Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 46 (11.11.1892)
- Date
- 1892-11-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 46 Oesterrenhische Wochenschrift ©eite 829 Dr. Adolf Scheermann, Ignaz Schlesinger (Buchdrucker), Dr. Jacob Schreyer, Armin v. Schwarz, Adolf Sternthal, Paul Tencer, Emerich v. Ullmann. Nachdem das Wahlergebniß mit Eljeumfen zur Kenntniß genommen worden, entsendete die Generalversammlung unter Führung des Herrn M. L. Kunewalder eine aus den Herren Armin Brüll, Sigmund Breitner, Moses Ehrlich, Leopold B. Hollitscher, Sigmund Kohner, Ludwig von Krauß, Friedrich v. Neumann, Adolf Schweiger, Karl Weiner und Ludwig Wolfner, bestehende Deputation behufs Verständigung und Einholung des neugewählten Vorstandes in die Versammlung. Nach kurzer Zeit erschien, von rauschendem Beifall begrüßt, der Vorstand. Präsident Moriz Wahrmann war wegen Unwohlseins am Erscheinen verhindert. Paul Tencer begrüßte in warmen Worten die Gewählten, von denen jeder Einzelne das in ihn gesetzte Vertrauen schon durch sein bisheriges, langjähriges und erfolgreiches Wirken vollauf gerechtfertigt hat. Redner wirft einen interessanten Rückblick auf die Geschichte dieser Gemeinde die im Jahre 1798 ihre erste Organisation erhielt. In dem heute zum vierten Male wiedergewählten hochverdienten Präsidenten Moriz Wahrmann besitze die Gemeinde ihren zehnten Präses, dessen bisherige neunjährige Wirksamkeit das Wohl und das Ansehen der Gemeinde in hervorragender Weise förderte. Redner drückt das Bedauern der Versammlung über die Abwesenheit des Präsidenten aus, wünscht demselben beste Gesundheit, indem er mit dem Wunsche schließt, daß Moriz Wahrmann noch ein langes, glückliches Leben beschieden sei! Es dankt hierauf im Namen des Vorstandes Vicepräsident Samuel Deutsch für das neuerlich geäußerte Vertrauen; er versichert die Repräsentanz, daß der Vorstand bestrebt sein werde, die Gemeinde auch in Hinkunft in echt jüdischem, patriotischem und humanem Geiste und der vornehmen Stellung derselben entsprechend zu leiten, wozu sich der Vorstand die Unterstützung der Repräsentanz erbittet. Nach dieser lebhaft acclamirten Rede erhob sich Ludwig v. Krauß, um unter allgemeiner Zustimmung dem Vorsitzender Herrn Paul Tencer für" dessen mühevolle und begeisterte, stets dem Wohle der Gemeinde geweihte Thätigkeit den Dank der Repräsentanz auszudrücken. Paul Tencer dankt für diese ehrende Aeußerung des Vertrauens, die heilige Sache der Gemeinde wird in ihni stets einen treuen Förderer finden. Unter Eljenrufen auf den Vorsitzenden schloß die Sitzung. Köln, 1. November. Bor einigen Tagen sprach Hierselbst der antisemitische Agitator Dr. Paul Förster. Ihm trat ein Socialdemokrat, Namens Meyer, entgegen, der ihn in längerer ironischer Rede abführte. Ohne allen politischen Einzelheiten derselben zuzustimmen, bringen wir sie nach der „Rh. Ztg." zum Abdruck, da uns die Methode der Polemik wirksam erscheint. — Der Redner führt Folgendes aus: Er sei aus der jüdischen Kirche amtsgerichtlich ausgetreten, da er auf dem Boden des Atheismus stehe. Der Wahrheit zur Ehre müsse er aber die falschen Angaben der Antisemiten bekämpfen. (Ohorufe, großer Lärm.) Redner ruft: „Meine Herren, rufen Sie doch nicht oho! ich gestehe offen, daß ich hier in Bezug auf Antisemitismus andere Anschauungen als früher habe und heute sehe ich ein, daß ihr Schlachtruf: „Haut die Juden nieder!" vom moralischen, vom christlichen und vom humanen Standpunkte nur gutzuheißen ist. (Allgemeines Erstarken.) Während die Bankiers, Äctionäre, Großgrundbesitzer und Millionäre — und das. sind nur Juden — in Saus und Braus leben und Austern mit Champagner genießen, muß der Mittelstand, wie auch der Referent hervorhob, sich abrackern für das tägliche Brod, und auch die breiten Massen des Volkes müssen im Schweiße ihres Angesichtes das tägliche Brod verdienen. (Rufe: Sehr richtig!) Woher kommt es nun, daß dieses Brod dem Volke so sehr vertheuert wird? Daran haben nur die Juden Schuld. (Bravo-Rufe) Nehüien wir erstens diese sogenannten Schutzzölle, wodurch jeder Bissen Brod schwer besteuert wird. Wer hat nun Interesse an diesen Zöllen, und wer hat sie mit ins Leben gerufen? Ja, meine Herren, das sind z. B. die Großgrundbesitzer Fürst von Fürstenberg, Fürst von Aremberg, Fürst von Thurn und Taxis, Fürst von Bismarck; nun meine Herren das sind nur Juden! (Heiterkeit.) Doch noch mehr! Wenn das Mehl einmal in Köln angekommen ist, dann wird das Kilo Brod statt der officiellen 17 und 18 Pfg. von den Vorstandsmitgliedern der Bäcker-Innung zu 24. 25 und 26 Pfg. verkauft, und woher kommt es, daß in dieser Weise das brodconsumirende Kölner Publicum tagtäglich um mehrere tausend Mark über's Ohr gehauen wird? Sehr einfach, meine Herren! weil die Kölner Bäcker-Innung durch und durch verjudet ist! (Heiterkeit.) Wenn nicht sämmtliche Vorstandsmitglieder, wie jetzt, Juden wären, sondern ehrliche deuffche Christen, dann wäre es nicht vorgekommen, daß die Bäcker-Innung mit dem Polizeipräsidium Kölsch-Hänneschen gespielt und mit unwahren Angaben auf Kosten des Kölner Publikums um sich geworfen hätte. (Lärm; viele Stimmen: weitersprechen!) Ja, meine Herren! die Juden sind nur Betrüger! Sie betrügen Staat und Gemeinde und ihre Mitbürger! Wir haben dies bei den' christlichen Steuerdefraudationen in Bochum gesehen, Baare und seine Freunde, die sich zu niedrig einschätzten, find natürlich nur Juden! Inwieweit aber an der glücklich günstigen Wendung der Beleidigungsklage Baare gegen Fusangel die Juden schuld sind, habe ich noch nicht ermitteln können! Wir haben hier in Deutschland eine sehr schöne nützliche Institution, genannt Militarismus! Daß aber diese nützliche Institution Millionen und Milliarden verschlingt und jetzt wieder extra 100 Millionen Mark auf Kosten des Volkes fordert, daran haben natürlich allein die Juden Schuld. Der Jude muß verbrannt werden!! (Heiterkeit.) Und die Soldatenmißhandlungen, die schon viel von sich reden machten, nnd noch immer fortbestehen, würden nie Vorkommen, wenn die Vorgesetzten deutsche Christen wären; jetzt sind namentlich in Preußen, sämmtliche Officiere und Unter-Officiere nur Juden; der Jude muß verbrannt werden!! Der Redner hat sehr richtig betont, daß der Besitz sich immer mehr in wenige Hände concentrirt, und in Folge dessen der Mittelstand fortwährend mehr zum sogenannten Proletariat herabsinkt. Daß aber wenige Personen auf Kosten des Volkes in Glanz nnd Pracht leben nnd Millionen verdiene», auch daran haben natürlich nur die Jude» Schuld! Der Jude muß verbrannt werden!!! Ja, es ist eine anerkannte Thatsache, daß der Grund und Boden sich immer mehr in wenige Hände concenttirt und dieser Prozeß auf Kosten der Menschheit vor sich geht. Und wer ist nur schuld daran, daß die christliche Kirche Millionen und Milliarden an Grund und Boden und Capital verschlingt? daran haben nur die Juden Schuld! Der Jude soll verbrannt werden!! Meine Herren! Ich befasse mich gerne mit Statistiken, weil man dadurch ein klares Bild der heutigen Verhältnisse bekommen kann. Nun, die deutschen statistischen Jahrbücher beweisen deutlich, daß die Kindersterblichkeit in den Fabrikcevtren eine sehr hohe ist. In vielen Industriestädten sterben in den Proletarierkreisen von 100 neugeborenen Kindern 72 und 73, bevor sie das erste Lebensjahr erreicht haben. (Rufe: Hört, hört!) Die Dummen, behaupten, daß eine Regierung sofort eingreifen würde, wenn in einem Staate eine so große Sterblichkeit bei den Schweinen Vorkommen würde. Die Unaufgeklärten behaupten, daß nur durch Noth und Elend und mangelhafte Ernährung gerade unter den Arbeitern so viele junge Kinder hinweggerafft werden! Doch diese Ansichten sind grundfalsch, denn nur die Juden haben Schuld an Allem. Ja, m«ne Herren, ich bin auch der Anschauung. daß alle von mir angeführten Uebelstände niemals vorgekommen wären, wenn wir ein judenfreies, christliches Deutschland hätten! Die Herren Antisemiten haben also vollständig Recht! Der Jude muß verbrannt werden!!" Posen. 1. November. Die Tageszeitungen veröffentlichten einen telegraphischen Bericht über eine Unterredung, welche Herr Dr. Papilsky-Posen mit Herrn Baron Hirsch auf seinem Schlöffe Eichhorn bei Brünn über das argentinische Colonisationswerk gehabt hat. Wie uns Herr Dr. Papilsky mittheilt, ist dieser Bericht in seinem Inhalte nicht ganz richtig wiedergegeben. Je fünfzig bewährte russisch-jüdische Landwirthe sollen nach den Intentionen des Baron v. Hirsch sich zu einer Gruppe vereinigen, in welcher sie solidarisch für einander haftbar sind, und wählen einen Delegirten, welcher mit der von Baron Hirsch in's Leben gerufenen und unter seinem Vorsitz geleiteten Jewish-Colonisation-Association in Paris contrahirt. Sollte das Colonisationswerk in Argentinien sich in größerem Maßstabe nicht schnell genug durchführen lassen, so will Baron Hirsch die jüdische Colonisation auch in geeigneten Gebieten Nordamerikas in größerem Umfange organisiren. „Die umsichtige Leitung der Colonien in Argentinien seitens des Generalbevollmächtigten des Baron v. Hirsch, des bekannten englischen Obersten Goldsmid, und die jetzige sorgfältige Auswahl der Colonisten geben eine Bürgschaft für das Gelingen des großangelegten Planes des berühmten Philanthropen." Wiewohl Dr. Papilsky, wie wir, der Ansicht ist, daß angesichts der antisemitischen Ausstreuungen und einiger pessimistischer Artikel in russisch-jüdischen Blättern es wohl zweckmäßig wäre, über einzelne unaufgeklärte Punkte in der argentinischen Colonisations-Angelegenheit Licht zu verbreiten, glaubt er sich dennoch nicht berechtigt, ohne Genehmigung des Herrn Baron von Hirsch Näheres über die Unter-