Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 47 (18.11.1892)
- Date
- 1892-11-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 47 OesterreichischSj Wochenschrift Seite 853 Brüx. Als Nachfolger des nach Cincinnati berufenen hiesigen Rabbiners Herr Dr. Gotthard Deutsch wurde im Vorjahre Herr Dr. Adolf Biach prov. als Rabbiner der hiesigen Gemeinde bestellt, der es verstanden hat, sich die Sympathien sämmtlicher Gemeindemitglieder rasch zu erwerben. Nach Ablauf des ersten Jahres seiner hiesigen Amtsthätigkeit hat die Repräsentanz der Cultusgemeinde Herrn Dr. Biach dieselben Bezüge zugeführt, wie sie sein Vorgänger hatte und soll dessen definitive Anstellung nach Neuconstituirung der hiesigen Gemeinde auf Grundlage des neuen Gesetzes erfolgen. Diese Tage hat sich Herr Dr. Biach mit einem hiesigen Mädchen Frl. Minna Kohn, Ollendorf, verlobt. Ist es Localpatriotismus, wenn man sich darüber freut, daß ein einheimisches Mädchen die Frau unseres beliebten und sehr angesehenen Rabbiners werden wird, so ist es anderseits auch die seitens des Herrn Rabbiners getroffene Wahl, die allgemein befriedigt. Bon der Cultusgemeinde, den Vorständen aller Vereine, sowie aus allen jüdischen und christlichen Kreisen unserer Stadt wurden dem Brautpaare die herzlichsten Gratulationen dargebracht. Danzig. 4. November. (Eine Frau über den Anti.semitismus.) Frau Amtsrath Rose Stolle hat in dieser Frage das Wort genommen. In einer bei Hans Mamroth in Berlin erschienenen Brochüre: „Der Antisemitismus im Lichte des gläubigen Christenthums" beleuchtet sie denselben als strenggläubige Christin, „die mit jeder Faser ihres Lebens auf dem christlich-dogmatischen Standpunkt steht." Sie findet „in dem lieblosen Gebühren der Judenfeinde eine große, schwere Sünde." „Man züchtet Haß und Rache und all die bösen Geister, die sie im Gefolge haben." Der Verfasserin ist es sehr glücklich gelungen, die landläufigen Ansichten und Aussprüche der Antisemiten, wie sie in allen judophoben Schriften zu lesen, Punkt für Punkt zu widerlegen, „trotzdem sie — wie sie sagt — nur eine Frau ist mit kleinem Gehirn und mangelnder Logik". Auch sie kommt zu dem Schluß, „daß die Antisemiten nur den .Socialdemokraten in die Hände arbeiten." Brüssel. (Todesfall.) In Brüffel ist die Senatorswitwe Frau v. Bischofsheim, die Mutter der Frau Baronin Moriz Hirsch, nach kurzem Leiden gestorben. Frau von Bischofsheim war eine wegen ihres Edelmuthes und ihrer ausgezeichneten Geistesgaben allgemein verehrte Dame, deren Hinscheiden in der Brüsseler Gesellschaft lebhafte Theilnahme hervorrief. Herr und Frau Baronin Moriz Hirsch haben sich von St. Johann nach- Brüssel begeben, um den Leichenbegängnisse der Dahingeschiedenen beizuwohnen. Paris, 7. November. (Drumont im Gefängniß.) Seit dem 4. November sitzt der Herausgeber der „Libre Parole" im Gefängnisse, um die dreimonatliche Strafe abzubüßen, zu der ihn der Pariser Gerichtshof anläßlich des Processes Burdeau verurtheilt hat. D. bewies neuerdings bei dieser Gelegenheit seine Feigheit. Schon während des Processes setzte er seiner Lästerzunge einen Dämpfer auf: er hoffte dadurch das Gericht für sich zu gewinnen. Nach dem Urcheil bestürmte er die Geschworenen und es gelang ihm, unter den üblichen Einschüchterungen, bei denselben die Einreichung eines Gnadengesuches bei dem von ihm so oft verlästerten Carnot durchzusetzen. Als alle Schritte vergeblich blieben, durchschritt er alle Instanzen, nm ja nur die Zeit des Strafantrittes hinauszuschieben. Wenn er bereits jetzt St. Pelagie bezog, so geschah es, um dem für den 9. Nov. anberaumten Processe Schuhl zu entgehen. Henri Abraham, ein junger Mann, welcher die höhere Normalschule absolvirt hat, überreichte der „Facultät der Wissenschaften" eine These über eine gelehrte Untersuchung auf dem Gebiete der Electricität, wofür ihm der Titel eines „Dr. der Physik" ertheilt wurde. Die These wurde von dem Decan der Facultät, Herrn Darboud, gutgeheißen und mit Erlaubniß des Bicerectors, Herrn Greardt, gedruckt. Herr Abraham berechtigt zu den größten Hoffnungen und scheint berufen zu sein, den Ruf des französischen Judenthums auf dem Gebiete der höheren Wissenschaften zu hohen Ehren zu bringen. Aus Starkenburg. Den so gern erhobenen Einwand, die Juden trieben keine Landwirtschaft, wollen wir, schreibt der „Stadt- und Landbote," etwas entkräften helfen. Wir kennen in unserer Provinz eine Gemeinde, worin die Juden so stark vertreten sind, daß sie sogar eine eigene Schule mit zwei Lehrern besitzen. In dieser Gemeinde treiben die Juden schon seit mehr als 50 Jahren fleißig Ackerbau. Nicht drei jüdische Bürger betreiben daselbst ausschließlich Handelsgeschäfte. Und sollte bei dem einen oder andern Vieh- oder Getreidehandel das Hauptgewerbe bilden, so treibt derselbe doch immer noch nebenbei etwas Landwirtschaft. London. Die hiesige „Gesellschaft zur Unterstützung verfolgter Juden" hat der „Times" zufolge aus zuverläffiger Quelle nachstehendes Telegramm aus Jassy, 3. November, erhalten: „Juden unter grausamer Verfolgung; viele erzwungene Ausweisungen täglich. Habe officielle Anordnungen zu massenhaften Ausweisungen am nächsten Sonntag gesehen; es werden dadurch 500 Familien betroffen. Die Bitte der Juden an den Premierminister um Erlaubniß, den Winter über zu bleiben, abgelehnt." Näheres über diese Verfolgungen wird man wohl erst auf brieflichem Wege erfahren. Feuilleton. Corporal Moscheh Storch Ein Held wider Willen. „Alles muß dienen!" lautet die Parole seit der Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht — früher einmal war es anders. Es bestand nämlich, eine Militär-Befreiungstaxe, welche zuletzt die Höhe von fl. 1500 erreichte. Wer nur irgendwie einen Th eil dieser Summe aufzubringen im Stande war, machte selbst das Unmöglichste zur Möglichkeit, um sich von dem (besonders für Juden) damals keinesfalls angenehm gewesenen Militärdienste loszukaufen. Es geschah dieses weniger aus Bequemlichkeit als aus religiösem Fanatismus meistens in streng orthodoxen Gemeinden, wo blos das Tragen von Wolle mit Zwirn (Schatnez) als große Sünde galt, und an die Uebertretung der Speisegesetze und Verletzung der Sabathheiligung mit wahrem Entsetzen gedacht wurde. In solchen Gemeinden wurde den Söhnen „guter Familie", denen die Entrichtung der ganzen Militär-Befreiungstaxe aus Eigenem unmöglich war, ein Theil aus Gemeindemitteln beigesteuert und der Rest durch freiwillige Beiträge der einzelnen Gemeindemitglieder ergänzt. Alljährlich mußte aber jede jüdische Gemeinde dafür sorgen, daß das von ihr verlangte Contingent jüdischer Recruten auch vollzählig eingestellt werde, da widrigenfalls von der Militärbehörde empfindliche Strafen auferlegt wurden. Bei dem Umstande als man die Söhne „guter Eltern" schonen mußte, lieferte man die Verkommenen, Fremden und als „paßlos" aufgegriffenen als Recruten ab. Auch wurden einige „gedungen" und die noch fehlenden durch die Söhne „gemeiner Leute" ergänzt. Ein solcher war auch unser Held Moscheh Storch. Als Sohn des Schulklopfers und Dacbrncbim- (Sterbegewand) Schneiders zu Delatyn in Galizien geboren, erreichte er das stellungspflichtige Alter innerhalb der vier Wände des Leib Harniärascb und wurde dann zum 58. Jnfanterie-Regimente „abgestellt." Trotz seiner augenscheinlichen Schwächlichkeit und obwohl sein Kopfhaar bedeutende Lücken aufwies, wurde er als Sohn eines „Schneiders" dennoch für tauglich erklärt, da man bei ihm die Kenntniß der edlen Kunst der Nadelführung voraussetzte, wo er bei der damals bestandenen Schneiderabtheilung sehr gute Verwendung finden konnte. Moscheh war aber das Schneiderhandwerk res incognita da er seit seinem 3. Lebensjahre im Cheder und später im Letb Hamidrasch zum „Lernen" angehalten wurde. Außer jedem Verkehr mit der Außenwelt wuchs er als ganzer Idiot heran und sein „Abrichter" hatte mit ihm die schwerste Noth, um ihm auch nur eine halbwegs militärische „Stellung" und das unvermeidliche „Salutiren" beizubringen. Das Eindrillen anderen militärischen Wiffens war ttotz aller angewendeten „Methoden" absolut unmöglich und da Moscheh vor jeder Berührung eines Gewehres, eine heilige Scheu empfand, erübrigte für ihn nur noch die Verwendung als Krankenwärter. Bei der großen Truppenanhüufung in Ostgalizien und der Bukowina anläßlich des Krimkrieges 1854 wurde im Brocziner'schen Hause in Stanislau ein Truppenspital etablirt, zu welchem Moscheh Storch zugetheilt wurde, wo er aber in Wirklichkeit der Wärter der Wärter war, da er wegen mangelhafter Intelligenz mit der eigentlichen Krankenpflege nicht betraut werden durfte. Damit er aber „das Brod des Kaisers" nicht ganz umsonst esse, erfand der geniale Commandant dieses Spitales für