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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-11-11 · 46 (11.11.1892) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
46 (11.11.1892)
Date
1892-11-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 834 Orsterreichifche Wochrnfchrrfi Nr. 46 Manches anders gestaltet hatte; daß auf der Stirn Onkel Lazar's sich tiefe Furchen eingenistet hatten, sah Jeder; aber die Furchen, die ein tiefer Gram in seinem Herzen gezogen und die viel, viel tiefer waren, als die auf feiner Stirn, sah Niemand, nicht einmal Anna, der er sie verborgen hielt um jeden Preis. Reue war die Pflugschaar, die diese Furchen zog, Reue, die geliebten Kinder seines Herzens unglücklich gemacht zu haben, ohne Hoffnung auf Erlösung. Denn selbst sein Tod konnte nichts mehr gut machen, weil Salo verschollen war. Kein Mensch hörte oder wußte etwas von ihm. Auch Anna litt im tiefsten Grund ihres Herzens, aber auch sie schwieg. Der Gedanke an Salo folgte ihr, wo sie auch war. Die Sorge um ihn, die Furcht für ihn. Sie hätte wohl noch ruhig werden können, hätte sie nur gewußt, wo er war und wie es ihm gehe. Sie war noch immer die hübsche, junge Frau, aber sie war still und ernst geworden. Sie wurde nicht siech und kränkelte nicht, bis der Tod kam, sie zu erlösen von ihrem Leid, wie das so in Romanen erzählt wird, denn sie war fromm und das Gebet bewahrte sie vor Verzweiflung; aber die Freuden ihres Lebens waren zu Ende. In ihrem Herzen hatte sie ihn und ihre Lwbe zu ihm begraben und ihr junges Leben ihm zum Opfer gebracht. Die Thränen, die sie um ihn, als um einen theuren Todten weinte, sah nur Gott, aber sie weinte sie oft und gern. So waren Jahre vergangen. Die beiden Gatten lebten still nebeneinander, wie zuvor. Das gemeinsame Leid, daß sie trugen, band sie noch fester aneinander. Da kam ein Brief aus Amerika. Anna's Herz jubelte vor Entzücken, als sie die vielgeliebten Züge sein e r Hand erkannte. Der Brief war nur kurz, aber doch lang genug, um die Trauernde mit Freude zu erfüllen. Er schrieb, er habe den Gedanken, Rabbiner zu werden,ganz aufgegeben, Weiler in diesem Stande nicht hätte ledig bleiben können, er habe aber dem Heiraten für immer entsagt. Er habe sich ganz der Wiffenschast zugewendet, die Wiffenschast sei seine Geliebte, seine Braut seine Angetraute, er lebe nur ihr allein. Er sei noch derselbe Asket wie früher, nur war er es bislang aus religiöser Hingebung, jetzt aber aus Philosophie und es sei ein höherer Grad der Vollkommenheit, irdischen Genüssen zu entsagen, weil man sie für eitel hätt, als weil man sie als Sünde scheut, weil man will, als weil man muß. Der jüdischen Wiffenschast sei er noch immer in erster Linie zugethan und es werde demnächst von ihm ein Merck erscheinen, welches er seinem lieben, theuren Onkel Lazar widmet und in der Widmung dessen edlen Character schildert. Aber auch Anna sei darin gezeichnet in dem Bilde von den Töchtern Zions. „Die Liebe zu Dir, Anna," sagt er zum Schluffe des Briefes, „hat meine Feder in die lieblichsten Farben getaucht und die Erinnerung, mir Dein Bild als die Repräsentantin Deines Geschlechtes in unserem Stamme, dem Freund und Feind die schönsten und reinsten Frauen zuerkennen, gezaubert. Fragt mich nie nach den Jahren, die zwischen heut und damals liegen; ich suche sie aus meinem Leben auszustreichen, wenn es mir auch noch nicht ganz gelungen ist. Betet für mich, wie ich für Euch. Gott sei mit Euch!" „Nun?" sagte Onkel Lazar, als die junge Frau den Brief gelesen und schweigend zur Seite gelegt hatte. „O, nun ist Alles gut!" erwiderte sie und Helle Thränenperlen glänzten in ihren Augen. Mitternacht war längst vorüber, als sich die beiden Gatten erhoben. Beide hatten, noch Thränen in den Augen, aber Frieden im Herzen. Wenige Monate darauf traf das Werk Salos ein. Es wurde auf das Zimmer gebracht, welches im Hause noch immer sein Zimmer hieß, aber -nicht in den Bücherkasten neben die Folianten gestellt, sondern auf den Tisch gelegt und bildete die stete Lectüre Onkel Lazar's und Anna's, nicht aus Eitelkeit, weil sie sich darin verewigt fanden, sondern, weil sie beim Lesen in demselben mtt Salo selbst zu verkehren wähnten. So vergingen wieder mehrere Jahre in ununterbrochenem Briefwechsel mtt Salo. Onkel Lazar kränkelte und wurde endtich bettlägerig. Anna wich nicht von seinem Lager. Sie litt unsäglich, das sah man an ihren eingefallenen Wangen, ihren trüben Augen. Eines Tages trat bei dem Kranken eine solche Mattigkeit und Bewußtlosigkeit ein, daß der Arzt beim Fühlen seines Pulses leise zu Anna bemerke: „Er schlägt raum mehr!" Da stürzte sie mtt lautem Angstschrei über ihren Gatten: „Nimm mich mtt Dir, ich kann nicht leben ohne Dich!" Dieser herzzerreißende Schrei weckte den Kranken einen Moment aus seiner Betäubung, er gewann die Kräfte sie einen Mgenblick an sich zu drücken. Es war ihm wunderbar selig zu Muthe. Mit dem lieblichen Bilde, das vor seiner Seele stand: Anna in seinen Armen, entschlummerte er süß — zum Nimmerwiedererwachen. Bald nach Ende des Trauerjahres kam Salo mit einer Anzahl von Kisten und Koffern aus Amerika in seine Heimat. Er war ein gealterter Mann. Sein Ruf als Gelehrter drang in die weitesten Kreise und das Städtchen sah öfters Fremde, die ihn besuchten. So lebte er in dem Hause, wo er seine Jugend verlebte, noch viele Jahre mit Anna, wie Bruder und Schwester, nur eins in der Erinnerung an Onkel Lazar. Gottesdienst im ifrarl. Tempel in der Rotzau. In unserer, dem Materialismus huldigenden Zeit, in welcher eine fortwährende Jagd nach nur materiellen Gütern herrscht, ist ein würdevoll begangener Gottesdienst für jeden ideal angelegten Menschen eine wahre Herzenserfrischung. Ein mit inniger Andacht gefeierter Gottesdienst ist bei dem Treiben und Hasten nach nur materiellen Gütern für den Geist eine Erholung gewährende Ruhestätte, wie für den Wanderer in der Wüste eine Oase. — Ein solcher Gottesdienst ist die Feier des Vorabends des Sabbath im israelitischen Tempel in der Roßau. Das Gotteshaus ist festlich geschmückt, ohne jedoch durch unnöthigen Prunk, welcher nur zu leicht die Gedanken von dem eigentlichen Gegenstand der Verehrung auf andere Dinge ablenkt, überladen zu sein. Man fühlt sich daher auch bald heimisch in dem Gotteshaus, in das durch Sorgen des Tages aufgeregte Gemüth kehrt eine wohlthuende Ruhe ein, und dies ist die Vorbedingung, soll das Gemüth für eine dasselbe veredelnde Stimmung empfänglich sein. Der Gottesdienst wird in der würdevollsten Weise begangen. Obercantor Philipp Kläger, welcher mit einer phänomenalen Stimme begabt ist, die er in Folge einer ausgezeichneten Schulung vollkommen in seiner Macht hat, versteht es, durch seinen Gesang die Anwesenden zur Andacht zu stimmen. Man fühlt, daß der Sänger denkt, daß sein Gesang ein Gebet ist, und deshalb ruft er auch bei den Hörern eine andächtige Stimmung hervor. Auch der zweite Cantor versteht es, durch seine wohlklingende Stimme die Anwesenden zur Andacht zu stimmen. Im Chor hört mau jugendfrrsche, wohlgeschulte Stimmen. Kurz der ganze Gottesdienst ist wie er sein soll, ein würdevoller Act zur Ehre Gottes. Der Schreiber dieser Zeilen ist kein Jude, dennoch aber war für ihn der Besuch des israelitischen Tempels in der Roßau ein wahrer idealer Genuß. Auf dem Heimwege wollte ihm der Satz, welchen er in Moltke's „Trostgedanken" gelesen, nicht aus dem Sinn: „Ueberhaupt sollte nicht jedes fromme Gebet, möge es nun an Buddha, an Allah oder Jehova gerichtet sein, an denselben Gott gelangen, außer dem es keinen gibt"? _ Ein Philosoph. Wochenkralendrr. Cheschwan 5653. — November 1892. 21 Freitag 11 Chaje Sarah Eintritt der Nacht 22 Samstag 12 rrm "n um 5v 2w. 23 Sonntag 13 24 Montag 14 25 Dienstag 15 26 Mittwoch 16 27 Donnerstag 17 28 Freitag 18 Briefkasten. . Atter Abonnent, Miihr.-Ostra«. Wenn Adolf Belladi, Graveur, VII., Mariahilferstraße 54, einen Brief an einen dortigen Kaufmann, welcher sich über einige hiesige Kaufleute, die zufällig jüdischer Conftssion sind, erkundigte, mit den Worten einleitete: „Das sind ja keine Leute, das sind Juden, das ist ja genug gesagt" so müssen die Juden sich dieses Herrchen wohl merken.

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