Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-11-11 · 46 (11.11.1892) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
46 (11.11.1892)
Date
1892-11-11
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020946--01880-3025942
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 46 Orsterreichifchr WochrnfchrrfL Seite 933 Ministers haben unter den den Juden feindlich gesinnten Migliedern des Ministerrathes große Verstimmung hervorgerufen. , Die Freunde Pobedonoszew's machen große Anstrengungen, das j Privilegium vom 16. Februar 1861, durch welches den jüdischen Kolonisten eine Ausnahmsstellung verliehen wurde, außer Kraft zu setzen und auf dieselben die projectirten härteren Maßregeln ebenfalls auszndehnen. In unterrichteten Kreisen hält man es für wahrscheinlich, daß Minister Ostrowski gleich in den ersten Stadien der Berathung über die Judenfrage aus dem Ministerium scheiden werde. Maroeco. Seitdem die Kasbah von Marocco einen neuen Gouverneur in der Person des Hadji Mohammed Widech erhalten hat, sind die Juden wieder grausamen Verfolgungen ausgesetzt. Derselbe hat die Strafe der körperlichen Züchtigung, deren Abschaffung Sir Moses Montefiore von dem Vorfahren Aladin Hassan's erwirkt hatte, wieder eingeführt urd läßt dieselbe wegen der geringsten Vergehen in geradezu barbarischer Weise vollziehen. Congo. M. Lipmann, bisher Bureauchef des Departements des Innern in Franz. Congo, wurde zumDirector dieses Departements ernannt. Feuilleton. Asretik und Liebe. (Schluß.) Am nächsten Morgen gleich nach dem Gebete packte er seine Effecten, dann ging er auf den stillen Friedhof hinaus und verweilte eine geraume Zelt mit wehmüthiger Trauer an den Gräbern seiner Eltern. Jetzt stand ihm nur noch der eigentliche Abschied bevor, den sein Herz nehmen sollte von dem Hause, wo er die zwei geliebten Seelen zurücklassen sollte. Er hätte mit Freuden die Hälfte seines Lebens darum gegeben, wäre dieser Abschied erst überstanden gewesen. Wie ein Schatten betrat er die Wohnstube, wo Anna allein bei einem Nähzeug saß. Sie stand rasch auf und legte die Arbeit weg. Ein Plötzliches helles Roth flammte aus ihren Wangen auf, aber Todtenblässe deckte sie gleich wieder. Sie zitterte so heftig, daß sie kauni stehen konnte. Auch Salo konnte das Wort nicht finden. „Du kommst Abschied zu nehmen!" sagte sie endlich leise. „Ja, ich komme Abschied zu nehmen", wiederholte er tonlos, ohne zu wissen was er sagte. Und wieder schwiegen die Beiden. „Lazar ist über Land gefahren und kommt erst Abends wieder". „Dann bring' ihm meinen Gruß!" rief der junge Mann heftig, „ich habe keine Zeit, bis Abend zu warten". Er drehte sich um und wollte fort. Aber plötzlich fühlte er ihre weiche Hand auf seinem Arm. „Nicht so" sagte sie ernst, „das kannst du vor Gott nicht verantworten; bleibe bis Lazar heimkommt, mir zu Liebe". „Aber fühlst Du denn nicht, was ich dabei leide?" rief Salo, „ich kann es nicht!" „Leide ich denn minder?", fragte die junge Frau schmerzlich. Und er setzte sich an's Fenster, so ferne als möglich von ihr. Sie nahm ihre Arbeit wieder zur Hand. Nach langem Schweigen sagte sie: „Du bist mir böse» Salo". „Woher?" „Daß ich —", sie stockte. Salo verstand, was sie hatte sagen wollen. „Das war Gottes Wille", sagte er sanft. Die junge Frau brach in Thränen aus. Bon seinen Gefühlen überwältigt, verließ er hastig die Stube und ging wieder auf sein Zimmer zurück. Er fastete heute den ganzen Tag und fiel vor Schwäche in einen leisen Schlaf, aus dem ihn erst spät Abends das Rollen eines Wagens weckte, der in den Hof fuhr. Er vermuthete die Heimkehr des Onkels und machte sich auf den schweren Weg in-die Wohnstube. Der Onkel und Anna erschrocken vor seinem todtbleichen Aussehen. „Anna, richte zum Essen an", sagte der Onkel. „Salo nimmt heute Abschied", flüsterte ihm die Frau zu, und Thränen zitterten in ihren Augen. „Gerade deswegen bedarf er doppelter Stärkung." Anna ging hinaus, das Abendessen zu besorgen. Der Onkel war beim Mahle ungewöhnlich guter Laune. Er schien die trübe Stimmung gar nicht zu bemerken, die auf Beiden lastete. Er scherzte und erzählte Anekdoten. So ging der Abend hin. Als es zehn Uhr schlug, stand er auf. „Ach!" sagte er, hörbar gähnend, „jetzt fühl ich schon, daß ich heute ein paar gute Meilen herumgereist bin; nach einer solchen Tour ist Einem das Bett schon willkommen. Er steckte seine Laterne an und ging hinaus, die Thüreu zu verschließen. Salo und Anna blieben allein, nur das Pochen ihrer Herzen unterbrach das Schweigen. Endlich sagte Salo: „Gib mir das Versprechen auf den Weg mit, daß du immer an Gott denken und den guten Onkel, deinen Mann, lieben wirst!" Ihre Stimme bebte unter Thränen: „Ich verspreche es dir!" „Habe Dank!" sagte er, einen leisen Kuß auf ihre Sttrn hauchend. „Habe Dank! Lebwohl! _ Als Anna den leisen Hauch seines Mundes über ihre Stirn gleiten fühlte, war's ihr, als müffe sie vergehen vor Seligkeit und Schmerz, sie sank auf einen Stuhl, die Hände gefaltet, die Augen geschlossen. Als sie sie wieder ausschlug, war Salo fort, das Zimmer leer. Sie schaute um sich her, sie wußte nicht, wo sie war, sie wußte nur das eine, daß er fort war. „Für immer!" sagt sie laut zu sich und der Klang ihrer Stimme machte sie beben. Sie verhüllte ihr Gesicht mit den Händen und weinte. Lange saß sie so da, regungslos; sie hörte nicht, daß die Thür sich leise öffnete, sie sah nicht, daß ihr Mann eingetreten war und neben ihr stand; aber wie elektrisirt sprang sie auf, als seine Hand sich zärtlich aus ihre Schulter legte. — „Fort, fort," stöhnte sie, „das verdiene ich nicht". Sie glitt zu seinen Füßen nieder, diese umklammernd Aber sanft hob er sie empor. „Nicht so, Anna" sagte er und stützte die Wankende „Das Unglück darf nicht die Sprache der Schuld sichren! Armes Kind, nicht deine Schuld ist es, daß es so gekommen ist." Er führte sie mildtröstend zum Sopha, setzte sich neben sie und legte ihr thränenüberströmtes Gesicht an seine Brust. „Meinst du, ich hätte es nicht kommen gesehen, lange schon eher, als ihr selbst es ahntet? Ich hätte seinen Kamps, seine Qual nicht gesehen, die ihn wieder forttreibt in die Ferne? O ich habe Alles gesehen, selbst den heiligen Kuß, der Euren Abschied weihte. Arme Kinder, ihr habt viel gelitten, aber ich leide nicht weniger als Ihr!" Und Salo? * * Apathisch ging er nach diesem Abschied aus sein Zimmer und setzte sich über einen Folianten; aber er vermochte nickt zu denken und starrte blos auf die Blätter. Um Mitternacht setzte er sich wie immer auf die Erde, um über den Fall Zions zu weinen, doch jetzt konnte er nicht die rechte Sttmmung treffen. Er blies die Lampe aus, setzte sich zum Fenster und schaute mit stumpfer Ruhe in die schweigende Nacht hinaus, bis der Morgen graute. Dann legte er Tales und Tefilin an und betete, aber ohne Andacht, bei aller Mühe, die er sich gab, die weltlichen Gedanken zu verscheuchen und sich mit Gott zu vereinigen. Nach Beendigung der Gebetstücke machte er sich auf, stieg aus dem Fenster und schritt langsam, ohne einen Blick rückwärts zu werfen, aus dem Garten dem Wäldchen zu. Ehe er aber in das Dunkel der Bäume trat, blieb er stehen und breitete die Arme aus, mit schmerzlicher Sehnsucht der geliebten Heimat seines Herzens zu. Mit Inbrunst betete er: „Friede deinen Mauern!" und trat in den Wald, der ihn bald mit seinen tiefen Schatten umfing. -st -st -st Eine lange, lange Zeit war vergangen, stille einförmige! Tage, bis sie zu Jahren geworden. Im Hause Onkel Lazar's war im Aeußern Alles beim Alten geblieben; Onkel Lazar stand rüstig seinem Geschäfte vor und die junge Frau waltete ge- ■ schäftig in Haus und Hof. Dem oberflächlichen Beobachter würde es sicher nicht ausgefallen sein, daß im inneren Leben der beiden Gatten sich so

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.