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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-11-18 · 47 (18.11.1892) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
47 (18.11.1892)
Date
1892-11-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 47 Orsterrrichifch» WintzMschrift Veite L«1 von Seiten eines so frommen evangelischen Blattes doch einigermaßen bedenklich. Oder hätte die Kreuzzeitung nie von einem evangelischen Bischof Neander gehört, der ebenfalls ein getaufter Jude war, in Berlin gelebt hat und sein Kirchenamt an der Petrikirche versah? Daß der Rassenantisemitismus, zu dem sich die Kreuzztg. neuerdings bekennt, auch von dem bedeutendsten Vorkämpfer ihrer eigenen Partei, dem vielgenannten Professor Stahl, nichts mehr wissen will, würde uns eher erklärlich erscheinen. Ganz besonders unglücklich scheint das edle Blatt darüber zu sein, daß der Fürstbischof, der das Einkommen eines kleineren deutschen Souveräns, und in mehrfacher Hinsicht die Würden eines solchen hat, beim deutschen Kaiser seine Aufwartung machen muß, da ein Theil der Olmützer Diözese in der preußischen Provinz Schlesien liegt. Ist es dem frommen Blatte an sich schon schmerzlich, bei Hofe einen katholischen Kirchenfürsten vor den evangelischen Excellenzen „rangiren" zu sehen, wie viel mehr ist Aussicht vorhanden, daß sich dieser Schmerz bis zum hitzigen Wundfieber steigert, da der zu Empfangende Kohn heißt! Jedenfalls wollen wir der tiefgebeugten „Kreuzzeitung" unser herzlichstes Beileid nicht versagen. Was soll wohl aus den alten österreichischen „Geschlechtern" werden, wenn ihnen nicht einmal mehr die einträglichsten kirchlichen Stellen sicher sind! Die Kreuzzeitung scheint sogar nicht ganz außer Sorge, daß Fürst-Erzbischof Kohn — schon diese Zusammenstellung ist ihr schrecklich — noch Papst werden könnte. Aehnlich schreiben die „Dresd. Nachr.": „Se. Gnaden Fürst-Erzbischof Kohn, als oberster Seelenhirt über drei preußische Parochieen zugleich deutscher Kirchenfürst — wer hätte das gedacht! Hochwürden Kohn den Knieenden den oberhirtlichen Segen ertheilend! Welches Bild! Vielleicht lenken sich die Augen der Cardinäle für die nächste Papstwahl nach Olmütz und als ün äs 816(516 erleben wir einen Papst Kohn. Schwarze oder goldene Internationale, das ist ja so ziemlich egal". Ueber das d e u t s ch e B o l k äußerte sich der entlassene Hofprediger Stöcker in der erwähnten Versammlung nach einem ausführlichen Bericht der antisemitischen„Staatsbürgerztg „Eine halbe Million Inden soll über 50 Million guter Deutscher eine solche Schreckensherrschaft (!) ausüben können? Die Schuld liegt an den Deutschen. Warum sind die Deutschen solche einfältige Diener, solche feige Subjekte, die sich von den Juden gegen ihr eigenes Vaterland mißbrauchen lassen? Wohl ist der Verführer schlimmer als der Verführte, aber die Uebermacht des Judenthums liegt zuletzt doch nur in dem Mangel des nationalen christlichen Geistes in unserem eigenen Volke." So urtheilt Herr Stöcker über das deutsche Volk! Wie es mit Stöckers berühmter Königstreue steht, erfahren wir aus demselben Organ des von Herrn Stöcker ebenfalls angegriffenen Herrn Dr. Bachler. Herr Stöcker sagte mit Bezug auf seine Entlassung aus seineni Amte: „Der König wollte unsere Arbeit nicht und verlangte von mir, daß ich mich von der Berliner Bewegung zurückziehen oder mein geistliches Amt aufgeben solle. Ich wählte das letztere; denn blos gegen die Wand rennen, um mir Löcher in den Kopf zu stoßen, das thue ich nicht. Wir können nicht monarchisch wirken, wenn der König es nicht will. Vor wenigen Wochen sandte der König ein Telegramm an Zelle, des Inhalts, daß die Stadt Berlin einen besseren Oberbürgermeister nicht haben könne. (Bewegung'. Ich nehme das Wort Nlit Ehrerbietung hin. Aber unter diesen Umständen kann man doch keine monarchische Agitatton treiben. Wenn der König einen der Kirche abgeneigten, fortschrittlichen Mann für den besten, geeignetesten erklärt, dann wird Jeder sagen müssen, daß wir unter diesen Umständen keine monarchische Agitation treiben können." Mit verblüffender Offenheit verkündet hier also der Exhofprediger, der Führer der unter dem Feldgeschrei „für Gott, Vaterland und Monarchie" kämpfenden Christlich-Socialen, daß die Partei nur dann für die Monarchie agitiren will, wenn der König thut, was der orthodoxe Stöcker wünscht. Glücklicherweise braucht der König die Agitation eines Stöcker für die Monarchie noch nicht. Es würde traurig um die letztere stehen, wenn sie erst darauf angewiesen wäre. Beuthen (Oberschl.), 4. November. Eine interessante Erbschaftsangelegenheit beschäftigt gegenwärttg eine hiesige jüdische Familie, wie auch die Synagogengemeinde. Die Familie Beuthner war glückliche Besitzerin einer Anzahl sehr einträglicher Cuxe des in der Nähe unserer Stadt gelegenen Blei- und Zinkbergwerks von Samuelsglückgrube und mochte diese durchaus nicht veräußern. Ein Mitglied dieser Familie, Herr S Beuthner, ging vor längerer Zeit nach Amerika, nachdem er einem Notar in Köln a. Rhein seinen letzten Willen deponirt. Vor mehr als sieben Jahren starb der Mann drüben, und seine Angehörigen, Frau und Tochter, welch Letztere einen Pariser Advocaten heirathete, wußten die Eröffnung des letzten Kölner Testamentes zu verhindern. Inzwischen stoffen die Erträge der Samuelsglück-Kuxe, deren der Testator elf besessen hat, den beiden Erben zu, bis vor geraumer Zeit darauf Beschlag gelegt wurde. Das von dem Kölner Notar in New-Z)ork zur Eröffnung gebrachte Testament bedenkt mit je einem Drittel der Kuxrente Frau nnd Tochter, während von dem letzten Drittel, wie wir hören, die hiesige Synagogen-Gemeinde vorweg 75 Tauiend Mark zur Errichtung eines Waisen- oder Krankenhauses erhalten und dec Rest den Erben der hier verstorbenen Schwester des Testators zufallen soll. Der Bruder desselben, Herr A. Beuthner Hierselbst, besitzt ebenfalls Kuxe. Wie man hört, sollen von den gesperrten Kuxgelderträgen etwa 140 Tausend Mark angesammelt sein. Die Synagogen-Gcmeinde wurde jedenfalls, die landesherrliche Genehmigung zur Annahme der Spende vorausgesetzt, alsbald befriedigt werden können. Die ansehnlichen Kuxerträge fallen einigen hier und im Jndustriebezirk wohnenden Familien zu, die selbstverständlich nicht wenig darüber erfteut find. — Im benachbarten Katt owitz erhielt der allg mein beliebte und geachtete prakt. (Bahn-)AiHt Herr Dr, Löbin ger, langjähriger Vorsitzender des Repräsentanten-Collegiums der Synagogen- Gemeinde, den Titel eines Sanitätsrath es. London, 2. November. Bei den Feierlichkeiten zu Ehren de s fünfzigjährigen Jubiläums des Erzbischofs von Glasgow war auch eine aus dem Rabbiner und den vornehmsten Juden bestehende jüdische Deputation anwesend, welche im Namen der jüdischen Gemeinde durch den Mund des Magistratsrathes Simons dem Herrn Erzbischof Glück wünschen ließ und ihm dabei sein lebensgroßes Portrait in Oel nebst einer künstlerisch ausgestatteten Adresse überreichte. Der Wortlaut der Adresse ist wie folgt: „An den hochwürdigsten Herrn Charles Ehre. Erzbischof von Glasgow, von der Glasgower jüdischen Gemeinde. Erzbischöfliche Gnaden! Wir, die Unterzeichneten, beehren uns im Namen und Aufträge der Glasgower hebräischen Gemeinde, Ihnen zur Feier des goldenen Priester-Jubiläums, in Gemeinschaft mit unseren übrigen Mitbürgern unsere aufrichtigsten Glückwünsche darzubringen. Wir können nicht umhin, bei dieser Gelegenheit unserer Hochachtung vor dem weisen und katholischen Geiste auszudrücken, welcher alle Zeit Ihre Verwaltung in so hervorragendem Grade kennzeichnete. Sie waren immer durchdrungen von den Grundsätzen echter Menschenliebe und st^ts bereit, jede gute Sache zu fördern ohne Rücksicht auf Nation oder Confession. Sie haben sich immer betheiligt bei jenen wichtigen Fragen, welche die moralische uod sociale Wohlfahrt des Volkes betreffen, und wir erinnern uns mit Dankbarkeit besonders Ihrer ernsten Fürsprache für unsere bedrängten Brüder in Rußland, wie auch Ihrer edlen Bemühungen, deren Elend und Leiden zu mildern. Wir überreichen Ihnen daher dieses Zeichen unserer Hochachtung für Ihr vielseitiges öffentliches Wirken und leuchtendes Privatleben und richten unser ernstes Gebet zum Vater Aller, daß er Ihnen noch lange Jahre verleihen und Sie mit Barmherzigkeit und Frieden segnen und krönen wolle. Gezeichnet im Auftrag der hebräischen Gemeinde zu Glasgow." (Folgen acht Unterschriften.) Amsterdam, 12. November. (Ein neuer Mortara-Fall.) Ein seltsamer Vorfall, welcher an die in den Fünfziger-Jahren vorgekommene berühmte Entführung und gewaltsame Taufe des Judenknaben Mortara im ehemaligen Kirchenstaate erinnert, erregt gegenwärtig in der niederländischen Hauptstadt große Sensation. Hier lebt nämlich eine allgemein geachtete israelitische Familie Namens Santkroos. Bor etwa drei Wochen verschwand plötzlich der sechzehnjährige Abraham Santkroos spurlos. Die besorgten Eltern, welche fürchteten, ihr Sohn sei das Opfer eines Unfalles oder Verbrechens geworden, wandten sich an die Polizei, die erst nach langem Suchen den Aufenthalt des jungen Santkroos entdeckte. Der Knabe war von einer Missionärin der sogenannten abgeschiedenen Gemeinde, einer orthodox-protestantischen Religionsgenoffenschaft, durch allerlei Versprechungen zum Verlassen des elterlichen Hauses und zum Glaubenswechsel verleitet worden und wurde in einem Miffionshause, deren Leiterin die M'ssio

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