Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 47 (18.11.1892)
- Date
- 1892-11-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite S46 Vrsterrrrchisttze Wochrnfchrist Nr. 47 Vom Bildhauer Beer. (Kabel-Depesche des „ Chicago-Herald“.) Bor einigen Wochen machte ich einen Höflichkeitsbesuch bei Fr. Hnmphry Moor, der Gattin des ausgezeichneten amerikanischen Malers. Während ich daselbst war, sagte dieser — oder eigentlich schrieb Moor — (denn er ist taubstumm), ein ihm befreundeter Künstler, Bildhauer Beer, hätte soeben eine bedeutende Statue von Christof Columbus vollendet; er rathe mir, dieselbe zu besichttgen. — So besuchte ich denn vor mehreren Tagen Moor's Atelier und was ich daselbst sah und hörte, intereffirte mich in hohem Grade. Ich sah daselbst das Modell zu einer Statue des Kaisers Josef, wie er seinem Volke das Toleranzedict verleiht. Da gab es noch andere Statuen und Statuetten in Thon, in Marmor, in Bronce und in einem anderen Materiale, dessen Erfinder Beer ist, und welches eine der großartigsten Erfindungen für die Bildhauerei ist. — Gerade waren seine im Salon ausgestellt gewesenen Werke in's Atelier zurückgekehrt, und ich begrüßte in ihnen alte Bekannte, da ich diese reizenden künstlerischen Gebilde bereits in der Ausstellung der Champs ElissSes genossen hatte. Das eine ist eine venusgleiche Schöpfung von großarttgen Formen und herrlicher Zeichnung, genannt „Reveille", das andere eine Marmorstatue des 15 jährigen Martin Luther, das Gesangbuch in der Hand, zu Weihnachten vor den Häusern um Brod fingend. — Die hiesigen Protestanten erwiesen Beer die große Ehre, einen Holzschnitt dieser Statue als Vignette auf dem Tttelblatte einer Broschüre anzubringen, welche sie zur Feier des 20 jährigen Bestandes der Mac All Missionsgesellschaft verfaßt hatten. — Es ist ein schönes Werk, welches die Freres Suiffe verlegt haben und welches sehr viel gekauft wird. Nachdem ich noch mehrere Porträtbüsten von Herren und Damen, und ein Oelbildniß von Meister, gemalt von einem hiesigen berühmten Maler, betrachtet hatte, traten wir in einen anderen Raum und ich sah vor mir einen neuen Christof Columbus, d. h. neu vom Gesichtspunkte der Plastik; doch das Gesicht, die Züge, der Ausdruck, das Ensemble ist das des großen Seefahrers, wie wir ihn nach den Bildern kennen, welche uns als die einzig authentischen bekannt find. — Ich würde es nie wagen, zu bestimmen, wie viele Arten von Columbus-Bildnissen vorhanden sind; aber es scheint ziemlich gewiß, daß von der Menge von Büchern und Streitschriften, welche seit 50 Jahren geschrieben wurden, um den Werth oder Unwerth der mehr oder weniger authentischen zu discuttren, sich nur 2 definitive Schlüffe ziehen lassen. Erstens: Es gibt kein positiv beglaubigtes Bildniß von Columbus, welches in irgend einer Zeit oder an irgend einem Orte nach dem belebenden Modelle gemalt worden ist. Zweitens, von den verschiedenen Gemälden, welche in moderner Zeit als seine Bildnisse ausgegeben wurden, verwerfen die anerkannten Autoritäten alle jene, welche ihn mit schwarzen Haaren, oder einem Barte, oder mit einer Halskrause und dem niederländischen Costüme darstellen. — Columbus trug die Reitcostüme Spaniens und Portugals. Sein Haar war in der Jugend blond und wurde im Alter von 30 Jahren weiß. Bärte trug man in West- und Süd-Europa erst um das Jahr 1520, nachdem Karl V. dieselben in die Mode gebracht hatte. — Die am wahrscheinlichsten authenttschen Bilder sind daher jene, welche am genauesten das Costüme, die Kopfbedeckung rc. der Zeit bringen, in welcher Columbus lebte und welche buchstäblich, die Hautfarbe, Gefichtszüge, den Ausdruck wiedergeben, wie sie sich in der Beschreibung vorfinden, welche sein Sohn Fernando von ihm hinterlaffen hat, und welche lautet: „Einzig authenttsche Beschreibung von Columbus. Der Admiral war ein wohlgebildeter Mann über Mittelgröße, mit länglichem Gesicht und etwas hervorstehenden Backenknochen, die Wange weder zu voll noch eingefallen. Er hatte eine spitzige Nase, Helle Augen und eine rauhe Gesichtsfarbe. In seiner Jugend war er hellblond: aber als er die 30 Jahre zurückgelegt hatte, war er ganz weiß geworden." Nur 3 Bildnisse kommen ernstlich in Betracht. Das eine, welches sich im Marine-Ministerium in Madrid befindet, das Original des Kupferstiches von Capriolo und das Bildniß in der Sammlung des Grafen Orchi in Como, welches dem Mailänder Bartholomäus Suardo zugeschrieben wird, der um das Jahr 1500 blühte. Diesen dreien muß noch ein viertes beigefügt werden, welches die Signatur des Lorenzo Lotto trägt, eines Deisters aus der besten Zett der Benettanischen Schule. Im Jabre 1881 entdeckte Dr. v. Orchi ein Brldniß, von welchem er behauptet, es sei seit mehr als 200 Jahren in seiner Familie. Dieses trägt gar keine Signatur, und wird sowohl dem Seba stiano bei Piombo als dem Suardo zügeschrieben. Es scheint aber allgemein und unglaubwürdig, daß der erstere dasselbe nach dem Leben gemalt haben könne, da er erst 21 Jahre alt war, als Columbus starb. Allein Suardo war, wenn auch jünger, doch. ein Zeitgenosse des Columbus, und erreichte seinen höchsten Ruhm um 1520. Das Orchi-Porträt soll eine überraschende Aehnlichkeit mit dem des Alttssimo haben, welches sich in den Ufficien in Florenz befindet. Bor 10 Jahren, als Thomas Jefferson Gesandter in Frankreich war, hatte er das letztere Bildniß von einem Maler daselbst copiren lassen, und dieses hing lange Jahre in seiner Bibliothek in Monttcello. Jetzt ist es, wie ich glaube, Eigenthum der historischen Gesellschaft in Maffachuffets. — Das Bildniß im spanischen Marine-Departement ist das am meisten bekannte und anerkannte Porttät des Columbus und wird mehr als jedes andere dazu benützt, historische Bücher und Biographien danach zu illustriren. Man glaubt, es wäre in Sevilla um das Jahr 1504 und 1505 gemalt worden, als Columbus von seiner vierten und letzten Reise zurückgekehrt war, und zwar kurz vor seinem Tode. Einige Kritiker bestehen darauf, daß es eine Copie des sogenannten Gioviobildnisses sei. Paolo Giovio, Erzbischof von Nocear war ein steinreicher Mann und besaß einen Palast am Ufer des Comosees. In diesem hatte er eine schöne Gallerte, und darin hing das Portrait des Columbus. welcher starb, als der Prälat 83 Jahre alt war. Dieses Bildniß scheint das Original des Capriolo-Stiches gewesen zu sein und gehört jetzt einem Bürger von Chicago. Ich komme nun zu dem vierten, dem Lorenzo Lotto- Bildnis. Sein gegenwärtiger Besitzer ist James Ellsworth von Chicago; aber es war länger als ein Jahrhundet im Besitze der Familie Gradenigo in Venedig. Ursprünglich war es ein Längebild, und ein Indianer stand zur Rechten des Admirals. Im Laufe der Jahrhunderte ward die Leinwand aus dem Rahmen geschnitten, und zusammen gerollt. Dadurch entstand eine Falte über dem Gesichte, welche noch heute bemerkbar ist. Auch ein Loch entstand an der linken Schulter. Die Figur des Indianers war derart 'beschädigt, daß, als man vor einigen Jahren das Bild aus der Vergessenheit zog, und es sorgfältig restaurirte, diese von demselben abgetrennt werden mußte. Auf diese Weise wurde aus dem Längenbilde ein viereckiges. Dieses Portrait ist von heroischer Größe, wie es die Maler Mer Kunstperiode zu malen liebten. Lotto war unter seinen Zeitgenossen dafür bekannt, daß er die Gabe besaß, die Feinheiten des Antlitzes, das Seelische im Ausdruck wiederzugeben. Sein Columbus zeigt ein edles, intelligentes Gesicht, durch anmuthige Würde verschönt, die Stirne und Haltung eines Mannes, der fähig ist, einen Continent zu entdecken. Dieses ist das Bildniß, welches gleichwertig in Bezug auf Kunstwerth und Auffassung, vom Bildhauer Beer, einem Mitglieds der „Gesellschaft der Französischen Künstler" wiedergegeben ist. — Lange suchte Hr. Beer unter den Portraits und Kupferstichen nach einem Typus des Columbus, den er modelliren wollte, um ihn dann in dauerhaftem Mamor zu meißeln; doch erst als er von Frank Mason hörte, wählte rr fein Sujet. — Hr. Mason ist General-Consul der Vereinigten Staaten in Frankfurt , a. M. Ehe er nach Deutschland ging, war er Jahre hindurch unser Consul in Marseille. Er ist ein berühmter Kunstliebhaber, einer unserer Consulats-Bertreter in Europa, und vom Stande ein Journalist, der in Amerika ein gutes Stück Zeitungsarbeit vollbracht hatte, ehe er das auswärttge Amt annahm. Woher Mason von Beer's Absicht, Columbus zu meißeln, Kenntniß hatte, weiß ich nicht, noch weniger ist es mir bekannt, wieso Beer von Mason gehört hatte; aber Thatsache ist es, daß der Generalconsul an Beer eine Fotografie des Lotto- Bildnisses sandte. Der letztere accepttrte es als sein Modell, und schuf daraus ein großes Kunstwerk. Beer sagte mir folgendes: Ich hatte eine Menge Docuwente in Allem, was sich auf das Bildniß bezog, zur Verfügung. Aber mir war es nicht darum zu thun, einen Fantasie-Columbus zu schaffen; sondern einen wirklichen Columbus, wahr in Bezug auf Aehnlichleit, und werthvoll für alle Zeiten. Dank dem Herrn Mason bekam ich das Modell für die Gesichtszüge. Hier das Resultat." Hier stand es, eine Statue « Gyps nach dem Original, das er mir später zeigte, und ich saß davor lange Zeit, und betrachtete das Meisterwerk, denn es ist ein Meisterwerk, würdig des großen Seefahrers, würdig des Künstlers, dessen Namen ich