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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-11-18 · 47 (18.11.1892) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
47 (18.11.1892)
Date
1892-11-18
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Oesterreichifchr Wochenschrift Seite 859 Nr. 47 So zerfallen also alle Einwendungen Hilgenfeld's in Nichts, und wir haben wieder einmal für unser theuerstes und bald auch letztes Befitzthum kämpfen müssen. Denn wenn es noch eine Zeitlang so fort geht, wie bisher, werden wir bald mit dem alten SlichadichlersageH müssen: mn iTfim imWU1? i'X wir haben nichts mehr als das stolze Bewußtsein, daß es unsere Lehre, der Monotheismus und die geläuterte Sittenlehre, natürlich den Zeitverhältniffen entsprechend etwas umgestaltet, war, auf welcher nach dem Zusammenbruche der antiken Welt durch Vermittlung der sich abzweigenden Tochterreligion die neue Cultur sich aufgebaut hat, und daß trotz des Einschlages, der später aus der classischen Lit eratur hinzugetreten ist, doch immer noch die ursprüngliche Geistesarbeit unserer großen Vorfahren den wesentlichsten Anrheil an der Basis der modernen Gesittung für sich in Anspruch nehmen kann. Dieses Besitzthum sollen sie uns aber „lassen stahn."!*) Zum Vau des polnisch-jüdischen Gotteshauses in Wien. Die Tempelnoth in Wien fühlt keiner in demselben Maße wie die hiesige polnische Judenschaft. Denn während alle anderen Riten, bis zu dem der äußersten Reform, jeder doch mindestens einen ansehnlichen Tempel besitzt, hat der polnische Ritus keine würdige Stätte. Der Wunsch, ein solches Gotteshaus in Wien erbaut zu sehen, beseelt seit langen Jahren jeden Einzelnen der hiesigen polnischen jüdischen Glaubensgenoffen; aber es mangelte die Energie zur Realisirung dieses Wunsches. Bis sich einige Männer endlich doch dazu aufrafften und ein Comrte für die hiefür nöthigen Schritte bildeten. Dieses Comite rechnete bei Uebernahme seiner Mission in erster Linie auf den Patriotismus der Wiener Juden polnischer Nationalität und ihre Opferwilligkeit zu diesem frommen Werke, das dem bedeuteudsten Zweig des jüdischen Stammes in der Metropole des Reiches ein geistiges Heim gründen soll. Allein es zog auch die jüdische Solidarität im Allgemeinen in seinen Calcul, welche sämmtliche Glaubensgenoffen in Wien zur Unterstützung dieses Werkes veranlaffen werde. Denn bei aller Verschiedenheit in dem öffentlichen Cultus bilden die Wiener Juden ja doch nur eine einheitliche Gemeinde, in der zwischen den verschiedenen Formen die vollste gegenseitige Toleranz und das Bewußtsein der Gemeinsamkeit herrscht, wie thatsächlich an der Spitze dieses Comites für den Bau eines Tempels mit polnischem Ritus ein Vorstandsmitglied der Culttrsgemeinde, Herr k. k. Banrath S t i a s n y, steht. Das Comite hat sich auch in seinen Voraussetzungen nicht getäuscht. Es stoffen wirklich von den verschiedensten Seiten Spenden für diesen Tempelbau ein und die Loose der für diesen Zweck von der n.-ö. Statthalterei bewilligten Lotterie fanden in den unterschiedlichsten Kreisen Absatz, wozu noch besonders der Umstand beitrug, daß als erster Treffer ein von Seiner Majestät gespendetes Silberzeug bestimmt ist, dessen idealer Werth bei der Liebe zu unserem Kaiser unschätzbar für den Gewinner ist. Doch gerade so wie das Comite sche.nt noch so Mancher Außerhalb desselben calculirt zu haben und zu dem Schluffe gekommen zu sein: „Zu diesem Werke werden gewiß so Biele beitragen, daß es auf meinen Beitrag gar nicht ankommt." Denn es glänzen nicht wenige Notabilitäten, auf deren Leistung mit Bestimmtheit gerechnet wurde, durch ihre Passivität, und wieder eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Familien, denen Loose zugeschickt wurden, hat weder den Preis dafür eingesendet, noch die Loose selbst retournirt trotz mehrmaligem Urgiren. Der bis jetzt zusammengebrachte Baufond ist daher weit hinter den Erwartungen und dem Erfordernisse zurückgeblieben. Es sind im Ganzen an Spenden und dem Erlös von Loosen bei vierzigtausend Gulden eingekommen. Die Kosten des Baues sind jedoch auf sechzigtausend Gulden veranschlagt und dürfen sich, weil bei jedem Bane das Präliminare um etwas überschritten *) Wie ich höre, wird Herr Dr. Güdemann demnächst an einem anderen Orte eine Ergänzung seiner Abhandlung bringen, in welcher er sich mit Herrn Professor Hilgenfeld auseinandersetzt. Mir war es darüm zu tlmn, dem Leserkreise dieser Blätter eine orientirende Darstellung dieses Streites zu geben. wird, noch höher belaufen, so daß mindestens noch fünfundzwanzigtausend Gulden fehlen, und das Comite sich wieder in die unangenehme. Lage versetzt sieht, an die Glaubensgenossen öffentlich zu appelliren, damit in der nächsten Zeit zum Baue geschritten werden könne, woran gar nicht gedacht werden darf, solange nicht die Kosten vollständig gedeckt find, weil sonst die Gefahr droht, daß das Werk als Torso stehen bleibt. Glaubensgenossen! Bor Allen Ihr in der galizischen Heimat, die Ihr von Zeit zu Zeit in Geschästsangelegenheiten nach Wien kommt und hier einem öffentlichen Gottesdienste in Eurer Art und Weise beiwohnen wollt, oder die Ihr den Stolz fühlt, daß Euer Cultus auch in der ersten Judengemeinde Oesterreichs, in der Reichshauptstadt, ein eigenes Heim und eine würdige Stätte, wie alle anderen Culten findet; dann Ihr der jüdischpolnischen Colonie in Wien, die Ihr die traditionellen Gefühle für Euren angestammten Cultus bewahrt und Euren Kindern noch bewahren wollt, die Ihr dem menschlichen Empfinden noch nicht fremd geworden seid, hie und da mit einem Heimatsgenossen, mit einem Freunde oder Verwandten gewiß zusammenzutreffen, was am sichersten auf dem Wege in das eigene Gotteshaus erfolgen kann; und endlich Alle ohne Unterschied der Nationalität und der Partei, die Ihr an dem Judenthume hanget und seine verschiedenen Riten ohne Vorurtheil nur unter einem Sehwinkel betrachtet, ja, Euch der Erkenntniß nicht verschließet, daß gerade der polnische Ritus mit seinen Bräuchen, Gebetstücken und Melo ien die Urform aller anderen Riten ist und sämmtliche Cultns-Reformen doch nur als Prisma des einen Cultus anzusehen sind, der in den Synagogen Galiziens herrscht — Glaubensgenoffen, ob Ihr mit Euren menschlichen und religiösen Gefühlen nahe oder ferne diesem zu erbauenden Gotteshause mit polnischem Ritus steht, ermöglicht es durch Eure Beihilfe, das Werk auszuführen! Es ist eine Ehrensache des Judenthums.' Unsere Feinde sollen erkennen, welcher Fond von religiösen Gefühlen noch in dem als indifferent so verschrieenen Judenthume liegt, daß es ohne jede staatliche Subvention, wie es auf anderen Confejsionsgebieten der Fall ist, nur aus eigener Kraft, mit den größten Opfern Gotteshäuser erbaut und auch die modernsten Juden den Bau eines Gotteshauses fördern, in welchem nach der Weise der Väter gebetet wird, wie symbolisch ehemals die fern vom heiligen Lande lebenden Juden ihre Gaben für den Tempel nach Jerusalem schickten. Glaubensgenoffen! traget Jeder fein Schärflein bei, den noch fehlenden Theil zu dem uöthigen Baufonde dieses Tempels zusammenzubringen. Mögen besonders diejenigen, welchen Lose zugeschickt wurden, den hiefür entfallenden kleinen Betrag einsenden. Und wer gar nichts zu leisten vermag, wolle wenigstens in den Kreisen seiner Bekannten durch Aufmunterung und Aneiferung für die Sache thätig sein. Was geschehen soll, muß aber bald geschehen, damit der Bau unverzüglich begonnen werden kann. Denn eine weitere Verzögerung mit demselben müßte unbedingt zur Lauheit derjenigen führen, welche jetzt noch alle ihre Kräfte dafirr einsetzen. Gehören doch die Mitglieder des Comites dem praktischen Leben an und sie können nicht für die Dauer ihre Zeit ausschließlich dieser Angelegenheit opfern, wie sie es jetzt thun und mit ganzer Hingebung auch weiter thun wollen, bis das Werk vollendet dasteht, wenn dies nur in absehbarer Frist erfolgt. Zunächst wäre dafür zu wirken, daß alle Loose an den Mann gebracht und die Beträge dafür ungesäumt an das Comite eingesendet werden, nachdem die Ziehung bereits für den nächsten Monat anberaumt ist, das Zurückbleiben eines bedeutenden Theils der Loose aber sogar noch eine Schwächung des schon vorhandenen Baufondes verursachen würde, weil die Gewinnste jedenfalls ausgezahlt werden müßten. Glaubensgenossen! laßt diesen Appell nicht ungehört verhallen, zeigt Euren Opfermuth für das heilige Werk, zeigt, daß Euch daran gelegen ist, in Wien ein Gotteshaus zu besitzen, in welchem die Pietät gegen das alte Judenthum Befriedigung findet. Seid thätig, eifrig thätig, im Veranlassen Anderer für dieses Werk beizusteuern, werbt Abnehmer von Loosen und sammelt bei jeder sich darbietenden Gelegenheit, wo der Einzelne die Gabe kaum fiihlt, aber doch die Menge es bringt, wie der Wahlspruch im kaufmännischen Leben lautet. So wird der erforderliche Baufond bald beisammen und die Ausführung des Baues mit Gottes Hilfe gesichert sein.

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