Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 47 (18.11.1892)
- Date
- 1892-11-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 Orsterreichifche Wochenschrift (Seile 843 ist man in den jüdischen Gemeinden strenge gegen Alle, welche ihren guten Ruf nicht zu behaupten wissen. — Der Präsident ertheilte dem Professor Schlesinger die strengste Rüge, die überhaupt möglich erscheint. Der Abgeordnete Professor Fuß erklärte im Namen seiner deutschnationalen Gesinnungsgenossen und im Namen des Dr. Robert Pattai, daß sie bedauerten, die Interpellation unterzeichnet zu haben. Schlesinger suchte sich zu entschuldigen, wie ein Schulknabe, dem man die Ruthe zeigt. Die Gerichte thun ihre Schuldigkeit, das Gesetz gelangt zur Vollstreckung; Schlesinger aber fand sich veranlaßt, die Minister, die liberale Partei und die Juden gleichzeitig zu beschimpfen. „Beruhigen Sie sich", sagt während der Cholerazeit im „Journal Amüsant" ein Stubenmädchen vom F nster aus zu einem Vorübergehenden, der einen Guß von oben empfangen hatte, „beruhigen Sie sich, es war kein Seinewasser." Der Frosch hatte sein Attentat vollbracht; der Frosch sprang in den Sumpf zurück; er wollte nur zeigen, welcher Geist im Froschteiche herrscht. Wir wissen nicht» inwieweit dem Unterrichtsminister die Competenz zusteht, Einfluß auf die Ackerbau-Hochschule zu nehmen. Auch kann kein Mitglied des Abgeordnetenhauses wegen seiner Aeußerung im Hause zur Rechenschaft gezogen werden. Aber auf Rohling und Schlesinger paßt der Satz, daß ein Professor mehr verderben kann, als hundert Professoren gut machen. Was würde man dazu sagen, wenn ein Rabbiner, eine Autorität im Judenthum, sich Beschuldigungen gefallen lassen müßte, wie Professor Rohling, wenn ein Jude seine Immunität mißbrauchen würde, wie Professor Schlesinger? Die Antisemiten dürfen nicht als Richter auftreten — sie sind gerichtet und zwar durch ihre eigenen Handlungen und durch ihre eigenen Worte. Die Wette des Prinzen Liechtenstein. Die „christlich-socialen" Führer haben ihre Drohung wahr gemacht. Mit dem Erlasse des Wiener Bezirksschulrathes über das Kreuzzeichen in der Hand, sind sie in's „Volk" herabgestiegen, um dasselbe neuerdings zum Kampf gegen — die Juden zu hetzen. Die Lüge wird aufrecht erhalten, daß dieser Erlaß von Juden veranlaßt und für die Juden gegeben worden ist. Prinz Alois Liechtenstein selber hat die Führung in dieser Hetze übernommen und in Hernals eine Rede gehalten, welche von Lügen und Verdrehungen des wahren Sachverhaltes strotzt. Der durchlauchtigste Vertreter des souveränen Volkes von Hernals, Ottakring und Neulerchenfeld hat eine Wette darauf angeboten, daß jener Beamte des Unterrichts-Ministeriums, von welchem die eigentliche Anregung zu dem Erlasse des Bezirksschulrathes ausgegangen ist, Herr Sonntag, ein Jude ist. Prinz Liechtenstein ist Officier und Cavalier, und er weiß daher, was eine Wette ist. Trotz seines vieljährigen intimen Verkehres mit einem Emst Schneider muß er sich bewußt sein, daß jede Wette in gutem Glauben geschlossen werden muß und daß die ehrliche Einhaltung derselben eine Ehrensache ist. Prinz Liechtenstein aber weiß genau, daß er eine Lüge ausspricht, wenn er Herrn Sonntag für einen Inden erklärt; er weiß genau, daß dieser Beamte aus einer christlichen Familie stammt, denn er hat darüber eingehende Informationen eingeholt. Nicht weil er über diese Thatsache im Unklaren ist, sondem weil sie ihm wohl bekannt ist, kleidet der Prinz seine Behauptung in die Form einer Wette. Wir wiederholen aber: Ein Officier und ein Cavalier ist verpflichtet, im guten Glauben zu wetten. Es fehlt nicht an Beispielen, daß Leute, die es mit Ehre und Gewissen nicht allzu genau nehmen, in Form von Wetten manchen Betrug und manche Täuschung vollbracht haben. Es sind Wahlbestechungen vorgekommen, für welche man die Form der Wette gewählt hat, und die Wucherparagraphen sind häufig durch die Vorspiegelung von Wetten umschlichen worden. Doch der Prinz Liechtenstein ist ein vorsichtiger Mann. Er will dem Borwurf Vorbeugen, daß er eine Lüge mit aller' Bestimmtheit als Wahrheit hingestellt hat und darum behauptet er nicht, sondern er wettet blos. Er vergißt aber dabei, was er so oft schon vergessen hat, daß er einen altadeligen Namen und den Rock des Kaisers trägt. Se. Durchlaucht stützt die angebotene Wette auf die Thatsache, daß der genannte Urheber des Kreuzzeichen-Erlasses den Namen des christlichen Ruhetages trägt. „Der Name dieses Mannes", rief er aus, „verräth seine Abkunft. Ich bin überzeugt, für jeden Tag in der Woche werden sie einen jüdischen Inhaber finden." Die Beweisführung des Prinzen Liechtenstein ist von verblüffender Einfachheit. Er möge einmal mit höchst eigenen Händen im Adreßbuche blättern und er wird zwanzig Juden mit dem Namen Liechtenstein finden, von denen sogar einige notorische Wucherer sind, und den Vorzug genossen, von Dr. Carl Lu eg er vertreten zu werden. Wenn es wahr ist, daß von dem Namen auf die Abkunft geschlossen werden darf, dann müßte man auch den Prinzen Alois Liechtenstein für einen Judenstämmling halten, eine Annahme, die noch durch die Thatsache unterstützt würde, daß ein Vorfahre des edlen Prinzen seinerzeit höchst bedenMche Valuta-Operationen und Agio-Geschäfte vorgenommen hat. Die Theorie des Prinzen Liechtenstein ist aber nicht richtig, denn unter den zwanzig Inhabern des Namens Sonntag, die wir im Adreßbuche gefunden haben, sind nur drei Juden. Mein das Spiel mit Namen hat sich noch in anderer Hinsicht als gefährlich erwiesen. Als der fürstliche Redner meinte, daß man sich „bei neuen Bekanntschaften den Namen zuerst genau ansehen müsse", da tönte ihm aus der Mitte der Versammlung der Name „Kohn" entgegen. Das „Vaterland" verschweigt diesen Zwischenruf das „Deutsche Volksblatt" aber verzeichnet ihn. Und das ist characteristisch für die Stellung des Prinzen Liechtenstein in dem Widerstreit, in welchen die Interessen der katholischen Kirche mit dem Raffen-Antisemitismus gerathen sind. Es ruft einen höchst erlustigenden Eindruck hervor, wenn in einer Woche, in welcher — um mit dem „Vaterland" zu sprechen — sein „Abkömmling des alttestamentarischen Priestergeschlechtes" den vornehmsten erzbischöflichen Stuhl der Monarchie bestiegen hat, ein Streiter für die „christliche Sache" aus dem Namen die gute oder mangelhafte christliche Gesinnung seines Trägers deduziren will. Was also die Wetten des Prinzen Liechtenstein betrifft so ist Vorsicht geboten. Aber auch sonst ist die Moral dieses Cavaliers ziemlich wurmstichig. In der erwähnten Hernalser Versammlung gelangten Separatabzüge jener Interpellation zur Verheilung, welche der Abgeordnete Schlesinger im Abgeordnetenhause über den Mädchenhandel eingebracht hat. Diese Interpellation hat Herrn Schlesinger einen Ordnungsruf eingebracht, wie er wuchtiger noch niemals ertheilt wurde. Der Präsident Dr. Smolka sagte: „DieseInterpellation enchält so viele Verstöße gegen den Anstand und die gute Sitte, daß ich nicht genug Worte finden kann, um meine Entrüstung darüber auszusprechen". Der antisemstische Abgeordnete Dr. Pattai hat die Interpellation eine „R o h h e i t" genannt und der Abgeordnete Fuß hat nachträglich seine Unterschrift an dem Schriftstücke zurückgezogen. Der Cavalier und Officier Prinz Liechtenstein aber hat seine Unterschrift auf diesem Pamphlet nicht nur belassen, sondern er hat dasselbe auch noch in der Hernalser Versammlung separat vertheilen lassen. Se. Durchlaucht ist weder scrupulös in der Sache noch wählerisch in den Personen, mst welchen er auf fteundschaftlichem Fuße verkehrt. Als Ritter Stampiglius in einer der letzten Sitzungen für den Zwischenruf, daß die Deutsch-liberalen in Reichenberg bald wieder an's Ruder kommen und „weiter stehlen werden," eine Rüge erhielt, da eilte Prinz Liechtenstein theilnahmsvoll auf ihn zu und drückte ihm ostentativ die Hand. Die Cavaliers- und Officiersehre Sr. Durchlaucht ist so leicht geartet, daß sie in dem Vorwurfe des Diebstahls gegen eine ganze Großpartei nichts Unanständiges und Malhonettes erblickt. Selbst die Deutsch-nationalen Reichenbergs haben diesen Vorwurf,Schneider's als eine„feige,heimtückische Ehrabschneiderei" bezeichnet und gegen denselben mit der Erklärung protestirt