „Lieblinge Gottes sind die Kinder Israels, denn sie werden Kinder Gottes genannt". Als ob nicht Beide diota ganz gut mit einander harmoniren könnten, und die allgemeine Menschenliebe dadurch beeinträchtigt würde, daß für R. Akiba sein Volk als der einzige Träger einer reinen Gottes- und Sittenlehre in seiner Zeit galt! Endlich wird eine Stelle aus dem Abot d. Rabbi Nathan 16 Ende angeführt, die den Haß gegen die Abtrünnigen, und Angeber gestattet und in dem Schlußsätze gipfelt: „wenn er (Dein Nächster) die Sache Deines Volkes führt*), sollst du ihn lieben, wenn nicht, nicht". Aber diese Stelle eines späten Werkes, welche zu dem schönen Ausspruche R. Josua's „Menschenhaß bringt den Menschen aus der Welt" den Commentar eines unbekannten Autors bringt, kann nran doch unmöglich als autoritative Anschauung des Judenthums über das Verhalten gegen die Nebenmenschen gelten lassen, und zwar umsoweniger, als ein unmittelbar darauffolgender, denselben Stoff behandelnder Ausspruch eines Mischnalehrers, des R. Simeon b. Eleasar, dem man doch eher maßgebende Bedeutung znschreiben kann, wie Hilgenfeld selbst zugeben mnß, „eine Beschränkung des Gebotes der Liebe nicht kennt." ".i Richtiger lautet wohl die Uebersetzung: „Wenn er die That Deines Volkes thut, d. b. in seinen Wegen wandelt.