Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 46 (11.11.1892)
- Date
- 1892-11-11
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 638 Orsterreichische Wochcnschrist Nr. 46 inen Leichnam zu beerdigen, dem er, ohne daß ein Anderer ugege n war, zu fällig begegnete. (Was als JlÖ vergleiche Sifra ad lccom bezeichnet wird.) Aus dieser Achtung den Todten gegenüber nahm die Chewra Kadischa ihren Ursprung. Wenn ein Sterbefall eintrat, waren Alle, die zur Gemeinde des Verstorbenen gehörten, bestrebt, durch ihre Betheiligung beim Begräbnisse dem Abgeschiedenen ihre Achtung zu bezeugen. Später vereinigte sich die Mehrzahl dieser Gemeindemitglieder, um eine Chewra ( d. h. einen Verein) zu bllden, zu dessen besonderen Zwecken die Bewahrung und Reinigung der Todten („Wachthalter", „ Meta ha ° rim") u. s. w. gehörten, wodurch der Nothwendigkeit bezahlter Angestellter vorgebeugt wurde. lieber die verschiedenen die Sterbegebräuche betreffenden Ceremonien vergl. man Landshuts »Leder Likur OhoUm Ma’aber Jabok we-Sefer Hachayim“ Berlin 1867 (hebräisch), Perles' „Die Leichenfeierlichkeiten im nachbiblischen Judenthum" (in Frankels Monatsschrift Breslau 1861), in's Englische übertragen von den American Jewish Publicatioa Society, Kew-York; und „Das Buch des Lebens" von Rev. B. H. Ascher. Die früheste Erwähnung der Existenz einer „Chewra Kadischa" findet siöh im babylonischen Talmud Moed Katon 27b. Tie Stelle lautet wie folgt: „Rabbi Judah überliefert im Namen. Rav's: „Sobald Jemand in einer Stadt im Sterben liegt, müssen die Einwohner ihre Arbeit einstellen." Nun hielt sich einst Rav Hamnuna in einer Stadt im Süden Palästinas auf. Auf einmal hörte er den Schall eines Hornes und erkannte aus diesem Zeichen, daß eben Jemand gestorben war. Mit dem angeführten Gesetze vertraut, sah er zu seiner Ueberraschung, daß Manche dennoch in ihrerArbeit fortfuhren. Er fragte nun: „Müßten diese Äute nicht strenge bestraft werden, da sie wissend, daß ein Sterbefall eben eingetreten, in ihren Beschäftigungen fortfahren?" „Es ist eine Chewra in der Stadt," belehrte man ihn, „und darum verlangt die Bersehung des Todten keine Einstellung der Arbeiten." Aus dieser Antwort ersieht man, daß in manchen Orten solche Chewra's vorhanden, in anderen, wie z. B. in Babylon, der Heimat Rav Hamnuna's, aber unbekannt^waren. Hamnuna starb um das I. 320 nach der Geburt Christi, und die hiermitgecheilte Stelle beweist, daß schon vor seiner Zeit solche Freundesbruderschaften vorhanden waren. Auf eine viel frühere Zeit als das vierte Jahrhundert der üblichen Zeitrechnung deutet aber die folgende Stelle aus Maffecheth Semachot XU, eines Tractatcs, der zwar jüngeren Datums ist als die Gemara, aber bezüglich dieser Stelle entschieden auf eine ältere Periode zurückweist. Die Rede ist von der Reihenfolge, in der die Trauernden um die Bahre zu stellen sind. Dann heißt es weiter: „In Jerusalem befaßten sich mit derartigen Angelegenheiten besondere Verbindungen." Aus dieser Erwähnung der Stadt Jerusalem kann mit Wahrscheinlichkeit nur das Datum des Jahres 70 der neuen Aera gefolgert werden. Nach diesem verhängnisvollen Jahre war Jerusalem von keiner Bedeutung mehr, es besaß keine nennenswerlhen Hochschulen, der Fall des Tempels hatte allen Glanz vernichtet und im Talmud wird weniger von den Einwohnern Jerusalem's und ihren Gebräuchen, als von denen der Städte Liberias, Jamnia, Sura, Sepphoris und anderer gesprochen, was unzweifelhaft auf das erste Jahrhundert der gewöhnlichen Zeittechnung als auf die Zeit verweist, in der zuerst von solchen „Mildthätigen Beweinen" gehört wird. Für den Gebrauch der Mitglieder der Chewra Kadischa wurden nach allgemeiner Bermuthung drei kleinere Abhandlungen (Massechtoth Ketanoth) abgefaßt, in denen alles das zusammengetragen wurde, was auf Sterbende und Gestorbene rituellen Bezug hatte. Davon sind blos zwei noch vorhanden, Ebel Rabbatt oder Semachot und Ebel Sutarti (der größere und der kleinere Tractat Ebel), während der unter dem Titel Ebel verfaßte Tractat verloren gegangen ist. Semachoth, Freude, ist nur ein euphemistischer Ausdruck statt des traurigeren Titels Ebel (d. h Trauer), wie auch sonst im Talmud die Anwendung von Euphemismen nicht selten ist, vgl. die Benennung Sage Nahor (d. h. reich an Licht) für die Bezeichnung „ein Blinder". In der Form verschieden, lassen diese kleineren Tractate sich in gewisser Hinsicht dennoch mit den noch zu besprechenden Bestimmungen und Anordnungen einer späteren Periode in Vergleich setzen. Das frühe Vorhandensein des „Chewra Kadischa" ist also er jeden Zweifel hinaus festgestellt, sowie ihre Fortdauer bis auf die Gegenwart hinab nachweisbar ist. Die verschiedenen rabbinischen Traditionswerke wie der Mischneh Thora des Maimonides (Hilchod Ebel ('XIV) aus dem Jahre 1175, der Semag tSefer Mizwoth Gadol) des R. Moses von Coucy aus dem Jahre 1245, der Tur des R. Jacob Ascher (Jore Deah § 343) aus der Zeit um 1340 und der Schulchan Aruch des R. Josef Karo <ib.) aus der Ztzit um 1530 enthalten keinerlei Zusätze zu den Originalangaben der Gemara, und beweist schon der Umstand, daß diese Chewra's in Werken aus verschiedenen Jahrhunderten erwähnt werde», daß sie zu sein nicht aufgehört hatten und den Verfassern der erwähnten Gesetzessammlungen bekannt waren. In Wien (ygl. G. Wolf die jüdischen Friedhöfe rc. in Wien, Wien 1879) wird von einer Chewra Kadischa, in Folge der Zeitbedrängnisse, durch die sie in ihrer Wirksamkeit öfters gestört wurde, allerdings von unsicherem Bestände, bereits im Jahre 1320 berichtet. Nach der Art der Erwähnung solcher Begräbnißvereine in fast allen .mittelalterlichen Schriften ist es jedoch nicht ausgemacht, daß sie überall, in jeder jüdischen Gemeinde vorhanden rvaren und so zum religiösen Leben des Judenthums gehörten, wie z. B. das Gotteshaus. In jedem -Falle wird nämlich der Ausdruck gebraucht, „wenn eine Chewra in der Stadt ist", wodurch das allgemeine Vorhandensein dieser Vereine fraglich wird. Aber immerhin kann in acht von zehn Fällen behauptet werden, daß die „Chewra Kadischa" in den jüdischen Gemeinden einen wichtigen Theil des religiösen Lebens bildete, daß im Uehrigen der Bildung dieser Vereine zu wohlthättgen Absichten nur geschäftliche Drangsale wie noch heutzutage, oder wiederholte Anstürme von Verfolgungen, im Mittelalter die gewöhnliche Plage der Juden, hinderlich in den Weg traten, und daß schließlich oft irgend ein widerwärtiges Ereigniß genügte, um in Gemeinden, wo eine Chewra bis dahin unbekannt war, die Gründung einer solchen, zu bewerkstelligen. Dies letztere mag eine Stelle aus einer Chronik, ans der Zeit von etwa 1670 von R. Joseph SambaN) (Neubauer. Aueoä. Oxon. p. 157,, in der das Leben der Juden im Mittelalter in lebhaften Farben illustrirt wird, begründen. Die Stelle lautet abgekürzt wie folgt: „In jenen Tagen Rabbi David ibn Abi Zimra's (-Radbaz) war die Bedrängniß, Verfolgung und Beunruhigung der Juden so furchtbar, daß selbst die Bestattung ihrer Todten auf dem üblichen Todlenacker ihnen unmöglich gemacht wurde, und es kam so die Sitte auf (in Nord^Aftika), daß man die Leiche versteckt unter anderen Waaren einem jüdiscben Eselstreiber anvertraute, der so dieselbe in eine entfernte Gemeinde, wo sie anständig beerdigt werden konnte, zu bringen hatte. Da kam es denn mitumer vor, daß der Treiber aus Furcht vor Entdeckung der Leichenverbergung den Todten auf die Straße hinwarf, um sein Leben zu flüchten. Dieses Aergerniß gab den Aeltesten und Berussgenoffen unseres verehrten Lehrers Radbaz die Veranlassung, eine Versammlung der hervorragendsten Mitglieder der Gemeinde (der Stadt Fez) zu berufen, in der für das Begräbniß der Todten bestimmte Anordnungen getroffen und ein Verein gebildet wurde, durch dessen Vermittlung eine gewisse Zahl von Männern sich in der Erfüllung der Leichenceremonien ihrer israelitischen Gläubensbrüder ablösen sollten. So kamen die Obevras in den Gemeinden der Mostarabischen und Moghrebinischen Juden, trotz heftigsten Widerstandes der Mahomedaner, zu Stande und wurde das Bestattungswesen geregelt, dank der Bildung dieser Beerdigungsvereine, um die unser gelehrter Meister R. David ibn Abi Zimra gesegneten Angedenkens sich mitverdient gemacht hatte." R. David Ibn Abi Zimra, der Berfaffer des Systems einer Berechnung der Daten seit der Weltschöpfung, wurde im 1.1470 geboren und starb, nachdem er aus Spanien im I. 1492 verttieben worden war. im J.1573, daher das erwähnte Ereigniß dem Beginne des 16. Jahrhunderts angehört. Er verpflanzte offenbar ein altes Herkommen der spanischen Juden nach Nord- Afrika, wo die Chevra Kadischa bis dahin unbekannt war, ein Institut, dessen modernes Ueberlebsel in de<Londoner Sephardimgemeinde unter dem Titel „Society of Lavadores“ (die Gesellschaft der Wäscher) fortbesteht und den verstorbenen Sir Moses Montefiore zu seinen Mitgliedern zählle. Bon dieser unserer Londoner Sephardimchevra wird in dem die Kranken und Todten betreffenden kabbalistischen Ritual- und Gesetzbuche Mäaber Jabbok des Aaron Berachja b. Moses von Modena (pag. 221, ed Wilna 1860) nur ein einziges Mal vorübergehend wie von etwas sehr Bekanntem Erwähnung gethan.