Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 46 (11.11.1892)
- Date
- 1892-11-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 882 Vesterrrichischr Wochenschrift Nr. 46 Berlin, 3. November. Am 30. v. M. starb zu Charlottenburg Dr. Leopold Loewenherz, der Director der technischen Abtheilung der physikalisch-technischen Reichsanstalt, der sich um die Förderung der Physikalisch-technischen Wissenschaft ein ganz hervorragendes Verdienst erworben hat. Zunächst streng wissenschaftlich durchgebildet, wählte es sich Loewenherz aus eigenem Willen zu seiner besonderen Aufgabe, gestützt auf theoretische Kenntnisse in der Mathematik und Physik, die physikalische Technik in Deutschland auf eine bessere und tiefere Grundlage zu stellen. Zu diesem Ziele wandte er seine Arbeit selbst auf physikalisch-technische Fragen, sodann war er bestrebt, den Stand der Präcisions-Mechaniker zu heben, indenr er für eine bessere theoretische Ausbildung derselben öffentlich eintrat. Mit Theorie und Technik allmählich gleich vertraut, gab Loeweuherz weiterhin allgemein die Mittelsperson zwischen den Vertretern der Wissenschaft einerseits nnd den physikalischen Technikern andererseits ab, wobei er oft beide Parteien auf das Eindringlichste berieth. Allein er beschränkte seine Hilfsleistung nicht auf die Physik, sondern stand auch verwandten Fächern gerne zu Gebote, insbesondere hat er Mediziner vielfach durch seine technische Kenntniß unterstützt. Allmählich wurde Loewenherz die Seele aller Bestrebungen auf dem Gebiete der Präcisionsmechanik. Er hat viel für die Einrichtung von Fachschulen für Mechaniker gethan und erfolgreich für die Einführung einheitlicher Systeme in der Feinmechanik gewirkt. Eine der letzten Unternehmungen dieser Art, an welcher Loewenherz mitarbeitete, war die Herstellung eines einheitlichen Systems für Schraubengewinde. Ganz besonders bedeuffam sind Loewenherzs Leistungen auf dem Gebiete der practischen Thermometrie. Leopold Loewenherz, 1847 zu Czarnikau in der Provinz Posen, aus achtbarer, aber unbemittelter Familie stammend, geboren, erhielt seine Schulbildung in der Realschule zu Posen, deren Director Wilhelm Breneke (gest. 1872) in ihm eine ganz besondere Vorliebe für mathematische Studien erweckte. Nachdem Loewenherz 1865 den Realschulcurs beendet und hier die Reifeprüfung bestanden hatte, ging er auf das Maria-Magdalena-Gymnasium über, um sich das fiir Universitätsstudien damals noch unerläßliche Gymuasial-Reife-Zeugniß zu erwerben. 1866 kam er schließlich zur Universität Berlin, an welcher er 8 Semester lang Mathematik, Physik und Astronomie studirte. Von seinen Lehrern schloß er sich besonders Wilhelm Förster, Kronecker, Kummer und Weierstraß an. Den beiden Letzteren trat Loewenherz als Mitglied des von ihnen begründeten und geleiteten mathematischen Seminars (er gehörte vier Halbjahrelang denselben an) näher, nachdem er sodann im Sommer 1870 mit der Abhandlung «Oe curvis tangentialibus curvaruin algebraicarum ordinis N“ hier zum Doctor promovirt hatte, übernahm er die Stelle eines Hilfsarbeiters für Mathematik und Physik bei der 1870 ins Leben gerufenen von Wilhelm Foerster geleiteten Normal-Aichungs- Commission. Bei diesem wissenschaftlichen Amte verblieb Loewenherz allmählich auffteigend bis zum Jahre 1888, um sodann an die durch Werner Siemens' Freigebigkeit möglich gewordene physikalisch-technische Reichsanstalt als Director der technischen Abtheilung (Loewenherz hatte seit Jahren der Begründung einer solchen Anstalt eifrig das Wort geredet) überzutreten. Die Ergebnisse d;r wissenschaftlichen Arbeiten von Loewenherz finden sich zumeist in den Berichten der Normal-Aichungs-Commisjion, der Chemischen Gesellschaft und der Zeitschrift für Jnstrumentenkunde. Zu nennen sind davon: „Ueber Veränderlichkeit der Platingewichtsstücke (1876). Anwendung der Torsion von Drähten zur Ermittelung von Gewichtsgrößen" (1880). „Ueber thermometrische Fundamental-Versuche" (1877), „Bericht über die wissenschaftlichen Instrumente, aus der Berliner Gewerbeausstellung" (1880), „Das Gewichts-Alkoholometer" (1880 mit Homann), „Die Jndices bei Maximum- und Minimum-Thermometern", „Zur Geschichte der Entwickelung der mechanischen Kunst" (1882). Besonders hervorzuheben ist, mit welchem Eifer Loewenherz die Geschichte der Mechaniker gepflegt hat, ein Gebiet, daß sonst nicht viele Liebhaber findet. Loewenherz war ein guter Jude. Noch in letzter Zeit bestand die Absicht, ihn in das Repräsentanten-Collegium der jüdischen Gemeinde zu wählen, und er hatte sich gerne bereit erklärt, der heiligen Sache zu Liebe eine solche Wahl anzunehmen. Aber auch in allgemein menschlicher Hinsicht, in der Förderung aufstrebender Talente, in der Unterstützung von Armen, suchte Loewenherz die Stellung, die er sich zu erwerben verstanden, nutzbar zu machen. So bedeutet sein Tod einen schweren Schlag für seinen Beruf und seine Wissenschaft, einen unersetzlichen Verlust für seine Familie, seine Freunde und den großen Kreis derjenigen, denen sein menschenfreundliches Herz so warm geschlagen hat. Das Leichenbegängniß fand am Mittwoch Vormittag unter sehr großer Betheiligung statt Paris. M. Joseph Reinach, der bekannte Deputirte und Herausgeber der Uepubligue I'rauoaibe wurde zum Stabsofficier der Territorial-Armee ernannt. M. Reinach diente bei den Manövern im Osten Frankreichs im vorigen Jahr im Stabe des Generals de Guillifet und veröffentlichte über die Manöver einige sachkundige Abhandlungen, welche großes Aufsehen erregten. — Die französische Academie der Wissenschaften erhielt von M. Leony den Betrag von 50.000 Frcs., welcher als Preis für die Entdeckung eines Heilmittels gegen die Diphterie bestimmt ist. Der hochherzige Spender hatte das Unglück, eine Tochter infolge dieser Krankheit zu verlieren. London. (Baron Alfred Rothschild als D e legi rter zur Münzconferenz.) Die englische Regierung hat, wie unser Londoner Correspondent meldet, den Baron Alfred Rothschild zum Delegirten bei der Brüsseler Münzconferenz ernannt. Baron Alfred Rothschild, ein Bruder des Lord Nathaniel Rothschild, ist Director der Bank von England und österreichischungarischer General-Consul in London. Baron Alfted Rothschild hat auch als Experte ein Schreiben an die berühmte englische Gold- und Silbercommission gerichtet und sich in diesem Schreiben für die Aufrechthaltung der Goldwährung in EyglandLausgesprochen. Rom. Mehrere Zeitungen melden als ganz bestimmt die bevorstehende Berufung des Exministers Signor Luzzatti in den Staatsrath. Diese Auszeichnung rechtfertigt sich durch seine reiche Vernunft auf allen politischen und financiellen Gebieten. Mailand. Die Installation des neuen Ober-Rabbiners Signor de Fano, vormaliger Ober-Rabbiner von Corfu, wurde gleichzeitig mit der Einweihung der neuen prächtigen Synagoge gefeiert. Die Synagoge ist im Innern reich mit Marmor und Granft ausgestattet und enthält auch einige prachtvolle venetianische Mosaiken, der Bau hat einen Flächenraum von 1000 Quadratmeter und eine Front von 30 Meter. Die Kosten welche sich auf mehr denn 400.000 Lire beliefen, wurde zum größten Theil durch ein Legat bestritten, welches der verstorbene Signor Salomone Ottolenghi, der mehrere Jahre hier lebte, zu diesem Zwecke bestimmt hatte. Genua. Baron Franchetti's neue Oper „Christoforo Colombo" hatte einen großen Erfolg. Der Compositeur wurde 28 Male vor die Rampe gerufen. Petersburg. (Falliment Günzburg.) Die Abwickelung dieses großen Fallimentes geht viel rascher und erfolgreicher von Statten, als ursprünglich erloartet wurde. Das Pariser Etablissement hat sich mit seinen Gläubigern bereits vollständig auseinandergesetzt, es bezahlt eine Quote von 80 Percent, von welcher der größte Theil bereits liquidirt wird. Durch dieses Arrangement wird die Ordnung der Firma Günsburg in Petersburg wesentlich erleichtert, indem die letztere für das Pariser Etablissement eine Reserve von anderthalb Millionen Rubel zurückgestellt hatte, von welchen aber nur 200.000 Rubel in Anspruch genommen werden, so daß nunmehr 1,300.000 Rubel den Gläubigern des St. Petersburger Hauses zu Statten kommen. Da dieses Institut jedoöh außerdem noch eine Goldmine in Sibirien besitzt, welche jährlich einen Reinertrag von einer Million Rubel abwirft, so steht schon demnächst ein Arrangement in der Weise zu erwarten, daß die Gläubiger den größten Theil ihrer Forderungen baar und für den Rest und alle aufgelaufenen Zinsen Anweisungen auf kurze Termine erhalten dürften, sie werden somit voll bezahlt werden. Das Haus legt Werth darauf, seine Insolvenz als eine ihm aufgezwungene, in seinen Berhältnissen ebenso wenig wie in seinen Absichten gelegene, zu erweise n. Petersburg. Die „Oestl. Corr." meldet aus Petersburg: Domänenminister Ostrowski ist von seiner Reise nach Südrußland, welche die In spicirung der jüdischenAckerbau- Col onien zum Zwecke hatte, zurückgekehrt. Die bis zur Rückkehr Ostrowski's vertagte Berathung über die Judenfrage wird aber trotzdem nicht so rasch wieder ausgenommen werden. Die in so günstigem Lichte dargestellte Lage der ackerbautreibenden Juden, mehr aber noch der mündliche Bericht des Domänen-