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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-11-11 · 46 (11.11.1892) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
46 (11.11.1892)
Date
1892-11-11
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 46 VesterlLittzlMzr Wochenschrift Seite 837 Russische Flnsnznöthen. Der neue russische Finanzminister, Herr W i t t e, wandelt gleich dornenvolle Pfade wie sein Amtsvorgänger. Der Wechsel im Finanzministerium hat den russischen Staatsschatz nicht reicher gemacht und die financiellen Calamitäten des Czarenreiches nicht vermindert. Wie einst bie.Blicke der alten Welt nach dem sagenhaften Goldlande Ophir gerichtet waren, so schaut der russische Schatzkarzler sehnsüchtig nach dem Westen aus, wo die goldenen Ströme rauschen und wo allein noch der knisternde Papierrubel gegen klingendes Metall ein getauscht werden kann. Herr v. Wyschnegradsky ist geisteskrank geworden, nachdem das Pariser Haus Rothschild wegen derj Judenverfolgungen in Rußland den bereits abgeschlossenen Präliminarvertrag, rückgängig gemacht hatte. Herr Witte hat nun die Sache schlauer anpacken wollen. Gr ließ, das Gerücht verbreiten, daß er eine Jüdin zur Frau genommen habe, und die russischen Zeitungen erhielten die Weisung, eine mildere Handhabung der Judengesetze in Aussicht zu stellen. In Paris und in London aber hegt man berechtigte Zweifel, daß den russischen Juden eine neue Esther e> standen sei und nach wie vor lehnt das Haus Rothschild die Liebeswerbungen des russischen Finanzministers.ab. Das Capital folgt in der Regel keinen confessionellen Rücksichten, wohl aber hält es sich an die Spuren der fortschreitenden Gesittung und Cultur. Die Drangsale und Bedrückungen aber, welche die russischen Juden zu - erleiden hat en, sind Ausbrüche bestialischer Regungen, welche von staatswegen gefördert werden, und die europäischen Geldmächte sind wohl berechtigt zu fragen, welches Vertrauen eine Regierung verdient, welche auf der einen Seite Millionen jüdischer Unterthanen der Verrichtung preisgibt und auf der anderen Seite um das Geld der Juden wirbt. Don allen Kennern russischer Verhältnisse,, ja von allen Großkausleuten russischer Nationalität selbst, wird -der -rapide Niedergang alles wirthschaftlichen Lebens im Czarenreiche als die Folge der Judenaustreibungen .bezeichnet. Kann die russische Regierung im Ernste daran glauben, daß ein Jude, in welchem nicht jedes menschliche Gefühl abgetödtet ist, noch die Mittel zu solch' fluchwürdigen Beginnen bieten wird? Cs ist der Gipfel der Schamlosigkeit und Medertracht, dem großen jüdischen Welthause zuzumuthen, daß es den Henkern und Würgern der eigenen Glaubensgenossen aus der Noch helfe, daß es sich denr unsäglichen Jammer verschließe, dessen schreckliche Wehlaute aus den rrrssischen Ghetto-Provinzen zu uns herüberdringen. Herr Witte ist deutscher Abstammung, aber er hat den Character der Nationalrussen gründlich studirt und sich denselben milder Versabilität des Deutschen angeeignet. Er ist der Typus der Verlogenheit und Gewissenlosigkeit und wo es sich um seinen Vortheil handelt, setzt er sich kühn über die in der ganzen gebildeten Welt herrschenden Begriffe von Ehre hinweg. Es war eine große Lüge, daß die Juden unter seinem Regime milder behandelt werden sollen, die Gräuel, deren Schauplatz die russischen Städte im Vorjahre waren, wo Taufende jüdischer Familien zur Zeit des Passahfestes nackt und bloß aus ihren Häusern gejagt, mißhandelt und in Ketten nach dem Ansiedlungsgebiete geführt wurden, wiederholen sich noch immer Tag für Tag. In Paris und in London aber erscheinen die rassischen Unterhändler in den Vorzimmern und Bureau's der jüdischen Bankiers und ihre Lippen überfließen von freundlichen Worten und süßen Reden. Von der neuen russischen Esther aber ist nicht mehr die Rede. Wenn sie wirklich existirt, ist sie ohnmächtig gegen den Willen der Pobiedonoszew und Jgnatiew, welche für die russischen Juden ein System von Martern ersonnen haben, gegen welches die Folterqualen der Inquisition noch barmherzig genannt werden müssen. Herr Witte aber schwimmt in der Hochfluth des Panslavismus und des Altrufseuthums, denn er verdankt den Führern dieser Bewegung seine Erhebung, er ist die Creatur der orthodoxen Partei und der Jnstinct der Selbsterhaltung gebietet ihm, die Grausamkeiten gegen die Juden ruhig geschehen zu lassen. So öffnet sich eine tiefe Kluft zwischen den Bedingungen seiner Macht und den Aufgaben, zu deren Lösung er berufen wurde. Solange die Judenverfolgungen fortdauern, vermag er Handel und Wandel in Rußland nicht zu beleben und die europäischen Geldmärkte bleiben ihm verschloffen. Es ist nicht die Solidarität des Judenthums, welche dieses furchtbare Dilemma über den Emporkömmling verhängt hat, sondern die Solidarität der menschlichen Civilisation. Dem Hause Rothschild wird es ewig zur Ehre gereichen, daß es angesichts der Ruchlosigkeiten, welche gegen unsere jüdischen Glaubensbrüder in Rußland begangen werden, jede Geschäftsverbindung mit der russischen Regierung abgebrochen hat. In diesem Entschlüsse kommt aber auch ein unwandelbares wirthschafrliches Gesetz zum Ausdruck. Das Capital als solches, mag es in christlichen oder jüdischen Händen sein, muß von tiefem Misstrauen erfüllt werden gegen die Regierung eines Landes, welches im blindwüthigen Fanatismus die eigenen Grundlagen der materiellen Wohlfahrt zerstörte und aller menschlichen Gesittung Hohn spricht. Herr v. Wyschnegradsky ist für den Frevel, den er der Menschheit zusügen ließ, mit geistiger Umnachtung geschlagen worden. Herr Witte ist vielleicht ein kräftiger veranlagter Geist als sein Vorgänger, er ist zum mindesten schlauer und intriguanter, aber an der Unmöglichkeit, die Barbarei mit der Cultur, die Lüge mit der Wahrheit zu vereinigen, wird auch er scheitern. An den russischen Papierrubel klebt das Blut Tausender unserer Glaubensgenoffen und kein ehrlicher Mann, mag er Jude oder Christ sein, wird sich finden, der für diese blutigen Zeugnisse asiatischer Tyrannei das reine Gold europäischer Gesittung bietet. Me „Chewra Radischa". Bon Rev. M. Adler, 8. Ä. laus Jewish Chronicle vom 7. £ftob«v 1S9S), überseht von Ignaz Kaufmann (Kojeteiiy. Wiederholentlich ist von Schriftstellern der verschiedensten Denkrichtungen aus die Zähigkeit hingewiesen worden, mit der die Juden an althergebrachten, bezüglich des Ursprunges noch so dunkeln oder belanglosen Sitten und Einrichtungen festhalten. Wenn auch die Umstände anders, die Weltcultur im Allgemeinen bester geworden, der Jude schreitet mit den Errungenschaften seiner Zeit vorwärts, treu ergeben dem Herkommen und den Sitten, die seine Ahnen in leidvolleren Tagen gepflogen haben. Und doch ist eine alte, berühmte Einrichtung, die Institution der „Chewra Kadischa" od.'r, wie ihr voller Titel lautet, $$*QTT „Der heilige Verein für Mildthätigkeit, Krankenbesuch, ''D'brt TljTn ffHDrr rvfrtM und andere wohlihätige Absichten" verfallen gelassen, und wenigstens in England aus dem jüdischen Gemeindeleben entfernt worden. Denn war die Haupttendenz aller dieser Vereine oder Bruderschaften ehedem, für die Pflege der Kranken und Sterbenden, sowie für das Begräbniß der Todten Personen zu gewinnen, die keine Bezahlung beanspruchten, so ist aus dieser Chewra heutigen Tages „der Beerdigungsverein der Centralsynagoge" , The Burial Society of the United Synagogne) geworden, dessen Mitwirkende für ihre Leistungen bezahlt werden. Es war aber auch ein Hauptmerkmal der alten Chewras, daß alle Mitglieder einer Gemeinde, ob sie reich oder arm waren, sich freiwillig in den Dienst der frommen Dienstersüllung, der Uebung wahrhaft frommer Handlungen, in den Dienst von "JDn stellten, deren Lobes unsere Rabbinen so voll sind. Die Ge schichte der Chewras im Allgemeinen muß noch geschrieben werdenes wird daher nicht unangebracht sein, da ein vollständiges Werk über dieses äußerst anziehende Thema mangelt, der Geschichte der aller Wahrscheinlichkeit nach ältesten, dem Judenthume bekannten Chewra nachzuforschen. Die Art ihrer ersten Entstehung ist unmöglich aus irgend einem historischen Documente nachzuweisen; ihr Vorhandensein muß thatsächlich an das der Familie Israels selber geknüpft werden. Galt es doch immer für die heiligste Pflicht im Judenthum, die Todten mit Anstand zu begraben, den Abgeschiedenen selbst unter persönlichen Schwierigkeiten die letzten Ehren zu erweisen, eine Gesinnung, deren Aussterben wahrlich eine schlimme Zeit herbeiführen würde. Tadelnd bemerken unsere Rabbinen von Joseph (Lliär. Rabba Genesis c. 50), daß er, obwohl ein Bicekönig. zu dem Begräbnisse seines Vaters Jacob die mit diesem Dienste betrauten Balsamirbeamten verwendete. Der hohe Priester, der nach 3.vMos. 21, 11 an dem Leichnam seiner eigenen Eltern sich nicht verunreinigen durste, war nichtsdestoweniger gezwungen,

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