Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 46 (11.11.1892)
- Date
- 1892-11-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 828 Oesterreichifche Wochenfchrist Nr. 46 dischen und medicinischen Facultät ein Ausschußmitglied, das möglicherweise ein Jude oder „Judenknecht" sein könnte. Daß die beinahe durchgchends liberalen 600 Mediciner an und für sich schon nahezu die absolute Majorität im Vereine darstellen, wird natürlich nichts nützen. Ebensowenig die Vorstellungen Weiterblickender, die in dem Treiben der Antisemiten einen Ruin für den in echt humanitärem Sinne gegründeten Verein erblicken, dessen Stammcapital zu einem großen Theile jüdischen Wohlthätern entstammt, den Verein, der auch beute noch auf die Hilfe seiner zahlreichen israelitischen Stifter, Gründer und unterstützenden Mitglieder angewiesen ist. Der Verein steht unter dem Protektorate Seiner Majestät und ob es im Interesse der Mitglieder handeln heißt, wenn der wohllöbliche antisemitische Ausschuß seine stramm-deutsch-natiouale Gesinnung hervorkehrt, ist gerade deshalb sehr fraglich. An die fortschrittsfreundlichen Mitglieder des Vereines ergeht die Parole, den Kampf mannhaft fortzusetzen, damit ihüen nicht das letzte Restchen ihres Einflusses aus den Händen gerissen werde, an die liberalen Juristen und Mediciner, dem Vereine zahlreich beizntreten, der ihnen soviel Beneficien bietet und thätig einzugreifen, wo es gilt, ihren Collegen mit Rath und Stimme gegen den fortschrittsfeindlichen Ansturm zu helfen. Soviel der schönsten Institutionen, von edlen Menschen für alle Armen gestiftet, wurden im Laufe der Jahre zur ausschließlichen Domäne einer unqualificirbaren Classe von „deutschen Herren". Soll es nun mit dem „Vereine zur Pflege kranker Studirender" auch so werden, der in den 30 Jahren seines Bestehens unter liberalem Regime ein Stammcapital von einer Sechstel Million Gulden gesammelt, während der Ausweis des letzten Jahres, dessen Regent ein „deutscher" Planet war, vom Verkaufe eines Theiles der Stammwertpapiere erzählen muß. Nun, hoffentlich, war's eben nur ein Planet und kein Fixstern! Sandor Ro»enfeld, stuä. jur. Wien. (Eine Verleumdung Rena u's) Die clericale Oesterreichifche Volkszeitung in Warnsdorf veröffentlichte jüngst nach dem „Correfpondenzblatt für den Clerus in Oesterreich" die Behauptung, daß Alexander Dumas nach dem Tode Renan's aufs neue „in authentischer Form" mitgetheilt habe, daß Renan für das „Leben Jesu" von Baron Rothschild eine Million Francs erhalten und sich übrigens nicht genirt habe, dies öffentlich einzugestehen. In Folge dessen hat Alexander Dumas nachstehenden Brief au den Pariser Correspondenten der „N. Fr. Pr." gerichtet: Mein Herr! Dieses clericale Blatt hat einen Jrrthum begangen — einen absichtlichen vermuthlich, wie es die meisten der von clericalen Blättern begangenen Jrrthümer sind. Renan selber war es, der in seinem letzten Werke „Lose Blätter", als er alle die Dummheiten und all die Verleumdungen erwähnte, die man über ihn gesagt und gedruckt hat, schrieb: „Ich duldete, ohne zu widersprechen, daß man veröffentlichte, ich hätte von Herrn von Rothschild eine Million erhalten, damit ich das „Leben Jesu" schriebe. Ich erkläre im Vorhinein, daß, wenn man das Facsimile meiner Quittung veröffentlichen würde, ich auch dagegen nicht reclamiren weide." In deu Bemerkungen, die ich in der Buchausgabe meiner Stücke der „Prinzessin von Bagdad" folgen ließ, citirte ich diese Verleumdung als ein Muster dessen, was der Haß — ob clericaler oder anderer — gegen einen Mann von Genie und Ehre zu erfinden und zu verbreiten im Stande ist. Ich hegte für Renan die größte Bewunderung, die höchste Achtung, die größte Zuneigung. Ich habe diese Gefühle öffentlich bekundet, wann immer ich von ihm sprach und so oft ich über ihn schrieb. Ich fordere dieses clericale Blatt auf, den Beweis für die blödsinnige Anschuldigung zu erbringen, die es gegen mich erhebt. Genehmigen Sie, mein Herr, rc. (Gez.:) A. Dumas. Nachdem die Verleumdung Renan's fast durch die ganze clericale Presse verbreitet wurde, sind wir begierig, ob diese Blätter auch die Loyalität besitzen iverden, von dem Briefe des Herrn Dumas, welcher zeigt, daß hier eine plumpe Fälschung von Worten Renan's vorliegt, Act zu nehmen. Salzburg, 6. November. Ein Act antisemitischer Unduldsamkeit halt die Gemüther der Salzburger seit Längerem in Athem. Der hiesige, im antisemitischen Fahrwasser steuernde „Salzburger Turnverein", beziehungsweise der Turnrath desselben, an dessen Spitze der k. k. Staatsgewerbeschul- Professor Wenzel Dick steht, hat es für gut befunden, drei Schulmädchen aus der von dem genannten Vereine in's Leben gerufenen und in der Turnhalle der städtischen Bürger- und Volksschule etablirten Mädchenturnriege nur deshalb auszuschließen, weil sie der mosaischen Conseffion angehören. Irgend eine Klage lag gegen die betreffenden Mädchen nicht vor, vielmehr wiesen dieselben die beste Sittennote „vollkommen entsprechend" auf. Diese ungerechte, von Haß und Fanatismus zeugende Maßregel des Turnvereines hat in den freisinnigen Kreisen der hiesigen Bevölkerung lebhafte Enttüstung hervorgerufen. Auch die Gemeindevertretung hat sich dieser Angelegenheit bemächtigt und den Fanatikern klar gemacht, daß ihnen nicht das Recht zusteht, gegen klare Bestimmungen des Gesetzes in grober Weise zu verstoßen. Bürgermeister Dr. Huber nahm selbst die Angelegenheit in die Hand und wies einfach dem Turnvereine, wie er es eben verdient, die Thüre. Die hierüber im Gemeinderathe geführte Debatte gestaltete sich sehr lebhaft. Der Bürgermeister, der persönlich das Referat erstattete, betonte nachdrücklich, daß für die Gemeinde nur das Gesctz und die allgemeine Wohlfahrt maßgebend seien, sonach Jedermann in der Gemeinde Anspruch auf die Benützung der Gemeiudeanstalten habe, und nach § 14 alle Gemeindemitglieder und sohin auch die Gemeindegenossen ohne Unterschied der Confession oder Nationalität das Recht auf Benützung des Gemeindegutes nach Maßgabe der bestehenden Einrichtungen haben. Die Gemeinde könne und dürfe es daher nicht gestatten, daß der Salzburger Turnverein alle jene Personen, welche Nichtdeutsche oder Israeliten sind, an dem hauptsächlichsten Zwecke der Turnerei, der körperlichen Entwicklung und Gesundung, nicht r articipiren lassen will, obwohl diese Personen Gemeindegenossen sind, oder doch sein können und sohin ein gesetzliches Anrecht auf die Mitbenützung der städtischen Turnanstalt haben. Alle diese Umstände, sowie die von Seite der Schulleitungen wiederholt laut gewordenen Klagen über die ganz außerordentliche Benützungsart und Dauer hinsichtlich des städtischen Turnsaales seitens des Salzburger Turnvereins, sowie die Befürchtungen über den schlimmen Einfluß der dadurch geschaffenen ungünstigen sanitären Verhältnisse im städtischen Turnsaale veranlaßten den Bürgermeister folgende Anträge zu stellen: 1. Den bestehenden Vertrag mit dem Salzburger Turnverein, betreffs Mitbenützung der städtischen Tnrnschule im Volks¬ und Bürgerschulgebäude, halbjährig zu kündigen; 2. einen neuen Vertragsentwurf bezüglich der Mitbenützung der obbesagten Turnschule seitens des Salzburger Turnvereins, nach v o r - gängiger Einholung der Gutachten der Directorate der k. k. Ober-Realschule und der Volks- und Bürgerschule, mit dem Turnvereine abzuschließen, welcher sowohl den Anforderungen der Schulen, als den Verpflichtungen der Stadtgemeinde gegenüber den Gemeindeangehörigen und Stadtbewohnern gerecht wird; 3. über die Fortsetzung eines solchen Vertrages der Gemeindevertretung die Beschlußfassung vorzubehalten." Diese Anträge wurden trotz der Einsprache des Antisemiten Stainer mit großer Majorität angenommen. Die Äiergie und das zielbewußte Auftreten des Bürgermeisters, der dem Treiben der hiesigen Antisemiten rechtzeitig einen Riegel vorzuschieben wußte, haben in den zahlreichen fortschrittlichen Kreisen lebhafte Befriedigung hervorgerufen. Budapest. (Pester israelitisch e Relig i o n s gemeinde.) Die constituirende General-Versammlung der Repräsentanz wurde gestern Vormittags 10 Uhr im Prunksaale des Gemeindehauses unter dem Präsidium Paul Tencer's gehalten. Vorsitzender begrüßt die in großer Zahl erschienenen Repräsentanten, insbesonders die Neugewählten und fordert sodann die Repräsentanz auf, die den einzigen Gegenstand der heutigen Sitzung bildende. Wahl des Präsidenten und des Vorstandes der Gemeinde, sowie die Ergänzung des Ausschusses mit 24 Mitgliedern vorzunehmen. Der Wahlgang ergab einstimmig das folgende Resultat: Zum Präsidenten wurde Reichstags-Abgeordneter Moriz Wahrmann; zum Cultusvorsteher: Samuel Deutsch; zum Schulvorsteher: Marttn Schweiger; zum Wohlthätigkeits-Vorsteher: Ludwig Adler: zum Kassevorsteher : Ignaz Pfeiffer und zum Oekonomievorsteher Max Grünbaum gewählt. In den Ausschuß wurden gewählt die Herren: Samuel Atlaß, Benedict v. Baronyi, Louis Baumgarten, Sigmund L. Breitner. Moriz Bloch, Bernhard v. Deutsch, Moses Ehrlich, Samuel Fleisch!, Eduard Fleischmann, Ludwig v. Krauß, Moriz Löwy, Ignaz I. Mandl, Dr. Moriz Mezei, Samuel Münz, Dr. Armin Neumann, Dr. Anton Neumann, Karl Reuß,