Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 47 (18.11.1892)
- Date
- 1892-11-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 854 Oesterreichifchr Wochenschrift Nr. 47 hn eine eigenartige Beschäftigung, indem er ihn zum Rigoetto der Reconvalescenten machte. In ein Leintuch gehüllt, mit einer Siegellackstange im Munde, mußte Moscheh den Storch imitiren und machte im geräumigen Hofe oder im Garten die possierlichsten Capriolen zum Gaudium der Zuseher, oder vollführte wahre Wildentänze mit vocaler Selbstbegleitung, welche bei „Buffalo Bill" als „Glanznummer" gelten konnten. Das dankbare Auditorium belohnte jede dieser „Productionen" mit frenetischem Beifalle und so waren alle mit ihm zufrieden. Nach Beendigung des Krimkrieges wurden die Truppen aus Ostgalizien wieder zurückgezogen und unser Moscheh wurde „dauernd", d. h. bis zur Einberufung beurlaubt. Da kam das Jahr 1859. — Dichte Gruppen umstanden das soeben augeheftete Placat, da die sehr fett gedruckte Aufschrift „An meine Völker!" jeden Passanten anlocken mußte. Es gab also Krieg iw eigenen Lande! — Prohaska, der Thurmwart und Stadttrompeter von Stanislau hat an jeder Straßenecke „kund und zu wissen gethan", daß alle Urlauber sofort zu ihrem Truppenkörper einzurücken haben und schon am nächsten Tage wälzten sich die Schaaren von Urlaubern durch die Straßen von Stanislau dem k. u. k. Ergänzungs-Bezirks- Commando zu. Unter diesen bemerkte man auch unseren Moscheh im schwarzen Kaftan, eine Holzmütze auf dem vorschriftsmäßig geschorenen Kopfe, bitterlich weinend daher schreiten. Befragt, was ihm denn fehle. antwortete er mit weinerlicher Stimme: „Was soll ich im Kriege? da ich doch niemals ein Gewehr berührt habe! Ich werde wie ein Schaf zur Schlachtbank getrieben u. s. w. Hatte er denn nicht Recht? Gewiß! Doch es kam anders. — Am Schlachtfelde angelangt, spielte er im Plänklergefecht und bei Salvenabgaben eine passive Rolle, doch hatte er im Laufe der Zeit das Gewehr „im Anschlag" zu hallen erlernt, um „den Feind zu schrecken." Als es aber bei Solferino zum Handgemenge kam, warf er das Gewehr, welches er nicht zu gebrauchen verstand, ganz bei Seite und stand als müssiger Zuseber, Wehr- und Waffenlos mitten im kämpfenden Haufen. Dieses bemerkte ein Zuave und holte eben aus, um dem müßigen Zuschauer durch einen kräftig geführten Bajonettstoß für immer die Augen zu schließen, da raffte Moscheh blitzschnell einen vorschriftsmäßig gepackten Tornister vom Boden auf und mit dem Rufe „8übemL Israel", welcher das Schlachtengetümmel übertönte, schleuderte er denselben mit solcher Wucht seinem Angreifer an den Kopf, daß dieser rücklings todt zu Boden stürzte. Zufällig wurde diese Heldenthat vom Hauptmanne bemerkt. Mit einem lauten „Bravo Mocheh Storch", klopfte er dem telden auf die Schulter und empfahl ihn nach Beendigung des zur Beförderung und Decorirung. Nach dem Kriege wieder entlassen, stolzirte Moscheh mit der Grandezza eines Eroberers und der Würde eines k. u. k. Eorporals, geschmückt mit der silbernen Tapferkeits- Medaille heimwärts, wo er allgemein angestaunt wurde. Jedem Neugierigen erzählte er bereitwilligst, wie und auf welche Weise er zum „Held wider Willen" geworden und wir Lhu'n hiemit das Gleiche. Dmuchalski. Das Tmlektengeheimnitz von Cfeflhs. Auf einer kahlen Kuppe der kleinen Karpathen, am Rande des Waagthales, steht ein umfangreiches, verfallenes Schloß. Es ist die Ruine der einst sehr festen und imposanten Burg Esejthe. Diese Ueberreste verblichener Pracht und längstvergangener Herrlichkett flößen der jene Gegend bewohnenden, meist ungebildeten Bevölkerung Furcht und Grauen ein, und merkwürdigerweise sind es gerade gewisse „Mittagstunden", an denen abergläubische Leute die Nähe des Schlosses ängstlich meiden. Solche von ihrer Fantasie Hintergangene Menschen wollen nämlich wissen, daß am letzten Tage eines jeden Monates um die Mittagstunde, eine großköpfige häßliche Frauensperson aus dem Thorbogcn hervortritt, um die Vorübergehenden zu sich zu locken; es sei dann schwer ihr zu widerstreben, und wer ihr folgte, ist verloren: er wird erfaßt und verschwindet für immer. Die übereinstimmend erzählt wird, hält das Gespenst einen Bund Schlüssel in der Hand uud ist die Gestalt der einstigen Schloßfrau, deren Geele uoch nicht zur Rühe gekommen. Diese unheimliche Sage hat einen historischen Hintergrund. Die Burg Esejthe war gegen Ende des sechszehnten und Anfangs des siebzehnten Jahrhunderts im Besitze der Herren von Nadasdy. Einer aus dieser Familie, Franz von Nadasdy, hatte Elisabeth geborene Bathory zur Gemahlin. Diese, einer berühniten Adelsfamilie entstammende Frau, war eines jener seltenen Musterexemplare, denen der Schöpfer schon vor der Geburt das Siegel des späteren Charakters ausgeprägt. Beschränkt und roh, wie ihr inneres Wesen, war auch ihr Aeußeres, blöde nnd häßlich. Dabei war sie sehr gefällsüchtig und die Kammerjungfern mußten täglich alle erdenklichen Toilettenkünste ausbieten, um sie aufzuputzen, damit sie recht schön erscheine. Eines Tages geschah es, daß eine der Zofen beim Frisiren das Haar der Gebieterin etwas stärker anzog. Darob aufgebracht, schlug die rohe Dame das Mädchen so heftig m's Gesicht, daß das Blut von dannen spritzte, davon fielen einige Tropfen auf das Gesicht der eitlen Herrin. Als Elisabeth das Blut abgewischt hatte, gaukelte ihr ihre krankhafte Fantasie vor, daß sie an den getroffenen Stellen verjüngt und schöner geworden. Die um jeden Preis Schönseinwollende, kam dadurch auf den Einfall, daß Waschungen und Bäder in Menschenblut, die sichersten Mittel wären, ihre Reize zu erhöhen und jugendlich zu erhalten. Von dieser wichtigen Entdeckung machte sie ihrem „ebenso edlen" Diener Ficzko und später auch einigen dienstfertigen alten Weibern Mittheilung. Diese ließen sich durch Geschenke und Versprechungen bewegen, das Material für dos grauenvolle Toilettengeheimniß herbeizuschaffen. Während mehrerer Jahre fielen mehr als dreihundert unschuldige Mädchen, die man mit-, unter aus ferneren Gegenden heranlockte, diesem Scheusale' zum Opfer. Der Mädchenmord geschah auf die Weise, daß den Opfern Hände und Füße zusammengebunden, und die angeschwollenen Glieder, so lange geschlagen wurden, bis aus ihnen Blut floß, oder die angeschwollenen Adern wurden ausgeschnitten und das Blut gesammelt. So bereitete.man die Berjüngungsbäder für das närrische Ungeheuer. Im Jahre 1610 wurde die Sache ruchbar. Der strenge und kluge Georg von Thurzo, damals Palatin von Ungarn, eilte mit seinem Hilfspersonale zur Stelle und überraschte die Berbrecherbande bei der Ausübung ihrer bluttgen Barbarei. Die Blutdürstigen, wurden von ihrem schon längst verdienten Schicksale ereilt. Ficzko wurde enthauptet und seine Eomplicen zu Bisse im Trencsiner Eomitat auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Bei Elisabeth Bathory wurde, nach damaliger Gepflogenheit, auf die adelige Abstammung Mcksicht genommen, sie wurde zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt. Man zeigt noch jetzt ein Loch im Mauerwerke des Schlosses, wo die Zelle bestanden, in der sie eingemauert gewesen. Das in jener öden Karpathengegend, noch jetzt die schwachen Geister beunruhigende Phantasiegebilde würde uns wenig intereffiren, wenn es nicht dem Gespenste, das die blutdürstige Furie der Antisemitenlüge hervorgezaubert, so verzweifelt ähnlich wäre. Der k. k. Professor und Eanonicus Dr. Rohling will durch Aeußerungen, die man einigen unserer Eonfessionsgenoffen unter der Folter erpreßt hat, den Nachweis erbracht haben, daß die Juden zu rituellen Zwecken Ehrsstenblut verwenden. Uns will es scheinen, daß die häßliche Gestalt mit dem Schlüsselbunde vielfachen Auffchluß gibt, welchen Werth man solchen historischen Zeugnissen beizumeffen hat. Gesetzt, es wäre dem pflichttreuen Beamten nicht gelungen, die Verbrecher auf frischer That zu ertappen; wie leicht hätten die Schuldigen, den Verdacht von sich ablenkend, die Juden unter die Folter bringen können, und diese hätten wahrscheinlich alles eingestanden, was ihnen die Henker zugemuthet. Nur diesem glücklichen Umstande ist es zuzuschreiben, daß neben den werthvollen Zeugnissen, auf die Herr Rohling seine Blutbeschuldiyung stützt, nicht auch der Eid des Herrn Ficzko figurirt. Zu jener Höhe sollten sie wallfahren, die eitlen gefallsüchtigen Blutlügner alle! auf daß die Seele der Schloßftau von Esejthe endlich zur Ruhe komme. Leopold Mandl.