Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-11-18 · 47 (18.11.1892) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
47 (18.11.1892)
Date
1892-11-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020947--01893-3025956
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 47 Orsterrrichifchr Wochenschrift Seite 845 Diese scheinbar kleinlichen häuslichen Beschäftigungen bilden die Grundlage des Familienglückes, aus dessen Schooß alle Kraft und Schönheit der Nation hervorblüht. Wie groß waren unsere Mütter in diesen häuslichen Beschäftigungen! Sie machten das Haus zum Paradies und das jüdische Familienglück hat das Judenthum erhalten, daß es sein anderthalbtausendjähriges Martyrium ertragen konnte. Mit dem Aufgeben der Speisegesetze ist das jüdische Weib der Küche entfremdet worden. Unsere Mütter noch mußten auf Zusammensetzung und Zubereitung der Speisen ein wachsames Auge haben und oft mit Hand anlegen, weil sie den Dienstboten in Bezug auf das rituelle Vorgehen zu wenig trauten. Die jüdische Küche genoß einen Weltruf, sie konnte unsere Feinde versöhnen. Wozu soll aber unseren modernen Frauen die Kochkunst? Dazu ist die Köchin da und während eines Interregnums in der Küche geht man ins erstbeste Gasthaus, oder läßt das Essen von dort holen. Des Propheten Wort, daß „jeder Topf in Juda heilig sein wird", scheint, wenn's nicht bald anders wird, niemals mehr zur Geltung zu kommen. Die jüdischen Frauen, welche als die Priesterinnen dieser Heiligthümer bestimmt worden sind, haben aufgehört, es zu sein und mit dem Auflassen ihres priesterlichen Dienstes in der Küche haben sie dieselbe ganz verlassen, hat der Herd für sie auch die Bedeutung verloren, welche er gemeiniglich hat, als Symbol der Häuslichkeit. So lange ferner der Sabbath gehalten wurde, mußten unsere Frauen die ganze Woche hindurch ihre Kästen revidiren, nähen, flicken, um alles Schadhafte auszubessern, damit am Tage des Herrn jedes Familienglied seine ganz reine Wäsche jhabe. Die Entdeckung eines Defectes am Sabbath selbst wäre a nicht zu repariren geloesen. Seitdem jedoch der Sabbath um seine Geltung gekommen: Wozu brauchen unsere Frauen mehr mit der Nadel zu hantiren? Stellt sich am Samstag früh beim Anziehen irgend ein Riß oder Fehler heraus, so kann man es ja sofort von dem Stubenmädchen repariren lassen, im Nothfalle es auch selbst machen, wenn es auch just nicht meisterhaft gemacht wird. Gewiß werden unsere Frauen gegen diese Anwürfe protestiren. „Lassen wir denn nicht unsere Töchter auch kochen und sogar Kleidermachen lernen?" Allerdings, aber die Resultate dieses Kochunterrichtes werden kaum einen Gast täuschen, vor dem man sich produciren will. Der Braten, den man als das Werk der Tochter ausgibt, der man eigens zu diesem Zwecke einen Küchenanzug machen ließ, kam nur unter der Mithilfe der Köchin zu Stande und wäre sicher besser ausgefallen, wenn diese ihn ganz allein gemacht hätte. Und daß sich Gott erbarme, welche Leistungen das Fräulein als Schneiderin hervorbringt! Das arme Mädchen welches für 80 kr. Taglohn ins Haus genommen wird, wenn Kleider zu machen sind, ist die eigentliche Meisterin derselben, wenn Ls auch heißt, daß die Tochter sie eigenhändig gemacht hat. Es ist ja auch nicht denkbar, daß unsere Töchter bei dem Vielerlei, das man sie lernen läßt, auf dem Gebiete der eigentlichen weiblichen Beschäftigungen Selbstständiges leisten können. Um hierin eine Fertigkeit zu erlangen, gehört vor allem fleißige Uebung dazu, und wo soll diese Uebung Herkommen, wenn unsere Töchter in Sprachen, Literatur und Kunst die Zeit vertändeln und dann noch in Gesellschaften gehen oder Gesellschaften empfangen müssen, um mit diesen Gegenständen zu prunken. Wir eifern keineswegs gegen den Unterricht in diesen Gegenständen, speciell nicht gegen die Kunst, auf welche die mütterliche Pädagogik so viel Werth legt. Die Gabe des Gesanges oder der Musik ist etwas Köstliches. Aber wie viel Mädchssn bringen es bis zur Höhe, wo die Kunst veredelt? Neuundneunzig von hundert kommen darinj nicht weiter, als bis zur den Gehörsinn verletzenden Stümperhaftigkeit, die aber doch der weiblichen Eitelkeit Nahrung gibt. Jede Mutter glaubt in ihrer Tochter ein Talent entdeckt zu haben. Sie muß sich von Zeit zu Zeit vor Gästen produciren und diese spenden Lob mit freigebigen Händen, daß die zarte Pflanze des weiblichen Herzens von dem Nord solch leerer Schmeicheleien verdorrt. Das Mädchen verliert allmälig ihre Schüchternheit, den höchsten Adel des Weibes, und nachdem unter diesen Gästen in der Regel auch die lieben Cousins und junge Hausfreunde sich befinden, wird ihr die schönste und beste Gelegenheit zu der so verderblichen Koketterie geboten, oder es wird ihre Phantasie mit Bildern von Männeridealen und Zukunftsträumen berauscht, welche die Wirklichkeit nicht kennt, vor der ihr daher graut, wenn sie vor ihr steht. Mögen unsere Töchter in Gottes Namen auch Musik lernen; aber zu allererst muß ihr Geist und Herz ausgebildet werden, müssen sie Mensch sein, dann haben sie sich diejenigen nützlichen Beschäftigungen eigen zu machen, die für ihren bürgerlichen Beruf erforderlich sind, und erst dann können sie die ihnen noch übrig bleibende Zeit für die Künste verwenden, die das Leben schmücken und erheitern. Auf den Reichthum, mit dem die Natur sie begabte, kommt es dabei an, ob dieser Schmuck ein künstliches Röschen oder der echte Diamant des Genies ist. Wem dieses verliehen, mag der Kunst sich widmen; aber auch die größte Künstlerin sei zuerst Mensch, dann Weib und dann erst Künstlerin. Die Verkehrtheit in der Erziehung unserer Töchter wird von Bielen mit dem modernen Rufe nach der Selbstständigkeit des Weibes und ihrer Unabhängigkeit von dem Erwerb des Mannes vertheidigt. Das ist jedenfalls unjüdisch. Denn seit Jahrtausenden gehört die Wirksamkeit des jüdischen Weibes ihrer Familie und wurde seine eigene ^istenz nur durch die Liebe und den Fleiß eines Vaters, Bruders oder Gatten gesichert. Und ist denn nicht möglich, daß das Weib sich durch weibliche Arbeiten eine eigene Existenz gründen kann, besser als durch Eingriffe in ihr bis jetzt fremde Berufe? Ist nicht eine gute Schneiderin oder Modistin z. B. materiell besser gestellt, als eine Lehrerin oder Beamtin? Und jeder denkende Mensch wird auch eine in ihrem Fache tüchtige Schneiderin oder Modistin nrindestens so hoch achten, wie eine Dame, die Kinder unterrichtet oder am Postschalter sitzt. Und es sind mit diesen zwei Erwerbszweigen keineswegs alle die Thätigkeiten erschöpft, mit denen das Weib innerhalb der rein weiblichen Sphäre sich reichlich ihr Brot verdienen und Achtung erwerben kann. Dem Judenthum z. B. fehlt die Institution der Clarissinen, obwohl nur Jüdinnen das Material zur Gründung dieser Institution im jungen Christenthume gaben. Es wäre also ein dankbares Feld, wenn wir unsere Töchter als Rüstung zum Kampfe ums Dasein zu Krankenpflegerinnen bilden lassen, die in ihrem hohen edlen Berufe sicher gesucht und geehrt würden. Dazu müssen die Mädchen frühzeitig gelehrt, Wunden ansehen, waschen, verbinden, müssen sie frühzeitig die Hausmittel kennen und gebrauchen lernen, die man bei solchen kleinen Schäden anwendet, und stets aufmerksam gemacht werden, daß echtes Mitleid Hilfe spenden muß, und daß man keinem Leidenden recht helfen kann, wenn man sein Leid nicht einmal zu betrachten und anzufassen vermag. Allein bei der Verkehrtheit unserer Mädchenerziehung geschieht gerade das Gegentheil. Die Mädchen werden gewöhnt sich vor dem Anblick des Unangenehmen abzuwenden. Es könnte ja das vor dem Spiegel einstudirte Lächeln sich verlieren. Die mütterliche Pädagogik will nichts weiter als Zierpuppen erziehen, und der Bildungstrieb ist nichts weiter als Putzsucht, an der unsere Damen zur Schmach des Judenthums so sehr leiden. Putzsucht ist stets ein Beweis innerer Leerheit und unsere putzsüchtigen Frauen miscreditiren dadurch das Judenthum, denn je putzsüchtiger das Weib, desto tiefer steht die Nation. Die Negerin verkauft ihr Kind für eine Schnur Glasperlen, die Dirne ihre Ebr" für einen bunten Rock und Cornelia zeigt der prahlenden Nachbarin ihre Söhne als ihren höchsten Schmuck. Keine Frau mit bedeutenden Geistesgaben bezeichnet uns die Geschichte als putzsüchtig. Das wahrhaft gebildete Weib versteht Zeit und Geld, diese beiden wichtigen Dinge, besser und nützlicher anzuwenden als auf den äußeren Flitter. Mütter, die wackere Töchter erziehen, legen den Grundstein zum Glücke ihrer Familien. Goethe, Kant und Klopstock — die meisten, ja alle großen Männer aller Zeiten und Völker verdanken dem Einfluß ihres Familienlebens ihre Größe und das alte Judenthum kann nicht besser geehrt werden, als dadurch, daß das Christenthum seinem Heilande eine menschliche Mutter gibt, die Jüdin war.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.